Kath. Religionslehre 12/2

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Kurs 2k1 Katholische Religionslehre 17/19 PFE - Stoffüberblick

Jahrgangsstufe 12 - 2. Kurshalbjahr - Inhaltsverzeichnis

3. Zukunft von Menschheit und Welt
3.1. Das Phänomen der Zeit
3.2. Zukunftsängste und -hoffnungen
3.2.1. Beängstigende Phänomene
3.2.2. Zur Sicherheit von Zukunftsprognosen
3.2.3. Persönliche Zukunft
3.2.4. Zukunft der Welt
             Zeitungsartikel

3.2.5. Zukunftshoffnungen
3.3. Futurologie als Versuch der bewussten Gestaltung von Zukunft
3.3.1. Ursprünge

3.3.2. Die Bedeutung von Utopien
3.3.2.1. Zur Wortbedeutung von 'Utopie'
3.3.2.2. Formen der Utopie
3.3.2.3. Kritische Würdigung der Utopie
3.3.2.4. Utopien des 20. und 21. Jahrhunderts
3.3.2.4.1. Die Irrtümer des Marxismus-Leninismus
3.3.2.4.2. Der Mythos vom Wirtschaftswachstum

3.3.3. Auf dem Weg in eine beschleunigte Zukunft: Informations- und Kommunikationstechnik
3.3.3.1. Paul Virilio - Zukunftsforscher und Christ

3.3.3.2.
Computertechnik und Datenschutz
3.3.3.3.
Das Internet
3.3.3.3.1. Ursprünge
3.3.3.3.2. Gefahren des Internet
3.3.3.3.3.
Vorzüge des Internet am Beispiel der "Sozialen Vernetzung"
3.3.3.4. Krieg als Computerspiel - Militärtechnik und Ziviltechnik
3.4. Zukunft aus christlicher Perspektive
3.4.1. Die Linearität der Zeit in den biblischen Schöpfungserzählungen
3.4.2. Eschatologie
3.4.2.1. Individuelle Eschatologie

3.4.2.2. Nahtoderfahrung / Todesforschung (Dr. Schröter-Kunhardt) und moderne Hirnforschung (siehe Punkt 2.4.3. im Skript von 11/1)
3.4.2.3.
Kollektive Eschatologie - Zukunftsvisionen der Bibel

3.4.3. Christliche Endzeithoffnung

3.4.3.1. Jesus und die Reich-Gottes-Botschaft - Das Gleichnis vom Senfkorn

3.4.3.2. Zukunftsgestaltung aus dem Glauben: Hans Küng und das Projekt Weltethos

4. Christentum im Spiegel des Credo

4.1. Das trinitarische Gottesverständnis (siehe Punkt 3.4.2. im Skript von 11/1 sowie 

       Punkt 8.2. im Skript von 11/2)

4.2. Das Credo - eine Zusammenfassung des 250-seitigen Buches von Hans Küng durch den luxemburger Religionslehrer Jean-Louis Gindt



Kurs 2k1 Katholische Religionslehre 17/19 PFE

3. Dimensionen der Zukunft - Gestaltungsauftrag für die Gegenwart

3.1. Das Phänomen der Zeit

Unser Zeitalter misst die Zeit nach den Schwingungen des Cäsiumsatoms in der Physikalisch-technischen Bundesanstalt in Braunschweig. Doch grundsätzlich bereitet Zeitmessung erhebliche Probleme. Die Grundeinheiten der Zeitmessung sind mehr oder weniger zufällige Größen:

Für alle, die es noch genauer wissen wollen:  Astrolexikon


Lange Zeit richteten sich die Menschen nach diesen Vorgaben der Gestirne, wobei es auf eine Viertelstunde nicht ankam - so genau geht eine Sonnenuhr!

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Sonnenuhr an der Südwand der Hl.-Kreuz-Kirche / Aula des Hans-Carossa-Gymnasiums (Foto: R. Pfeiffer,  17.09.2013)


Uhren galten als High-Tech-Instrumente und waren allein von den Kosten her exklusiv. So verbreiteten sich vor allem Turmuhren, wobei es davon abhing, ob die Gemeinde sich so eine Uhr leisten konnte. Eines der kompliziertesten mechanischen Uhrwerke befindet sich seit 1842 nach einer Renovierungsmaßnahme im Straßburger Münster! Ein erstes Uhrwerk wurde im Münster schon 1353 vollendet. Als man immer kleinere mechanische Uhren bauen konnte, schmückten diese zuvorderst die Paläste der Reichen, während sich der "kleine Mann" allenfalls an einer Turmuhr orientieren konnte, wofern es eine in Sicht- oder auch Hörweite gab.

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Astronomische Uhr im Straßburger Münster (Fotos: R. Pfeiffer,  13.08.2004)

In einer von der Landsiwrtschaft geprägten Umgebung war die genaue Zeit relativ unwichtig. In den Städten richtete man sich nach dem Schlag der Turmuhren bzw. nach dem Glockengeläut. Das änderte sich mit der industriellen Revolution. Es galt viele Menschen zur gleichen Zeit am gleichen Ort  - oft außerhalb der Stadtzentren - zu versammeln sowie deren Arbeitszeit bzw. Tagesablauf zu definieren. Deshalb gehörte zu jeder Fabrik selbstverständlich eine Uhr bzw. ein Uhrentürmchen. Um die Menschen an die Zeit zu gewöhnen herrschten raue Sitten: Wer vor dem Uhrenschlag zur Arbeit erschien, bekam Arbeit für den Tag. Wer zu spät kam, blieb für den Rest des Tages ohne Arbeit. 

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Quarry Bank Mill, erbaut 1784, ein Momument der Industriellen Revolution in England - hier begann der Aufstieg der englischen Baumwollindustrie. Die Uhr durfte selbstverständlich nicht fehlen!  (Foto: R. Pfeiffer,  12.08.2016)

Eine weitere Stufe der Präzisierung der Uhrzeit wurde durch die Einführung des Eisenbahnverkehrs erzwungen, konnte doch ein Zug nicht später abfahren und früher ankommen. Hatte zuvor jeder Ort seine Lokalzeit gehabt, so mussten sich die Orte entlang einer Eisenbahnlinie zwangsläufig nach der Eisenbahn richten. So wurde auch in Landshut die Uhr von St. Martin nach der Bahnzeit gestellt, wobei diese jemand mittels einer kleineren tragbaren Uhr immer wieder neu vom Bahnhof holen musste.

Wenn heutzutage in Deutschland die Uhren nach den Vorgaben der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig (mehrheitlich automatisch) gestellt werden, so funktioniert diese Art der Zeitmessung genauer als selbst die natürlichen Grundlagen, auf denen die Zeitmessung eigentlich beruht: Ein Vergleich mit der Sonnenuhr, die die tatsächliche Sonnenzeit anzeigt, ergibt, dass unsere auf den Atomschwingungen des Cäsiumsatoms beruhende Zeitmessung, welche von einer exakten Kreisbahn der Erde um die Sonne ausgeht, genauer ist als die Natur dies vorsieht. Tatsächlich bewegt sich die Erde auf einer elliptischen Bahn um die Sonne, wobei der geringste Abstand der Erde zur Sonne Anfang Januar 147 100 000 km beträgt, während der größte Abstand der Erde zur Sonne Anfang Juli 152 100 000 km beträgt. Diese Schwankung von 5 Millionen km führt bei Sonnennähe zur Beschleunigung und bei Sonnenferne zum Abbremsen der Erdumdrehung. So gesehen sind auf der Nordhalbkugel im Winter die Sonnentage kürzer als 24 Stunden und im Sommer länger als 24 Stunden.

Zeit existiert also in unserer Erfahrungswelt, doch selbst die Physik kann uns nicht sagen, was Zeit eigentlich ist. Zeit ist als eine von der Materie abhängige Größe zu betrachten, die zudem unter dem Einfluss von Geschwindigkeit relativ verläuft. Vor einigen Jahren wurde bei einem Flug der amerikanischen Space Shuttle eine Atomuhr mitgeführt, während auf der Erde ein Vergleichsexemplar zurückblieb. Nach der Landung des Space Shuttle ergab sich eine Differenz von 16/100 Sekunden. Für die Wissenschaftler war dies genug an Beweis, dass unter dem Einfluss der relativ geringen Geschwindigkeit von ca. 30000 km/st sich an Bord des Raumschiffes der Zeitablauf verlangsamt hatte. Im Folgenden einige Stichworte zum Phänomen Zeit. Irgend jemand hat einmal versucht, Zeit ganz unwissenschaftlich, aber gar nicht so verkehrt “als Trick der Natur, damit nicht alles gleichzeitig geschieht zu definieren. Nach Ansicht mancher Wissenschaftler handelt es sich bei dem Phänomen Zeit gar um ein reines Konstrukt des menschlichen Geistes, der dann die zeitliche "Messlatte" an die Erscheinungen der Natur anlegt. Hier ergibt sich eine Verbindung zur Frage "Was ist Wirklichkeit?" aus dem 1. Semester.

 Weltraumbilder: 
"Hubble" space-telescope bei SPIEGEL-ONLINE
Wagenrad-Galaxie / Cartwheel Galaxy
500 Millionen Lichtjahre
Star Journey
beschleunigung

oder auch am Fortschreiten wissenschaftlicher Erkenntnis (nach Georges Anderla und Robert Anton Wilson):

Grafische Darstellung des wissenschaftlichen Fortschritts

3.2. Zukunftsängste und -hoffnungen
      

3.2.1. Beängstigende Phänomene

Überschwemmungsszenarien bei entsprechendem Anstieg des Meeresspiegels > bis zu 14 m Anstieg lassen sich hier simulieren!

Klima und Klimawandel - Links auf dem Hamburger Bildungsserver

Der damalige CDU-Bundestagsabgeordnete Dr. Herbert Gruhl schrieb bereits vor über 40 Jahren in seinem damals Aufsehen erregenden Buch Ein Planet wird geplündert, Die Schreckensbilanz unserer Politik (Frankfurt, 1975), S. 275:

"Die Frage, die jedoch sofort beantwortet werden muss, lautet: Wie müssen wir uns verhalten, damit die freie Entscheidung noch einige Jahre offengehalten werden kann? Wie können wir noch eine Atem­pause gewinnen, bevor der »Punkt ohne Rückkehr«, the point of no return, wie die Amerikaner sagen, überschritten ist? Der inzwischen verstorbene Generalsekretär der UNO, U Thant, hat 1969 erklärt, dass nach seinen Informationen noch ein Jahrzehnt zur Verfügung stehe, "den menschlichen Lebensraum zu verbessern, die Bevölkerungsexplosion niedrig zu halten und den notwendigen Impuls zur Entwicklung zu geben«; danach aber würden »die erwähnten Probleme derartige Ausmaße erreicht haben, dass ihre Bewältigung menschliche Fähigkeiten übersteigt«.' Seitdem sind schon sechs Jahre des möglichen Handelns (nicht des Erkenntnisprozesses) nutzlos verstrichen.

Inzwischen greifen seit 1973 die Realitäten ein, und sie setzen einen ungeheuer wirksamen Nachhilfeunterricht in Gang. Was der Vernunft unerreichbar gewesen wäre, auch wenn sie mit Engelszungen gepredigt hätte, ist nun eingetreten: die »Mehrproduktion« ist in fast allen Industrieländern zu einem Halt gekommen. Das furchtbarste Ge­schick, das uns Menschen bestimmt sein könnte, wäre nun, wenn der weitere Anstieg der Produktion wieder einsetzte, weil dann der anschließende Sturz in die Totalkatastrophe um so tiefer ausfallen müsste. Unser gnädigstes Geschick kann allein darin bestehen, die Katastrophen klein zu halten und regional zu begrenzen. Ganz zu vermeiden sind sie aufgrund der jahrzehntelangen Unvernunft nicht mehr.

Was tun aber die Regierungen der westlichen Industrieländer? Sie unternehmen ganz irre Versuche, die Mehrproduktion wieder in Gang zu setzen. Sie holen die bekannten Rezepte der wirtschaftspolitischen Scharlatane wieder hervor und hoffen inbrünstig, dass diese wenigstens noch einmal wirken werden und sei es nur, um über die nächsten Wahlen zu kommen. Das ist in Amerika nicht anders als in Europa oder Japan.

Unabdingbare Voraussetzung aller möglichen Lösungen, und sei es nur solcher, die das Schlimmste verhüten, ist und bleibt aber zunächst der Stopp des bisherigen Wahnsinns, insbesondere der weltweiten gegen die Natur verübten Schandtaten der letzten dreißig Jahre. Die Folgen treten heute ein: in den Entwicklungsländern in Form von immer größeren Hungersnöten, in den Industrieländern zunächst in Form von Arbeitslosigkeit."


Dass Menschen auf Ängste nicht immer rational reagieren, sondern oftmals sehr subjektiv und irrational, mag ein Blick auf diese Website (Gubi's Homepage) illustrieren: Das Raucherrisiko ist sehr viel größer als das Risiko, Opfer eines Verbrechens zu werden oder in einem Krieg umzukommen. Das Risiko bei einem Flugzeugabsturz ums Leben zu kommen, beträgt einen Bruchteil der vorgenannten Risiken. Insgesamt scheinen Angstzustände immer mehr um sich zu greifen: vgl. "Zeit"-Artikel aus dem Jahr 2007: "In den Fängen der Angst"

 

3.2.2. Zur Sicherheit von Zukunftsprognosen

            vgl. “Stern”-Prognose von 1970

Die meisten der hier aufgezählten Zukunftsvisionen haben sich nicht erfüllt. Die größten Fortschritte gab es auf dem Gebiet der Fortpflanzungsmedizin: Retortenbefruchtung, vorgeburtliche Geschlechtsbestimmung, käufliches Keimmaterial (Samenzellen, Eizellen), Eitransplantation, Leihmütter - das alles ist im Jahr 2019 Realität. Noch gibt es allerdings keine Gebärroboter, in denen Kinder heranreifen. Nicht genannt ist dagegen das Klonen.

Noch steigt die Lebenserwartung an, aber relativ langsam und die Zahl der Hundertjährigen nimmt zu. 150 Jahre Lebenserwartung sind aber nach wie vor utopisch.

Durch verbesserte Technik lassen sich Bodenschätze in immer größeren Tiefen der Ozeane ausbeuten, aber die prognostizierte Unterwasserstadt gibt es bis heute nicht.

Alle anderen Zukunftsvoraussagen haben sich nicht erfüllt. Summa summarum haben sich die Voraussagen bis heute, 50 Jahre nach der Prognose, vielleicht zu maximal 10 Prozent erfüllt.

Vieles war einfach nicht vorhersehbar! Dies betrifft ganz offensichtlich die Entwicklung auf dem Gebiet der Datenverarbeitung (Computer) sowie der Telekommunikation (Selbst Mitte der 70er-Jahre hatte noch niemand das “Handy” auf der Rechnung!). Vor allem das Internet ist aus der heutigen Welt nicht mehr wegzudenken und 3-Drucker ermöglichen ganze neue Möglichkeiten hin zum "Internet der Dinge". Dazu gehört auch, dass immer mehr Dinge in das Internet eingebunden werden. So gesehen scheint eine Smart City möglich, so wie das modellhaft in Santander in Spanien versucht wird.

Fazit: Zukunftsprognosen sind zwangsläufig ungenau und enthalten viele Fehler!

vgl. Doppelpendel!

Folgt man dem TIME-Magazine (vol. 177, No.4/2011) dann wird ein in Kenia entwickeltes handy-basiertes Zahlsystem die Bankenlandschaft revolutionieren. > "Kenya's Banking Revolution"

3.2.3. Persönliche Zukunft

Uns allen blüht der Tod. Er setzt unserem Leben Grenzen. Wie wir uns diesem Faktum stellen, ist zutiefst bedeutsam für unser Leben. Gibt es Hoffnung über den Tod hinaus? Ist er gar der Anfang eines neuen Seins? Oder ist mit dem Tod alles aus? Die Beantwortung dieser Frage wirkt sich unmittelbar auf die Lebensqualität aus, wie das folgende Tierexperiment verdeutlicht:
Eine Ratte wurde in ein Behältnis geworfen, dessen steile Wände ein Entkommen unmöglich machten. nach 15 Minuten war die Ratte ertrunken, obwohl Ratten eigentlich gute Schwimmer sind. Einer anderen Ratte wurde nach 10 Minuten ein Stöckchen hingehalten, an dem sie herausklettern konnte. Nachdem man sie zurück ins Wasser befördert hatte, schwamm sie noch über 35 Stunden lang! Hoffnungslosigkeit bzw. die Hoffnung auf Rettung machten den Unterschied aus!

Dass der Zustand der Psyche über Leben und Tod entscheidet, berichtet Viktor E. Frankl in seinem Buch ... trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager (München, 1982) auf S .122. Ein Mitgefangener im Konzentrationslager Dachau namens F. hatte ihm im Febraur 1945 von einem merkwürdigen Traum erzählt, in dem eine geheimnisvolle Stimme versprach, ihm jede Frage zu beantworten. Daraufhin fragte er, wann der Krieg für ihn zu Ende sein werde, wann also das Lagerbefreit werde und die Leiden aufhören würden. Als Frankl wissen wollte, was die Stimme geantwortet habe, flüsterte er mit geheimnisvoller Stimme: "Am 30. März ..." Obwohl die Lagerinsassen gerüchteweise über das  Vorrücken der alliierten Truppen informiert waren, war Ende März allen klar, dass die Befreiung des Lagers noch auf sich warten ließ. Am 29. März bekam F. plötzlich hohes Fieber, am 30. März, dem Tag, an dem der Krieg für ihn zu Ende sein sollte, verlor F. schließlich das Bewusstsein und am 31. März war er tot, verstorben an Fleckfieber. Frankl erklärt dies auf S. 123 so: "Mein Kamerad F. ist letzten Endes daran gestorben, dass seine schwere Enttäuschung über das Nichteintreffen der pünktlich erwarteten Befreiung die Abwehrkäfte seines Organismus gegen die bereits schlummernde Fleckfieber-Infektionplötzlich absinken ließ. Sein Zukunftsglaube und sein Zukunftswille erlahmeten - und so behielt schließlich sein Traumstimme recht ..."

In jedem Fall ist der Tod eines Menschen so etwas wie ein persönlicher Weltuntergang. Dahinter verblassen alle Sorgen und Ängste um die Zukunft der Welt an sich. Wer selbst ums Überleben kämpft, hat keine Kraft, sich um die Probleme der Welt zu sorgen. 


3.2.4. Zukunft der Welt
 

In mehrfacher Hinsicht zeichnet sich das mögliche Ende allen Lebens auf der Erde ab:

- Der Einschlag eines größeren Meteoriten hätte katastrophale globale Auswirkungen. Der Staub könnte eine Eiszeit auslösen, so wie dies früher bereits geschah. Das plötzliche Aussterben der Dinosauerier vor 65 Millionen Jahren wird auf den Einschlag eines Meteoriten  im Bereich der mexikanischen Halbinsel Yucatan zurückgeführt, was zu einer plötzlichen Abkühlung des Klimas führte, wobei nur ca. 10 Prozent aller biologischen Arten überlebten. Praktisch aus dem Nichts schlug am Morgen des 15. Februar 2013 ein Meteorit in der Gegend der russischen Stadt Tscheljabinsk ein und verletzte über 1000 Menschen. Daneben gab es massive Schäden an Gebäuden und in großem Umkreis wurden bei Temperaturen von minus 20 Grad durch die Druckwelle sämtliche Fensterscheiben zerstört. [vgl. Bericht der Süddeutschen Zeitung] Die aus der römischen Geschichtsschreibung bekannte Furcht vor einem Einsturz des Himmels nährte sich möglicherweise aus einem ähnlichen Ereignis, welches ca. 300 v. Chr. die Menschen im Bereich des Chiemsees überraschte, ohne dass die dort lebenden Menschen sich das auch nur annähernd erklären konnten. Der Einschlag eines entsprechend großen Meteoriten auf der Erde könnte ggf. alles menschliche Leben auslöschen.

Mehrfach haben große Meteoriten die Erde getroffen und aufgrund des vielen Staubes drang fast kein Sonnenlicht auf die Erde. es kam zu einem Massenaussterben, denn in der Folge wurden bis zu  90% der Lebewesen vernichtet, während nur 10% der Arten überlebten, z. T. unter der Erde, was evolutionär wiederum den Ursprung für Körperbehaarung legte.

- Im Laufe der Erdgeschichte haben sich immer wieder die Erdpole umgedreht, was zwischenzeitlich zu einem Zusammenbruch des irdischen Magnetfeldes führt, sodass die Erde schutzlos intensiver kosmischer Strahlung ausgesetzt sein könnte. Der magnetische Nordpol muss deswegen Jahr für Jahr neu lokalisiert werden. Welche Auswirkungen hääte ein temporärer Zusammenbruch des Magnetfeldes für menschliches Leben auf der Erde?

- Die Lebensdauer unserer Sonne ist begrenzt. Geht ihr der Brennstoff aus, bläht sie sich gewaltig auf, wobei sie sich der Erde nähert. Dies könnte klimatische Verhältnisse mit Temperaturen von 1600° C bewirken, wobei selbst Gestein schmelzen würde. Alle Formen des Lebens würden ausgelöscht.

- Der gesamte Kosmos dehnt sich seit dem "Urknall" unaufhörlich aus. Welche Energie steckte hinter dem Urknall? Wird der von der Energie des Urknalls gespeiste Prozess der Ausdehnung sich einmal wieder umkehren, sodass das Weltall zurückschrumpft oder reicht die Energie für eine ewig fortschreitende Ausdehnung. Aus heutiger wissenschaftlicher Sicht spricht vieles für letztere Annahme.


3.2.5. Zukunftshoffnungen

Geschichte vom Frosch im Butterfass:
Ein Frosch fiel in ein Butterfass, in dem sich der gesammelte Rahm der letzten Tage befand. Seine Lage war hoffnungslos angesichts der glatten hohen Wände, die ihn umgaben. Doch wollte er sich nicht kampflos in sein Schicksal ergeben und so strampelte er nach Kräften. Nach einiger Zeit des Strampelns hatte sich ein Teil des Rahms zu einem Butterklumpen geformt. Mit doppelter Anstrengung strampelte der Frosch weiter, so lange, bis der Butterklumpen genug Platz für ihn bot. Von dieser schwimmenden Plattform aus sprang der Frosch schließlich über die steile Wand des Butterfasses in die Freiheit.

Bei allem, was die Zukunft der Welt in düsteren Farben malt, gibt es doch Hoffnungen, dass die Verhältnisse in der Welt sich langsam bessern. Folgende Perspektiven erscheinen bedeutsam:

Auch eine Hoffnungsgeschichte - die Erfindung des Fahrrads:
Freiherr von Drais erfand seine "Draisine", ein Laufffahrrad, aus purer Not, denn nachdem im Jahre 1816 witterungsbedingt die Ernte ausgefallen war, gab es schlechthin zu wenig Futter für die Pferde! Not macht eben doch erfinderisch!!



3.3. Futurologie als Versuch der bewussten Gestaltung von Zukunft

3.3.1. Ursprünge der Futurologie

   1943 wurde der Begriff "Futurologie" von Ossip Kurt Flechtheim (geb. 1909 in Nikolajew bei Odessa; 1935 in die Schweiz emigriert, 1939 in die USA, dort 1940  - 1951 Dozent, ab 1952 Professor in West-Berlin), einem Politikwissenschaftler,  geprägt. Er sah vor allem 5 "challenges":

[Anmerkungen zu den 5 Punkten:

(siehe Buch Leben gestalten 12, S. 72)


Futurologie: Wie zuverlässig ist sie?  >  vgl. Punkt 3.2.2.


Wer etwas über die Zukunft aussagen will, bekommt es mit einem Riesenbündel an Parametern zu tun. Diese Komplexität stellt jeden Forscher vor unlösbare Probleme. Diese Komplexität sollen die folgenden beiden Beispiele verständlich machen:

1. Das Doppelpendel

    Beispielfilm auf YouTube "double pendulum"

    Selbst mit den besten Computern lässt sich nur ca. 30 Sekunden vorausssagen, welche Bewegungen das Doppelpendel vollführen wird. Dabei handelt es sich doch um eine ganz simple Vorrichtung mit nur zwei Gelenken! Viele Gebilde sind aber
    wesentlich komplexer und erst die Zukunft!!!???

2. Das Wetter

    Hier wird mit der größte Aufwand getrieben, um mit Satellitenbildern und Großrechnern verlässliche Wetterprognosen zu erstellen. Trotzdem beträgt die Fehlerquote auf den nächsten Tag hin noch immer annähernd 20% im Durchschnitt, d.h. jede fünfte
    Wettervorhersage ist falsch! Bei relativ stabilen Wetterlagen beträgt die halbwegs sichere Voraussagefrist gerade mal drei Tage. Alle weitergehenden Wettervorhersagen kann man getrost in den Mülleimer treten.
    Wetter basiert im Wesentlichen auf einer Ungleichverteilung von Luftmassen, die irgendwann ihren Anfang nahm, z.B. durch den Flügelschlag eines Schmetterlings, und sich dann zu einem Hoch- oder Tiefdruckgebiet aufschaukelte. Ob eine
    Luftungleichverteilung letztlich ein Hoch- oder ein Tiefdruckgebiet bewirkt entscheidet sich im Bereich von ± 0,000001 !

Was die Zukunft betrifft, so beinhalteten Überraschungen, die niemand auf der Rechnung hatte,  z.B. das Aufkommen bzw. der Siegeszug des Handy quer über alle Kontinente. In vielen Ländern der Dritten Welt gibt es fast ausschließlich Handys, weil bei dieser Technik keine Telefonleitungen durch das Land gezogen werden müssen, die sich kein afrikanisches Land leisten könnte.
In den USA gab es innerhalb von 10 Jahren, konkret im Jahr 1910 erstmals mehr Autos als Pferde! Für die Sattler und Hufschmiede muss dies eine Katastrophe gewesen sein! Aber 1899 hatte ein Landmaschinenbauer namens Henry Ford mit der Autoproduktion begonnen!

Heute: Informationstechnisches Zeitalter / Computer ("Halbwertszeit" von 18 Monaten, d.h. für dasselbe Geld gibt es einen in etwa doppelt so leistungsfähigen Computer). Bei allen Handys, speziell Smartphones, handelt es sich im Prinzip um extrem leistungsfähige Computer im Kleinformat, ebenso bei Navis!


www.zukunftsinstitut.de
Homepage des Zukunftsforschers Matthias Horx  

Homepage des Zukunftsforschers Jeremy Rifkin


3.3.2. Die Bedeutung von Utopien

 Sie sind ein Spiegel der Zukunftserwartungen!

3.3.2.1. Zur Wortbedeutung von Utopie

Der Begriff geht zurück auf das 1516 in lateinischer Sprache erschienene Buch Utopia von Thomas More (Thomas Morus) (1478 - 1535). Erst 1551 erschien eine englische Übersetzung.

       Kunstwort: "ou" - nicht
          " topos" - Ort

          vgl. Beatles Song: "nowhere man" - "nowhere land"

Bei More: Sozialkritik: Die englischen Verhältnisse werden mit einem Idealstaat  verglichen:
More beschreibt, dass er in Antwerpen einen Seemann namens Hythlodeus getroffen habe, der auf seinen Reisen u.a. auf die Insel Utopia gelangt sei. Im ersten Teil des Buches beschreibt More als Erzähler die englischen Verhältnisse, im zweiten Teil des Buches findet sich dann der Reisebericht des Hythlodeus, sodass ein kritischer Vergleich zwischen dem England Mores und der Idealgesellschaft in Utopia entsteht. 

 

3.3.2.2. Formen der Utopie
 literarisch:   Utopie > Morus
Umschwung zur Antiutopie / Dystopie mit Schilderungen einer negativen Zukunft bei H. G. Wells, erstmals in seinem Roman "The Time Machine"
Anti-Utopie als Fiktion u.a. auch in Aldous Huxley's Brave New World und George Orwell's 1984 (um nur die bekanntesten Antiutopien zu nennen)
wissenschaftlich: eine nicht durchführbare Idee, z.B. "Perpetuum mobile"
umgangssprachlich: eine fixe Idee, ein Hirngespinst
absolute Utopie: eine Idee, die unter keinen Umständen je realisierbar sein wird.
relative Utopie: vgl. den Schneider von Ulm mit seinen Flugversuchen
       Romane von Jules Verne im 19. Jahrhundert, z. B. Mondflug; Reise um die Erde in 80 Tagen
bewusste Utopie  Kryonik (?) (Einfrieren toter Menschen in der Hoffnung sie in der Zukunft wiederbeleben und von ihren Krankheiten heilen zu können)
unbewusste Utopie vgl. Marxismus / Sozialismus, aber auch Liberalismus

3.3.2.3. Kritische Würdigung von Utopien

 positiv:

 negativ: 3.3.2.4. Utopien des 20. und 21. Jahrhunderts

3.3.2.4.1 Die Irrtümer des Marxismus-Leninismus

ökonomisch: Ziel war die optimale Nutzung von Ressourcen, die Beseitigung von Armut und die Steigerung des Lebensstandards;
                          effektiv führte mangelnde Konkurrenz in der Planwirtschaft zu technisch-ökonomischem Stillstand
                          Beispiel: Jahrzehntelang wurde der Trabbi im Wesentlichen unverändert produziert; die technische Weiterentwicklung im Automobilbau ging an ihm ziemlich spurlos vorbei.

politisch: Im Gegensatz zu den Prophezeiungen von Karl Marx wurde der Staat nicht überflüssig. Ständige Bevormundung durch den Staat führte zu Unzufriedenheit und Widerstand.

humanistisch: Die versprochene Selbstverwirklichung des Menschen fand nicht statt. Bevormundung und Fremdbestimmung töteten die Lebensfreude.

Zur Illustration ein Glasbild aus dem ehemaligen Staatsratsgebäude der DDR, das übergangsweise als Bundeskanzleramt genutzt wurde. Interessant vor allem der Spruch bzw. die Sprüche: "UND OB WIR DANN NOCH LEBEN WERDEN WENN ES ERREICHT WIRD - LEBEN WIRD UNSER PROGRAMM. ES WIRD DIE WELT DER ERLÖSTEN MENSCHHEIT BEHERRSCHEN." - "TROTZ ALLEDEM!"

 

Foto: R. Pfeiffer,  Berlin 2.9.2000

 

3.3.2.4.2. Der Mythos vom Wirtschaftswachstum

Wirtschaftswachstum ist die Grundlage der weltweiten Wirtschaftsordnung; hohe Wachstumsraten gab es nur in Zeiten des Wiederaufbaus (vgl. neue Bundesländer) oder aber auch im Rahmen des Übergangs vom Agrarland zum Industrieland (vgl. China in den letzten Jahren); geringes Wachstum unter 2,5 % ist Stillstand, da die Arbeitslosigkeit wegen der forschreitenden Automatisierung zunimmt!

Ein angenommenes Wirtschaftswachstum von 5% bedeutet im Allgmeinen eine Verdoppelung von allem (Einsatz von Rohstoffen; Produktionsmengen; Müllmengen und ggf. Giftmüll) alle 14 Jahre! Nach 28 Jahren wäre dies eine Vervierfachung der Ausgangsgrößen, nach 56 Jahren bereits eine Versechzehnfachung etc. 

Um die Menschen im weltweitem Rahmen mit Wirtschaftsgütern nach westlichem Standard zu versorgen fehlen ganz einfach die Rohstoffe; zudem wäre die globale Umweltkatastrophe vorprogrammiert! 

Nach Joni Seager, Öko-Atlas / Neuausgabe (Bonn, 1995) S. 30/31 zur "Auto-Kultur", gab es in ganz Afrika in den 1990er-Jahren genauso viele Automobile wie allein im Bundesland Nordrhein-Westfalen zugelassen waren! Der Wirtschaftsboom in China und Indien und die damit verbundene Nachfrage aus diesen Ländern treibt tendenziell die Stahl- wie auch die Ölpreise nach oben! Das derzeitige Überangebot an Erdölprodukten dürfte zeitlich beschränkt sein.

Von 1995 bis 2007 hatte die Republik Irland, der "keltische Tiger", traumhafte Steigerungsraten, was das wirtschaftliche Wachstum betraf, teilweise sogar im zweistelligen Bereich. Die irischen Banken liehen Geld für alle möglichen Vorhaben ohne entsprechende Absicherungen. Als sie an ihren Schulden zu ersticken drohten, gab der irische Staat den Banken eine unbegrenzte Garantie! Das war mehr als die kleine Volkswirtschaft von ca. 5 Millionen Einwohnern verkraften konnte. Irland flüchtete 2010 unter den Eurorettungsschirm, den es 2013 aber wieder verlassen konnte. Die Arbeitslosenrate lag 2014 bei ca. 12%.

Deshalb verlassen viele  junge Iren das Land und im Land selbst stehen 600 unverkäufliche Neubausiedlungen in verschiedenen Fertigungsstadien herum, die wohl niemand mehr fertigstellen wird.

Dass Bildung und berufliche Qualifizierung nicht unbedingt zu einem Arbeitsplatz und entsprechendem Einkommen führen, belegen die Statistiken aus Italien und Spanien. Dort sind 40% bzw. 50% der 25-30-Jähringen mit Hochschulabschluss ohne Beschäftigung!

Jugendarbeitslosenstatistik 2019 für den Bereich der Europäischen Union

Aus der Statistik lässt sich erkennen, dass die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland am geringsten ist. Die deutsche Wirtschaft läuft also vergleichsweise gut. Das Problem besteht aber darin, dass europaweit offensichtlich zu wenig Arbeit für alle vorhanden ist und es zu wenig bezahlte Tätigkeiten für alle gibt! Deswegen der Ruf nach Wirtschaftswachstum (um jeden Preis?), auch aus den USA! Was aber kann noch in größerem Umfang wachsen?

Geld wäre genug da. Nach Schätzungen werden nur 2% bis 8% der Geldmenge zur Abdeckung aller Geschäfte des menschlichen Bedarfs benötigt. Somit sind mindestens 92% der Weltgeldmenge in gewisser Weise überrflüssig und werden als Spekulationskapital permanent um den Globus gepumpt, stets auf der Suche nach dem maximalen Profit. Doch wo lässt sich Geld noch lohnend anlegen? Die Zinsen sind auf einem historischen Tiefstniveau. Die verfügbare Geldmenge übersteigt den Wert der real vorhandenen Güter auss der Wirtschaftsproduktion mindestens um das Vierfache! Wollten alle Geldbesitzer ihr Geld in Sachwerten anlegen, kann dies nur massive Inflation bedeuten.

Dass es sich beim permanenten Wirtschaftswachstum um einen Mythos handelt, belegt auch der Josephscent. Demnach hätte Joseph für seinen Sohn Jesus bei einer Bank, z.B. in Sepphoris, nach heutigem Wert einen einzigen Eurocent auf ein Sparbuch gegeben und dieser Cent hätte sich ununterbrochen mit durchschnittlich vier bis fünf Prozent verzinst. Demnach läge jetzt nach 2000 Jahren der Wert dieses einen Eurocent bei ca. 14 Weltkugeln aus massivem Gold! (Kriege und Inflation haben dies verhindert und immer wieder in der Geschichte die Ausgangslage auf Null zurückgestellt.) Und was das Gold betrifft, so wurde in der HEUTE-Nachrichtensendung des ZDF am 12. März 2015 (Thema war die Überführung eines Großteils des Bundesbank-Goldes nach Frankfurt) gesagt, dass die insgesamt von der Menschheit im Laufe der Geschichte geförderte Gesamtgoldmenge gerade mal einen Würfel von 21 Metern Kantenlänge ergibt. Ein Eindruck vom Volumen des gesamten bisher geförderten Goldes ergibt sich auch aus der Architektur des Gebäudes der Edelmetallhandelsgeschäft Pro Aurum in München. Dieses spielt in seinen Größendimensionen auf die bisher geförderte Goldmenge an.

3.3.3. Auf dem Weg in eine beschleunigte Zukunft: Informations- und Kommunikationstechnik

3.3.3.1. Paul Virilio - Zukunftsforscher und Christ
                Textblatt: "An der Schwelle zum Nicht-Krieg"

Zusammenfassung: Der französische Architekt - Geschwindigkeitstheoretiker - Kriegsforscher - Christ Paul Virilio wurde 1932 in Paris geboren. Nur mit viel Glück entkam seine Familie 1941 der Gestapo, da sein Vater Kommunist war. 1942 erlebte er "live" die Zerstörung von Nantes. Später kämpfte er im Algerienkrieg. Auschwitz, Hiroshima und Nagasaki sowie das Schreckensregime des Pol Pot in Kambodscha sind Koordinaten seines Querdenkens, das wegen der hochbrisanten Analysen immer wieder zum Widerspruch reizt.
So beschäftigte er sich u.a. mit dem Golf-Krieg 1991, dem ersten medial aufbereiteten Krieg der Geschichte, in Virilios Augen die Generalprobe zum "reinen Krieg" mit elektronischen Waffen. (Tatsächlich wurde nach einem Artikel in TIME von amerikanischen Militärs daran gedacht, auf elektronischem Weg das irakische Staatsfernsehen durch ein eigenes vom Flugzeug aus gesendetes Programm zu überlagern, wobei sich ein Double von Saddam Hussein mit einem diskreditierenden Whiskyglas in der Hand an seine Landsleute wenden sollte! PFE). Der Golfkrieg begann bezeichnenderweise mit der Ausschaltung der irakischen Kommunikationsmittel. Ohne Kommunikationsmittel ist kein Krieg führbar. Schon immer haben sich die Militärs technische Spitzenleistungen zu Nutze gemacht oder waren direkt oder indirekt an ihrer Entwicklung beteiligt (vgl. Entstehungsgeschichte des Internet! PFE)). Virilio spricht vom militärisch-industriellen Komplex, der die scheinbar zivile Gesellschaft durchdringt und beherrscht. Dieser führe die Gesellschaften in den Ruin so wie dies am Zusammenbruch der Sowjetunion deutlich wurde. Heute wird nach Virilios Meinung die Entwicklung der Völker dauerhaft durch die Militärtechnologie behindert.
   In diesem Zusammenhang stuft Virilio Geschwindigkeit als eine Form von Gewalt ein. Wir leben im Zeitalter rapider Geschwindigkeitssteigerungen*. Politische Entscheidungsprozesse brauchen aber stets Zeit. Für Virilio geht es deshalb um die Rettung der Politik aus den Händen der Militärtechnokraten. Doch gerade in der technologischen Gesellschaft sind zwei lange verdrängte Fragen wieder neu zu stellen: Die Frage nach dem Tod und die Frage nach Gott. Da jeder technische Fortschritt gleichzeitig auch den dazu gehörigen Unfall mit erfindet und die möglichen Unfälle den Tod des Einzelnen bis hin zum Tod der ganzen Menschheit nach sich ziehen können (atomare oder ökologische Katastrophe), gilt es, dem Tod bewusst ins Auge zu sehen und ihn als eine Kraft zu sehen, die Lebenszeit gliedert und strukturiert. Und Gott ist keinesfalls tot, sondern die Frage nach Gott ist aus der Geschichte der Neuzeit verschwunden. Doch schon beansprucht der militärisch-industrielle Komplex absoluten Gehorsam (vgl. Frage nach dem Ausstieg aus der Kernenergie; die amerikanische Atomarbeiterin Karen Silkwood wurde allem Anschein nach per Autounfall ermordet als sie die Zustände an ihrem Plutonium verarbeitenden Arbeitsplatz einem Journalisten schildern wollte. PFE) und lässt sich als alles bestimmender Götze verehren. Die neuesten elektronischen Kommunikationswaffen verkörpern sogar quasi göttliche Eigenschaften: Allmacht, Allgegenwart (per Lichtgeschwindigkeit), Allwissenheit (Aufklärungssatelliten erkennen auf der Erde jedes Objekt von 1m Größe! PFE).
    Virilio ruft auf zum Widerstand gegen den militärisch-industriellen Komplex, so wie dies beispielsweise der polnischen Gewerkschaft "Solidarnosc" gelang, die einen "heiligen Nicht-Krieg" aufrief und ihre Ziele gewaltfrei durchsetzte. Virilio darf man getrost als modernen Propheten sehen, der wie seine biblischen Vorgänger drohendes Unheil verkündet und trotzdem hofft, dass seine Voraussagen nicht eintreffen.

 

* Eine Studie über den Beschleunigungsprozess findet sich in einem Artikel von Folio, der Zeitschrift der Neuen Züricher Zeitung "Die Erschaffung des Tempos"

Mehr Informationen über Paul Virilio (seltsamer Weise enthält die englische Version von Wikipedia die umfassendste Darstellung von Virilio's Theorien)


3.3.3.2. Computertechnik und Datenschutz

Nach dem RAF-Anschlag (Baader-Meinhoff-Bande) auf den Bankier Jürgen Ponto und der Entführung und Ermordung des damaligen Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer 1977 entwickelte das Bundeskriminalamt die sogenannte "Rasterfahndung", d.h. mit Hilfe von Datenabgleichen per Computer wurde versucht, der Tätergruppe auf die Spur zu kommen. Beispielsweise wurden die Daten von Stadtbüchereien daraufhin ausgewertet, wer sich linkslastig-kommunistische Literatur ausgeliehen hatte. Brauchbare Ergebnisse blieben der Rasterfahndung versagt, doch landeten die Namen und Daten vieler unbescholtener Bürger und Bürgerinnen auf diese Weise in den Polizeicomputern. Gleiches gilt für die Rasterfahndung zur Suche nach sogenannten "Schläfern" im Gefolge des 11. September 2001, wo vielfach völlig unbescholtene Mitbürger arabischer Herkunft ins Visier genommen wurden, was, wie sich herausstellte,  wiederum nicht in Einklang mit den Datenschutzbestimmungen zu bringen war.

Schon vor Jahren werteten Firmen mit Computerhilfe Telefonbücher aus, um daraus selektiv die Namen und Adressen ganzer Berufsgruppen, z.B. Ärzte, zu erheben. Diese Datensätze wurden dann an Kunden, d.h. Firmen verkauft, die z.B. in dieser Zielgruppe für ihre Produkte werben wollten. Diese Methoden wurden im Laufe der Zeit noch verfeinert.

Schon vor einigen Jahren wurde daran gedacht, auf den deutschen Autobahnen per automatischer Computerabbuchung Gebühren zu erheben. Voraussetzung wäre eine lückenlose Erfassung aller an gewissen Mautstellen vorbeifahrenden Autos gewesen. Jederzeit hätten sich daraus Bewegungsprofile von einzelnen Autos und einschlussweise auch von Personen erstellen lassen! Durch die derzeitige Diskussion über eine mögliche Einführung einer Mautpflicht als Infrastrukturabgabe ist dieses Problem wieder topaktuell! Auch die geplante Vorschrift seitens der Europäischen Union, wonach ab 2017 oder 2018 jedes neue Kraftfahrzeug mit einem Hilferufsystem ausgerüstet sein muss, das im Falle eines Unfalls die Daten des Unfallortes automatisch übermitteln soll, beinhaltet die Gefahr, dass über diese an und für sich nützliche Funktion Bewegungsprofile erstellt werden können. 

Gibt es bis dato ein solches Mautsystem und auch das Hilferufsystem noch nicht, so ist die Ortung des Standpunktes in der Telekommunikation bei Handy-Besitzern schon Alltag. Um den Empfang sicher zu stellen, müssen über das Handy stets Daten gespeichert werden, sodass sich mittels trigonometrischer Funktionen aus den Signallaufzeiten der jeweilige Standort des Handys auf 50 bis 10 Meter genau ermitteln lässt. Geheimdienste und gegebenenfalls die Polizei haben Zugriff auf diese Daten bzw. sind unter Umständen gesetzlich befugt, Telefonate abzuhören. Viele Handys antworten auf Anrufe auch in ausgeschaltetem Zustand, bei manchen lässt sich in ausgeschaltetem Zustand sogar das Mikrofon aktivieren, sodass auf diesem Wege ein Mithören nicht auszuschließen ist. Um vor unliebsamen Überraschungen gefeit zu sein, müsste man stets den Akku aus dem Handy nehmen. (Quelle: Sendung "Computerclub" WDR3/Bayern alpha 2001 bzw. Sendung "W wie Wissen", ARD vom 7. März 2010)

Auch anhand von Telefonauskunfts-CD-ROMs lässt sich die Problematik aufzeigen: Während der Telekom seitens der Datenschützer nicht gestattet wurde, dass die CD-Rom aus der eingegebenen Telefonnummer Name und Adresse des Telefonteilnehmers ermittelt, enthielt das Konkurrenzprodukt genau diese Funktion, auch wenn gewisse Umstände und Umwege in Kauf genommen werden mussten: Die Konkurrenz ließ nämlich im Ausland von Chinesen die deutschen (öffentlichen) Telefonbücher abschreiben und in Computer eingeben.
Auf der Basis dieser Daten wurde dann die CD-Rom gefertigt. Inzwischen sind derartige Funktionen auch über das Internet abrufbar bzw. Telefon-CD-ROMs dürfen diese Funktion enthalten, weil ein Widerspruchsrecht geschaffen wurde.

Hinweise für Kunden der Deutschen Telekom AG, die der Inverssuche widersprechen möchten, gibt es HIER unter dem Stichwort Inverssuche (Rückwärtssuche).

Interessante Einblicke in die Problematik bietet die Webseite des Bundesbeauftragen für den Datenschutz
 

3.3.3.3. Das Internet

3.3.3.3.1. Ursprünge

Das Internet beruht ursprünglich auf dem militärischen, von den USA konzipierten ARPA (=Advanced Research Projects Agency)-Net. Dieses sollte im Falle eines russischen Atomschlags auf die USA die computergestützte Kriegsführung der USA auch nach Ausschaltung einiger Computerzentren dadurch ermöglichen, dass andere Zentren die Funktion der ausgefallenen Zentren übernahmen. Irgendwann kam der amerikanische Geheimdienst auf die Idee, dass solche "Ersatzzentren" ja auch in neutralen Ländern versteckt werden könnten, denn an sich spielt die Länge der Leitung ja keine Rolle. Nach dem Fall der Berliner Mauer, der Öffnung der Grenzen nach Osteuropa und dem Ende des "Kalten Krieges" wurde das ARPA-Net, das zuvor schon teilweise von Universitäten und Forschungseinrichtungen mit genutzt worden war, 1992 als Internet für die Öffentlichkeit freigegeben.
   Die Strukturen des ARPA-Netzes sind insofern noch immer erkennbar, als das Internet grenzüberschreitend und dezentral angelegt ist. Eine Kontrolle oder Zensur findet nicht statt. Will ein Land den Zugang zum Internet kontrollieren, so hat es im Prinzip nur die Möglichkeit, sich ganz vom Internet abzukoppeln oder - wie China - die Suchmaschinenbetreiber dazu zu bringen, gewisse Suchbegriffe zu zensieren. Komplettabschaltung geht nicht. Teilabschaltungen wiederum gehen auch nicht, denn die werden im Hinblick auf den Datenfluss nur als durch irgendetwas bedingte Störung gewertet und so wird automatisch ein Umweg gesucht, um die Daten dem Letztempfänger doch noch irgendwie zukommen zu lassen. Somit ist an jedem funktionsfähigen Internetrechner prinzipiell jederzeit jede in das Datennetz eingespeiste Information abrufbar.

3.3.3.3.2. Gefahren des Internet

Grundsätzlich birgt jeder Fortschritt auch Gefahren und ist somit zweischneidig. Jedes Gemüsemesser kann sowohl zur Zubereitung von Nahrung als auch als Mordwaffe verwendet werden. Je komplexer die Technik, desto undurchchaubarer oft die Zusammenhänge, wie das folgende Beispiel belegt, das die Logotherapeutin Elisabeth Lukas in einem Vortrag darbot. Sie bezog sich dabei auf Hinweise, dass die Einführung der Zentralheizung in Finnland indirekt vielen Menschen das Leben gekostet habe, indem die Suizidrate gestiegen sei. Die Erklärung: Natürlich war es bequemer, nunmehr nur mehr das Ventil der Heizung aufdrehen zu müssen, während früher viel Handarbeit nötig war, um es im Winter warm zu haben. Das begann schon damit, dass die Familien am Sonntag in die Wälder ausschwärmten und jedes Familienmitglied so viel Feuerholz nach Hause trug, wie es tragen konnte. Auf diese Weise wurde während des Sommers der Wintervorrat an Brennholz geschaffen. Mit Einführung der Zentralheizung unterblieben nun diese Spaziergänge mit der Folge, dass auch die Familien nicht mehr zusammen kamen. Dadurch unterblieben aber auch die Gespräche während der Ausflüge, die so ganz nebenbei erheblich zur Problemlösung und zur psychischen Gesundheit beigetragen hatten. Da nun viele Menschen mit ihren Problemen allein da standen, suchten sie als letzten Ausweg vermehrt den Suizid.

Aus den Möglichkeiten des Internet ergeben sich ebenfalls eine Reihe von Problemen. So wird z.B. einschlägige Kinderpornografie über das Internet gehandelt, wobei es sehr schwer ist, die meist international operierenden Ringe auszuheben. Vor allem die Fälle von Kinderpornografie haben in der Öffentlichkeit ein gewisses Problembewusstsein geweckt. Aus dem Ausland, vor allem aus Dänemark, verbreiten deutsche rechtsradikale Gruppen ihre in Deutschland verbotene Propaganda. Terroristen benutzen das Netz zur Kommunikation und zur Vorbereitung von Anschlägen.  Auch Verletzungen des Urheberrechts (Illegale Musik- und Filmtauschbörsen) wie auch des Persönlichkeitsrechts sind weit verbreitet. Heftigen Protest löste das Thema der per Gesetz verordneten Vorratsdatenspeicherung durch die Provider aus. Diese Praxis wurde allerdings höchstrichterlich durch das Bundesverfassungsgericht unterbunden.

Dass andererseits durch die Geschwindigkeit im Internet Persönlichkeitsrechte massiv verletzt werden können, zeigt folgende Begebenheit:

Beispiel: Als die Auslieferung einer Biografie über den verstorbenen französischen Staatpräsidenten Francois Mitterand auf Grund des Einspruchs von Frau Mitterand verboten werden sollte, wurde der Buchinhalt schnell ins Internet eingespeist, aus dem sich jeder Interessierte bei Bedarf eine Kopie herunterladen konnte. Bevor der Fall rechtlich überhaupt geprüft werden konnte, waren Fakten geschaffen! (vgl. Beschleunigungsproblematik weiter oben!). Ganz aktuell: Die beim Massaker an Muslimen im neuseeländischen Christchurch ins Netz gestellten Live-Videos des Täters von seiner Tat geistern noch immer durch das Internet, obwohl sie offiziell gelöscht wurden.

Auch die Gefahr von perfekten Fälschungen darf nicht unterschätzt werden. So lassen sich ohne Weiteres beispielsweise kompromittierende Fotos per Computer herstellen und ins Internet einspeisen. Auch die Möglichkeit der Gegendarstellung, sofern sie gegeben ist, kann dies nicht rückgängig machen, denn "semper aliquid haeret"!

Als gefährlich erweist sich auch manche private Homepage bzw. die Veröffentlichung von Daten in sozialen Netzwerken, wo unbedacht evtl. Bilder von Personen in verfänglichen Situationen eingestellt werden. Potenzielle Arbeitgeber machen sich gerne ein Bild über das Internetprofil ihrer Bewerber und es ist sicher nicht förderlich für die Karriere, wenn der Kandidat im Zustand der Volltrunkenheit abgelichtet wurde. Ein Lehrer bekam plötzlich Probleme durch Eltern, weil er sich auf der Homepage des Alpenvereins zusammen mit seinem Freund per Foto als schwul geoutet hatte und man deshalb seine pädagogische Eignung anzweifelte. Ein Schüler bekam keine Lehrstelle, weil der Meister im Internet herausgefunden hatte, dass er früher als Mobber in Erscheinung getreten war. Jeder sollte bedenken: Was im Netz steht ist Teil der Öffentlichkeit! Es könnte auch in der Zeitung stehen!

Als problematisch darf auch das Verhalten des Suchmaschinenriesen "google" bezeichnet werden, der aus grundsätzlichen Erwägungen heraus den Standort seiner Server geheim hält! Somit bleibt auch geheim, welche Daten "google" über seine Benutzer sammelt und wie diese Daten verwertet werden. Gleiches gilt für Facebook und andere soziale Netzwerke.

Auch im Blick auf den weltweiten Energieverbrauch darf man das Internet durchaus kritisch sehen: In der ARD-Sendung "Brain" vom 17.02.2008 wurden folgende Fakten offenbart:


Zum Thema Datenschutz im Internet:

Hier können Sie selbst experimentieren und einiges über sich und Ihren Internetzugang herausfinden!


3.3.3.3.3. Vorzüge des Internet am Beispiel der "Sozialen Vernetzung"

Als das Positivste am Internet ist der schnelle, globale Austausch von Informationen zu bewerten, auch wenn derzeit noch über 50% des Internet in den USA angesiedelt sind und die Rechnerdichte beispielsweise auf dem afrikanischen Kontinent noch immer sehr dünn ist.  Das Internet fördert in einem noch nie da gewesenen Maße das globale Bewusstsein und den Gedankenaustausch zwischen Personen in den verschiedensten Nationen. Als Beispiel füge ich hier eine Email an, die mich am 13. März 2002, erreichte: 

 
Liebe Freunde, Kollegen und Bekannte,
 
die untenstehende Petition empfehle ich Ihrer/Eurer Aufmerksamkeit.
Der Fall ist inzwischen offenbar auch der Süddeutschen Zeitung bekannt geworden. Sie hat heute am 13.März //2002 PFE// auf Seite 3 einen ausführlichen Beitrag über diesen Fall.
Ich meine, dass wir das Wenige, das wir in diesem Fall tun können (e-mail schicken) nicht unterlassen sollten.
 
Herzliche Grüße
 
E**** F*******
 
----- Original Message -----
From: ********
To: **********
Sent: Tuesday, March 12, 2002 5:12 PM
Subject: Petition

Lieber E****,
 
heute kam eine üble Meldung rein, die auch etwas mit interreligiösem Dialog zu tun hat. Bitte gib - wenn's Dir möglich ist - die Petition weiter.
 
Herzlichen Gruß
W*****r
 
PETITION
Appell an die Solidarität!
Es handelt sich darum, einen Brief an die nigerianischen Behörden zu schicken zu Gunsten von Safya Husseini Tungar-Tudu, einem jungen nigerianischen Mädchen, die in ihrem Land zur Todesstrafe verurteilt worden ist, weil sie schwanger wurde, ohne einen Ehemann zu haben. Ein
derartiger Fakt wird dort wie ein schwerer Akt gegen das islamische fundamentalistische Recht betrachtet, das in ihrem Land den Stellenwert des Strafrechts einnimmt. Wenn nicht ein starker internationaler Druck ausgeübt wird, wird man in etwa einem Monat Safya in einen Graben stellen, dann bis zur Mitte eingraben und sie schließlich von den Einwohnern ihres Dorfes zu Tode steinigen lassen. Momentan ist sie in ihrem Haus eingesperrt, wo sie ihr Kind stillt, das zum Synonym der Todesstrafe geworden ist. Sie wird ih noch einige Wochen die Brust geben dürfen, dann wird man sie in den Graben schicken und töten lassen (dies wurde von Amnesty International bestätigt).
Wir können etwas tun, indem wir an die nigerianische Botschaft in Rom schreiben, um den Präsidenten der Republik Nigeria um ihre Begnadigung zu bitten. Aber es müssen viele Briefe sein, deshalb bitt ich euch, diesen Aufruf an eure Freunde und Freundinnen weiterzuleiten
(vergesst nicht die ohne e-mail-Anschluss) und sofort an die Botschaft zu schreiben. Wenn ihr nicht schnell handelt, laufen wir Gefahr, zu spät zu intervenieren.

Ein letztes Detail, wie immer bei solch einer Angelegenheit: der Vater des Kindes wurde aus Mangel an Beweisen freigelassen.
 
Wir können nicht am Rand des Grabens bleiben und dem neuesten Vergehen der Intoleranz, Ignoranz und Lüge zusehen! Wir müssen eine kollektive Geste der Solidarität ausführen, indem wir folgenden Brief an die:

Ambasciata della Nigeria
A l'attention de l'Ambassadeur
Via Orazio, 18
I-00193 Roma

senden oder folgende e-mail an: ******************
Monsieur l'Ambassadeur,
Je vous prie de demander au President de la Republique du Nigeria de sauver
la vie de Safya Husseini-Tungar-Tudu. Merci !
Unterschrift

 

Anmerkung: Der Protest führte zum Erfolg und Safya Husseini wurde freigelassen, nachdem ihr Kind - die Begründung klingt  seltsam - angeblich aus einer überlangen Schwangerschaft hervorgegangen sein soll und damit vom Gericht als ehelich eingestuft wurde.

Relativ jung ist der Erfolg sozialer Netzwerke, allen voran Twitter und  Facebook. Facebook verbindet derzeit als virtuelles Netz über 1 Milliarde Menschen weltweit und ist damit global nach China und Indien die drittgrößte Community weltweit! Problematisch erscheint der leichtfertige Umgang mit persönlichen Daten. Es droht der gläserne Mensch - für Werbestrategen ein gefundes Fressen mit unendlichen Manipulationsmöglichkeiten.  Andererseits scheint es, dass durch dieselben Netzwerke den Menschen ein demokratisierendes Machtinstrument an die Hand gegeben ist, denn dadurch verlieren diktatorische Machthaber (vgl. derzeit die Aufstände im arabischen Raum) ihr Informationsmonopol. Auch in diesem Falle lautet die binäre Alternative 0 oder 1: Totales Verbot und Rückständigkeit oder eben doch Öffnung zur Welt.

Die exemplarischen Anfänge lassen sich evtl. im Geschehen auf dem Balkan vor ca. 20 Jahren ausmachen:

Beispiel: Bei Anti-Milosevic-Kundgebungen im Jahre 1998 wurde in Belgrad eine Journalistin von der Polizei brutal zusammengeschlagen. Nach der ersten medizinischen Versorgung fotografierten Freunde sie und stellten das Foto zusammen mit dem Bericht über das Geschehene ins Internet. Die jugoslawische Polizei beschlagnahmte zwar darauf hin den Computer und schaltete die jugoslawische Internet-Quelle ab. Inzwischen hatten jedoch Freunde eine sogenannte "Mirror-Site", also eine Kopie im Ausland eingerichtet, auf welche die jugoslawischen Behörden keinen Zugriff hatten, sodass der Bericht auf anderen Internetrechnern in Jugoslawien nach wie vor jederzeit abrufbar war.

Der regierungskritische jugoslawische Sender B92 blieb zunächst auch nach Abschaltung der Sendeanlagen vor Ort noch in Betrieb, indem das Radioprogramm auf dem Computer erstellt, per Internet nach London geschickt, dort an einen Satelliten gesendet  wurde und somit zumindest über Satellit in Jugoslawien noch weiterhin empfangen werden konnte. Als der Sender dann endgültig geschlossen wurde, war die Nachricht von der Schließung per Internet eine halbe Stunde später bei allen Nachrichtenagenturen!


3.3.3.4. Krieg als Computerspiel - Militärtechnik und Ziviltechnik

Wie schon im Punkt 3.3.3. bei der Einführung in das Werk und Denken von Paul Virilio dargelegt, gehen heute militärische und zivile Nutzung von Produkten Hand in Hand. Das Beispiel von der Entstehung des Internet, das aus dem militärischen ARPA-Net erwuchs, vermag dies eindrucksvoll zu belegen. Weitere Beispiele wären

Wie schwer es fällt, zivile und militärische Nutzung zu trennen, musste vor ein paar Jahren der Mitarbeiter eines pharmazeutischen Unternehmens erfahren, der sich geweigert hatte an der Entwicklung eines neuen Medikamentes mitzuarbeiten und dem deshalb fristlos gekündigt worden war. Das Arbeitsgericht sah die Bedenken des Mitarbeiters als nicht ausreichend an: Zwar könne das Medikament dazu eingesetzt werden, Soldaten im Falle eines Atomangriffes ein paar Stunden länger kampffähig zu halten, doch ließen sich genau so gut Zwecke finden, wo dieses Medikament z.B. die Beschwerden alter Leute lindern helfe. Manche Firmen versuchen, den Bedenken ihrer Mitarbeiter durch die Einsetzung sogenannter "Ethikkommissionen" gerecht zu werden. Vor einigen Jahren besuchte der 2007 leider verstorbene Kollege für Mathematik und Physik, Norbert Bundscherer, einen überwiegend im Rüstungsbereich tätigen Konzern im südbayerischen Raum, wo man im Hinblick auf problematische Produkte stolz auf die Ethikkommission verwies. Auf seine Nachfrage, ob man denn nicht einen Fall darlegen könne, wo seitens der  Ethikkommission ein Projekt gestoppt worden sei, musste man seitens der Firmenleitung zugeben, dass über einen solchen Fall nichts bekannt sei.


Dokumentation der größten Cyberattacken durch Privatdozent Dr. Dr. K. Saalbach / Universität Osnabrück  (Stand: Januar 2013)

 

3.4. Zukunft aus christlicher Perspektive

3.4.1. Die Linearität der Zeit in den biblischen Schöpfungserzählungen

Gewisse Grundgegebenheiten unseres Lebens nehmen wir zumeist gar nicht mehr wahr. Für uns besteht Zeit selbstverständlich aus den Dimensionen Vergangenheit - Gegenwart - Zukunft. Ein Blick in die Geschichte, z. B. die Betrachtung des Baalskultes in Kanaan / Palästina lehrt jedoch, dass selbst in unmittelbarer Nachbarschaft des jüdischen Volkes eine andere Auffassung von Zeit galt: Zeit wurde verstanden als ein zyklisches Geschehen, als eine immerwährende Abfolge gleicher Zeitzyklen. Wenn das Land im Sommer von der Hitze verbrannt dalag, so glaubte man, dass Gott Baal wie jedes Jahr in der Unterwelt festgehalten werde. Ergrünte das Land neu im Herbst, so wurde die Rückkehr des Baal mit rauschenden Festen gefeiert.
   Dass Zeit in dieser Weise zyklisch gedacht werden kann, erweist ein Blick auf den Buddhismus wie auch auf den Hinduismus. Das Leben beinhaltet nach dieser Vorstellung eine unablässige Kette  von Wiedergeburten bis ein heiliges Leben den Ausweg ins Nirwana möglich macht.
   Nach jüdisch-biblischer Vorstellung ist Zeit jedoch gerichtet, und zwar auf Zukunft hin. Das Hebräische sieht (wie andere semitische Sprachen) die Zeit nicht so sehr als auf die Zukunft gerichteten Strahl (nach mathematischer Redeweise), sondern als Raum. Demnach gibt es einen Raum, in dem alles abgeschlossen und somit nicht mehr änderbar ist und einen anderen Raum, in dem noch alles offen und unabgeschlossen ist. Der erste Raum unfasst also das, was wir Vergangenheit nennen würden, der andere Raum hingegen Gegenwart und Zukunft in einem.
   Eine sprachphilosophische Analyse unserer deutschen Sprache (wie auch anderer indoeuropäischer Sprachen lässt erkennen, dass wir in Kategorien von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft denken, wobei die Gegenwart die kürzeste Zeitspanne - psychologisch so um die fünf Minuten - beinhaltet.

3.4.2. Eschatologie

Definition / Erklärung von Eschatologie 

3.4.2.1. Individuelle Eschatologie

Ist ein Weiterleben in anderer Form über den eigenen Tod hinaus überhaupt denkbar? Ist es sinnvoll, diesem Gedanken nachzugehen?

Zur Zeit Jesu war die Frage nach einem möglichen Weiterleben nach dem Tod eine offene. Die Betreiber des Tempels, die Sadduzäer, waren diesbezüglich sehr skeptisch, denn in der Torah, dem einzigen teil der Bibel, das sie als Wort Gottes anerkannten, findet sich tatsächlich nichts über ein Weiterleben über den Tod hinaus. Die einzige Chance eines zukünftigen Lebens lag in der Zeugung von Nachkommen. Deshalb galt im Judentum Kinderlosigkeit als großes Unglück. Die hohe Bedeutung der Nachkommenschaft wird in der Torah deutlich, indem in Form der Leviratsehe der Bruder eines Verstorbenen dazu verpflichtet wird, mit der Witwe seines Bruders stellvertretend für den Bruder Nachkommen zu zeugen.

Vor diesem Hintergrund ist die in Mk 12, 18-27 geschilderte Begebenheit zu verstehen, wo einige Sadduzäer versuchen, Jesus die Unsinnigkeit eines Weiterlebens nach dem Tod vor Augen zu führen, indem Sie den Fall präsentieren, dass sieben Brüder nacheinander sterben, ohne dass es ihnen gelingt, für den erstverstorbenen Bruder mit der Witwe nachkommen zu zeugen. Zuletzt stirbt die Frau und so stellen sie Jesus die Frage: "Wessen Frau wird sie bei der Auferstehung sein?", wobei sie davon ausgehen, dass es diese nicht geben kann. Die Antwort Jesu lautet: "Ihr irrt euch; ihr kennt weder die Schrift noch die Macht Gottes." Dies ist gegenüber höchsten Vertretern der jüdischen Religion eine ganz deutliche Stellungnahme pro Auferstehung bzw. eines Lebens nach dem Tod!

Jesus greift nun bewusst auf die Torah zurück, denn gegenüber den Sadduzäern kann er mit Prophetenschriften nicht argumentieren - die Sadduzäer sehen darin kein Wort Gottes! Jesus zitiert die Stelle vom brennenden Dornbusch, aus dem heraus sich Gott dem Moses gegenüber als der "Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs" zu erkennen gibt. Da Gott spricht "Ich bin der Gott von ..." und nicht sagt "Ich war der Gott ... " zieht Jesus daraus den Schluss, dass Abraham, Isaak und Jakob bei Gott leben. "Er ist doch nicht ein Gott von Toten, sondern von Lebenden. Ihr irrt euch sehr."

Diese eindeutige Haltung Jesu zu einem möglichen Weiterleben nach dem Tod durchzieht auch die Geschichte vom Leiden, Sterben und der Auferweckung Jesu. Ganz zentral begründet sich die christliche Auferstehungshoffnung also von Ostern her. Das älteste Schriftzeugnis für die Auferstehung findet sich jedoch nicht in den Evangelien, sondern im 1. Brief des Apostels Paulus an die Korinther, den dieser ca. im Jahr 55 in Ephesus schrieb. Als Griechen hatten die Korinther Probleme mit der Idee von der leiblichen Auferstehung Jesu, war in griechischer Denkart der Tod doch die Befreiung der Seele aus dem Gefängnis des Körpers.

Wenn es in Kapitel 15, Vers 3 heißt: "Denn vor allem habe ich euch überliefert, was auch ich empfangen habe", dann will Paulus sagen: Die folgende Passage stammt nicht von mir, sondern ist ein Zitat, ein festgefügtes Stück Überlieferung. Somit reicht diese Erinnerung zurück in die 40er-Jahre - ca. 25 Jahre bevor von Markus das erste Evangelium verfasst wurde!

Vermutlich war das folgende Bekennntnis in der Jersualemer Urgemeinde bereits in den frühen 40er-Jahren zum "geflügelten Wort" geworden. Das Zitat (bei Paulus) lautet:

3 Christus (=der Messias) ist für unsere Sünden gestorben, / gemäß der Schrift,

4 und ist begraben worden. / Er ist am dritten Tag auferweckt worden, / gemäß der Schrift,

5 und erschien dem Kephas, dann den Zwölf.

Jesus wird nicht namentlich genannt: Christus ist die griechische Bezeichnung für "Messias", den von Gott gesandten Gesalbten, den die Juden für die Endzeit erwarteten. Christus ist also hier als Glaubensbekenntnis zu verstehen.
Wenn er "gemäß der Schrift" für "unsere Sünden" gestorben ist, so handelt es sich um vermutlich Jahre des Nachdenkens im Dialog mit den Schriften des Tenach, der jüdischen Bibel.  Demnach war Jesu Kreuzestod nicht sinnlos, sondern er hat für uns eine Brücke zu Gott gebaut. (Derselbe Gedanke findet sich später in den Evanglien, wenn zur Todesstunde Jesu der Vorhang im Tempel zerreißt: Jeder hat nun Zugang zu Gott und darf dorthin gehen, wo zuvor nur der Hohepriester einmal im Jahr Zutritt hatte!) Gegen alle Scheintodspekulationen wird das Begräbnis angeführt, denn nur wirklich Tote werden beigesetzt. Die Auferweckung am dritten Tag "gemäß der Schrift" setzt voraus, dass es im Tenach Parallelen geben muss: Symbolisch ist der dritte Tag als der Tag, an dem Gott eingreift zu verstehen, so wie es beim Propheten Hosea in Kapitel 6, Vers 2, heißt: Nach zwei Tagen gibt er uns das Leben zurück, am dritten Tag richtet er uns wieder auf und wir leben vor seinem Angesicht." Dies ist die einzige passende Schriftstelle abgesehen davon, dass beim Wüstenzug unter der Führung von Moses das Volk am dritten Tag an die lebensrettende Wasserquelle
gelangt . Die wichtigste Bibelstelle bzgl. des "dritten Tages" dürfte aber die Stelle des Bundesschlusses am Sinai sein, heißt es dort doch: "Der HERR sprach zuu Mose: Geh nun zum Volk! Heilige sie heute und morgen! Sie sollen ihre Kleider waschen und sich für den dritten Tag bereithalten. Am dritten Tag nämlich wird der HERR vor den Augen des ganzen Volkes auf den Berg Sinai herabsteigen" (Ex. 19, 10-11). Es geht um die zeitliche Abgrenzung: Zwischen dem, was heute geschieht und dem "dritten TAg" liegt ein ganzer Tag als Trennzone, bevor am "dritten Tag" das Entscheidende geschieht, nämlich die Begegnung mit Gott selbst. Im neutestamentlichen Kontext ist dabei oft vom "ersten Tag der (jüdischen) Woche" die Rede - der achte Tag, der Tag nach dem Sabbat beinhaltet ebenfalls einen Neuanfang, den Gott (in Gestalt der Auferweckung Jesu) setzt!

Von Auferstehung ist hier keine Rede, sondern von "Auferweckung" durch Gott! Darin liegt ein entscheidender, in der Tradition oftmals ausgeblendeter Unterschied! Entscheidend für ein Weiterleben aber sind die Erscheinungen des zuvor Getöteten, hier in der hierarchischen  Ordnung der ersten Christengemeinde: Erst Petrus, dann der Zwölferkreis. Von den Frauen am Grab ist leider keine Rede, galten doch Frauen als unzuverlässige Zeugen, deren Aussage auch vor Gericht nichts galt. Mit diesen Erscheinungen steht und fällt die Hoffnung auf ein Weiterleben nach dem Tod, nicht mit einem leeren Grab, für das es viele Erklärungen geben kann! Dass es sich um echte Erscheinungen und nicht um Phantasievorstellungen der Freunde Jesu handelt, ist eine Angelegenheit des Glaubens. Paulus bringt dies in den Versen 13 bis 19 auf den Punkt:

13 Wenn es keine Auferstehung der Toten gibt, ist auch Christus (=der Messias) nicht auferweckt worden.

14 Ist aber Christus (=der Messias) nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer und euer Glaube sinnlos.

15 Wir werden dann auch als falsche Zeugen Gottes entlarvt, weil wir im Widerspruch zu Gott das Zeugnis abgelegt haben: Er hat Christus (=den Messias) auferweckt. Er hat ihn eben nicht auferweckt, wenn Tote nicht auferweckt werden.

16 Denn wenn Tote nicht auferweckt werden, ist auch Christus (=der Messias) nicht auferweckt worden.

17 Wenn aber Christus (=der Messias) nicht auferweckt worden ist, dann ist euer Glaube nutzlos und ihr seid immer noch in euren Sünden;

18 und auch die in Christus (=im Messias) Entschlafenen sind dann verloren. 

19 Wenn wir unsere Hoffnung nur in diesem Leben auf Christus (=den Messias) gesetzt haben, sind wir erbärmlicher daran als alle anderen Menschen.


(siehe Buch Leben gestalten 12, S. 84/85)



Neben Himmel und Purgatorium ("Fegefeuer") ist in der traditionellen Lehre auch von der Möglichkeit der Hölle die Rede. Die aus meiner Sicht beste Abhandlung darüber entnehme ich einem "Brief aus Taizé" vom Dezember 2005 / Januar 2006: Dieser am weitesten von Gott entfernte Ort findet sich tatsächlich in der Bibel, aber erst in den Evangelien wird "die Hölle" zum Ort der Bestrafung, wobei im Hebräischen und somit bei Jesus von "Gehenna" die Rede ist, was auf das Tal Hinnom in  Jerusalem zurückgeht, welches Schauplatz heidnischer Menschenopfer war und wo der Müll aus Jerusalem verbrannt wurde. Somit konnte man sich unter dem "Feuer der Hölle" konkret etwas vorstellen. [Man muss sich das vielleicht so vorstellen, wie wenn man mit "Auschwitz" all das ausdrücken wollte, was die Hölle ausmacht.]
Bei aller Dramatik, welche dem Höllenbegriff als Ort der Gottferne zugrunde liegt, gibt es kein Dogma, das einen Gläubigen zwingen würde daran zu glauben, dass irgend jemand tatsächlich auf Dauer dorthin verbannt ist. Es stellt sich nämlich die Frage, wie groß Gottes Barmherzigkeit zu denken ist, ob sie nicht letztlich größer ist als alle Untaten, zu denen Menschen fähig sind. Letztlich bleibt die Antwort auf die Frage für uns offen, da allein Gott vorbehalten.
Dass Gottes Liebe stärker ist als Tod und Sünde, machen orthodoxe Auferstehungsikonen deutlich, wo der Auferstandene die Türen der Hölle mit Füßen tritt und die dort Gefangenen befreit.  > BILDBEISPIEL

Der Ort der Hölle nimmt menschliche Freiheit ernst, fordert zur Entscheidung auf. In diesem Sinn hat auch Jesus in prophetischer Schärfe von der Hölle gesprochen, andererseits aber immer wieder seine Barmherzigkeit im Umgang mit Sündern offenbart. Dem mitgekreuzigten Verbrecher, der ihn gegen die lästerlichen Reden des anderen verteidigt, verheißt Jesus: "Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein." - Nach damaliger Vorstellung gab es zwei "Wartesäle" bis zur allgemeinen Auferstehung aller Toten, die Scheol für die zu Bestrafenden und das "Paradies" für die Gerechten. Jesus verheißt also dem neben ihm Gekreuzigten also nicht weniger als den Himmel!

Jesus benutzt also die Hölle gewissermaßen als Folie um zu verdeutlichen, dass das wahre Glück nur in der Gemeinschaft der Liebe mit Gott als dem Vater aller Menschen finden lässt.


Was kommt nach dem Tod?


Diese Frage haben schon viele Theologen zu beantworten versucht mit durchaus verschiedenartigen Ergebnissen. Bisweilen füllte man in früherer Zeit die Wissenslücken mit Anleihen aus dem Koran auf. Im Folgenden beziehe ich mich auf Aussagen des Theologen Gerhard Lohfink, der durchaus vor dem Hintergrund der modernen Welt folgende Thesen aufstellt:

Die absolute Kurzfassung lautet: Alles wird gut!


Auf den Zusammenhang zwischen "Wahrheit - Sinn und Gott" wurde ja bereits im Punkt 6.3. im Semester 11/2 hingewiesen.

3.4.2.2. Nahtoderfahrung / Todesforschung (Dr. Schröter-Kunhardt) und moderne Hirnforschung (siehe Punkt 2.4.3. im Skript von 11/1)

3.4.2.3. Kollektive Eschatologie - Zukunftsvisionen der Bibel

Klassische Bibelstellen: Altes Testament

Die "Völkerwallfahrt zum Berg Zion" - "Schwerter zu Pflugscharen": Micha 4, 1-5 und Jes, 2, 2-4  (siehe Buch Leben gestalten 12, S. 76)

"Wolf beim Lamm":  Jesaja 11, 1-10 (siehe Buch Leben gestalten 12, S. 77)

Weltgericht und Zusammenführung des Volkes Israel: Jesaja 24 - 27

Weltgericht und Zusammenführung der Völker: Jesaja 63 - 66

Die Weltreiche und das Reich Gottes: Daniel 2, 31 - 49

Die Auferstehung der Toten: Daniel 12

(Das Judentum vor dem babylonischen Exil kannte weder ein absolutes Ende der Geschichte noch die Unsterblichkeit des Menschen!)

graeber_oelberg (Foto: R. Pfeiffer, 24.02.2007)

Blick über Jerusalem: Das rechte Viertel des Ölbergs im Hintergrund besteht nur aus Gräbern - alle bieten beste Sicht auf den Zion, den Ort der Erscheinung des Messias am Jüngsten Tag (Christen rechnen entsprechend mit der Wiederkunft Christi, des Messias)

Klassische Bibelstellen: Neues Testament

Endzeitvisionen Jesu in den Evangelien: Mk 13 und Parallelen bei Matthäus und Lukas (siehe Buch Leben gestalten 12, S. 79)

Paulus im Römerbrief 8: Die ganze Schöpfung befindet sich in einem Geburtsvorgang und wartet auf die Vollendung

Offenbarung (des Johannes) 17 - 22 (21,9 - 22,5: Das neue, himmlische Jerusalem) 

Diese Stellen verlegen das Kommen des Reiches Gottes in die Zukunft.

Die Reich-Gottes-Botschaft Jesu lebt von der Spannung des "jetzt" und "noch nicht", d.h. das Reich Gottes nimmt jetzt seinen Anfang, bedarf aber noch der Vollendung durch Gott in der Zukunft! Vielleicht ahnte Jesus ja etwas von der Relativität der Zeit? Auch die kosmische Bedeutung von Karfreitag und Ostern mit der Feier von Jesu Tod und Auferweckung steht ja unter dieser raumzeitlichen Spannung! 
(siehe Buch Leben gestalten 12, S. 80/81)

Der Evangelist Johannes geht von der Jetzt-Zeitigkeit des Gottesreiches aus: 

Joh 3, 16: "Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn dahingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zu Grunde geht, sondern das ewige Leben hat."

Joh 6, 54: "Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben und ich werde ihn auferwecken am Letzten Tag."

3.4.3. Christliche Endzeithoffnung

Ein bloßes passives Warten auf das Jenseits, wie im Mittelalter vorherrschend als die Erde als "Jammertal" gesehen wurde, erscheint aus heutiger theologischer Sicht als überholt. Das Kommen des Gottesreiches ist sowohl das Werk Gottes als auch das Werk des Menschen. Das Lateinische kennt zwei Formen des Futurs: 'futurum' - das was wird und 'adventus' - das was kommt. Das Gottesreich ist so gesehen sowohl Leistung des Menschen als auch Geschenk Gottes. Es gilt, sich hier und heute für Frieden und Gerechtigkeit und damit für das Kommen des Gottesreiches einzusetzen.

Das über vierzig Jahre alte Textdokument "Unsere Hoffnung" der sogenannten "Würzburger Synode", einer gemeinsamen Synode aller Bistümer Deutschlands, welche zwischen 1971 und 1975 tagte, um die Beschlüsse des II. Vatikanischen Konzils umzusetzen, enthält geradezu prophetische Worte, wenn in Teil IV: "Sendungen für Gesamtkirche und Gesamtgesellschaft, 4. Für eine lebenswürdige Zukunft der Menschheit" davon die Rede ist, wie der rasante wirtschaftliche und soziale Wandel wohl bewältigt werden könne. "Werden wir die in dieser Situation enthaltene Zumutung aggressionsfrei verarbeiten können?" Prophetisch auch der unbedingte Einsatz für das werdende wie auch das im Alter zu Ende gehende Leben. Auch der globale Blick fehlt nicht mit der Forderung nach Einstehen für Gerechtigkeit, Freiheit und Frieden in der Welt. Alle Hoffnung beim Einsatz für eine bessere Welt wurzelt aber in Christus. Bei seiner Wiederkunft wird sich die Erde verwandeln: In den Bildern der Offenbarung des Johannes ist die Rede ist von einem neuen Himmel und einer neuen Erde, wo der Tod keine Macht mehr hat.

3.4.3.1. Jesus und die Reich-Gottes-Botschaft - Das Gleichnis vom Senfkorn


Zentraler Punkt von Jesu Botschaft war die Ankündigung des kommenden Gottesreiches. Immer wieder fasste er seine Gedanken in Gleichnisse, so wie auch in das Gleichnis vom Senfkorn (vgl. Markus-Evangelium, 4,30 ff.)  Dort heißt es:


30 "Was geschieht, wenn Gott seine Herrschaft aufrichtet?", fragte Jesus. "Womit können wir das vergleichen?
31 Es ist wie ein Senfkorn: Es ist es der kleinste Same, den es gibt, wenn es in die Erde gesät wird.
32 Aber ist es aber erst gesät, so geht es auf und wird größer als alle anderen Gartenpflanzen. Es treibt große Zweige, sodass die Vögel in seinem Schatten ihre Nester bauen können".
33 Jesus wandte sich noch mit vielen ähnlichen Gleichnissen an die Menschen, auf dass sie ihn besser verstehen konnten, und so verkündete er ihnen das Wort Gottes.

Dieses Gleichnis ist wie auch die anderen Wachstumsgleichnisse von einem starken Optimismus geprägt: So wie ein Baum von alleine wächst und Frucht bringt, so wird sich das Reich Gottes langfristig durchsetzen, quasi von alleine oder wie es im griechischen Urtext der Evangelien wiederholt heißt: "automate" (!)

Beim Senf darf man allerdings nicht an die Senfstaude denken, sondern an den weniger bekannten Senfbaum, der tatsächlich winzige Samenkörner produziert.


senfbaumsamen


senfbaumbluete

Alle Fotos: R. Pfeiffer 2007 / 2011
senfbaum



3.4.3.2. Zukunftsgestaltung aus dem Glauben: Hans Küng und das Projekt Weltethos

       Handout

       Die Erklärung zum Weltethos auf Deutsch

4. Christentum im Spiegel des Credo


4.1. Das trinitarische Gottesverständnis (siehe Punkt 3.4.2. im Skript von 11/1 sowie Punkt 8.2. im Skript von 11/2)


4.2. Das Credo - eine Zusammenfassung des 250-seitigen Buches von Hans Küng durch den luxemburger Religionslehrer Jean-Louis Gindt


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Im Unterricht werden die einzelnen Abschnitte in Bezug gesetzt zu den in den annähernd letzten zwei Jahren behandelten Themenbereichen!




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 letzte Änderung/ last update: 19.07.2020