Kath. Religionslehre 11/2

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Katholische Religionslehre 17/19 PFE - Stoffüberblick

Jahrgangsstufe 11 - 2. Kurshalbjahr - Inhaltsverzeichnis

C. Verantworteter Gottesglaube: Anfragen, Ablehnung, Annäherungen

4. Gott - ein schillernder Begriff

4.1. Gottesvorstellungen unserer Zeit
4.1.1. Gotteschiffren in der modernen Kunst
4.1.2. Das Gleichnis vom Elefanten
4.1.3. Subjektive (Zerr-)Bilder von Gott
4.1.4. Erfahrung des Göttlichen in der säkularen Welt
4.1.4.1. Israelische Soldaten und die Klagemauer
4.1.4.2.
Nahtoderfahrung / Todesforschung (Dr. Kunhardt-Schröter) und moderne Hirnforschung

4.2.  Die Genese von Gottesvorstellungen - Gottesbild und Sozialisation
4.2.1. Etymologie des  Wortes "Gott"
4.2.2. Wandlungen des Gottesbildes im Laufe der Geschichte
4.2.2.1. Das alttestamentliche Bilderverbot
 
4.2.2.2. Der Wandel des Gottesbildes unter dem Einfluss soziologischer Bedingungen
4.2.2.3.
Die Erfüllung der Bildsehnsucht des Menschen in Jesus Christus
4.2.2.4. Einige Aspekte feministischer Theologie
4.2.3. Die Entwicklung von Gottesbildern im Laufe eines Lebens
4.2.3.1.  Die Bedeutung von Mutter und Vater für die Entwicklung der Gottesvorstellung
4.2.3.2. Gottesvorstellungen bei Kindern (Dias)
4.2.3.3.
Fragwürdige Gottesvorstellungen

4.3. Der Zusammenhang von Gott - Sinn - Wahrheit

4.4. Die Theodizeefrage als Anfrage an das Bild vom guten Gott

4.5. Albert Camus: Atheismus als Protest gegen das Leid in der Welt

5. Gottesglaube vor dem Anspruch der Moderne
5.1. Klassiker der Religionskritik
5.1.1. Ludwig Feuerbach (1804 - 1872)

5.1.2. Der Marxismus 
5.1.3. Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844 - 1900)
5.1.4. Sigmund Freuds psychoanalytischer Atheismus
5.1.5.
Jean-Paul Sartre: Atheismus im Namen der Freiheit!

5.2. Formen des Atheismus
5.3. Methodischer Atheismus in der Naturwissenschaft
5.3.1. Das Erbe des Szientismus
5.3.2. Das Verhältnis von Naturwissenschaft und Theologie

6. Glaube und Vernunft
6.1. Gottesbeweise?
6.1.1. Zur Geschichte der "Gottesbeweise"

          (Textblatt)
6.1.2. Anselm von Canterbury (1033-1109): "Ontologischer Gottesbeweis"  
6.1.3. Die "quinque viae ad Deum" des Thomas von Aquin (1225-1274)

6.1.4. Kritik der Gottesbeweise: Immanuel Kant (1724-1804), genannt der "Allzermalmer"

6.1.5. Glauben ohne Beweise?

6.2. An den Grenzen der Vernunft: die Trinität Gottes

6.3. Allah - das Gottesbild des Islam

D. Das christliche Menschenbild

7.   Der moderne Mensch
7.1. Lebensstile und Sinnoptionen
7.2. Was ist der Mensch? - Menschenbilder
7.2.1. Das Menschenbild der Logotherapie (Psychologisches Menschenbild) > siehe Skript Q11/1 Punkt  1.4.
7.2.2. Das Menschenbild der Psychoanalyse > siehe Punkt 5.1.4.

7.2.3. Das Menschenbild des Islam > siehe auch Punkt 6.3.

7.3. Die biblisch-christliche Sicht vom Menschen

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C. Verantworteter Gottesglaube: Anfragen, Ablehnung, Annäherungen

4. Gott - ein schillernder Begriff

4.1. Gottesvorstellungen unserer Zeit

4.1.1. Gotteschiffren in der modernen Kunst

Bild "Le Rossignol" von René Magritte 

Seine Gedanken zum Gottesbegriff in unseren Tagen hat der belgische Maler René Magritte (1898 - 1967) in seinem 1962 entstandenen Bild "Le Rossignol" auf subtile Weise ausgedrückt, hat der Titel als solcher zunächst keine inhaltliche Entsprechung zur Darstellung im Bild. Doch "Le Rossignol" ist durchaus zweideutig gemeint: in der einen Bedeutung handelt es sich um die Nachtigall, deren verlockender und betörender Gesang mitten in der Nacht erklingt. So gesehen ist die Religion nicht tot, sondern in einem veränderten Kontext wieder neu attraktiv. In der zweiten Bedeutung ist "Le Rossignol" als "Ladenhüter" zu übersetzen und deutet auf das abnehmende Interesse an der Religion in unserer Zeit.
Das Bild lenkt durch ein einem romanischen Bogen nachempfundenes Fenster den Blick des Betrachters auf den Brüsseler Rangierbahnhof "Josaphat" - Namensgeber ist das Tal Josaphat in Jersualem.  Doch die Gleise sind weitgehend leer bis auf einen einzigen Zug aus dem Dampflokomotivenzeitalter. Die Rauchfahne der Dampflokomotive verschmilzt / weitet sich aus zu einer großen weißen Wolke, auf der eine Gottvaterfigur mit Weltapfel thront. Ist auch er ein Fossil aus einer längst vergangenen Zeit? Was lenkt er? Was beherrscht er? Die Pastelltöne des Bildes imitieren zudem den sogenannten Nazarenerstil, einer romantisch-religiösen Kunstrichtung des 19. Jahrhunderts. Ein Beispiel für diesen Stil findet sich über dem Eingang des zum Hans-Carossa-Gymnasium gehörenden "Realschulgebäudes":

hcg_hl_familie
(Foto: R. Pfeiffer 7.12.2005)


weitere Werke von René Magritte 


Beschreibung (Bild nicht mehr im Internet): Eine Installation von Joseph Beuys in der Pinakothek der Moderne, München

Was ein Klumpen Lehm auf Stroh und ein altmodisches schwarzes Telefon aus Bakelitkunststoff mit langer Leitung auf einem gemeinsamen Brett als Träger miteinander zu tun haben sollen, bleibt zunächst rätselhaft.
Der Lehmklumpen weist auf die Erschaffung der Menschen aus Lehm hin, ein Motiv, das sich sowohl in der Bibel wie auch in der Prometheussage findet. Lehm ist tote Materie und nach dem Tod kehrt der menschliche Körper zu diesem Zustand zurück. Was also ist Leben? Das Telefon ist ein Kommunikationsmittel: Leben ist in erster Linie nicht Leib und Materie, sondern Geist und Kommunikation! Der Lehmklumpen ist auf Stroh gebettet: Man mag darin einen Hinweis auf die Menschwerdung Gottes im Stall zu Behtlehem erblicken: Hat Gott mit der Welt kommuniziert, hat er sich selbst geoffenbart? Die Frage bleibt offen, ebenso, wer möglicher Weise am anderen Ende der langen Telefonleitung zu finden ist. Endet die Leitung vielleicht im Nichts? Oder gibt es vielleicht doch jemanden am anderen Ende und das Telefon kann seinem eigentlichen Zweck, der Kommunikation, dienen?

Beide Kunstwerke sind für sich genommen schwer verständlich, beschreiben aber in genialer Weise die Situation den Menschen vor dem Hintergrund von Religion und Gottesfrage.


4.1.2. Das Gleichnis vom Elefanten

- Textblatt: Das Gleichnis von den Blinden und dem Elefanten (aus dem persischen Sufismus, aber ebenfalls aus dem Buddhismus bekannt)

Das Grundproblem liegt darin, dass keiner der Blinden den Elefanten als Ganzes "begreifen" kann, sondern allenfalls subjektiv Teilaspekte wahrnimmt.
Die Bezeichnung Gottes als Jahwe gibt genau diesen Aspekt wieder, wenn man Jahwe richtig mit der Zukunftsform übersetzt: "Ich werde als der da sein, als der ich da sein werde".


4.1.3. Subjektive (Zerr-)Bilder von Gott

-  Karikaturen bzw. Definitionen  - Satanistische Zerrbilder

Mit Hilfe von Karikaturen soll gezeigt werden, dass hinter manchen heute gehandelten Gottesbildern keine echten religiösen Erfahrungen stehen, sondern sich Wunschdenken verbirgt:

- Gott als "alter Opa", der einem nichts (mehr) zu sagen hat.
- Gott als "entrückter König", den es zwar geben mag, der aber keinen Einfluss auf die Welt ausübt.
- Gott als "der große Zauberer", der als Herr über die Natur für Überraschungen gut ist.
- Gott als Lebensversicherer für die Wechselfälle des Lebens im Sinne des "do, ut des"!
- Gott als Wahrer der Gerechtigkeit, als derjenige, der gutes Verhalten und Leistungsbereitschaft belohnt, falsches Verhalten bestraft und im Übrigen als "Weltpolizist" dafür sorgt, dass auf der Welt Ordnung herrscht.

In stark gebrochener Form lassen selbst Darstellungen aus der satanistischen Szene, z. B. Plattencover, erkennen, dass hier mit der Umkehrung altbekannter Gottesvorstellungen und -darstellungen versatzstückartig umgegangen wird. Ohne diesen Hintergrund würden die Darstellungen vermutlich ins Leere laufen und unverständlich bleiben. Was sonst sollte z.B. ein auf den Kopf gestelltes Kreuz symbolisieren?

Nach den Ausführungen von Wikipedia scheint es sich beim Satanismus im Wesentlichen um ein neuzeitliches Phänomen zu handeln. Wichtig in diesem Zusammenhang, scheint allein die Tatsache, dass Satanismus ohne ein pervertiertes, d.h. ins Gegenteil verkehrtes Gottesbild gar nicht funktionieren würde.

4.1.4. Erfahrung des Göttlichen in der säkularen Welt

Auch wenn Religion immer wieder totgesagt wurde, so gibt es doch offensichtlich ein weit verbreitetes religiöses Bedürfnis, d.h. es scheint, dass der Mensch auf Transzendenz hin angelegt ist. Die Ausgabe vom 29. November 2004 betitelte das TIME-Magazin mit "The God Gene. Does our DNA compel us to seek a higher power? Believe it or not, some scientists say yes."

Zu diesen Wissenschaftlern zählt ohne Zweifel der britische Meeresbiologe Alister Hardy, der 1969 das "Forschungszentrum Religiöse Erfahrung" (Religious Experience Research Centre) an der Universität von Wales gründete. Eines seiner Bücher heißt Der Mensch- das betende Tier. Religiosität als Faktor der Evolution. Demnach ist Religiosität von der Evolution vorgesehen und biologisch begründet. Hardy's Forschungsrichtung wird inzwischen wissenschaftlich anerkannt, auch wenn seine religiöse Deutungen auf Widerspruch stoßen. Ein atheistisch orientierter Biologe formulierte es so: "Der Glaube an Gott als die Ursache von allem ist ausgesprochen hilfreich und nützlich, vielleicht ist er sogar der tollste Trick, der sich im Verlauf der Evolution eingestellt hat - auch wenn er auf einem Irrtum beruht."
(Quelle: Jürgen Kuhlmann "Licht aus senkrechter Spannung. Christlich denken im säkularen Zeitalter",
Katholische Welt. Radio Bayern 2, 21.02.2010, 8.05 - 8.30 Uhr)

Gibt es das God-Gen tatsächlich? Meldungen aus Russland scheinen dies zu belegen, denn wenn es auch nur annähernd stimmt, dass die orthodoxe Kirche in Russland seit dem Amtsantritt von Patriarch Kyrill I. im Jahr 2009 neben vielen Gläubigen in 5000 neu gegründeten Pfarreien auch noch 10 000 Priester hervorgebracht und die Gründung von mehr als 100 Klöstern erlebt hat,  dann erscheint solches Geschehen nach mehr als 70 Jahren mehr oder weniger brutaler Unterdrückung der Religion und fortgesetzter atheistischer Propaganda nur schwer erklärlich. Nach einer Meldung in der Zeitschrift Christ in der Gegenwart (Nr. 27 / 2017) bereiten sich in den russischen Seminaren aktuell ca. 6000 Männer auf das Priesteramt vor. Allein im Jahr 2016 traten 1.600 Männer neu in die Priesterseminare ein.


4.1.4.1. Israelische Soldaten und die Klagemauer

- Textblatt

Der Holocaust-Überlebende Elie Wiesel beschäftigte sich mit der Frage, wie tief das Bedürfnis nach Glauben im Menschen verwurzelt ist. Das Gebet vermittelt ein Gefühl der Inspiration so wie auch ein Schriftsteller sich vergleichsweise inspiriert fühlt. Im kommunistischen Moskau begann eine Gruppe nicht religiös erzogener Studenten, welche an einem jüdischen Feiertag  wegen Überfüllung nicht in die Synagoge gelangen konnten, unter freiem Himmel zu singen. Und im 6-Tage-Krieg von 1967 wurden junge israelische Fallschirmjäger, die ohne Bezug zu ihrer Religion aufgewachsen waren, angesichts der Klagemauer in der ehemals jordanischen Altstadt von Jerusalem plötzlich von religiösen Gefühlen ergriffen. Die Tatsache, dass es sich zumeist um areligiöse junge Menschen handelte, wurde auch von Herrn Cfir Horev angesprochen, der eine Gruppe im Februar 2007 als israelischer Führer in Jerusalem zur Klagemauer begleitete.


(Foto: R. Pfeiffer, Februar 2007)


4.1.4.2.
Nahtoderfahrung / Todesforschung (Dr. Kunhardt-Schröter) und moderne Hirnforschung

entspricht Punkt 2.4.3. aus dem Semester 11-1

Manches spricht dafür, dass die religiöse Erfahrungswelt zu allen Zeiten ganz wesentlich von Nahtoderfahrungen geprägt wurde und dadurch die Hoffnung auf das Fortleben in einer Anderwelt grundgelegt wurde.

Aktuell hierzu ein Podcast des Bayerischen Rundfunks, Sendung vom 18. März 2018:

EVANGELISCHE PERSPEKTIVEN

Nahtod, Hirntod, Ganztod. Aus Nahtoderfahrungen lernen


4.2. Die Genese von Gottesvorstellungen - Gottesbild und Sozialisation

4.2.1. Etymologie des Wortes "Gott"

Das Duden-Herkunftswörterbuch bietet folgende Erklärung: "Der Ursprung des gemeingermanischen Wortes ist nicht sicher geklärt. Am Ehesten handelt es sich um das substantivierte zweite Partizip ... der Verbalwurzel *ghau "(an)rufen", wonach also 'Gott' als "das (durch Zauberwort) angerufenen Wesen" zu verstehen wäre." Es geht also um das Urempfinden, dass der Mensch von einer höheren Macht abhängig ist (vgl. Kontingenz!) und durch Anrufung diese höhere Macht günstig stimmen bzw. auf sie Einfluss nehmen möchte. Zuerst war wohl dieses namenlose Bedürfnis und dann erst wurde dieses Wesen mit der Lautfolge G-O-T versprachlicht. Genau so kann es wohl umgekehrt passieren, dass dieses Urempfinden zwar vorhanden, die Lautfolge G-O-T jedoch als unpassend empfunden wird oder sich bei G-O-T, aus welchen Gründen auch immer, keine Assoziation mit diesem Urbedürfnis bzw. Urempfinden erfolgt.

vgl. Wikipedia-Artikel zur Etymologie von "Gott"

Hier eine Begebenheit über oder mit Gott, die ohne das Wort Gott auskommt, der aber der "Angerufene" ist:

Frau Dr. Lukas vom Süddeutschen Institut für Logotherapie berichtete auf einem Vortrag in Landshut von einer Familie in Schweden, bei der sie zu Gast war. Der Mann hatte als Jude die deutschen Konzentrationslager überlebt und bezeichnete sich - nicht zuletzt auf Grund des im KZ Erlebten - als Atheisten. Beim Abschied nach dem Essen im Landsitz der Familie blieben alle unter dem Kronleuchter in der Eingangshalle stehen, fassten sich an den Händen und sagten "Danke!". Die Frage von Frau Dr. Lukas, was dies zu bedeuten hätte, wurde so beantwortet: "Das machen wir immer so. Nach all dem Schlimmen, das ich erlebt habe, ist es alles andere als selbstverständlich, dass ich eine Familie habe, dass ich im Wohlstand lebe, dass es mir bzw. uns gut geht." Offen blieb die Frage, an wen sich das "Danke" denn nun gerichtet habe.


4.2.2. Wandlungen des Gottesbildes im Laufe der Geschichte

siehe auch Punkt 3.4.1. aus dem Semester 11-1

4.2.2.1. Das alttestamentliche Bilderverbot  

Im Dekalog, den 10 Geboten, heißt es u.a. "Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde." (Ex. 20,4). Gegen dieses Verbot wurde in der Frühzeit des Judentums vielfach verstoßen, wie u.a. die Begebenheit vom "Goldenen Kalb" zeigt. Auch in der Königszeit mussten immer wieder Götzenbilder aus dem Tempel entfernt werden. Erst nach dem babylonischen Exil hatte sich das Bilderverbot endgültig durchgesetzt.

Hier ist anzumerken, dass das alttestamentliche Bilderverbot manche Kirchen veranlasst hat, ganz auf bildliche Darstellungen in Kirchenräumen zu verzichten. So finden sich in calvinistisch-reformierten Kirchen, zu finden beispielsweise im württembergischen Raum, nicht einmal Kreuze in den Kirchen, sondern nur Altäre.

Die lutherischen Kirchen sind in punkto Bilder toleranter und kennen zumindest Darstellungen des Gekreuzigten in ihren Kirchen, wenn auch keine Heiligenstatuten oder -bilder.

In der römisch-katholischen wie auch in den orthodoxen Kirchen verzichtet man nicht auf bildliche Darstellungen der Heilsgeschichte, sondern im Gegenteil: den Bildern kommt erhebliche Bedeutung als Anschauungs- und Meditationshilfen zu. Unter dieser Voraussetzung scheint kein Verstoß gegen das alttestamentliche Bilderverbot vorzuliegen, werden die Bilder selbst doch nicht als beseelte Gottheiten verstanden, sondern allein als Hilfen, welche die Gedanken auf Gott lenken wollen. Bilder sind keine Götter, auch in der Orthodoxie nicht, wo man immerhin glaubt, dass man durch die Augen der dort Ikonen genannten Bilder unmittelbar mit den Heiligen bzw. mit Maria und Jesus in Kontakt treten kann, weil die göttliche Kraft durch sie hindurchfließt.

4.2.2.2. Der Wandel des Gottesbildes unter dem Einfluss soziologischer Bedingungen

div. Medien / Textblatt

   Auch zu Zeiten des alttestamentlichen Bilderverbotes wirkten die Lebensumstände zurück auf das Gottesbild. In der Nomadenzeit Israels war es wichtig, einen ortsunabhängigen, mitwandernden Gott zu haben, der in besonderer Weise in der Bundeslade im Allerheiligsten des Bundeszeltes präsent war. Mit der Sesshaftwerdung des Volkes Israels wandelte sich auch die Vorstellung von Gott: Der Gott des salomonischen Tempels war ebenfalls sesshaft geworden, er war ortsgebunden, so ortsgebunden, dass es drei mal im Jahr große Wallfahrtsfeste gab (Paschah; Schawuot - 7- Wochenfest; Sukkot - Laubhüttenfest), an denen das Volk sich auf den Weg zu Gott machen und vor dem Herrn erscheinen sollte.
 
Ähnliche Veränderungen unter dem Einfluss der Zeitumstände lassen sich beispielsweise auch an Darstellungen Christi in der Kunst nachweisen, z. B.


* Fußnote: Die älteste Kreuzesdarstellung in Rom, ein Graffiti aus dem 3. Jahrhundert, welches 1856 im sogenannten "Paedogogium" auf dem Palatin entdeckt wurde, zeigt einen am Kreuz hängenden Esel. Offensichtlich drückte hier jemand sein Unverständnis darüber aus, dass man
  einen Gekreuzigten, einen mit der schlimmsten und grausamsten Form der Todesstrafe Bedachten als Gott verehrte. Die zur Zeichnung gehörende Inschrift  lautet übersetzt: "Alexamenos betet seinen Gott an!"  >>> Abbildung des Spottkruzifixes


         Sie stammen aus der Zeit des Feudalismus und spiegeln vor allem die königlichen Züge wieder. Statt einer Dornenkrone trägt der Gekreuzigte einen Goldreif bzw. eine Krone auf dem Kopf, den er ist der höchste König.


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Der „Große Gott von Altenstadt“ in der Basilika St. Michael in Altenstadt / Schongau
- Foto: R. Pfeiffer, Januar 2013

          Sie stammen aus dem Mittelalter und beziehen sich vor alem auf die Städte, die ja Träger des gotischen Kirchenbaus waren.  Die Vorliebe für den leidenden Gekreuzigten hat sicher etwas mit der Situation in den Städten zu 
          tun, wo man hinter einer Stadtmauer zwar sicherer, aber gesundheitlich gefährlicher lebte als auf dem Lande, brachen doch in den Städten immer wieder Seuchen auf, denen viele Menschen zum Opfer fielen. Sie suchten in
          ihrem Leid Trost im Leidenden.

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Monumentalkreuz in der Stiftsbasilika St. Martin / Landshut - Foto: R. Pfeiffer, März 2012
          Sie beziehen das aktuelle Leiden der Menschen im 20. und 21. Jahrhundert auf Jesus und stellen ihn so da, als ob er heute wiederum leiden müsste.

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Kreuz in der Kirche St. Peter und Paul / Landshut - Foto: R. Pfeiffer, Juli 2007

4.2.2.3. Die Erfüllung der Bildsehnsucht des Menschen in Jesus Christus

Der menschliche Drang zur Verbildlichung hat sich in den verschiedenen Religionen unterschiedlich Bahn gebrochen. Religionen wie der strenge Buddhismus, das Judentum und der Islam lehnen Bilder vollkommen ab. Das Christentum ist hierzu geteilter Meinung und der Hinduismus ist geradezu bildvernarrt. Dort wo alle Bilder verboten sind, nimmt der Glaube sehr schnell eine wenig konkrete, abstrakte Form an. Der Mensch drängt jedoch zur Veranschaulichung. Nach christlicher Meinung hat Gott selbst diesem Drängen nachgegeben, indem er Jesus als sein Ebenbild auf die Erde sandte. Deshalb dürfen wir Christen uns Gott durchaus in menschlicher Gestalt vorstellen, denn so glauben wir und verkünden wir jede Weihnachten aufs Neue: Gott selbst ist Mensch geworden. Spätestens an diesem Punkt sollten alle Diskussionen über Bild ja oder Bild nein enden.

Viele Spekulationen ranken sich um das Christusbild von Manoppello. Handelt es sich um ein quasi fotografisches Abbild Jesu? Immerhin befindet sich das Portrait auf einem Byssusgewebe, auf welches sich keine Farbstoffe auftragen lassen, weil diese abperlen würden. Alle Gemäldetheorien scheiden somit aus.


4.2.2.4. Einige Aspekte feministischer Theologie

Ausgehend von der gesellschaftlichen Frauenbewegung der 70er-Jahre fordern Frauen seit  ca. 30 Jahren ihre Gleichstellung in kirchlichen Ämtern. Dies hat zu einer grundlegenden theologischen und wissenschaftskritischen Reflexion geführt, welche es sich zum Ziel gesetzt hat, die einseitig patriarchalischen Einflüsse in den Kirchen und in der Theologie zumindest zu relativieren. Die Bibel selbst und auch die kirchliche Tradition enthalten hierzu viele Elemente. Im Folgenden sollen einige der neuen Sichtweisen und Erkenntnisse dargestellt werden
.

urschalling

Kirche von Urschalling: Darstellung der Hl. Dreifaltigkeit mit "Hl. Geistin" - Foto: R. Pfeiffer, Mai 2003

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Pestepitaph von Hans Leinberger in der Kirche St. Kastulus in Moosburg (Foto: R. Pfeiffer, Februar 2005)

         HURRA! DIE APOSTOLIN JUNIA IST NACH CA. 1000 JAHREN ZURÜCK!!! IN DER NEUEN AUSGABE DER EINHEITSÜBERSETZUNG VON 2016 steht:

               "Grüßt Andronikus und Junia ...; sie ragen heraus unter den Aposteln und haben sich schon vor mir zu Christus bekannt!"



4.2.3. Die Entwicklung von Gottesbildern im Laufe eines Lebens

4.2.3.1.  Die Bedeutung von Mutter und Vater für die Entwicklung der Gottesvorstellung

   Begriffe: "Urvertrauen", "Urmisstrauen", "Ambivalenzerfahrung", "Ödipuskonflikt"

Grundlage des folgenden Schemas ist ein Aufsatz des Utrechter Professors der Psychiatrie J(ohannes). H(erbert). Plokker (*1907 in Rotterdam, +1976 in Doorn): Zerbrochene Gottesbilder. Mit Beiträgen von Th. C. De Kruiff/ P. Van Hooijdonik / J. H. Plokker / W. Zandbelt / W. J. Veldhuis / J. H. Huijts (Freiburg, 1969) S. 68 - 71

Sofern Plokker auf sich auf Freud und den Ödipuskomplex bezieht, sind aus heutiger Sicht Zweifel angebracht, ob eine solch relativ starres Entwicklungsschema den tatsächlichen Gegebenheiten entspricht. Dennoch - und darauf kommt es an - kann verdeutlicht werden, dass zwischen frühkindlichen Erlebnissen und dem späteren Gottesbild, sofern vorhanden, ein Zusammenhang besteht. Werden die Grundbedürfnisse eines Kindes (Wie im Survival-Handbuch: 1. Warm 2. Satt 3. Trocken) befriedigt, so entwickelt sich ein Urvertrauen, d. h. auf die Welt / auf die Mutter bzw. die Eltern ist Verlass. werden die Bedürfnisse permanent nicht erfüllt, so reagiert das Kind mit einem das spätere Leben prägenden Urmisstrauen. Aus dem Urvertrauen heraus kann der Mensch auf alle Fälle sehr viel leichter ein positiv eingefärbtes Gottesbild entwickeln, während Urmisstrauen zu einem verfinsterten Gottesbild führt. 
 
 
gottesbild


4.2.3.2. Gottesvorstellungen bei Kindern (Dias)

Biografische Ereignisse und kuklturelle Einflüsse prägen die Gottesvorstellung von Kindern und somit deren Gottesbild, wobei ein deutlicher Stadt-Land-Unterschied zu Tage tritt. Auf dem Land fällt es leichter, die grundlegenden Zusammenhänge zwischen Werden und Vergehen und somit Gottes Spuren in der Natur wahrzunehmen. Dennoch ist Gotteserfahrung auch in der Stadt möglich, so wie dies schon 1965 der amerikanische Theologe Harvey Cox in seinem damaligen Bestseller "Stadt ohne Gott?" [orginal 'The Secular City'] postulierte.
 

4.2.3.3. Fragwürdige Gottesvorstellungen

 Textblatt: Marielene Leist: "Ich suchte einen Gott, der weint und trauert"

 

4.3. Der Zusammenhang von Gott - Sinn - Wahrheit

Theologen und Psychologen kennen seit längerem das letztlich religiöse Grundbedürfnis des Menschen, das sich auch dort zeigt, wo von Gott nicht mehr die Rede ist.

Frau Dr. Lukas vom Süddeutschen Institut für Logotherapie berichtete auf einem Vortrag in Landshut von einer Familie in Schweden, bei der sie zu Gast war. Der Mann hatte als Jude die deutschen Konzentrationslager überlebt und bezeichnete sich - nicht zuletzt auf Grund des im KZ Erlebten - als Atheisten. Beim Abschied nach dem Essen im Landsitz der Familie blieben alle unter dem Kronleuchter in der Eingangshalle stehen, fassten sich an den Händen und sagten "Danke!". Die Frage von Frau Dr. Lukas, was dies zu bedeuten hätte, wurde so beantwortet: "Das machen wir immer so. Nach all dem Schlimmen, das ich erlebt habe, ist es alles andere als selbstverständlich, dass ich eine Familie habe, dass ich im Wohlstand lebe, dass es mir bzw. uns gut geht." Offen blieb die Frage, an wen sich das "Danke" denn nun gerichtet habe. 

Einen interessanten Ansatz bietet auch der Text des Liedes "Land unter" von Herbert Grönemeyer. (siehe Punkt 1.2. aus dem Semester 11-1) Hier heißt es beispielsweise: "Zünd die Feuer an, das ich dich finden kann, steig zu mir an Bord ..." oder "... fass mich ganz fest an, dass ich mich halten kann, bring mich zu Ende, lass mich nicht mehr los!" Das hier vorgestellte "Du" sprengt jedenfalls alle menschlich möglichen Dimensionen. 

 

4.4. Die Theodizeefrage als Anfrage an das Bild vom guten Gott

Theodizee von  gr. theos (=Gott) und  gr. dikaios (=Recht):  Wie kann  Gott sich angesichts der Missstände und des Bösen in der Welt rechtfertigen bzw. wie kann die  Annahme von der Existenz eines guten Gottes gerechtfertigt werden? Das "Copyright" für den Begriff "Theodizee" gehört dem Philosophen, Mathematiker und Naturwissenschaftler Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 - 1716), der in der Welt eine "prästabilierte Harmonie" zu erkennen glaubte. Diese sehr optimistische Sicht der Welt wurde durch das fürchterliche Erdbeben vom Allerheiligentag 1755 in Frage gestellt, welches Lissabon weitgehend zerstörte, wobei die Zahl der Todesopfer nach Schätzungen irgendwo zwischen 30 000 und 100 000 anzusiedeln ist.

vgl. Buch Leben gestalten 11 S. 96

Text: Lisette Eichner, ,,Wer hat gesündigt" in CiG Nr. 45l94

Der Begriff "Sünde" ist eng verwandt mit dem Begriff "Sund". In unseren Breiten nicht so geläufig, beschreibt ein Sund einen Meeresarm, der Land von Land trennt. "Sünde" beschreibt demnach die Trennung von Gott.

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Brücke über den Strelasund in Stralsund (Foto: R. Pfeiffer, August 2012)

Traditionell unterschieden werden das ,malum physicum' und das ,malum morale'. Das physische Übel beinhaltet Naturkatastrophen, Krankheit und Tod. (Bisweilen ist in diesem Zusammenhang auch vom 'malum metaphysicum' die Rede.) Dies scheint einem allgütigen Gott zu widersprechen. Ist Gott machtlos oder ein Sadist?

 Das moralische Übel ist das durch den Menschen verursachte Böse. Warum greift der allmächtige Gott hier nicht verhindernd ein? Die Theologin Dorothee Sölle meint, dass man nach Auschwitz nicht mehr vom gütigen Vater reden könne.

 Als möglicher Ausweg erscheint der Atheismus. Hierzu ist aber anzumerken, dass sich menschliche Freiheit eben gerade zwischen den Polen ,,gut" und ,,böse" manifestiert, ansonsten gäbe es ja keine Freiheit, sondern nur einen letztlich wertfreien Determinismus, d.h. alles ist festgelegt und der Mensch kann nichts falsch machen.

 Über den Ursprung des Bösen gibt es letztlich keine befriedigende Erklärung. Selbst die Bibel beinhaltet verschiedene Erklärungsmodelle. Ein Ansatz ergibt sich allenfalls von der Überwindung des Bösen her. Der Dichter Hans Magnus Enzensberger sagt hierzu: ,,Gott ist krebsanfällig!". Dies kann christologisch begründet werden: Jesus hat als Unschuldiger alle Schuld stellvertretend auf sich genommen. Sein Leiden und sein Scheitern haben der Welt Heil gebracht. Zu Lebzeiten wurde Jesus wie jeder Mensch versucht, d.h. er lernte die Macht des Bösen kennen. Im Blick auf Jesus kann man wagen zu sagen, dass alles unabwendbare menschliche Leid letztlich einen Sinn hat. Vor Gott gibt es kein letztlich sinnloses Leben, keine sinnlose unheilbare Krankheit.

 Dies deckt sich auch mit den biblischen Erfahrungen von Jahwe als Rettergott. Der Satz „Der Gerechte lebt aus dem Glauben“ (Hab 2,4; Röm 1,17; Gal 3,11; Hebr 10,38) wäre besser zu übersetzen: „Der Bewährte lebt aus Trauen“, weil er dann den Rettungsgedanken wiedergibt: Gott hat den auf ihn Vertrauenden aus Lebensgefahr gerettet und so vertraut er auf Gottes Hilfe.“ (vgl. „Rattenexperiment“)

 Die Hoffnung der Christen richtet sich darauf, dass Leid und Tod nicht die letzte Wirklichkeit darstellen, dass ein Mal eine neue Welt kommen wird, wobei Christus, der als Verbrecher Gekreuzigte und von Gott Auferweckte, der Garant der neuen Welt ist.

 Wenn es letztlich keine allseits befriedigende Lösung gibt, ist es besser, auf eine Lösung zu verzichten als sie herbeireden zu wollen. Auch das Böse ist letztlich ein Teil des Geheimnisses Gottes.

 (Anmerkung: Der Logotherapeut und Arzt Viktor E. Frankl, ein ehemaliger KZ-Häftling, der sich zur grundsätzlichen Sinnhaftigkeit des Leidens bekennt, sagt sinngemäß: ,,Was weiß der Affe im Tierversuch davon, dass er Menschenleben retten soll, dass sein Leiden als Versuchstier also Sinn hat?")


4.5. Albert Camus: Atheismus als Protest gegen das Leid in der Welt

       Buch Leben gestalten 11 S. 97; Textblatt "Sisyphos" und Auszug aus "Die Pest"

Der französische Existentialismus lehnt die Existenz Gottes radikal ab. Für Camus gibt es nur ein echtes philosophisches Problem - den Selbstmord. Was hindert einen Menschen daran, schon jetzt Suizid zu begehen, wenn der Tod sowieso das unausweichliche, sinnlose Ende menschlichen Daseins ist? Die Flucht in die Religion mit ihren illusorischen Vertröstungen bezeichnet Camus als "geistigen Selbstmord!"  Das Dasein ist von einer Grundstimmung des Ekels gekennzeichnet und absurd. Angesichts dieser Situation ist das einzige, was der Mensch entgegenzusetzen hat, ein Heroismus nach Art des Sisyphos. Camus deutet die Tätigkeit des Sisyphos aber dahin gehend, dass dieser der Strafe der Götter, nämlich den Felsen sinnloserweise auf den Berggipfel zu befördern wo er ihm wieder entgleitet und das Spiel von Neuem beginnt, dadurch den Strafcharakter genommen hat, dass er zuinnerst in diese seine Tätigkeit einwilligt und sich das, was als Strafe gedacht war,  zur freiwilligen Aufgabe gemacht hat.


5. Gottesglaube vor dem Anspruch der Moderne

5.1. Klassiker der Religionskritik

5.1.1. Ludwig Feuerbach (1804 - 1872)

Buch Leben gestalten 11 S. 98/99

Ludwig Feuerbach wurde 1804, im Todesjahr von Immanuel Kant, in unserer Stadt Landshut geboren. Vielleicht ist Landshut zu katholisch, jedenfalls gibt es in der Stadt keinen direkten Hinweise auf ihn - die Feuerbach-Straße ist laut Adressbuch seinem Vater, dem Rechtsgelehrten Anselm Feuerbach gewidmet, ebenso die Inschrift an Ludwig Feuerbachs Geburtshaus in der Neustadt 457, die ihn aber zumindest neben seinem Bruder Friedrich Feuerbach - beide werden als Philosophen vorgestellt - namentlich erwähnt.

Tafel am Haus Neustadt 457, Landshut    Foto: R. Pfeiffer (Jan. 2007)

      3 Phasen des Ludwig Feuerbach (im Laufe seines Studiums):

         1.) Theologiephase
         2.) Philosophiephase
         3.) Anthropologiephase

     => Theologie muss zur Anthropologie werden!!!
 

      Religion ist die Entfremdung des Menschen von sich selbst

      Gott ist ein unbewusster Teil des menschlichen Selbstbewusstseins.

     In gewisser Weise dreht Feuerbach den biblischen Satz von der Erschaffung des Menschen nach dem Abbild Gottes ins Gegenteil um:
            "Der Mensch schuf sich Gott nach seinem Bild und Gleichnis"
               => Gott ist eine Projektion des menschlichen Wesens, wobei es sich nach Feuerbach um das unbewusste Selbstbewusstsein des Menschen selbst handelt.
 
                     Der Mensch hat lauter negative Eingenschaften:  Er ist beschränkt wissend, gütig, bisweilen machtlos und letztlich sterblich!
                     Gott hingegen werden genau die gegenteiligen Eigenschaften zugesprochen: Gott ist  unendlich, unsterblich, allwissend, allmächtig


    Diese Entzweiung des Menschen mit sich selbst gilt es zu durchschauen! Dann wird er sich die göttlichen Eigenschaften selbst zuschreiben, d.h. nach Feuerbach gelangt der Mensch zu größerer Reife, wenn er diese Illusion bzw.  die
    Tatsache der Projektion durchschaut und
Gott die genannten Eigenschaften ab- und sich selbst zuspricht. Da der Mensch nun das höchste Wesen ist, das existiert stellt Feuerbach die Forderung nach einem Humanismus als
    angemessener Form des Umgangs zwischen
Mensch und Mensch auf: > Homo homini deus! Der Mensch ist das höchste Wesen, nicht Gott!

 

 

      Einwände gegen Feuerbach:

Positiv an Feuerbach ist zu würdigen, dass er aufzeigt, dass das Entstehen von Gottesbildern immer der Gefahr unterliegt, dass darin unbewusste Wünsche enthalten sind bzw. die Oberhand gewinnen.  Im  Punkt 4.1.3. wurde hierauf näher eingegangen.

         
5.1.2. Der Marxismus 

Buch Leben gestalten 11 S. 99

Karl Marx rezipierte Feuerbach: Für Marx stand fest, dass Feuerbach zur Religion fast alles gesagt hatte,  was es zu sagen gab, nur habe er die sozialen Ursachen außer Acht gelassen. Marx betrachtete deshalb die Religion vom
gesellschaftlichen Standpunkt her:
 

Ideologischer Überbau:    Staat, Politik, Kultur, Religion, Philosophie
Materie / wirtschaftliche Verhältnisse 

Der eigentlich alles bestimmende Faktor ist die Materie  in Form wirtschaftlicher Verhältnisse. In Abhängigkeit davon entwickelt sich je nach den Gegebenheiten der "ideologische Überbau". Marx erlebte die Zeit des Kapitalismus im 19. Jahrhundert und damit das Elend der Arbeiterschaft hautnah. Dabei stufte er die Religion folgendermaßen ein:

     => Religion spendet dem geschundenen Menschen Zuflucht und Trost

     => Religion ist eine Flucht vor der Wirklichkeit (“Opium des Volkes”)*

     => Menschen müssen die Illusion durchschauen und sich nicht von der Kirche abhängig machen

     => Nur durch Änderung der wirtschaftlichen Verhältnisse, d.h. durch Revolution,  können sie ihre Position verbessern. Geht es den Arbeitern erst ein mal gut, wird sich das Thema Religion von alleine erledigen, denn
          dann bedürfen die Arbeiter nicht mehr der Religion als Opium, d.h. als Trostmittel, das sie  im Elend auf ein besseres Jenseits vertröstet.



* Anmerkung: "Opium des Volkes" heißt es bei Karl Marx, denn die verelendete Arbeiterschaft benutzt die Religion als Droge, um Trost in an sich trostloser Lage zu finden. Bei Lenin heißt es schließlich "Opium für das Volk". Dies unterstellt, dass die Mächtigen der 
                       Unterschicht die Religion als Droge verabreichen, damit sie ihre Situation klaglos ertragen und Ruhe geben.



5.1.3. Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844 - 1900)

Buch Leben gestalten 11 S. 100/101

Sein Werk ist nicht systematisch aufgebaut, sondern in vielen Schriften finden sich zerstreut seine Gedanken. Nietzsche besticht auch heute noch durch seine Sprachgewalt.

Auch Nietzsche entlarvt die Religion als Illusion, genauer und näher an seinen Worten, als Lüge, welche um der Wahrheit willen aufgegeben werden muss: Gott ist tot! Nietzsche verkündet den Tod Gottes! Nietzsche ist dabei durchaus bewusst, dass der Tod Gottes einen hohen Preis hat und Chaos nach sich zieht.

     Nietzsche predigt ein biologistisches Menschenbild und überträgt somit in Parallele zu / Anlehnung an Darwin die Grundgedanken der Evolutionstheorie auf den Menschen: 


P.S.: Nietzsche ist keinesfalls der Ahnherr des Nationalsozialismus, doch bedienten sich die Nazis gerne bei ihm, da seine Ansichten sehr gut zur nationalsozialistischen Ideologie passten und sich somit verwerten ließen. Immerhin forderte Friedrich Nietzsche: "Das Schwache und Missratene soll zugrunde gehen, erster Satz unserer Nächstenliebe und man soll ihnen dabei helfen“ (aus dem Werk Der Antichrist. Fluch auf das Christenthum)

nietzsche_sils

Gedenktafel in Sils / Engadin / Schweiz (Foto: R. Pfeiffer, August 2008)


5.1.4. Sigmund Freuds psychoanalytischer Atheismus

vgl. Buch Leben gestalten 11 S. 123 - 125

     Sigmund Freud wurde im 19. Jahrhundert geboren, dem Jahrhundert, welches wissenschaftlich durch den Szientismus, eine übersteigerte Form des Empirismus geprägt war. Wie Marx war er Materialist und der Mensch demnach lebende Materie. Im Grund wollte er mit der von ihm entwickelten Psychoanalyse so etwas wie eine "Mechanik des Geistes" entwickeln, was ihm aber höchstens ansatzweise gelang, denn immerhin entwickelte und benutzte er während seines beruflichen Lebens drei völlig verschiedene Modelle der menschlichen Psyche:
 


                         Bewusstsein
                     Unterbewusstsein

                     Das Unbewusste
 

              => aus dem Unbewussten kommen die meisten Impulse für das Verhalten des Menschen her
              => der Mensch ist gar nicht wirklich frei  > psychologischer Determinismus
 

                                  ICH
                                 EGO
       ES                                 ÜBER-ICH
    ID                                    SUPEREGO

      Freuds Strukturmodelle der menschlichen Psyche sind miteinander nicht kompatibel, sondern sind als grundsätzlich verschiedene Ansätze zu sehen. Vieles von dem, was Freud im 1. Strukturmodell im Unbewussten ansiedelt findet sich beim 2. Strukturmodell in den Bereichen des "Es", aber auch des "Über-Ich".

Das "Es" (engl. "Id") umfasst vor allem die vitalen Treibkräfte des Menschen, die sogenannte Libido. Das "Es" arbeitet nach dem Lustprinzip. Im Bereich des Über-Ich (engl. "Superego") finden sich auf Grund der Erziehung die aus der Umwelt übernommenen Wert- und Moralvorstellungen. Quasi dazwischen befindet sich als Steuerungsmechanismus das überwiegend dem Bewusstsein zuzuordnende "Ich" (engl. "Ego"), welches nach dem Realitätsprinzip arbeitet und versucht zwischen den Impulsen des "Es" und den Verboten des "Über-Ich" den Mittelweg zwischen Lust und Unlust zu finden oder konkret: Wie viel Lust kann ich mir leisten, ohne dass die Unlust in Form von Sanktionen und nachteilen und evtl. auch Schmerz zu groß wird.

Beispiel aus der Schulsituation: Sonnenschein, 25 Grad,  Religionsunterricht am Nachmittag von 14.00 - 14.45 Uhr - kein Schüler hat Lust in den Unterricht zu gehen, jeder hat Lust in der Sonne zu liegen, doch gibt man diesen Impulsen nach, könnte böse Worte des Lehrers oder gar Schulstrafen Unlust erzeugen. Oder der Unterricht wird wann anders nachgeholt. Also sagt das "Ich": besser in den Unterricht gehen (Realitätsprinzip).
 

          Das Leben wird als Auseinandersetzung zwischen dem "Eros" genannten Lebenstrieb und einem von
          Freud angenommenen Todestrieb, dem "Thanatos" gesehen, wobei der Thanatos letztlich den Sieg
          davon trägt. Einen Sinn des Lebens gibt es für Freud nicht. Wer nach dem Sinn des Lebens fragt, offenbart nach Freud damit nur, dass er einen Überschuss an Libido (vgl. Modell 2) hat. 
 

         => In keinem der Modelle haben die einen freien Willen, da sie stets
              vom Unbewussten bzw. durch Es und Überich gesteuert werden.
 

     Der Ursprung der Gottesidee nach Freud:

         => Religion ist Wunschdenken und gründet auf infantilem Verhalten
         => Vergleich des religiösen Verhaltens mit infantilem Verhalten

         => Frage:  Wie kommt der Mensch auf die Gottesidee?

          freud_ursprung_der_gottesidee

Beim kleinen Kind werden diese Wünsche durch den leiblichen Vater abgedeckt. Stirbt der leibliche Vater schafft sich der Mensch in seiner Hilflosigkeit und Verzweiflung für das weitere Leben einen Übervater (=GOTT). Nach Freud entsteht also der Gottesglaube an der Bahre des leiblichen Vaters.

Die Gottesidee bezeichnet Freud als  ILLUSION. Eine Illusion beinhaltet eine Wunschvorstellung, der Erfüllung zumindest sehr unwahrscheinlich ist, auch wenn ihre Nichterfüllbarkeit nicht bewiesen werden kann. Hält der Mensch nun an so einem falschen Verhältnis zur Wirklichkeit fest, so spricht man von einer Wahnidee. Dies geschieht für Freud durch die Religion, welche also letztlich eine Wahnidee beinhaltet und damit von Freud als krankhaft angesehen wird.

Bereits ein Freund Freuds, der Schweizer Pfarrer Pfister, hakte hier ein und warf Freud vor, dass er praktisch ausschließlich kranke Formen von Religiosität kennen gelernt habe. Die Religion des Erwachsenen sei anderer Natur und jedem Erwachsenen sei einsichtig, dass er seine Problem nicht durch Wunschdenken in den Griff bekommen könne.
Auch der Psychologe Carl Gustav Jung, ein Schüler Freuds, spricht von Freuds chronischer Unfähigkeit, Religion zu verstehen. Für ihn, den Begründer der Tiefenpsychologie ist sogar jedes psychische Problem jenseits der Lebensmitte grundsätzlich ein religiöses Problem.
Freuds Ansatz ist materialistisch bzw. empirisch. Von vorne herein kann es aus diesem Grund für ihn keinen Gott geben. Auch streng philosophisch befasste er sich nie mit dem Gottesbegriff und somit auch nicht mit den philosophischen Argumenten für oder gegen eine Existenz Gottes.
 

Links:
Freud-Museum, London

        

5.1.5. Jean-Paul Sartre: Atheismus im Namen der Freiheit! 

Handout / Textblatt

vgl. Buch Leben gestalten 11 S. 102/103

         
Aufteilung der Vorstellungen vom Sein in:

          - être-en-soi:    “an sich sein” (Harmonie)
             => Essenz geht der Existenz voraus  (Bsp.: Handwerk - ein Handwerker entwirft sein Produkt zunächst
                   im Kopf und setzt dann den Plan um. Ergebnis ist das fertige Produkt.)

          - être-pour-soi:  “für sich sein” (charakteristisch für den Menschen, der über sich selbst nachdenken, sich
                                      selbst zum Objekt seines Verstandes machen kann.)
             => Existenz geht der Essenz voraus
             => der Mensch wird in die Welt gesetzt und weiß eigentlich gar nicht,
                   was es überhaupt bedeutet, Mensch zu sein. Der Mensch muss sich im Laufe seines Lebens
                   selbst  definieren. (Der eine definiert sich als Wissenschaftler, der andere als Revolutionär, der
                   andere definiert sich als Verbrecher, d.h. sie alle entwickeln Modelle des Menschseins.)

     Grundidee: Existenz des Menschen ist letztlich sinnlos

             => selbständige Sinngebung des Menschen
             => ständiges Suchen nach neuen Zielen
             => Grundgefühl des Ekels

     Volle Verantwortlichkeit des Menschen für sich selbst

     selbständige Wertsetzung durch den Menschen:
             => Bindung des eigenen Aktes an die Gesellschaft
             => ungeheure Verantwortung, die Gefühle der Angst, der Verlassenheit
               und der Verzweiflung hervorruft
             => Nährung des Grundgefühls des Ekels

     unbedingte Freiheit des Menschen:
             => um sich selbst definieren zu können, muss der Mensch frei sein
             => Verdammung des Menschen zur Freiheit
             => Gott kann nicht existieren, da er auf Grund göttlicher Vorhersehung die Freiheit einschränken würde;
                   göttliche Vorhersehung beinhaltet ja den Gedanken, dass der Mensch sich gar nicht anders entscheiden
                   kann, selbst wenn er wollte.

     trotziger Entschluss des “Handelns des Menschen ohne Hoffnung”. Dies verlangt Heroismus.
             => Selbstmord ist kein Ausweg
             => Sartres Ziel: Atheistischer Humanismus

     Transzendenz bedeutet bei Sartre - er verwendet dieses Wort in seinem eigenen Sinn -  "Ich-
     Überschreitung" (im Sinne einer Weiterentwicklung der Essenz)

5.2. Formen des Atheismus > siehe Punkt 2.1. Überblick über das Verhältnis von Glauben und Atheismus

5.3. Methodischer Atheismus in der Naturwissenschaft 

5.3.1. Das Erbe des Szientismus > siehe Punkt 2.2.5. Moderne Dogmen: Materialismus, Empirismus, Atheismus

vgl. Buch Leben gestalten 11 S. 104 - 107

5.3.2. Das Verhältnis von Naturwissenschaft und Theologie

vergleich
      Zu dieser Tabelle passt auch die im Buch Leben gestalten 11 auf S. 105 zitierte Aussage von Werner Heisenberg: "In der Naturwissenschaft geht es um richtig oder falsch; in der Religion um gut und böse, um wertvoll oder wertlos."
      Ihm persönlich war bei dem Gedanken an eine schrfe Spaltung zwischen Wissen und Glauben nicht wohl.

                  Charles Darwin (1809 - 1882), der im Zeitalter des Szientismus lebte, war selbst ein gottgläubiger Mensch: "Ich habe niemals die Existenz Gottes verneint. Ich glaube, dass die Entwicklungstheorie absolut versöhnlich ist mit dem Glauben an Gott. ...
                  Die Unmöglichkeit des Beweisens und Begreifens, dass das großartige, über alle Maßen herrliche Weltall ebenso wie der Mensch zufällig geworden ist, scheint mir das Hauptargument für die Existenz Gottes."

darwin

Denkmal für Charles Darwin in seiner Heimatstadt Shrewsbury / England (Foto: R. Pfeiffer, August 2014)



                  Edwin Conklin (1863-1952), ein amerikanischer Biologe, wählte eine noch spitzere Formulierung: "Die Entstehung des Lebens auf der Erde mit dem Zufall erklären heißt, von der Explosion einer Druckerei das Zustandekommen eines Lexikons
                  zu erwarten."

                  Neue naturwissenschaftliche Erkenntnisse, vor allem in der Physik, führen zu einer Anerkennung der intelligenten Informationsstrukturen, die Voraussetzung für das Geschehen in dem Bereich, den wir Natur nennen, sind.
                  Eine sehr schöne Zusammenfassung auf dem neuesten Stand bietet der Franzose Christophe Galfard, ein von Stephen Hawking, in seinem Buch: The Universe at Your Hand (London, 2015),
                  deutsche Übersetzung: Das Universum in deiner Hand (München, 2017)

                  Der Gedanke, dass Gott im natürlichen Licht der menschlichen Vernunft in der Schöpfung mit Sicherheit ("certo") erkannt werden kann, wurde vom I. Vatikanischen Konzil als Dogma formuliert, d.h. wer dies als Tatsache bestreitet und somit 
                  nicht glaubt , der sei aus der kirchlichen Gemeinschaft ausgeschlossen! In der katholischen Lehre wird also die Schöpfung als weiterer gleichrangiger Offenbarungsweg Gottes neben der Bibel gesehen! Die evangelische Theologie teilt diese
                  Lehre, welche in der menschlichen Vernunft eine Gottesgabe sieht, nicht.

   => Die zweifache Erkenntnisordnung:


Gott

Offenbarung
 Offenbarung
 NATUR
HL. SCHRIFT
 Naturgesetze
 Der Weg des Menschen zum Heil 
 Vernunft
Glaube

Mensch



Gedanken zum Sonntag (erschienen in der Landshuter Zeitung am 10. Dez. 1988)

Zum Grundbestand des katholischen Glaubens gehört ein Satz, den das I. Vatikanische Konzil 1870 in den Rang eines Dogmas erhob: „Gott, aller Dinge Grund und. Ziel, kann im natürlichen Licht der menschlichen Vernunft aus den geschaffenen Dingen mit Sicherheit (!) erkannt werden." „Kann" heißt es hier, nicht „muss". Die freie Glaubensentscheidung jedes einzelnen Men­schen bleibt somit unangetastet. Andererseits ergibt sich aus dieser Formulierung des Dogmas, dass die Kirche nicht einfach acht­los an den Erkenntnissen der modernen, Naturwissenschaften vorbeigehen kann, denn die Natur als Gegenstand naturwissenschaftlicher Forschung ist ja identisch mit dem, was der Glaube Schöpfung Gottes nennt. Können aber ausgerechnet die der Vernunft und Logik verpflichteten und traditionell eher atheistisch eingestellten Naturwissenschaftler Hinweise auf die Anwesenheit Gottes im naturwissenschaftlich beobachtbaren kosmischen Geschehen liefern? Ich meine, dass diese Frage aus folgenden Gründen bejaht werden kann:

Die wahrscheinlichste Weltentstehungshypothese geht vorn sogenannten „Urknall" aus. Erst seit diesem scheinbar katastropha­len Geschehen des Urknalls gibt es die uns vertrauten Gegebenheiten von Materie, Raum und Zeit. Zudem sagen uns Astrophy­siker, dass dieser Urknall recht genau dosiert gewesen sein muss, da es ansonsten nie zur Verdichtung der Materie zu Sternen und Sternenhaufen hätte kommen können. Nun führte der weitere Verlauf des kosmischen Geschehens nicht einfach hin zur Entstehung unserer Erde, sondern es waren dazu mindestens zwei weitere „Katastrophen" in Form explodierender Sterne (Supernovae) nötig. Nur eine erste solche Sternenexplosion konnte zur Bildung der heute auf der Erde jenseits des Kohlenstoffs vorhandenen höherwertigen chemischen Elements bis hin zum Uran führen.

Während sich dann die „Asche" des ex­plodierten Sterns gerade zu einem neuen Sonnensystem verdichtete, führte eine wei­tere Supernovaexplosion zur Bildung des uns bekannten heutigen Sonnensystems, denn nur eine derartige weitere Katastrophe kann die in unserem Sonnensystem vorhandene ungleichmäßige Verteilung der Massen auf die Planeten einschließlich der Erde einerseits und das Zentralgestirn der Sonne andererseits hinreichend erklären. Damit nicht genug. Wie wir aus der Beobachtung unserer Nachbarplaneten erkennen können, befindet sich allein die Erde in einer Entfernung von der Sonne, welche die Hervorbringung von Leben ermöglichte unter der Vorausset­zung, dass hier zusätzlich die zur Hervorbringung von Leben nötigen chemischen Bedingungen herrschten. Dieses Leben hat zeitlich gesehen einen ungeheuer rasanten Aufschwung vom Einzeller bis hin zum heutigen Menschen genommen, wobei der in den Genen gespeicherte Bauplan jedes Lebewesens zunehmend komplizierter wurde, so kompliziert, dass in jeder einzelnen (!) menschlichen Körperzelle der gesamte „Bauplan" des betreffenden Menschen gespeichert ist, ein Bauplan, der in gedruckter Form 5000 Bücher zu je 200 Seiten füllen würde.

Diese im kosmischen Geschehen verbor­gene Zielstrebigkeit ist vielen Naturwissenschaftlern inzwischen In den Blick geraten, auch wenn sie ihre Beobachtung nicht so recht zu deuten wissen. Aus der Sicht des Glaubens aber finden sich hier die Spuren einer Intelligenz, welche alle menschliche Intelligenz bei weitem übersteigt und die von Menschen der verschiedensten Religionen seit jeher als Gott verehrt und angebetet wird. Dass dieser Gott sich in Jesus vor annähernd 2000 Jahren mitten hinein in diese von ihm ins Dasein gerufene Welt begeben haben könnte, erscheint in dieser Zeit des Advents als ein fast ungeheuerlicher Gedanke! Doch wenn Gott der Urheber des Kosmos ist, dann ist auch dies gar nicht so unwahrscheinlich wie es zunächst scheinen mag.   (Rupert Pfeiffer)

 

6. Glaube und Vernunft

6.1. Gottesbeweise?

6.1.1. Zur Geschichte der "Gottesbeweise"

          (Textblatt)

Hintergrundinformation: Das "Höhlengleichnis" des Platon (Textblatt)

6.1.2. Anselm von Canterbury (1033-1109): "Ontologischer Gottesbeweis" 

vgl. Buch Leben gestalten 11 S. 108

  - Gott kann als Absolutes (= durch nichts anderes Bedingtes oder Verursachtes) vom Bereich des Vergänglichen (=Kontingenten) aus nicht erreicht werden. Also versucht Anselm die innere Evidenz des Absoluten nachzuweisen.

  Grundvoraussetzung: Etwas Gedachtes und tatsächlich Vorhandenes ist mehr wert als etwas nur Gedachtes!
                                     Beispiel: Eine auf dem Tisch vorhandene echte Mahlzeit ist besser als eine nur gedachte!

        Glaube an die Hierarchie der Seins-Begriffe
       => Gott muss als des Daseins Fülle das Größte sein
       => Gott kann nicht nur in unserem Denken sein, denn dann wäre etwas noch Größeres denkbar, nämlich ein Wesen, das auch tatsächlich existiert.
       => Gott muss als das Größte also auch in der Wirklichkeit existieren. Das ist der Punkt von dem aus nichts Höheres und Größeres mehr denkbar ist.

   Der ontologische Gottesbeweis versucht Gott nicht aus der Logik des Menschen heraus zu erklären, sondern aus dessen eigener Existenz. Wenn Gott das höchste Wesen ist, kann er nicht nur in unserem Denken existieren, weil sonst eine noch größere Wesenheit existieren könnte. Folglich existiert Gott auch in  Wirklichkeit.  


          

6.1.3. Die "quinque viae ad Deum" * des Thomas von Aquin (1225-1274)

vgl. Buch Leben gestalten 11 S. 108/109

* In dieser Form leider nur in der englischen Ausgabe von Wikipedia verfügbar!

      Gottesbeweise des Thomas von Aquin:

          ° via I: ”Bewegungsbeweis” (vgl. Aristoteles)

          ° via II: ”Kausalitätsbeweis”
             => Über- und Unterordnung von Wirkursachen
             => nichts in der Welt kann in sich selbst die Ursache haben,
              denn dann müßte es sich in seinem Sein vorausgehen
             => Gott als notwendige erste Wirk- und Entstehungsursache

          ° via III: ”Kontingenzbeweis”
             => Ursache der (“notwendigen) Lebewesen in sich selbst
             => keine Verfolgung dieser Kette bis ins Unendliche möglich
             => Gott als notwendig existierendes Wesen und als Ursache des Lebens

          ° via IV: ”Stufenbeweis” (siehe Platon bzw. Augustinus)

          ° via V: ”Finalitätsbeweis” oder  ”teleologischer Beweis”
             => jegliches Sein hat ein bestimmtes Ziel / Überall finden sich Strukturen, welche eine wohlgeordnete Natur erkennen lassen
             => Gott als notwendiger ordnender Geist (vgl. Stoiker / Zenon)

Die Grundlage des Gottesbeweises durch Thomas von Aquin bildet die Analogie des Seins-Begriffes. So können 5 Wege zu Gott führen: Der Bewegungsbeweis sieht Gott als erste anstoßende Wesenheit an,  wobei der Kausalitätsbeweis Gott als die erste unverursachte Ursache anerkennt und der Kontingenzbeweis ihm die Eigenschaft des Schöpfers allen Lebens zuspricht. Der Stufenbeweis beschreibt Gott als das höchste Wesenheit und nach dem Finalitätsbeweis ist er der ordnende Geist hinter allem Leben.



 6.1.4. Kritik der Gottesbeweise: Immanuel Kant (1724-1804), genannt der "Allzermalmer"

Die Biografie Immanuel Kants bietet ein Bespiel dafür, wie ein ausgesprochener Provinzler, der kaum je seine Heimatstadt Königsberg verließ, trotz der damit verbundenen Isolation allein aus der Kraft des Geistes Erkenntnisse gewinnt, welche die Anschauungsgrundlagen der Menschheit veränderten. In gewisser Weise ergeben sich hier Parallelen zwischen Kant und Einstein, deren beider Erkenntnisse zunächst ein Mal ja nur theoretischer Natur waren, die aber dennoch in der Folgezeit das Denken revolutionierten. So wie Einstein die Physik revolutionierte, so stellt das Werk Kants einen Wendepunkt in der Geschichte der Philosophie dar. Kant beschäftigte sich mit dem seit alters her als Metaphysik bezeichneten Denken und fragte nach den Bedingungen von Wirklichkeit.

Dabei erkannte er: Der menschliche Geist ist nicht in der Lage hinter die sichtbare Wirklichkeit zu blicken. Sein Erkennen ist schon deshalb nicht objektiv und neutral, weil in seinem Geist unbewusst die Vorstellungen von Raum und Zeit am Werk sind und der Mensch diese Maßstäbe auf das zu erkennende Objekt anwendet. Die Wirklichkeit zeigt sich dem Menschen also subjektiv auf Grund der besonderen Vorgegebenheiten seines Geistes. Aus dieser Erkenntnis heraus widerlegt er die früheren Gottesbeweise und nimmt ihnen die bis dahin geglaubte Beweiskraft

  - kosmologisch: vgl. viae I, II, III des Thomas von Aquin
             => Wer sagt denn, dass für Immanenz und Transzendenz dieselben Regeln Bewegungsregeln gelten? Zeit und Raum sind quasi in den menschlichen Geist als Maßstäbe (a priori) eingepflanzt: Mit diesen Maßstäben 
                   im  Kopf  nähern
sich Menschen der Wirklichkeit!
             => Es ist kein allgemeines Kausalitätsprinzip möglich, das sozusagen von der Immanenz (der von uns erlebten Wirklichkeit) in die Transzendenz (die Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit) hinüberreicht.

  - ontologisch: vgl. Canterbury, vgl. via IV
             => Es können auch Dinge gedacht werden, die nicht real existieren. Im Übrigen sind die Begriffe wie auch die Wertigkeiten auch nicht zwingend logisch im Sinne von einer Höherwertigkeit geordnet, welche einen Gipfel
                  haben muss.

          - teleologisch: vgl. via V des Thomas von Aquin
             => Ordnung als Erfahrung der Immanenz; es gibt aber ebenso die Erfahrung von Chaos und Unordnung
             => Somit ist die Erfahrung von Ordnung in der Immanenz kein Beleg für eine Geordnetheit der Transzendenz
 

In seinem Denken beschäftigte sich Kant mit dem Verhältnis von Gott, Freiheit und Unsterblichkeit. Dass man im Hinblick auf diese drei Fragekomplexe zu keinen gesicherten Antworten gelangen kann, liegt im Wesen der menschlichen Vernunft begründet.

          - Einteilung der Vernunft in "theoretische Vernunft" und "praktische Vernunft"
             => In Bezug auf die theoretische Vernunft: Scheitern der auf der reinen Vernunft begründeten Gottesbeweise, da den Menschen kein zwingender rationaler Beweis für das Transzendente möglich ist
             => Die (theoretische) Vernunft  kann die Existenz Gottes nicht beweisen, sie kann aber die Existenz Gottes auch nicht widerlegen.
             => dem Menschen ist laut Kant der Gottesgedanke “a priori” mitgegeben  (so wie auch die oben genannten Vorstellungen von Raum und Zeit)
             => praktische Vernunft: Sie bezieht sich auf praktisches Handeln, bei dem man auf eine unbedingte Verpflichtung stößt. Was Kant als "praktische Vernunft" bezeichnet, könnte man auch Gewissen nennen.

Gott ist für Kant ein Postulat der praktischen Vernunft. Er war keinesfalls ein gottloser Mensch oder Atheist. Er fühlte sich gedrängt, auf seine Weise die Existenz Gottes aufzuzeigen. Sein Weg wird in der Geschichte der Philosophie als "moralischer Gottesbeweis'" bezeichnet.       

              => Die menschliche Erfahrung zeigt: Es gibt ein Widerstreben von Neigung und Pflicht
              => Doch ist der Mensch nur glücklich, wenn er den Gegensatz zum harmonischen Ganzen vereinen kann

              => Das erste Postulat der praktischen Vernunft ist die Willensfreiheit:
                °  Diese beinhaltet die Freiheit als Muss, um Neigung und Pflicht vereinen zu können.
 

                ° bei sittlichem Handeln muss der Mensch ein Lebensziel haben, auf Dauer schafft es aber niemand,  Pflicht und Neigung auf Dauer in sich zu vereinen.
              => Es muss ein Leben über den Tod hinaus geben
              => Das zweite Postulat ist die Unsterblichkeit der Seele!
 

                ° Es muss nun ein Wesen geben, das Neigung und Pflicht perfekt vereint, ein Wesen, das die Unsterblichkeit der Seele garantieren kann .
              => Das dritte Postulat der praktischen Vernunft ist die Existenz Gottes

Darin besteht die moralische Gotteserkenntnis nach Kant. Diesen Weg nachvollziehen kann aber nur jemand, der wie Kant ein ausgeprägtes Pflichtgefühl hat wie er. Etwas chaotisch veranlagtere Gemüter mögen durchaus bezweifeln, ob das Glück des Menschen ausgerechnet darin besteht, Pflicht und Neigung zur Deckung zu bringen. Kant jedenfalls besaß das Pflichtgefühl eines preußischen Beamten, sein Leben war von Pedanterie und Pünktlichkeit geprägt. Jeden Tag stand er um fünf Uhr morgens auf. Pünktlich um zehn Uhr legte er sich schlafen. Darüber berichtet ein Zeitgenosse: "Durch vieljährige Gewohnheit hatte er eine besondere Fertigkeit erlangt, sich in die Decken einzuhüllen. Beim Schlafengehen setzte er sich erst ins Bett, schwang sich mit Leichtigkeit hinein, zog den einen Zipfel der Decke über die eine Schulter unter dem Rücken durch bis zur andern und durch eine besondere Geschicklichkeit auch and andern unter sich und dann weiter bis auf den Leib. So emballiert und gleichsam  wie in ein Kokon eingesponnen, erwartete er den Schlaf."

Zusammenfassung: Nach Kant sind alle auf der reinen Vernunft begründeten Gottesbeweise zum Scheitern verurteilt, da dem Mensch ein zwingender Beweis für die Existenz des Transzendenten nicht möglich ist, und somit der kosmologische, der ontologische wie auch der teleologische Gottesbeweis widerlegt. Er beschreitet den Weg eines moralischen Gottesbeweises, für den er Postulate formuliert, indem er von der Grundidee der Differenz von Neigung und Pflicht ausgeht. Weil der Mensch diese vereinen will, um vollständig glücklich werden zu können, muss er vollständig frei sein (WILLENSFREIHEIT). Handelt er nach sittlichen Normen, so muss es die Transzendenz geben, da diese Regeln sonst gegenstandslos wären (UNSTERBLICHKEIT DER SEELE). Wer würde sich an sittliche Regeln oder Gesetze halten, wenn diese nur leere Hirngespinste, also rein menschliche Erfindungen wären? Dies führt aber zur Erkenntnis der EXISTENZ GOTTES, der die Transzendenz erst möglich macht.


6.1.5. Glauben ohne Beweise?

          
      Blaise Pascal "Die Wette": 
(vgl. Punkt 2.4.2. im Semester Q11-1)

    bei aller Macht der menschlichen Vernunft kann man doch keine Erkenntnis über die Existenz Gottes erlangen
    => man steht an einem Abgrund, welcher Immanenz und Transzendenz voneinander trennt.

     Man kann an Gott glauben, muss es aber nicht  >  Blaise Pascal stellt dies unter den Gedanken einer Wette:
    => irgendwann wird sich herausstellen, ob er existiert oder nicht
     => der, der glaubt, hat die Gewissheit über Gott und das Wissen, im rechten Glauben
       gelebt zu haben
     =>der, der nicht glaubt, hat letztlich nur die Gewissheit, Recht behalten zu haben
    Stellt sich heraus, dass es keinen Gott gibt, ändert sich für beide eigentlich nichts. Stellt sich aber heraus, dass es Gott gibt, so gewinnt derjenige, der sein ganzes Leben schon an ihn geglaubt hat.

    => es geht nicht um die Gottesfrage, sondern um die Sinnfrage, die mit dieser unmittelbar zusammenhängt.


pascal


Auch wenn es heute keine "Beweise" für die Existenz Gottes mehr gibt, so kann der Glaube dennoch nicht ohne vernünftige Begründung auskommen:  (vgl. Punkt 2.5. im Semester Q11-1)

=> Methode der Konvergenz:  Es geht um die Bündelung der Argumente / Erfahrungen

      (Modell der Hängebrücke: Der einzelne Draht vermag die Brücke nicht zu tragen, wohl aber das aus Drähten geflochtene Seil) - Ebenso tragen die guten Glaubensargumente den Glauben!

Rheinbrücke in Rees  / Foto: R. Pfeiffer (10.04.2007)

In diesem Sinne rechtfertigte Max Planck auf einem wissenschaftlichen Symposium 1937 seinen Gottesglauben. Für ihn, den Mitbegründer der Quantentheorie, stand fest: Materie kann ohne Geist nicht existieren (Ähnlich sagte dies Dr. Thomas Görnitz bei einem vom "Wissenswerk Landshut" in der FH Landshut veranstalteten Podiumsgespräch im November 2002). Er - so Planck- schäme sich nicht, dieses Geistwesen, diesen geheimnisvollen Schöpfer hinter der Materie so zu nennen, wie ihn alle alten Kulturvölker der Erde seit Jahrtausenden nennen, nämlich GOTT. 

Zu warnen ist allerdings vor der Gefahr, aus dem Glauben eine reine Vernunftangelegenheit machen zu wollen. Dieser Versuchung hat die ganz junge Kirche im 1. Jahrhundert - Spuren dieser Auseinandersetzung finden sich selbst in neutestamentlichen Schriften wie dem Johannesevangelium - widerstanden und die gnostischen Strömungen (Gnosis = Erkenntnis; diese Lehre des 1. Jahrhunderts ging quasi von einer Selbsterlösung des Menschen durch Erkenntnis aus), welche das junge Christentum einkassieren wollten, zurück gewiesen. Glaube ist nicht an intellektuelle Erkenntnis gekoppelt, sondern Gnade, Geschenk Gottes, welches  jedem Menschen, auch dem geistig unvermögenden, zu Teil werden kann. So gesehen, tut die Katholische Kirche recht daran, dass sie Symbole und Zeichen in den Mittelpunkt des Gottesdienstes stellt, welche auch die Sinne und das Gefühl ansprechen, denn der Mensch besteht nicht nur aus Intellekt. 

Andererseits steht am Gymnasium ganz bewusst "Religionslehre" auf dem Programm. Diese ist die Vernunft und das Verstehen gekoppelt, aber keinesfalls mit "Religion" gleich zu setzen. Der Glaube eines einfachen Hinterwäldlers kann überzeugender und stärker sein als der eines Theologieprofessors, der sicherlich sehr viel mehr über den Glauben weiß.


6.2. An den Grenzen der Vernunft: die Trinität Gottes - entsprechend Semester 11/1 Punkt 3.4.2.3. Das zweite radikal Neue gegenüber dem Gottesbild des AT: der Heilige Geist als dritte göttliche Person! (Siehe dort!)

vgl. Buch Leben gestalten 11 S. 114/115

Hier nochmals ein paar Grundgedanken:

„Die göttliche Dreieinigkeit ist das Grundgeheimnis des christlichen Glaubens.“

..

„Jede Analyse muss davon ausgehen, dass die Dreieinigkeit ein undurchdringliches Geheimnis darstellt.“

(aus: „Trinität“ in: Handbuch theologischer Grundbegriffe, Bd. 4, ed. Heinrich Fries, S. 264)

 

Es handelt sich um einen nichtbiblischen Begriff vor dem Hintergrund antiker Philosophie, erstmals zu finden zu Beginn des 3. Jahrhunderts bei Theophilus von Antiochien im Osten („Trias“) und bei Tertullian im Westen („Trinitas“).

 

325 Konzil von Nizäa: Vater und Sohn sind „homoousios“ = wesensgleich und nicht „homoiousios“ = wesensähnlich.

 

381 Konzil von Konstantinopel: Ausweitung auf den hl. Geist: „... den Herrn und Lebensspender, der mit dem Vater und dem Sohn zugleich angebetet und verherrlicht wird.“

 

„Das 4. und 5. Jh. sind angefüllt mit dem Kampf gegen eine häretische Trinitätslehre und mit der Durchsetzung der Konzilslehre.“

(aus: „Trinität“ in: Handbuch theologischer Grundbegriffe, Bd. 4, ed. Heinrich Fries, S. 275)

 

 

Anknüpfungspunkte im AT:

 

„Engel Jahwes“ / „Wort Gottes“ / „Geist Gottes“ > „Ruach“ fem. / Weisheit > „Sophia“

 

„Jahwe“  „Ich werde als der da sein, als der ich da sein werde“

 

Anknüpfungspunkte im NT:

 

a)     Synoptiker > Mt 28,19 „ … und tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes ...“

b)     Paulus > „Geist“ ist der auferstandene Jesus

c)      Johannes > „Logos“ und „Paraklet“

 

 

Eine göttliche Natur / ein Wesen in drei Personen

 

„persona“ bezeichnet die Maske des Schauspielers im römischen Theater

 

> 1 Mensch kann im Theater durchaus drei Rollen übernehmen, zumal mit Maske!

 

> 1 Liter Wasser kann durchaus verschiedene Erscheinungsweisen beinhalten

    (Eis, Flüssigkeit, Dampf)

 

Jahrhunderte lang gab es Auseinandersetzungen mit dem Judentum bzgl. der Frage eines dreieinigen Gottes (vgl. Umbenennung des Synagogenplatzes in Landshut nach 1450  in „Dreifaltigkeitsplatz“!). Heute wird das Verständnis der Dreieinigkeit Gottes wichtig in der Auseinandersetzung mit dem Islam > Gottesname "Allah" bedeutet DER Gott (vgl. hebr. El).

 

6.3. Allah - das Gottesbild des Islam

Der Islam bezieht seine Vorstellung von Gott aus dem biblischen Gottesbild. Gottes Eigenschaften spiegeln sich auch in den 99 Namen Allahs, wobei der 100. Name als Geheimnis gehandelt wird. Insgesamt ergibt sich der Eindruck eines theokratischen Herrschers, wobei dem einzelnen Menschen eine untergeordnete Rolle zukommt, bedeutet 'Islam' doch 'Unterwerfung'. Vor diesem Hintergrund ist nicht Demokratie, sondern Theokratie das Staatsideal, so wie dies beispielsweise im Iran, der sich "Islamische Republik" nennt, sichtbar wird: Die Mullahs berufen sich auf den Willen Allahs und setzen ihn politisch um. Ähnliche Ideen vertreten die Taliban (sprich: Daliban), die "(Koran)-Schüler". Keiner der 99 Namen Allahs nennt ihn "Vater" oder "Liebe".

Damit ergibt sich ein großer Unterschied zum christlichen Gottesbild, predigte Jesus doch die Nähe Gottes, und nannte ihn entgegen aller zeitgenössischen jüdischen Vorstellungen vom fernen Gott  "Vater" bzw. noch skandalöser "Abba" als "Papa". Seine Heilungen von Menschen, die nach damals gängiger Auffassung durch ihre Krankheit oder Behinderung von Gott gestraft waren und so gesehen an ihrer Krankheit selbst schuld waren, sollte den Menschen klar machen: Gott straft nicht durch Krankheit, so wie dies im Satz "Deine Sünden sind dir vergeben!" zum Ausdruck kommt. Gott ist ein mit-leidender Gott: In Jesus, so glauben Christen, ließ Gott sich selbst zu Tode martern.

Verständlich, dass dort, wo Christen - so wie im katholischen Malta -  Gott ebenfalls "Allah" nennen, es zu Reibereien und Missverständnissen und letztlich zum Streit um das Wort kommen kann. In Malaysia wurde per Gerichtsentscheid festgestellt, dass auch Katholiken das Wort "Allah" gebrauchen dürfen.


felsendom

Felsendom in Jerusalem: Reine Ornamentgestaltung der Fassade - ohne Bilder! (Foto: R. Pfeiffer, Februar 2007)


D. Das christliche Menschenbild

7.   Der moderne Mensch

7.1. Lebensstile und Sinnoptionen

        "Wie ticken Jugendliche" - Sinus-Milieu-Studie U27 vom April 2008, erstellt im Auftrag von BDKJ und Misereor durch das Institut "Sinus Sociovision", Heidelberg

        Zusammenfassung der Sinus-Milieu-Studie U27

         Aktuell:

        Zusammenfassung der Sinus-Milieustudie 2016 (Altersgruppe 14 - 17 Jahre)


7.2. Was ist der Mensch? - Menschenbilder

7.2.1. Das Menschenbild der Logotherapie (Psychologisches Menschenbild) > siehe Skript
Q11/1 Punkt  1.4.

vgl. Buch Leben gestalten 11 S. 136/137

7.2.2. Das Menschenbild der Psychoanalyse > siehe Punkt 5.1.4.

7.2.3. Das Menschenbild des Islam > siehe auch Punkt 6.3.

Die 1927 im damals noch britisch regierten Indien gegründete "Gesellschaft der Verkündigung des Islam" (Tablighi Jamaat) gilt unter den islamischen Gruppen als die weltoffenste und somit moderateste. Dennoch versucht sie das Leben der Gläubigen inklusive der neugewonnenen Anhänger zu kontrollieren. In Deutschland begegnet uns aufgrund der großen Zahl türkischstämmiger Mitbürger sehr häufig eine kalifatisch bzw. osmanisch geprägte Sonderform des Islam.

Grundzüge des islamischen Menschenbildes, die aus dem Handout herauszulesen sind:

Islam bedeutet 'Unterwerfung' unter die absolute Herrschaftsgewalt Allahs. Aufgrund des in Punkt 6.3. näher vorgestellten Gottesbildes ist der Gläubige also Untertan, wobei Frauen nach Aussage des Koran (Sure 43, Vers 18) vor Allah und folglich auch in der vom Islam beherrschten Gesellschaft als Menschen zweiter Klasse eingestuft werden. Idealerweise sollte in der idealen islamischen Theokratie die Scharia (wörtlich: Der Weg, der befolgt werden muss) zu Anwendung kommen. Am Beispiel des Ehe- bzw. Scheidungsrechtes wird auch hier die geringere Position der Frau deutlich.

Der "große Dschihad" besteht im Kampf gegen die eigenen Schwächen auf dem Weg zu Gott, der "kleine Dschihad" bezeichnet den ggf. nötigen bewaffneten Kampf gegen die Feinde des Islam.

Eine maßgebliche Rolle spielt die Gemeinschaft der Gläubigen, die Umma. Sein Heil findet der Gläubige nur in dieser nicht auf Stammes- oder Verwandtschaftsbeziehungen, sondern allein auf die Religion als einigendem Band gegründeten und somit auch Nationen übergreifenden Weltgemeinschaft aller muslimischen Gläubigen. Einen individuellen Weg zum Heil, zumal außerhalb der islamischen Gemeinschaft gibt es nicht. Juden und Christen werden als vorübergehende Erscheinungen gedeutet, welche sich im Laufe der weiteren Ausbreitung des Islam auflösen werden. Dass es außerhalb des Islam kein Heil gibt, wird auch daran deutlich, dass nach dem Koran jeder den Tod verdient, der sich als Apostat vom Islam und damit von Allah abwendet.

vgl. Schicksal von Sabatina James, die als zum Katholizismus übergetretene Ex-Muslimin um ihr Leben fürchten muss und daher gezwungen ist, aus Sicherheitsgründen alle paar Monate ihren Aufenthaltsort zu wechseln.



7.3. Die biblisch-christliche Sicht vom Menschen

christ_menschenbild

zu Punkt 1: Während beispielsweise der Text des Koran unveränderliche Vorgaben macht, da er eins zu eins die an Mohammed überlieferten Worte Allahs enthält, hält  die Kirche nicht mehr an der Verbalinspiration der Bibel fest. Nach Aussage des II. Vatikanischen Konzils in der Dogmatischen Konstitution über die göttliche Offenbarung "Dei Verbum" hat sich Gott durch Menschen nach Menschenart geoffenbart. Deshalb ist "auf die vorgegebenen umweltbedingten Denk-, Sprach- und Erzählformen achten, die zur Zeit des Verfassers herrschten, wie auf die Formen, die damals im menschlichen Alltagsverkehr üblich waren" (Artikel 12).

In der heutigen komplexen Welt lassen sich viele Fragen nicht einfach aus der Bibel heraus beantworten. Somit bleiben Glaube und Theologie auf moderne wissenschaftliche Erkenntnisse angewiesen, auch wenn in der Vergangenheit (Fall Galilei) das komplemementäre Miteinander von (Natur-)Wissenschaft und Glauben noch nicht entwickelt war. Spätestens mit dem I. Vatikanischen Konzil, das bestimmte, dass Gott, der Schöpfer, mittels der Vernunft aus den geschaffenen Dingen mit Sicherheit erkannt werden könne, kann dieses grundsätzliche Miteinander als gesichert angesehen werden (vgl. Punkt 7.3.2.). Kirche versucht sich nicht in die Belange der Wissenschaft einzumischen bzw. eine theokratische Herrschaft über die Wissenschaft anzustreben, so wie dies im Mittelalter einmal war. Dass die Autonomie der Wissenschaften lange Zeit umstritten war, mag die (angebliche) Äußerung von Papst Leo XII. belegen, der sich demnach gegen die Pockenimpfung ausgesprochen haben soll.

Im Grunde enthält die christliche Lehre theokratiekritische Elemente, wenn z.B. der Evangelist Lukas in Lk 22, 24 ff. schreibt: 

24 Es entstand unter ihnen ein Streit darüber, wer von ihnen wohl der Größte sei.
25 
Da sagte Jesus: Die Könige herrschen über ihre Völker und die Mächtigen lassen sich Wohltäter nennen.
26 
Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern der Größte unter euch soll werden wie der Kleinste und der Führende soll werden wie der Dienende.

Als Reflex auf diese Passage zählt zu den Papsttiteln bis heute der Titel "servus servorum".

Jesus lebte selbst zur Zeit eines theokratischen Systems, galt der Tempel in Jerusalem doch als der Herrschaftssitz Gottes. Jesus geriet in Konflikt mit den Vertretern dieses theokratischen Systems, indem er den Tempel und die Tempelfrömmigkeit angriff und statt dessen Gott als den liebenden "Abba" = Papa den Menschen nahe brachte. Ein theokratischer Herrscher würde wohl andere Züge tragen! (vgl. Gottesbild im Islam!)

zu Punkt 2: Die aus der biblischen Schöpfungserzählung abgeleitete Gottebenbildlichkeit des Menschen (Genesis 1, 27: Gott schuf den Menschen als sein Abbild, als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie.) gilt grundsätzlich für jeden Menschen, auch den Nicht-Christen. Zudem sind Mann und Frau Ebenbild Gottes - eine Minderstellung der Frau verbietet sich von daher. In Psalm 8 ist davon die Rede, dass die Stellung des Menschen nur wenig unterhalb der Stellung Gottes selbst angesiedelt ist und dass ihm die Regentschaft über die Erde übertragen ist.

Mit ein Auslöser für die systematischen Christenverfolgungen im römischen Reich ab ca. 250 war die Tatsache, dass die Christen sich über die gesellschaftlichen Schranken der römischen Gesellschaft hinwegsetzten und so in den Verdacht gerieten, das Gefüge des antiken Staates zu zerstören, schrieb doch schon Paulus im Brief an die Galater (3,28): "Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau, denn ihr seid alle "einer" in Christus (= Messias) Jesus."

Schon in den Evangelien finden sich Hinweise auf den Wert und die Würde jedes Menschen: Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter stellt Jesus einen nach jüdischer Meinung Falschgläubigen als Vorbild vor, der das menschlich Richtige tut. Im Freundeszirkel der 12 Jünger finden sich mit Levi / Matthäus sowohl ein ehemaliger Zöllner wie auch mit Simon, dem Zeloten und vermutlich auch Judas Iskariot zwei ehemalige Untergrundkämpfer gegen die Römer, also von ihrem Werdegang und Hintergrund ehemalige Todfeinde.

Im Rückblick auf die Fussballweltmeisterschaft 2010 in Südafrika lässt sich anmerken, dass dieses Weltereignis in den Zeiten der rassistischen Apartheitsregierung dort wohl niemals stattgefunden hätte. Viele christliche Kirchen hatten jahrzehntelang die Abschaffung des Apartheid-Systems gefordert, weil die Ebenbildlichkeit des Menschen keine Trennung der Menschen nach Rassen erlaubt.

In säkularer Form wurde der Gedanke, dass jeder Mensch Gottes Ebenbild ist, mit anderen Worten in den Artikel 1 des Grundgesetzes übernommen: "Die Würde des Menschen ist unantastbar."

In der heutigen Zeit gerät die Menschenwürde vielfach in Gefahr, werden mit dem Fortschreiten von Medizin und Gentechnik doch zum Beispiel behinderte Menschen zunehmend diskrimiert und vorgeburtlich aussortiert. Doch auch jeder behinderte Mensch ist aus der christlichen Perspektive genauso wie der Gesunde Ebenbild Gottes, dem man die Menschenwürde nicht absprechen darf.

Letztlich ist die Gottesebenbildlichkeit jedes Menschen auch das stärkste Argument gegen die Todesstrafe, denn auch der schlimmste Verbrecher besitzt als Mensch noch einen Rest an Menschenwürde. Es ist allemal besser, wenn der Staat sich hier nicht zum Herrn über Leben und Tod im Namen der Gerechtigkeit aufschwingt und Menschen zwingt, als Henker tätig zu werden, sondern sich mit lebenslangem Wegsperren des Täters zufrieden gibt, zumal sich Justizirrtümer ja nie gänzlich ausschließen lassen. Bei der Abschaffung der Todesstrafe  in Frankreich, die schließlich 1981 mit parlamentarischer Mehrheit beschlossen wurde, engagierten sich auch die französischen Bischöfe. Am 19. Februar 2007 wurde das Verbot der Todesstrafe in die französische Verfassung übernommen.

zu Punkt 3: Fast bei jedem Regierungsgespräch mit Vertretern des chinesischen Staates stehen Menschenrechte auf der Tagesordnung. Die chinesische Regierung wiederum betrachtet dies als unzulässige Einmischung in ihre inneren Angelegenheiten, fehlt doch im chinesischen Denken der christliche Hintergrund völlig. Geht man vom konfuzianischen Weltbild aus, so hat sich jeder Mensch in das Gesamtsystem harmonisch einzupassen und das ist auch die chinesische Fiktion: Es gibt im auf Harmonie bedachten Staat keine ausgeprägten Individualrechte und somit auch keine Menschenrechtsverletzungen. Auch die vielen Bittsteller, die sich illegal in Beijing aufhalten, werden eher verfolgt als an entscheidender Stelle mit ihren Anliegen vorgelassen.

Dass es im chinesischen Denken keine Individualrechte gibt, wird auch in der Flagge der Volksrepublik China deutlich: Der große Stern symbolisiert die Partei und die vier kleinen Sterne die Klassen des Volkes.

Im Europa vor der Französischen Revolution gab es übrigens ebenfalls keine offiziellen Menschenrechte > vgl. 1. Semester Punkt 2.2.1. "Die Verweltlichung des Naturrechts und die Gesellschaftsvertragslehre"

Letztlich bleibt die Menschenwürde als unantastbares Menschenrecht nur garantiert, wenn sie durch eine dem menschlichen Zugriff entzogene Instanz, also letztlich Gott,  sicher gestellt wird. Gerät das Befinden über Menschenwürde in Menschenhand, dann wäre es konsequent wie die DDR früher von "Staatsbürgerrechten" zu sprechen, die der Staat verleihen oder auch entziehen kann. Von den Vätern des Grundgesetzes wurde aus der Erfahrung der Kriegsgräuel mit der massenhaften und systematischen Missachtung jeglicher Menschenwürde  - man denke nur an den Rassenwahn mit seiner Definition von Herren- und Mindermenschen - der Artikel 1 an den Anfang der Verfassung gestellt: "Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt." 

Längst gilt jedoch weithin Abtreibung als mit Artikel 1 Absatz 1 des Grundgesetzes vereinbar. Die rasende Entwicklung der Biomedizin - Stichwort "Stammzellenforschung" stellt das, was mit Menschenwürde gemeint ist, ebenfalls in Frage. Der ehemalige Bundesverfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde äußerte am 3. Sept. 2003 in der Frankfurter allgemeinen Zeitung seine Bedenken dahingehend, dass es selbst beim Begriff der Menschenwürde unter Juristen keine Einigkeit mehr gebe und verwies dabei auf die Neukommentierung von Artikel 1 des Grundgesetzes im Standardwerk, an dem sich deutsche Richter orientieren, dem sogenannten "Maunz/Dürig", wo es nunmehr heißt: "Für die staatsrechtliche Betrachtung sind jedoch allein die (unantastbare) Verankerung im Verfassungstext und die Exegese der Menschwürde als Begriff des positiven Rechts maßgebend." "Positives Recht" wird aber durch die laufende Rechtsprechung geschaffen und im Klartext bedeutet dies: Die Menschenwürde ist nicht mehr der Eckpfeiler, an dem sich alle Urteile auszurichten haben, sondern die ergangene Rechtsprechung bestimmt maßgeblich, was unter Menschenwürde zu verstehen ist. Somit kann man sich vorstellen, dass durch faktische Vorgaben - etwa die Erlaubnis zur embryonalen Stammzellenforschung oder auch zur Tötung auf Verlangen in einer Vielzahl von Ländern - das Verständnis von Menschenwürde beeinflusst wird. Menschenwürde wie Brauchtum aus dem Konsens von Parlamentariern und der Gesellschaft abzuleiten - das wäre wirklich fatal und sollte zu heftigem Protest Anlass geben. Von der Gottebenbildlichkeit jedes Menschen ausgehend, ist nach christlichem Verständnis die Menschenwürde  jedem Menschen von Gott selbst gegeben und niemand ist berechtigt, sie irgendeinem Menschen abspenstig zu machen. 

(Quelle u.a.: Christ in der Gegenwart Nr. 38/03 S. 315/316)

zu Punkt 4: Aus christlicher Sicht wird der Mensch als "gefallenes" Wesen beschrieben: Der Mensch hat Fehler, ist nicht perfekt. Deshalb bedarf er der Erlösung. Diese theologischen Aussagen sind allesamt eng an den Komplex "Freiheit" gekoppelt: Wie frei ist der Mensch? Wie abhängig? Erlösung wiederum hat etwas mit der Rückgewinnung der Freiheit zu tun.

Andere Denker und Philosophen haben eine durch und durch positive Sicht des Menschen: Bei Sartre ist der Mensch absolut frei! Niemand pfuscht ihm ins Handwerk! Ist der Mensch nun gut oder böse? Die Bibel und somit der Christ kennt beides und bleibt dabei durchaus realistisch: Der Mensch kann Heiliger sein oder werden oder als Sünder getrennt von Gott existieren. Seine Freiheit gestattet ihm das.

Aus christlicher Sicht ist die Freiheit des einzelnen Menschen allerdings begrenzt. Persönliche Schuld (Sünde) kann er nur dort auf sich laden, wo er sich frei für das Böse und somit die Absonderung von Gott entscheiden kann. Viele Menschen besitzen diese Freiheit gar nicht, weil die Umstände, unter denen sie leben, ihnen keine Entscheidungsfreiheit lassen. Der Theologie spricht hier traditionell von "Erbsünde" (Den Begriff erfand der hl. Augustinus) oder moderner, von "transpersonaler Schuld". Wieviel Freiheit haben beispielsweise die Kinder eines alkoholsüchtigen Elternpaares, später nicht selbst süchtig zu werden? Werden sie Alkoholiker, kann man dies ihnen nur schwerlich anlasten.

Ein Hinweis darauf, dass es vielleicht genügt, nur ein Mal im Leben von der freien Gewissensentscheidung Gebrauch zu machen, findet sich im Umfeld der Kreuzigung Jesu. Im Lukasevangelium (Lk 23, 39 - 43) findet sich die Stelle, wo Jesus dem mitgekreuzigten Schächer (möglicher Weise ein Untergrundkämpfer gegen die Römer, der Menschenleben auf dem Gewissen hat) das "Paradies" verspricht, nachdem er sich für Jesus eingesetzt hat und gegen die lästerlichen Bemerkungen des anderen Mitgekreuzigten das Wort erhoben hat. Das "Paradies" war nach damaliger jüdischer Vorstellung der Warteraum der Gerechten auf den Himmel! Hier also qualifiziert sich ein Mensch in letzter Minute für den Himmel! (Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg, wo auch die letzten, die nur eine Stunde garbeitet haben, den vollen Lohnbekommen, unterstreicht diesen Interpretationsansatz!). Vielleicht ist es mit dem Glauben tatsächlich so, wie an der Straßenbahnhaltestelle, wo alle 10 Minuten eine Straßenbahn vorbeikommt. Man kann viele Straßenbahnen vorbeifahren lassen, aber irgendwann sollte man halt einsteigen!

Geht das Christentum einen Mittelweg, so bestreiten andere Denker die Freiheit des Menschen überhaupt. Man spricht dann von Determinismus, weil ohne Freiheit ja alles von vornherein festgelegt ist. Ein solches System vertrat der Psychoanalytiker Siegmund Freud: Freud leugnete die Existenz menschlicher Freiheit und sieht ähnlich wie Karl Marx den Menschen als einen Teil der Materie. 

Geht man vom 1. Modell der menschlichen Psyche ("Eisbergmodell") aus, dann reißt für das Bewusstsein die Ursache-Wirkungskette der Motive dort ab, wo Freud den "Zensor"  vermutet. Diese Ursache-Wirkungskette setzt sich aber im Unbewussten fort.

Geht man vom 2. Modell der menschlichen Psyche ("Ich - Es - Über-Ich") aus, dann enden die Ursache-Wirkungs-Ketten im Es bzw. im Überich. Je nach dem, welche Kraft stärker ist, ergibt sich automatisch ein gewisses Verhalten. In späterer Zeit gestand Freud dem Menschen für den Fall, dass die Kräfte des Es und Überich gleich stark wären, eine freie Entscheidung zwischen beiden Möglichkeiten zu. Mit diesem Alternativismus erschöpfte sich für ihn der Freiraum des Menschen aber auch schon.

Anmerkung: Psychoanalyse setzt auf Verhaltensänderung des Menschen durch Einsichtnahme in das eigene Verhalten mit Hilfe des Therapeuten! Würde der Psychoanalytiker den in der Freudschen Lehre angelegten Determinismus ernst nehmen, dann liefen alle seine therapeutischen Bemühungen ins Leere und wären letztlich sinnlos!

zu Punkt 5: > vgl. 1. Semester Punkt  2.4.3. "Nahtoderfahrung / Todesforschung (Dr. Kunhardt-Schröter) und moderne Hirnforschung", speziell den Unterpunkt "Biblische Aspekte"

Der Glaube an die Auferweckung Jesu von Toten beinhaltet die Hoffnung, dass auch Christen eines Tages eine Zukunft bei Gott haben werden.

zu Punkt 6: Als Beispiel dienen die Aussagen des ehemaligen österreichischen Bundeskanzlers Wolfgang Schüssel über sein Verständnis von christlicher Politik.

zu Punkt 7: Christen suchen Orientierung, indem sie sich die Frage stellen: Wie würde Jesus an meiner Stelle handeln bzw. wie hätte er gehandelt?

Dabei gibt es keine Patenrezepte! Hilfreich ist vielleicht die Erfahrung der Benediktiner: Wer in den Benediktiner-Orden eintreten will, muss sich als Gottsucher verstehen! 

"Man achte genau darauf, ob der Novize wirklich Gott sucht, ob er Eifer hat für den Gottesdienst, ob er bereit ist zu gehorchen und ob er fähig ist, Widerwärtiges zu ertragen." (Aus der Regel des hl. Benedikt)

Hilfreich ist vielleicht auch die Erfahrung der seligen Edith Stein. Hierzu ein Zitat aus dem Fastenhirtenbrief 2003 des damaligen Münchner Erzbischofs Friedrich Kardinal Wetter: 

"Edith Stein berichtet, dass sie sich als 15-Jährige bewusst das Beten abgewöhnt habe. Sie konnte mit Gott nichts anfangen. Aber sie war immer auf der Suche nach der Wahrheit. 15 Jahre später geht ihr die Wirklichkeit Gottes auf und sie lässt sich taufen. In der Rückschau sagte sie: "Meine Suche nach der Wahrheit war ein einziges Gebet." und: "Wer die Wahrheit sucht, sucht Gott." Edith Stein hat durch viele Jahre hindurch die Wahrheit gesucht und Gott gefunden. Auch wer auf der Suche nach Gott ist, ist Gott nahe, vielleicht näher als der, der meint, mit Gott auf Du und Du zu stehen.

Vergessen wir nicht: Suchende sind wir alle, so lange wir auf Erden leben. Auch wenn wir Gott gefunden haben, mit Jesus verbunden sind und unser Leben in der Gemeinschaft mit Jesus führen, bleiben wir vor dem unauslotbaren Geheimnis Gottes immer noch Suchende. Dieses Suchen endet erst am Ende unserer Pilgerschaft, wenn wir in der Ewigkeit Gott unverhüllt von Angesicht zu Angesicht schauen."

Vielleicht macht ein Mensch auch die  Erfahrung, dass Gott in unserer Welt oftmals zu schweigen scheint. Auch ein oftmals scheinbar schweigender Gott sollte nicht zur Aufgabe des Glaubens führen. Gerade dafür plädiert der atheistisch-marxistische Philosoph Max Horkheimer, der sich vor allem in den letzten drei Jahren seines Lebens stärker mit der Religion befasste. Für Horkheimer lag der Wert der Religion vor allem darin, angesichts von Ungerechtigkeiten in der Welt die Sehnsucht nach dem "Ganz-Anderen" (eine philosophische Umschreibung für Gott von jemandem, der aus irgendwelchen Gründen Gott nicht "Gott" nennen will) offen zu halten und so einen Ausweg aus der Sinnkrise zu finden.


 
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letzte Änderung/ last update: 20.10.2026