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Katholische Religionslehre 17/19 PFE - Stoffüberblick
Jahrgangsstufe 11 - 1. Kurshalbjahr - Inhaltsverzeichnis
A. Religion in der offenen
Gesellschaft: Tausend Möglichkeiten, doch nur ein Leben!
0. Einführung ins Thema
1. Religion
als
Phänomen in der heutigen Gesellschaft
1.1. Beobachtungsfeld Werbung vor dem
Hintergrund der Grundfragen
des
Menschen nach Immanuel
Kant
1.2. Beobachtungsfeld
Popmusik
1.3. Beobachtungsfeld Kunst
1.4. Definition von "Religion"
1.5. Religion und das menschliche
Grundbedürfnis nach Sinn ( > Ansatz der Logotherapie nach
V. E. Frankl)
2. Die
Vielfalt religiöser Strömungen in unserer Zeit ("Jahrmarkt
der Möglichkeiten")
2.1. Überblick über das Verhältnis von
Glauben und Atheismus
2.2. Das Erbe der Säkularisation
2.2.1. Die Verweltlichung
des Naturrechts und die Gesellschaftsvertragslehre
2.2.2.
John Locke (1632 - 1704)
2.2.3. Die Säkularisation von 1803 in Bayern
2.2.4. Kirche und Staat in der Bundesrepublik
Deutschland
2.2.5. Moderne
Dogmen:
Materialismus,
Empirismus, Atheismus
2.2.6. Die
Seelenfangmethoden der Sekten, "Gesundheitssekten" und
Psychogruppierungen als Gegenpol zur Religionsfreiheit /
Konterkarierung der Religionsfreiheit
2.3. Wahrheit und Toleranz:
Die Position der Katholischen Kirche
2.3.1. Ökumene / Ökumenismusdekret
2.3.2. Erklärung des II. Vatikanischen
Konzils zu den nichtchristlichen Religionen ("Nostra aetate")
2.3.3. Einblicke in das Sinnsystem des Glaubens
2.3.3.1. Symbol
2.3.3.2. Die
Messe als sinnstiftendes, heiliges Schauspiel (> "Sprache,
Bilder, Symbole")
2.4. Die Grenzen des Erkennens
2.4.1. Was ist Wirklichkeit?
2.4.2. Die Wette des Blaise Pascal
2.4.3. Nahtoderfahrung / Todesforschung (Dr.
Schröter-Kunhardt) und moderne Hirnforschung
2.5.Entscheidungskriterien
B. Wege zu Gott: die Bibel als
Zeugnis der Gotteserfahrung
3. Die Bibel als Glaubensurkunde
3.1. Der Stellenwert der Bibel heute
3.2. Historisch-kritische Auslegung am
Beispiel der Weihnachtsgeschichten
3.2.1. Historischer Hintergrund
3.2.2. Gottesbild
3.2.3. Protest
3.2.4. Römische Besatzung und Kaiserkult
3.2.5. Die Weihnachtserzählung nach Matthäus
3.2.6. Die Weihnachtserzählung nach Lukas
3.3. Gotteswort im Menschenwort
3.4. Die Bibel als Spiegel von
Gottes Wirken in der Geschichte
3.4.1. Überblick über die
geschichtliche Entwicklung des Gottesbildes im Alten Testament
3.4.2. Das
Gottesbild des NT
3.4.2.1. Die grundsätzliche Übereinstimmung mit dem
Gottesbild des AT
3.4.2.2. Das erste radikal
Neue gegenüber dem Gottesbild des AT: Jesus - Christus - Gottes Sohn -
Gott
3.4.2.3. Das zweite
radikal Neue gegenüber dem Gottesbild des AT: der Heilige
Geist als dritte göttliche Person
3.5. Die Stellung des Koran im Islam
A. Religion in der
offenen Gesellschaft: Tausend Möglichkeiten, doch nur ein
Leben!
0. Einführung
Cartoon -
Sprach das eine Känguruh zum anderen: "Die Kernfrage ist:
"Woher kommen wir, wohin gehen wir?" Antwort: "Ist doch
klar: von da nach dort".
Der Cartoon
spielt mit zwei Ebenen: der konkreten physischen des
Auf-dem-Weg-seins" und der metaphysisch-philosophischen, wo
es um die Sinnfrage geht. Darauf haben Menschen seit
Urzeiten sehr verschiedenen Antworten gefunden - religiöse
wie philosophische oder weltanschauliche - oder auch nicht
gefunden, was sich in Hoffnungslosigkeit bis hin zum Suizid
äußern kann. Insofern lässt sich sagen, dass die persönliche
Antwort auf die Sinnfrage für das eigene Leben von höchster
Wichtigkeit ist.
1. Religion als
Phänomen in der heutigen Gesellschaft
1.1. Beobachtungsfeld Werbung vor dem
Hintergrund der Grundfragen
des
Menschen nach Immanuel
Kant
Werbung will die Menschen unbewusst
bei ihren Grundbedürfnissen ansprechen - deshalb werden in mehr
oder weniger offensichtlicher Weise letztlich religiöse
Botschaften vermittelt. Der Begriff "religiöse Botschaften" ist
hier in einem sehr allgemeinen Sinn zu verstehen, also im Sinne
existenzieller Grundfragen,
wie sie bereits der Philosoph Immanuel Kant vor mehr als 300
Jahren formulierte: Was kann ich wissen? Was darf ich hoffen? Was
soll ich tun?
| Friedhofseröffnung
für die Fans von Schalke 04 |
Begräbnis-Angebot
für den wahren Schalke-Fan |
Das
Wort religio kommt von einer ... lateinischen Wurzel mit der
Lautung [leg] die ein sorgfältiges Sich-Kümmern, Hingabe,
Ehrfurcht bedeutet. Diese Wurzel liegt auch in den Verben
intelligere = einsehen, neglegere = vernachlässigen sowie
diligere = wertschätzen
vor. Wenn man also schon etymologische Beobachtungen zur
Deutung des Wortes Religion heranzieht, dann sollte Religion mit
Hingabe, Sorgfalt, Ehrfurcht und Achtsamkeit umschrieben werden.
Dazu für den sprachkundigen oder sprachinteressierten Leser die
notwendigen Begründungen:
Die Ableitung von religare =
zurückbinden verbietet sich, da das Wort dann korrekterweise nur
religatio Iauten könnte. Dass religio und seine Stammverwandten
intelligere, neglegere und diligere nicht der Wurzel ‚leg’,
also dem Verbum legere = lesen zuzuordnen ist, zeigt der
Unterschied in der Perfektbildung: legere = lesen bildet das
Dehnungsperfekt legi, die drei anderen genannten Verben bilden
ein s Perfekt, also intellexi etc. Ein Verbum ‚religere’
mit der Bedeutung wieder und wieder lesen kann ich in den mir
vorliegenden lateinischen Wörterbüchern nicht finden.
Quelle: Christ in der Gegenwart 27/04:
Beitrag von Reinhard Deichgräber, Bad Malente (Aus den
Leserbriefen)

"Die Menschen erwarten von den
verschiedenen Religionen Antwort auf die ungelösten
Rätsel des menschlichen Daseins, die heute wie von je
die Herzen der Menschen im Tiefsten bewegen: Was ist der
Mensch? Was ist Sinn und Ziel unseres Lebens? Was ist
das Gute, was die Sünde? Woher kommt das Leid, und
welchen Sinn hat es? Was ist der Weg zum wahren Glück?
Was ist der Tod, das Gericht und die Vergeltung nach dem
Tode? Und schließlich: Was ist jenes letzte und
unsagbare Geheimnis unserer Existenz, aus dem wir kommen
und wohin wir gehen?"

Anders als der Mensch hat
das Tier kein Sinnproblem, da es überwiegend von Instinkten
gesteuert wird. Der Mensch hat einen guten Teil seiner Instinkte
eingebüßt und sich deshalb (früher) die Tradition als
"Ersatzinstinkt" geschaffen. In der modernen Welt sind aber
diese Traditionen nicht mehr bindend, ja von vielen werden sie
als Einschränkung erfahren. In dieser Welt ohne Bindung und
Orientierung suchen Menschen oftmals Sinn, indem sie sich an dem
orientieren, was andere tun (> Konformismus bis hin zum
Totalitarismus - Frankl erklärt so das Phänomen des
Nationalsozialismus) oder sie flüchten in irgendwelche Süchte. Such-t
kann als falsche Antwort auf die Sinnfrage bzw. als
Sinnmangelzustand gedeutet werden.
Anmerkung zum Thema Traditionsverlust
oder wie die Einführung der Zentralheizung in Finnland zu einer
erhöhten Suizidrate führte (Quelle: Vortrag der Frankl-Schülerin
Dr. Elisabeth Lukas):
Vor Einführung der Zentralheizung musste im Sommer Holz für den
Winter gesammelt werden. Traditionell begab sich die Großfamilie
am Sonntagnachmittag auf einen Spaziergang in die Wälder und
jeder nahm so viel Holz unter den Arm, wie er tragen konnte.
Nach Einführung der Zentralheizung bestand keine Notwendigkeit
mehr, Holz zu sammeln und so unterblieben die Spaziergänge.
Wichtiger als Sapzierengehen und Holzsammeln waren jedoch die
Gespräche gewesen, die unterwegs geführt wurden. Dabei konnten
sich die Familienmitglieder viele Probleme von der Seele reden.
Indem die Spaziergänge unterblieben, fielen auch die Gesrpäche
aus mit der Folge, dass die Menschen mit ihren Problemen alleine
blieben und in der Folge sich die Depressionen ausbreiten
konnten, die letztlich zu vermehrten Suiziden führten.
Nach der Überzeugung Frankls
kann Sinn nicht erzeugt oder gemacht werden, sondern er wird
gefunden. Mögliche Sinnantworten erwachsen aus dem Leben selbst.
Skeptisch äußert sich Frankl
gegenüber der von anderen psychologischen Schulen vertretenen
“Selbstverwirklichung”. Sinn wird
seiner Meinung nicht gemacht, sondern gefunden und zwar
transzendent, was bei ihm
so viel bedeutet wie “außerhalb der eigenen Person”. Sinnfindung
erfolgt allein auf Grund der Zuwendung zu einer Sache, Aufgabe oder
Person außerhalb des Menschen selbst. Eine Neuorientierung des
Lebens ist nach Meinung der
Logotherapie grundsätzlich in jedem Stadium des
Erwachsenenalters noch möglich.
Im Rahmen seines logotherapeutischen Ansatzes entwickelte Viktor
Frankl die therapeutischen Instrumente der Existenzanalyse, der
paradoxe Intention und der Dereflexion. Bei der Existenzanalyse
wird die Biographie zusammen mit dem Therapeuten im Hinblick auf
mögliche Sinnansätze untersucht, bei der paradoxen Intention rät
der Therapeut dazu, genau das zu tun, wovor man sich fürchtet
und bei der Dereflexion versucht der Therapeut nicht zuletzt mit
der Kraft des Humors die Fixierung des Patienten auf real nicht
existierende Ängste und Bedrohungen aufzulösen.

Süddeutsches
Institut
für Logotherapie GmbH
Österreichisches Ausbildungsinstitut für Logotherapie und Existenzanalyse
Professor Viktor Emil Frankl
verstarb hochbetagt am 2.9.1997.
Anmerkung: Das "existenzelle Vakuum" im Spiegel des Suchtverhaltens:
(Quelle: Vortrag der Psychagogin Christa Meves,
Salzstadel - Landshut 2.7.1999)
Noch in den 40er-Jahren konnte man von Einzelfällen
sprechen, heute hat sich das Suchtverhalten epidemisch
verbreitet! Das sogenannte "Koma-Saufen" von Kindern an der
Schwelle zum Jugendalter ist der letzte Hinweis auf die
epidemische Ausbreitung von Suchtkrankheiten.
Fazit:
In der Bundesrepublik Deutschland gibt es derzeit
Jeder Süchtige belastet mit seiner Sucht
durchschnittlich 2 Angehörige!
Das Leben von 24 Millionen der insgesamt 86 Millionen
Bundesbürger wird durch Sucht geprägt bzw. beeinträchtigt!
2. Die
Vielfalt religiöser Strömungen in unserer Zeit ("Jahrmarkt der
Möglichkeiten")
2.1.
Überblick
über das Verhältnis von Glauben und Atheismus

2.2. Das Erbe
der Säkularisation
2.2.1. Die Verweltlichung des Naturrechts und
die Gesellschaftsvertragslehre
Renaissance, Humanismus und
Aufklärung führten zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert zu einer
Säkularisierung, (d.h. Verweltlichung
ohne weitergehende göttliche Begründung) des Naturrechts. Es
wurde somit entchristlicht
und enttheologisiert und nunmehr wiederum, wie schon zu Zeiten
der Stoa, allein aus der Vernunft
begründet. So behauptete der holländische Rechtsgelehrte Hugo de Groot (nach Renaissance-Mode
latinisiert: Hugo Grotius), dass das durch die Vernunft
gefundene Naturrecht auch dann gelten würde, wenn es keinen Gott
gäbe. Der Mensch müsse die
Freiheit haben, sein Leben und seine Umwelt gemäß der Vernunft
zu gestalten. Neben diese
Forderung nach innerer Freiheit als der Freiheit, vernunftgemäß
zu denken und sich von den Fesseln unvernünftiger Leidenschaften zu
befreien, trat alsbald die Forderung nach äußerer Freiheit als
der Freiheit von unvernünftigen
sozialen und politischen Fesseln.
Mit diesem vernunftbegründeten
Naturrecht eng verbunden ist die rationalistische
Staatsvertragslehre. Danach
wurde ohne Anspruch auf historische Richtigkeit behauptet, dass
das ursprünglich freie Volk einen Vertrag mit dem Herrscher abgeschlossen
habe, in dem es sich selbst zu Gehorsam verpflichtete, sofern
der Herrscher Sicherheit,
Ordnung und bestimmte Rechte gewährleiste. Als Zweck dieses
Vertrages wird vor allem der
Schutz von Leben, Freiheit und Eigentum der Bürger gesehen.
Verletzt der Herrscher diese Rechte, so sei Widerstand von Seiten der Untertanen
zulässig. Zweifelsohne kollidierten diese Vorstellungen
mit dem Bild von einem
Königtum von Gottes Gnaden.
In einer Passage aus einem "Kalenderblatt" des Hörfunkprogramms Bayern 2 Radio vom 6. September 2004 wird deutlich, was in Zeiten des Absolutismus ein Menschenleben wert war und wie weit man von Menschenrechten damals entfernt war:
Ludwig der
XIV. hat sich indes von seinem Vorgänger Franz auch die Liebe
zur Jagd abgeschaut. Franz hatte den Wald rund um Chambord mit
einer 32 Kilometer langen Mauer einzäunen lassen und inszenierte
darin seine Parforce-Jagden auf Sauen und Hirsche. Wie Franz
ließ auch Ludwig die Tiere grausam zu Tode hetzen, wobei Reiter
und Hunde den Bauern die Felder zertrampelten und die Landleute
als Treiber nicht selten den Tod fanden. In einem
landwirtschaftlichen Buch des 17. Jahrhunderts steht zu lesen,
"daß offt arme bloße unbekleidete Leute im harten kalten Winter
mit hinaus auff die Jagd müssen, und draußen für dem Netze so
erfrieren, daß man ihnen darnach die Schenckel ablösen muß, oder
daß man sie todt oder erfroren hinter den Bäumen findet."
Die Menschenrechte waren damals eben noch nicht erfunden, und
das Gewissen war der höfischen Gesellschaft abhanden gekommen.
So eine Jagd ist doch auch eine zu lustige Sache! Wer sollte da
an Untertanen denken?!
2.2.2.
John Locke (1632 - 1704)
Den historisch betrachtet
gewichtigsten Niederschlag fanden diese Theorien bei John Locke,
dem klassischen Vertreter
der Idee der Menschenrechte und Begründer des modernen
Liberalismus. In seinem Hauptwerk Two Treatises on Government (1690)
geht Locke von der unzweifelhaft vorausgesetzten Rationalität
des Menschen aus. Er
konstruiert einen idealen Naturzustand, in dem es noch keinen
Staat gibt und die Menschen vollkommen
frei und gleich sind. Ihre Vernunft zeige den Menschen, dass es
Rechtsgrundsätze gibt, die sie beachten müssen: das Recht jedes Menschen
auf Leben, auf Freiheit, auf Eigentum. Diese Rechtsgrundsätze
sind für Locke ewiges und
unabänderliches Naturrecht.
Anmerkung: Das Recht auf Leben ist
eigentlich nie bestritten worden. Freiheit heißt, nach der
Vernunft leben zu dürfen.
Das Recht auf Eigentum erwirbt sich der Mensch durch seine
Arbeit an Naturgütern. Nach
Locke leben die Menschen in diesem idealen Urzustand in
erträglichen Verhältnissen. Schwierigkeiten gibt es allein bei der Verfolgung von
Rechtsbrechern, da es keine Organisation gibt, die für Recht und
Sicherheit sorgt. Hier muss sich
jeder selber helfen und es regiert das Faustrecht. Die Vernunft
gebietet nun den Menschen,
sich zusammenzutun um gemeinsam für den Schutz von Leben,
Freiheit und Eigentum zu sorgen.
So schließen sie freiwillig einen ersten Vertrag, in dem der
Einzelne auf Selbsthilfe gegen Rechtsbrecher verzichtet. Damit ist durch
freiwillige Vereinbarung die Gesellschaft entstanden.
Es fehlt aber nun noch eine Institution, deren Aufgabe es ist, für die Sicherung der Rechte der Bürger zu sorgen: es gibt noch keinen Staat. Deshalb überträgt in einem zweiten Vertrag die Gesellschaft durch Zustimmung der Mehrheit ihrer Mitglieder einer Person oder einer Gruppe von Personen diese Aufgabe. Der Staat entsteht.
Immanuel Kant (1724 - 1804) hat Recht,
wenn er im Gesellschaftsvertrag keine historische Tatsache
sieht,
sondern eine “regulative Idee”. Die
Wirkung der Locke`schen Theorie beruht zuvorderst auf der
Annahme, dass der Mensch noch vor dem Staat Rechte besitzt, die
zu wahren der Staat überhaupt erst eingerichtet wird. Damit wies
Locke den Staat in die Grenzen, die ihm der Liberalismus als
politische Idee hinfort setzte: Der Staat ist allein dazu da, Leben, Freiheit und
Eigentum seiner Bürger zu schützen. Ansonsten hat er sich um
nichts zu kümmern
(“Nachtwächterstaat”).
Die Wirkungsgeschichte der
Locke`schen Idee lässt sich an Hand folgender Dokumente verfolgen:
England 1688: “Glorious Revolution” - erste konstitutionelle Monarchie
Bill of Rights von Virginia / USA 12.6.1776
Declaration of Independence 4.7.1776
Französische Revolution 1789
Allgemeine Erklärung der Menschenrechte durch die Vereinten Nationen 1948; Umsetzung / Ratifizierung / Anerkennung ab 1976
2.2.3. Die Säkularisation
von 1803 in Bayern
("Säkularisation."Microsoft®
Encarta® Enzyklopädie 2001. © 1993-2000 Microsoft)
Napoleon
machte
1806
Bayern
zum Königreich.
1816
(nach
dem
Wiener
Kongress) gab es für Bayern territoriale Zugewinne, auch
wenn das bis 1780 bayerische Innviertel sowie das Salzburger
Land endgültig an Österrreich fielen.
5.6.1817:
Konkordat
zwischen
Papst
Pius VII. und König Max Joseph von Baiern:
Folgen der Säkularisation
in Landshut
(Foto: R. Pfeiffer,
Feb. 2006)
Dieser
Grabstein
in
Landshut
/
Hl. Blut zeigt, dass es auch in der Kirche Priester gab,
die versuchten sich den modernen, vernunftorientierten
Ideen anzuschließen: ("altmodische") christliche Symbolik
fehlt hier völlig!
2.2.4. Das Verhältnis von Kirche und Staat in
der Bundesrepublik Deutschland
(im
Vergleich
zu
einigen
ausgewählten Ländern)
siehe
Arbeitsblatt "Ohne die christlichen Wurzeln geht es nicht"
(LAZ v. 15. Okt. 2009)
In der Präambel zum Grundgesetz
wird ausdrücklich Gott genannt:
Präambel1Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, von dem Willen beseelt, als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen, hat sich das Deutsche Volk kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz gegeben.... |
Artikel 1 des Grundgesetzes weist
eine große Nähe zur biblischen Schöpfungserzählung in Gen
1,27 ("Gott schuf den Menschen nach seinem Bild") auf :
Artikel 1
|
Die Artikel 3 und 4 des
Grundgesetzes garantieren die Religionsfreiheit:
Artikel 3(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. (2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin. (3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden. Artikel 4(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich. (2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet. (3) Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit
der Waffe gezwungen werden. Das Nähere regelt ein
Bundesgesetz. |
Die in diesen Artikeln niedergelegte
Neutralität gegenüber den Religionsgemeinschaften
darf nicht verwechselt werden mit einer grundsätzlich
verordneten Gleichgültigkeit wie z.B. in den USA, wo das
Weihnachtsfest nicht mehr als christlicher Feiertag definiert
ist! (Stattdessen gibt es "Seasons Greetings" aus dem Weißen
Haus). Washington Cathedral ist ein Ort religiöser Neutralität
und steht grundsätzlich jeder Glaubengemeinschaft offen. dennoch
bedeutet dies nicht, dass der deutsche Staat seine im Grundgesetz
festgelegte religiöse Neutralität verletzt: noch immer gehören
die meisten Bürger dieses Landes nominell einer der beiden großen
Religionsgemeinschaften in Form der Katholischen und der
Evangelischen Kirche an,
die somit allein auf Grund ihrer Größe ein, wenn auch
tendenziell abnehmendes (vgl. Kruzifixurteil*) politisches
Gewicht und damit auch einen
entsprechenden Einfluss besitzen. Durch die deutsche
Wiedervereinigung 1990 ergibt sich ein deutliches
West-Ost-Gefälle, was die Zugehörigkeit zu einer Kirche
betrifft: Sind im Westen noch ca. 80% der Menschen gottgläubig,
so sind es im Osten gerade mal 20%. Da es sich bei Staatsbürgern
und Gläubigen ja nicht um verschiedene Menschen handelt, haben
sich nach dem Zweiten Weltkrieg bewährte Formen der Kooperation
zwischen Kirche und Staat entwickelt. Von Diskriminierung
anderer zu reden macht keinen Sinn, denn auf Antrag kann jede
Religionsgemeinschaft die selben
Rechte wahrnehmen wie die beiden großen Kirchen. So gibt es an
bayerischen Schulen derzeit altkatholischen, orthodoxen und
israelitischen Religionsunterricht. Im Lernmittelverzeichnis stehen für den
neuapostolischen Religionsunterricht
lernmittelfrei zugelassene Schulbücher. Der Einzug der Kirchensteuer durch die staatlichen
Finanzämter stellt eine Serviceleistung des Staates dar, welche im Übrigen von den Kirchen mit 3%
der Einnahmen bezahlt wird. Auch
die in Deutschland lebenden Juden zahlen auf diese Weise den von ihrer Religionsgemeinschaft
festgesetzten Beitrag.
Ein Blick auf das Nachbarland
Österreich, das ebenfalls die Kirchensteuer kennt und wo die
Kirchen unabhängig vom Staat eigene Kirchensteuerämter
betreiben müssen, zeigt, dass hier viel mehr Geld in Form von
Verwaltungskosten für die eigentliche Kirchenfinanzierung
verloren geht.
| Kirchensteuermodelle |
Die Rechtslage aller Religionsgemeinschaften ist also
grundsätzlich gleich, nicht aber ihr durch die Zahl (Katholische Kirche
/ Evangelische
Kirche) oder die Geschichte
(Juden
- Zentralrat der Juden) bedingtes
politisches Gewicht und damit die Notwendigkeit des Staates, mit
ihnen zu kooperieren. Die
beiden großen Kirchen haben in der BRD den Status einer
Körperschaft des Öffentlichen Rechts, d.h. sie können ihre
internen Angelegenheiten selbst regeln. So müssen
MitarbeiterInnen in katholischen oder evangelischen
Einrichtungen in der Regel der eigenen Konfession angehören. Auf
katholischer Seite macht der Umgang mit geschiedenen
Wiederverheirateten immer wieder Schwierigkeiten und produziert
bisweilen Schlagzeilen, besteht die Kirche doch bei ihren
MitarbeiterInnen auf der Übereinstimmung der Lebenführung mit
den von ihr vertretenen Grundprinzipien. Gewerkschaften stören
sich an den in den Kirchen gültigen Arbeitsregelungen des
"Dritten Weges", die ein Streikrecht ebensowenig vorsehen wie
die Übernahme gewerkschaftlich ausgehandelter
Tarifvereinbarungen / Tarifverträge.
Der Einfluss der Kirchen wird zukünftig wohl abnehmen, denn der Anteil der Kirchenmitglieder in der BRD liegt derzeit bei ungefähr 60% bei abnehmender Tendenz. Ca. 2025 wird die Mehrheit der Bürger vermutlich keiner Kirche mehr angehören.
Im Falle der in Deutschland lebenden Muslime besteht die Schwierigkeit, dass geschätzte - es gibt keine offizielle Statistik! - 3½ Millionen der in der BRD lebenden Muslime ihre Religion nicht praktizieren. Der Religionswissenschaftliche Medien- und Informationsdienst e.V. nennt diese Zahl von 3½ Millionen ebenfalls, wobei maximal 367.000 in Moscheevereinen organisiert sind. Die praktizierenden Muslime haben eine starke Bindung an ihr Herkunftsland, wobei die Sprache des Herkunftslandes eine große Rolle spielt. Kooperationen und Zusammenschlüsse erfolgen eher auf lokaler Ebene. Im Ergebnis führt dies zu einer großen Zersplitterung, die kaum Ansprechpartner bietet. Der Zentralrat der Muslime hat zwar 19 Mitgliedsverbände, die aber nur ca. 12.000 Muslime in Deutschland repräsentieren! Das Fehlen von Ansprechpartnern und verantwortlichen Gremien auf muslimischer Seite hat bis dato auch die Einrichtung muslimischen Religionsunterrichts an den Schulen erschwert, da niemand da ist, der für muslimische Lerninhalte auf breiter Ebene Garantien übernehmen könnte.
* Das Kruzifixurteil des Bundesverfassungsgerichtes vom Sommer 1995 belegt, dass
der gesellschaftliche Einfluss der Kirchen im politischen Leben
abgenommen hat. Die Tendenz zur fortschreitenden Säkularisierung
der Gesellschaft findet hier ihren Ausdruck in einer
höchstrichterlichen Entscheidung. Religionsfreiheit wird nach
diesem Urteil vor allem als Schutz von Minderheiten, also
negativ, verstanden. Doch hat der auf das “Kruzifix-Urteil”
folgende Massenprotest deutlich gemacht, dass zumindest in
Bayern, die Kirche nach wie vor eine bedeutende
gesellschaftliche Kraft darstellt.
2.2.5. Moderne Dogmen: Materialismus,
Empirismus, Atheismus
Als Begründer der bis heute
gültigen Methodik in den modernen Naturwissenschaften gilt Galileo Galilei (1564 - 1642)
Allerdings beschäftigte man sich auch schon vor Galilei, z.B. in der Antike mit naturwissenschaftlichen
Fragen. Der Frageansatz aber lautete stets "warum?".
Beispiel: Warum fallen Körper zu Boden?
In der Antike hätte man dies so
erklärt: Alle Körper sind schwer und suchen ihre natürliche Lage
im Mittelpunkt des Kosmos, den man sich selbstverständlich in
der Erdmitte dachte. Warum ist dies so? Weil die Götter dies so
eingerichtet haben. Also endete die Fragekette stets mit der Gottesfrage.
Der in Pisa, der Stadt des weltbekannten "schiefen Turms" geborene Galileo Galilei führte nun folgenden Dreischritt in die Naturwissenschaften ein:
1.) Beobachtung / Experiment
2.)
mathematische
Formel
/
“Naturgesetz”
3.) Verifizierung / Experiment
Nachdem er den "schiefen Turm" in
seine Fallexperimente einbezog, lässt sich das so beschreiben:
Galilei maß die Fallhöhe und die Zeit
des Falls eines Körpers bis zum Aufschlag. Seine Messwerte ging
in seine berühmte mathematische Formulierung der Fallgesetze
ein:
g = 9,81 m/sec2
Von Galilei ist der Ausspruch überliefert, dass die Mathematik die Sprache sei, mit der die Rätsel des Universums entschlüsselt werden!
Bis heute wurden Galileis Fallversuche x-mal reproduziert und verifiziert. Im Vergleich zur antiken Naturwissenschaft beinhaltet dieses Vorgehen jedoch eine Veränderung der Fragestellung, beschreibt doch Galileis Versuchsanordnung allenfalls wie Körper zu Boden fallen, während die Frage nach dem Warum unbeantwortet bleibt. Immerhin war die Naturwissenschaft mit dieser neuen Methodik den historischen Ballast der Gottesfrage los und konnte sich nunmehr ganz der Erforschung der Natur widmen. Die weitere Entwicklung hin zur atheistischen Naturwissenschaft ist allerdings nicht Galilei anzulasten, der selbst ein gottgläubiger Mensch war.
Im Laufe der Zeit und parallel zum
Erfolg der Naturwissenschaften, die immer mehr Phänomene
erklären konnten, veränderte sich das Welt- und Gottesbild
vieler Wissenschaftler, sodass im 19. Jahrhundert viele
Naturwissenschaftler, die in der Mehrzahl nun bekennende
Atheisten waren, erklärten, bald alle Naturphänomene erklären zu
können. Diese Phase, in der die Allmacht der Naturwissenschaften
betont und ein Alleinvertretungsanspruch im Hinblick auf die
Erklärung der Welt vertreten wurde, beschreibt der Begriff "Szientismus".
Bis heute prägt der dogmatische Dreisatz der Szientisten weite
Kreise der Naturwissenschaften:
1. Alles ist Materie.
2. Es existiert nur, was im Sinne des Empirismus
messbar und zählbar, also letztlich mit den Sinnen
fassbar ist, unter Zugrundelegung des Kausalprinzips.
3. Da Gott nicht empirisch nachgewiesen werden kann, existiert
er nicht. Der wahre Wissenschaftler bekennt sich also zum Atheismus.
Auch wenn dieses Grunddogma
weiterhin großen Einfluss auf die Sicht unserer Welt hat, so
erhebt sich dagegen doch zunehmend Protest. Der amerikanische
Philosoph Ken Wilber
empfindet diese naturwissenschaftlich geprägte Sichtweise der
Welt und des Menschen und nennt sie "flatland": Hier werde die
zweidimensionale Oberfläche einer Landkarte als die Wirklichkeit
an sich ausgegeben. Leben sei jedoch von seiner Deimension her
viel tiefer strukturiert. Eine ähnliche Sicht vertritt der
tschechischstämmige amerikanische Philosoph und Psychiater Stanislav
Grof, der die Fähigkeit des menschlichen Geistes in
kosmisch-religiöse Sphären auszugreifen ganz und gar nicht als
krankhaft, sondern als ganz und gar zum Menschen gehörig
einstuft. Im Gegensatz zu den meisten Ansätzen der Psychologie
und Psychiatrie sieht er das Festhalten am
naturwissenschaftlichen Dogma (Materialismus, Empirismus,
Atheismus) als Verkümmerung des menschlichen Wesens, als
Verarmung des Geistes.
(Anmerkung: Grof ist kein Christ,
sondern Anhänger fernöstlicher Religionen - hier aber geht es
allein um die Bewertung religiöser Erfahrungen unabhängig von
der Glaubensrichtung!)
Die großen Versprechungen der
Naturwissenschaften haben sich nicht erfüllt: Durch die
Quantenphysik wurde dem Szientismus quasi der Boden entzogen,
denn Materie ist hier nur eine Form von Energie, keinesfalls
eine feste Konstante. Der seit 1970 eingeführte Begriff der Dekohärenz
beschreibt die Wirklichkeit als Wechselwirkung von Quanten.
Demnach werden alle Phänomene der "klassischen Physik" durch
permanente Wechselwirkung von Teilchen auf der Quantenebene
erzeugt. Auch entziehen sich quantenmechanische Prozesse der
Messbarkeit durch "klassische" Messinstrumente, weil unter dem
Einfluss dieser Messinstrumente Wechselwirkungen ausgelöst
werden, welche die Messvoraussetzungen verändern. Folgt man also
dem Prinzip der Dekohärenz, so sind Wirklichkeit und Materie
keine fixen Größen, sondern sie werden permanent durch die
Wechselwirkungen von subatomaren Teilchen auf der
Quantenebene erzeugt. Die Chaostheorie zeigt ebenfalls die
Grenzen der klassischen Physik nach der von Galileo Galilei
eingeführten Vorgehensweise auf: neben geordneten Bereichen, in
denen Kausalitäten gelten und Voraussagen im Sinne der
"Naturgesetze" möglich sind, existieren demnach chaotische
Bereiche, in denen eben keinerlei exakte Voraussagen möglich
sind, sondern nur Wahrscheinlichkeiten gelten.
Dr. Thomas Görnitz, einer von
Deutschlands besten Physikern, erklärte auf die Frage, ob,
sofern er sich entscheiden müsse, die Natur eher als Materie
oder als Geist zu beschreiben sei, wohl das Letztere zuträfe. So
bei einem vom "Wissenswerk Landshut" in der FH Landshut
veranstalteten Podiumsgespräch im November 2002.
Dem strengen Weltbild des
Marxismus-Leninismus folgend, welches in der Materie
monokausal die einzige Ursache des Daseins sieht, hätte die
Sowjetunion niemals Atombomben bauen können, denn diese
setzten ja die Wandlung von Materie in Energie voraus, was der
materialistischen Grundthese von der Ewigkeit der Materie
total widerspricht.
Auch wenn wir unseren Wohlstand zu großen Teilen naturwissenschaftlichen Erfolgen verdanken, so haben die Naturwissenschaften uns eben auch die Atombombe beschert und die Mittel zur globalen Zerstörung in die Hand gegeben. Die Umweltkrise wurde mit durch den Fortschritt der Naturwissenschaften ausgelöst und verstärkt das Unbehagen, abgesehen davon, dass Naturwissenschaften keine Sinnantwort für das menschliche Leben liefern können.
Viele Menschen stellen heute
die Errungenschaften der Schulmedizin, die der Theorie nach
streng kausal-wissenschaftlich vorgeht, in Frage und wenden
sich lieber den "sanften Naturheilverfahren" zu. Verdeutlichen
lässt sich dies am Beispiel Penicillin. Während im Ersten
Weltkrieg noch die meisten Soldaten an Infektionen infolge
oftmals gar nicht so großer Verletzungen starben, spielte
diese Todesursache nach Entdeckung der Penicilline durch Alexander
Fleming im Jahr 1928 im Zweiten Weltkrieg fast keine
Rolle mehr. In einer ZDF-History-Sendung wurde mitgeteilt,
dass ohne Penicilline jeder dritte Zuschauer jetzt nicht vor
dem Fernseher säße.
Vor allem akademisch gebildete junge Eltern misstrauen oftmals
der Schulmedizin und halten Penicilline für potenziell
schädlich. Deshalb verringern Sie bei ihren Kindern
eigenmächtig die vom Arzt verschriebene Penicillin-Dosis
in der Meinung, ihren Kindern damit Gutes zu tun. Tatsächlich
aber besteht die Gefahr, dass Sie Ihren Kindern eine
Penicllin-Resistenz bescheren, da die Bakterien nur teilweise
abgetötet werden und sich letztlich penicillin-resistente
Bakterienstämme entwickeln.
Vor diesem Hintergrund und natürlich
auch der abnehmenden integrativen Kraft der als altmodisch und
rückständig empfundenen Kirchen entstand und entsteht auf einer
anderen Ebene ein religiöses Vakuum, in welches heutzutage viele
Gruppen vorstoßen. Esoterik und alternative Heilslehren boomen.
Sie alle versprechen den nach Sinn Suchenden Sinngebung, aber um
welchen Preis? Wer sich ein Bild machen will, braucht sich nur
das entsprechende Ecke mit spirituell-esoterischer Literatur in
einer Buchhandlung anzusehen.
Exemplarisches
Beispiel
für eine Sekte: Zeugen
Jehovas
Auszug aus einem Interviewskript mit Dr.
Behnk, Sektenbeauftragter der Evangelischen Kirche in
Bayern
Zwei Hauptschienen der Mitgliederwerbung
durch Sekten: A > "Du passt wunderbar zu uns!
Dich können wir super gebrauchen!"
B > "Du hast ein Problem? Wir haben die
Lösung!"
Daneben gibt es weitere Gründe, warum
Menschen in einer Sekte zu Hause sind bzw. dort landen:
| Die wohl beste, da umfassendste und informativste Übersicht über Kirchen, Religionen, Sondergruppen, Sekten findet sich unter www.relinfo.ch |
Ein bezeichnendes Licht auf das Gebaren von Sekten und
Esoterikgruppen wirft auch ein Vergleich mit sogenannten "Cargokulten",
wobei die Ähnlichkeiten hoffentlich
frappierende Einsichten ermöglichen!
2.3. Wahrheit und Toleranz: Die
Position der Katholischen Kirche
2.3.1. Ökumene / Das Ökumenismusdekret
des II. Vatikanischen Konzils
2.3.2. Erklärung des II. Vatikanischen
Konzils zu den nichtchristlichen Religionen (Text von > "Nostra aetate")

vgl. Buch Leben gestalten 11, S. 29
2.3.3. Einblicke in das Sinnsystem des Glaubens
Das
Wort "Symbol" (vgl. Erklärung bei
Wikipedia) stammt aus dem Griechischen: sym-ballein
bedeutet soviel wie "zusammenfügen". Handelte es sich
ursprünglich z.B. um Tonscherben, die als eine Art Ausweis zur
Wiedererkennung eingesetzt wurden, so wird heute zumeist ein
Zeichen mit Wissen verbunden. Fehlt das Wissen, bleiben die
Zeichen rätselhaft.
Dies
gilt auch für die Europafahne: Woher kommen die 12 Sterne auf
blauem HIntergrund?
Grundsätzlich
neigen Symbole zur Vieldeutigkeit, sind also nicht immer auf
eine Bedeutung "festzunageln". Den Prozess der durchaus
vieldeutigen Interpretation spiegelt der Artikel
zur Europaflagge in Wikipedia wider! Demnach ist die
religiöse Interpretation wie auch die Urheberschaft von Paul
M.G. Lévy nur eine von mehreren Möglichkeiten gemäß dem Motto:
Ganz genau weiß man es nicht! Aber egal, welcher Interpretation
man folgt: Ganz sicher haben die zwölf Sterne überhaupt nichts
mit der Zahl der Gründerstaaten zu tun! Darin sind sich alle
Deutungen einig!
2.3.3.2. Die Messe als sinnstiftendes, heiliges
Schauspiel (> "Sprache, Bilder, Symbole")
Eine
Zusammenstellung des Hintergrundwissens, das zur
Entschlüsselung und zum Verständnis der in der Messfeier
gebräuchlichen Symbolik beitragen kann, findet sich unter dem
folgenden Link: "Messe"
Jerusalem,
Schauplatz
der Ereignisse um Jesus Christus, bildet den Ausgangspunkt der
Messfeier mit ihren zwei Hauptteilen Wortgottesdienst und
Mahlfeier (Eucharistie). Auch in der Messfeier erfolgt ein
Ortswechsel durch den Priester am Übergang vom
Wortgottesdienst zur Mahlfeier, wenn er sich vom Priestersitz
(Sedile) an den Altar begibt:

2.4. Die Grenzen des Erkennens
Mit Hilfe einer Zweifarbenbrille bekommen spezielle Fotografien bei der Betrachtung eine dritte Dimension. Obwohl in der Fotografie angelegt, entsteht das räumliche Bild erst im Gehirn des Betrachters. Auch beruhen sogenannte "optische Täuschungen" auf einer fehlgeleiteten Wahrnehmung, d.h. die Täuschung entsteht ebenfalls im Gehirn des Betrachters.
Im Internet finden sich diverse Sites, die sich mit optischen Täuschungen beschäftigen:
- Wirklichkeit ist somit ein Produkt des Geistes eines Menschen und somit primär subjektiv!
Dass Wirklichkeit ein Produkt des Geistes ist, belegen Wahrnehmungsstörungen, wie sie bei Patienten in psychiatrischen Anstalten auftreten. Dort gibt es tatsächlich Menschen, die sich beispielsweise für Napoleon halten. Aus ihrer subjektiven Perspektive ist das die Wirklichkeit - alle anderen Menschen verkennen sie und sind nach Meinung des kranken im Irrtum befangen. Manche Menschen entwickeln auch eine sogenannte "multiple" Persönlichkeit, d.h. in ein und der selben Person existieren scheinbar mehrere Personen nebeneinander und leben dabei jeweils in ihrer eigenen Wirklichkeit.
Auch alte Menschen in Pflegeheimen leben teilweise in einer anderen Wirklichkeit. So beklagte sich beispielsweise eine 90-Jährige bei ihrem Gesprächspartner, dass ihre Mutter sie am Morgen beim Ankleiden überhaupt nicht beachtet habe. Die Aussage, dass die Mutter ja schon tot sei und das so nicht stimmen könne, hilft dieser Person jedoch nicht weiter!
Der folgende Witz spielt mit der
subjektiven Wahrnehmung von Wirklichkeit:
In einer
psychiatrischen Anstalt zieht einer der Patienten an einem
Bändchen seine Zahnbürste hinter sich her. Das Pflegepersonal
kennt dies bereits und so wird der Patient gefragt, ob er
wieder ein Mal seinen Hund Gassi führe.
"Ja sehen Sie denn
nicht, dass das eine Zahnbürste ist?" entgegnet der Kranke
leicht entrüstet. Nachdem das Pflegepersonal außer Sichtweite
ist, dreht er sich um und sagt: "Geh, Fiffi, den hamma sche
ausgeschmiert!"
Neue Gefahren für die Wahrnehmung der Wirklichkeit bzw. neue Möglichkeiten des Wirklichkeitsverlustes wurden durch die neuen computergestützten Medien geschaffen: Hier schildern Eltern, wie sie ihren Sohn an die Computerwirklichkeit verloren haben:
Auch aus der Perspektive der Naturwissenschaft wird klar, dass
es Wirklichkeit an sich nicht geben kann: Das was wir als
Wirklichkeit im Sinne der klassischen Physik wahrnehmen beruht
auf den scheinbar ungeordneten Vorgängen der Quantenphysik, wo
sich weder Orte noch Geschwindigkeiten bestimmen lassen, ja wo
Teilchen sich teilen und an verschiedenen Orten "gleichzeitig"
auftreten können. Jeder Messvorgang greift in das Verhalten der
Quantenteilchen ein und verändert es. Prof. Harald Lesch sieht
in den biologischen Gesetzen einschließlich des Alters den Preis
dafür, dass Lebewesen über längere Zeit in der Welt stabil
existieren können.
------------------
Ein Blick in die deutsche Sprachgeschichte zeigt, dass hinter dem Wort "wirklich" zwei Bedeutungen stehen.
° W1 :
diese erste Bedeutung ist bereits für das 13. Jahrhundert
belegt, wobei "wirklich" damals im Sinne von "wirksam" verwendet wurde. Wirksamkeit
beinhaltet eine subjektive, psychologische Komponente.
° W2 : die
zweite und heute dominante Bedeutung im Sinne von "tatsächlich
existierend" ist erst für das 15. Jahrhundert belegt. Hierbei geht es
darum, ob etwas objektiv existiert.
Derzeit erleben wir die wirtschaftlich unsichersten Zeiten seit Jahrzehnten! Welchen "wirklichen Bedrohungen die Weltwirtschaft ausgesetzt sein wird, ist auch eine psychologische Frage! Wenn viele Menschen aus Angst vor der Krise beginnen ihr Geld von den Banken zurückzufordern und es abheben, verschärft dies unweigerlich die Krise! Wie sehr diese Krise die Weltwirtschaft wirklich (im Sinne von W2 = tatsächlich) bedroht, vermag derzeit niemand zu sagen. Dies wird sich erst in der Zukunft herausstellen.
Diese beiden Bedeutungen von
"wirklich" gilt es auch für den Bereich des Glaubens oder auch
für die Existenz Gottes im Auge zu behalten. Denn ob ein Mensch
an Gott glaubt oder nicht, das vorhandene bzw. das nicht
vorhandene Gottesbild erzeugt in jedem Falle Wirkungen, die sich
auf die Lebensweise bzw. das Leben auswirken. Diese Wirkungen im
Sinne von W1 sind psychologisch nachweisbar.
Die Frage, ob Gott im Sinne von W2 wirklich existiert, lässt
sich nicht durch Beweis oder Gegenbeweis entscheiden, sodass
sich die Existenz bzw. Nicht-Existenz Gottes erst in der Zukunft
herausstellen wird.
2.4.2. Blaise Pascal: “Die Wette”
Blaise Pascal, der französische Mathematiker und
Philosoph, stellt die Gottesfrage in Form einer Wette vor.
Grundsätzlich steht die Vernunft vor einem unüberbrückbaren
Abgrund was die objektive Erkenntnis der Existenz Gottes
betrifft. Deshalb bedenkt er die Konsequenzen von Glauben und
Nicht-Glauben. Der Ungläubige kann nur verlieren: Entweder ist
mit dem Tod wie erwartet eh alles aus oder er hat sich geirrt
und wird bestraft. Wenn hingegen der Glaubende sich irrt und mit
dem Tod alles aus ist, so ist es eben so, aber es geschieht ihm
nichts. Sollte es Gott aber geben, wird er belohnt werden. So
gesehen ist die Position des Glaubens letztlich die bessere
Option, was die Wahrscheinlichkeiten betrifft. (siehe Buch Leben gestalten 11, S.
110/111)
2.4.3. Nahtoderfahrung / Todesforschung (Dr. Kunhardt-Schröter) und moderne Hirnforschung
Textblatt: Interview mit Elisabeth Kübler-Ross
Interessant erscheint in diesem Zusammenhang die Homepage von Dr. Raymond Moody, der in den 70er-Jahren in seinem Buch Leben nach dem Tod (Reinbek, 1977) die Erfahrungen klinisch Toter beschrieb und damit die Diskussion eröffnete. Vielfach ist inzwischen das Phänomen dokumentiert, dass das vom Körper getrennte Bewusstsein über Wahrnehmungskanäle verfügt, die sich auf herkömmliche Weise nicht erklären lassen. Dr. Kübler-Ross berichtet sogar von Blindgeborenen, welche nach Rückkehr aus dem Zustand des klinischen Todes sagten: Jetzt weiß ich, was Farben sind! In o.a. Interview bezieht sich Elisabeth Kübler-Ross auf das Bild des Schmetterlings, der vom Raupenstadium über den scheinbar toten Zustand der Puppe als Schmetterling eine neue Gestalt gewinnt.
Dieser Vorgang ist auch rein mathematisch-physikalisch betrachtet ein Dimensionswechsel: Die an Oberflächen (x2) klebende und sich in der Fläche bewegende Raupe wird zu einem Lebewesen, das den Luftraum und damit die 3. Dimension (x3) beherrscht. Ähnlich kann der Tod des Menschen physikalisch betrachtet als Wechsel aus der Zeit (x4) in eine höhere Dimension verstanden werden.
Nicht nur Elisabeth Kübler-Ross, sondern auch die christliche Tradition kennt das Bild vom Schmetterling. So wurde in Regensburg ein Schmetterlingskreuz aus dem Mittelalter als Grabbeigabe gefunden, das auf die Jahre zwischen 1310 und 1320 datiert werden kann:
|
Schmetterlingskreuz aus dem Jahre 1310/1320 / Fundort: Regensburg |
Auch in Landshut wurden auf dem Grundstück des ehemaligen Kapuzinerklosters beim Bau des City-Centers Gräber aus früherer Zeit mit Skeletten der Mönche freigelegt. Diesen war ebenfalls ein Schmetterlingskreuz mit ins Grab gegeben worden.
Replik eines Schmetterlingskreuzes. Derartige Schmetterlingskreuze wurden dem Vernehmen nach Anfang der 90er-Jahre auf dem Gelände des City-Centers Landshut, dem ehemaligen Gelände des Landshuter Kapuzinerklosters gefunden. (Foto R. Pfeiffer)
Einen aktuelle Übersicht über den Stand der Sterbeforschung bietet die Deutsche Sterbeforschungs-Homepage von Bernard Jakoby. Besonders eindrucksvoll ist der Fall Pam Reynolds, die ein Nahtoderlebnis hatte, obwohl wegen einer riskanten Gehirnoperation alle körperlichen Funktionen künstlich herabgesetzt waren. Offensichtlich hinderte dies ihren Geist nicht an der exakten Wahrnehmung der Vorgänge im Operationssaal - trotzt lückenloser medizinischer Überwachung durch Messgeräte.
Am 11. November 2008 hielt der Arzt, Neurologe und Psychiater Dr. Schröter-Kunhardt, einer der führenden Experten in der Nahtodforschung in Deutschland, im Bürgersaal in Ergolding einen Vortrag zum Thema "Nahtoderfahrungen - ein neurobiologisches Programm des Gehirns zur Vorbereitung auf ein Leben nach dem Tod".
In seiner knappen Freizeit (ohne jegliche staatliche Förderung oder DFG-Unterstützung) forscht Dr. Schröter-Kunhardt seit vielen Jahren auf dem Gebiet der Thanatologie und meint, dass NDE-Erlebnisse auf ein mögliches Leben nach dem Tod hindeuten. Seine persönliche Fallsammlung umfasst derzeit ca. 300 Fälle. Schröter-Kunhardt vergleicht dabei unser Gehirn mit einem Computer, in dem ein vorinstalliertes Programm integriert ist. In Todesnähe wird im Gehirn ein Programm abgerufen, das den Zweck verfolgt, uns auf ein Leben nach dem Tod vorzubereiten: "Diese Software muss irgendeinen Sinn haben. Und der Sinn kann nur der sein – das ist die einzige logische Folgerung –, dass das Leben mit dem Tod nicht zu Ende ist. Ansonsten wäre die Software sinnlos."
Als besonders
beeindruckend, da durch Fakten belegbar, stellte Dr.
Schröter-Kunhardt den Fall der Berlinerin Sabine Uhlig vor,
welche die Geburt ihres dritten Kindes im Zustand des klinischen
Todes miterlebte.
Im Grunde hat jeder Mensch, der geboren
wird, schon einen Dimensionswechsel hinter sich. Die Lunge muss
- wie ein Fallschirm -schlagartig funktionieren - ansonsten wäre
Leben außerhalb des Mutterleibes nicht möglich!
Durchaus aufschlussreich ist das fiktive
Gespräch zweier Zwillinge im Bauch der Mutter über die
Frage, ob es ein Leben nach der Geburt gibt.
Biblische Aspekte:
Zur Zeit Jesu war im Judentum die Frage nach dem persönlichen Weiterleben Verstorbener nicht unumstritten. Die religiösen Führer aus der Hohepriesterpartei der Sadduzäer lehnten diese Lehre ab, ja bekämpften sie sogar, da sie ihrer Meinung nach ja keine Grundlage in den von ihnen allein als Wort Gottes anerkannten fünf Mosebüchern, der Torah, hatten. Die Hoffnung auf ein persönliches Weiterleben nach dem Tod speiste isch allein aus den Prophetenschriften, in denen allerdings die Pharisäer wie auch Jesus ebenfalls Gottes Wort erblickten. In diese Diskussion der Schriftgelehrten wird Jesus hineingezogen als die Sadduzäer zu ihm kommen um seine Meinung zu erkunden (vgl. Mk 12, 18 - 27). Das absurde Beispiel der Sadduzäer von den sieben Brüdern, die nacheinander eine Frau heirateten, um den jeweils zuvor verstorbenen Brüdern posthum zu Nachkommen zu verhelfen (Nach Sadduzäermeinung lebte man vor allem in den Nachkommen weiter!) und den im Jenseits zu erwartenden Rivalitäten unter den Ex-Ehemännern weist Jesus unter Hinweis auf die völlige Andersartigkeit des Daseins im Jenseits ("sie werden sein wie die Engel im Himmel") zurück. Deutlich bekundet er unter Rückgriff auf die Torah (Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs spricht zu Moses am brennenden Dornbusch, wobei er von den Verstorbenen im Präsens spricht!) seine unumstößliche Überzeugung, dass die Toten im Jenseits lleben: "Er ist doch nicht ein Gott von Toten, sondern von Lebenden. Ihr irrt euch sehr." (Mk 12, 27)
Im Hinblick auf die richtige Einordnung von "Botschaften aus den Jenseits" gibt sich Jesus skeptisch, wenn man der Erzählung vom armen Lazarus folgt. Der Reiche bittet Abraham, den Lazarus zu seinen Brüdern zu senden, um diese vor dem Weg in die Hölle zu bewahren. Am Ende der Erzählung in Lk 16, 31 heißt es: "Wenn sie auf Mose (=die Torah! PFE) und die Propheten nicht hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht."
(In Deutschland leben nach Studien ca. drei Millionen Menschen, die ein Nahtoderlebnis hatten. Allerdings bleibt dies praktisch ohne größere Auswirkung auf das religiöse Leben in Deutschland.)> "Die Ungleichzeitigkeit des Sternenhimmels"
Bei der Betrachtung des Sternenhimmels bietet sich ein Bild der Ungleichzeitigkeit: Nur 11 Sterne sind näher als 10 Lichtjahre an der Erde!!! Viele Sterne, deren Licht wir sehen, mögen schon gar nicht mehr existieren.|
"Hubble" space-telescope |
500 Millionen Lichtjahre |
|
> "Rattenexperiment"
Wie stark die im Kopf
gespeicherte subjektive Wirklichkeit das Leben
beeinflusst, wurde mir auf einem logotherapeutischen
Vortrag deutlich. Frau Dr. Elisabeth Lukas vom Süddeutschen
Institut für Logotherapie schilderte ein Experiment mit
Ratten. So wurde eine Ratte in
einen mit Wasser gefüllten Kessel mit steilen Wänden geworfen.
Nach 15 Minuten war die Ratte - Ratten sind eigentlich gute
Schwimmer - angesichts der Aussichtslosigkeit ihrer Lage
ertrunken. Einer anderen Ratte wurde nach 10 Minuten ein
Stöckchen gereicht, an dem sie
sich aus dem Wasser hangeln konnte. Als man die Ratte zurück
in den Kessel warf, schwamm sie mehr als 35 Stunden lang. Die
ein Mal erlebte Rettung ließ die Ratte hoffen, dass sich diese
Rettung noch ein Mal ereignen könnte.
Auch die Wahrnehmung von Wirklichkeit durch Menschen dürfte
auf ähnlichen Prozessen beruhen. Ein recht verstandener
Gottesglaube will ja gerade den Geist des Menschen darauf
lenken, dass hinter der subjektiv erlebten Wirklichkeit die
Wirklichkeit Gottes als Grund
einer Hoffnung bis über den Tod hinaus steht. Wer es schafft,
sein Vertrauen auf Gott zu setzen, lebt in jedem Falle anders
und dies selbst dann, wenn Gott im Sinne von W2 gar nicht
existieren würde. (Natürlich setzt der Glaubende auf die
Existenz Gottes!
-
vgl. die Wette des Blaise Pascal!)
> evtl. Gleichnis vom Hochseilartisten mit der Schubkarre
("Glauben Sie?" - "Dann steigen Sie ein!")
> Konvergenz / Bündelung der Argemente ("Drahtsseil der Hängebrücke)
Auch wenn es keine "Beweise" für die Existenz Gottes gibt, so
kann der Glaube dennoch nicht ohne vernünftige Begründung
auskommen:
Es geht um die Bündelung der Argumente /
Erfahrungen
(Modell der Hängebrücke: Der einzelne Draht vermag die Brücke
nicht zu tragen, wohl aber das aus
Drähten geflochtene Seil) - Ebenso tragen die guten
Glaubensargumente den Glauben!
Rheinbrücke in Rees / Foto: R. Pfeiffer (10.04.2007)
> Eine andere Methode wäre die
japanische Vorgehensweise des "Ishikawa-Diagramms",
wo in einem "Fischgrätmodell" die Argumente für und gegen etwas
im Sinne einer transparenten Problemlösung einander optisch
gegenübergestellt werden.
B. Wege zu Gott: die Bibel als
Zeugnis der Gotteserfahrung
3. Die
Bibel als Glaubensurkunde
3.1. Der Stellenwert der Bibel heute
Auch
wenn
die
Bibel
noch immer zu den meistverbreiteten und meistverkauften Büchner
gehört, so ist ihr Stellenwert doch umstritten. Für manche
gehört sie zu einem gut bestückten Bücherregal, für andere ist
die Lebensbegleiter.
2004 wurde Renate Schmidt, die damalige Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und
Jugend gefragt, ob sie gern in der Bibel lese. Ihre Antwort
lautete: "Ja - und ich habe sie auch manchmal dabei. Als ich
einmal mit der Bibel in der Hand in ein Flugzeug eingestiegen bin,
haben mich die Leute angesesehen, als ob ich etwas Anrüchiges
dabei hätte."
Für den Altkommunisten, Atheisten und späteren Sozialdemokraten Herbert Wehner wurde die Bibel bzw. die Bergpredigt nach eigenem Bekenntnis zum Lebensretter. (Quelle: Christ in der Gegenwart, Nr.?/1990)
Der 2009 verstorbene Bildhauer, Maler
und Grafiker Alfred
Hrdlicka, der sich immer wieder als Kommunist und Atheist
bezeichnete, bezeichnete die Bibel als das "spannendste Buch aller
Zeiten".
3.2. Historisch-kritische Auslegung am
Beispiel der Weihnachtsgeschichten (vgl. G/Geschichte Religion. Die Bibel,
Kapitel Nr.34 und Nr.33, S. 58-60)
3.2.1. Historischer Hintergrund
Seitens der
Tempelpriesterschaft wurde bestritten, dass nach dem Tod der
letzten Propheten ca. 300 v. Chr. Gott den Menschen überhaupt
noch etwas Neues zu sagen hätte. Sie beanspruchten also das
Vermittlungsmonopol zwischen Gott und den Menschen.
3.2.2. Gottesbild
Dazu passte
ein Gottesbild, in dem die Gottesferne betont wurde. Gott galt
als so heilig, dass selbst im Gottesdienst sein Name (Jhwh)
nicht ausgesprochen werden durfte, sondern statt dessen die
Ersatzform (adonai = Herr) gebraucht werden musste. Im Alltag
wiederum umschrieb man Gott mit Ausdrücken wie "der
Hocherhabene", "der Allmächtige", "die Himmel".
Zur Gottesbegegnung durch Begegnung
mit "Engel(n)": vgl. Artikel "Engel im alten Testament" des
Wissenschaftlichen Bibellexikons im Internet!
3.2.3. Protest
Gegen diese
Verengung des Gottesbildes erhob sich Protest. Schon im 2. Jh.
vor Chr. bildete sich, vermutlich unter Mitgliedern der
Tempelpriesterschaft, eine Protestbewegung, die Essener. Sie
glaubten an die Präsenz Gottes und damit an neue Offenbarungen.
Unter ihrem Führer, dem "Lehrer der Gerechtigkeit" lebten sie in
Qumran am Toten Meer und erwarteten dort das
Kommen zweier von Gott gesandter Messiasse, eines
Priestermessias und eines Königmessias. Sie wandten sich mit
ihrer Lehre gegen "die Frevelpriester" in Jerusalem. Sie sahen
sich selbst als "Söhne des Lichts", alle anderen außerhalb ihrer
Gruppe aber als "Söhne der Finsternis" an.
Johannes
der Täufer ist nicht eindeutig den Essenern zuzuordnen, auch
wenn er in Sichtweite von Qumran lehrte und taufte. Als gilt als von Gott
berufener Prophet und bestreitet somit ebenfalls das Monopol der
Tempelpriesterschaft.
Ruinen von Qumran - Im Hintergrund in der Senke das Tote Meer (Foto: R. Pfeiffer, Februar 2007)
Echte religiöse
Erfahrung und die damit verbundene Betroffenheit ließen sich
nicht ausschalten. Andererseits hätte die Aussage, Gott selbst
begegnet zu sein, als todeswürdige Gotteslästerung aufgefasst
werden können. So wurde die Unmittelbarkeit echter religiöser
Erfahrung damit umschrieben, dass man dem Engel Gottes begegnet
sei. Gerade die Weihnachtserzählungen enthalten viele solcher
Engelbegegnungen.
3.2.4. Römische Besatzung und Kaiserkult
Seit 63 v. Chr. war
Palästina Teil des römischen Reiches. Bis 4. v. Chr. versteckte
sich die römische Besatzungmacht hinter einem von ihr abhängigen
König (Herodes d. Gr.). Nach dessen Tod wurde das
Königreich unter den Söhnen des Herodes aufgeteilt. Der das
Judäa genannte Gebiet um Jerusalem sowie Samaria
regierende Herodes Archelaos wurde 6 n. Chr. von den Römern
wegen Misswirtschaft abgesetzt. An seiner Stelle regierte nun
ein römischer Statthalter von der Hafenstadt Cäsarea aus die
Provinz, während die anderen Landesteile im Besitz der anderen
Herodessöhne Herodes Antipas (Galiläa und Peräa) bzw. Herodes
Philippus (Gebiete des heutigen Syrien) blieben. Vom
Kaiserkult wurden die Juden zunächst ausgenommen: Es gab eigene
Münzen ohne Kaiserbildnis, um nicht gegen das jüdische
Bilderverbot zu verstoßen. Erst nach der Zerstörung des Tempels
70 n. Chr. änderte sich dies. Da die Kindheitserzählungen erst
nach diesem Ereignis entstanden, sind entsprechende Hinweise auf
den Kaiserkult zu beachten. Dazu gehörten Erzählungen wie auch
die folgende über Kaiser Augustus: Ein Komet zeigte seine Geburt
als göttliches Kind an. Sein Stammbaum wird auf Gottvater
zurückgeführt. Da man das Kind bereits als zukünftigen
Herrscher pries, wurden von den Regierenden alle Knaben der
Umgebung getötet, das Kind jedoch entkam. Mit zwölf Jahren trat
er dann erstmals öffentlich auf. Schon zu Lebzeiten wurde er als
Gott verehrt und praktizierte Nächstenliebe. Nach seinem Tod
fuhr er zum Himmel auf! Kaisertitel: Kyrios (Herr), Soter
(Retter)
Der künstliche Festungskegel des Herodiums
überragt Bethlehem (Foto: R. Pfeiffer, Februar 2007)
3.2.5. Die Weihnachtserzählung nach Matthäus
Matthäus schrieb sein
Evangelium für Judenchristen. Deshalb führt er den Stammbaum
Jesu bis auf Abraham zurück. Er stellt Jesus (Jeschuah = "(Gott)
Jahwe rettet") als neuen Moses und damit als neuen Gesetzgeber
dar!
Was bedeutet es, dass
3.2.6. Die Weihnachtserzählung nach Lukas
Lukas schrieb sein
Evangelium für Heidenchristen. Deshalb führt er den Stammbaum
Jesu auf Adam und Eva zurück: In Jesus nimmt ein neues
Menschengeschlecht seinen Anfang.
Was bedeutet es, dass
En-Karem [Quelle im Weinberg] - der Wohnort von Elisabeth
und Zacharias. Links Tafeln, die an den Lobgesang des Zacharias
erinnern, rechts die orthodoxe Kapelle an der Stelle, wo Elisabeth
und Maria sich der Überlieferung nach begegneten.
(Fotos: R. Pfeiffer, Februar 2007)
Bethlehem: Links die Stelle der Geburt Jesu, rechts die Krippe
(mit Tüchern ausgekleidet)
(Fotos: R. Pfeiffer, Februar 2007)
Kapelle auf den Hirtenfeldern unterhalb von Bethlehem
(Fotos: R. Pfeiffer, Februar 2007)
3.3. Gotteswort im Menschenwort
Die Piusbruderschaft
St.
Pius X. spaltete sich nach dem II. Vatikanischen Konzil von
der Katholischen Kirche ab. Immer wieder lautet der Vorwurf, das
II. Vatikanische Konzil habe den wahren katholischen Glauben
verraten. Darunter versteht die Piusbruderschaft auch die Abkehr
von der Verbalinspiration,
die bis dahin galt und welche durch das Konzilsdokument "Dei
verbum" revidiert bzw. differenziert wurde, heißt es doch
dort in Artikel 12:
12. Da Gott in
der Heiligen Schrift durch Menschen nach Menschenart gesprochen
hat,
muss der Schrifterklärer, um zu erfassen, was Gott uns mitteilen
wollte, sorgfältig erforschen, was die heiligen Schriftsteller
wirklich zu sagen beabsichtigten und was Gott mit ihren Worten
kundtun wollte. Um die Aussageabsicht der Hagiographen zu
ermitteln, ist neben anderem auf die literarischen Gattungen zu
achten. Denn die Wahrheit wird je anders dargelegt und
ausgedrückt in Texten von in verschiedenem Sinn geschichtlicher,
prophetischer oder dichterischer Art, oder in anderen
Redegattungen. Weiterhin hat der Erklärer nach dem Sinn zu
forschen, wie ihn aus einer gegebenen Situation heraus der
Hagiograph den Bedingungen seiner Zeit und Kultur entsprechend -
mit Hilfe der damals üblichen literarischen Gattungen - hat
ausdrücken wollen und wirklich zum Ausdruck gebracht hat. Will
man richtig verstehen, was der heilige Verfasser in seiner
Schrift aussagen wollte, so muss man schließlich genau auf die
vorgegebenen umweltbedingten Denk-, Sprach- und Erzählformen
achten, die zur Zeit des Verfassers herrschten, wie auf die
Formen, die damals im menschlichen Alltagsverkehr üblich waren. Da
die Heilige Schrift in dem Geist gelesen und ausgelegt werden
muss, in dem sie geschrieben wurde, erfordert die rechte
Ermittlung des Sinnes der heiligen Texte, dass man mit nicht
geringerer Sorgfalt auf den Inhalt und die Einheit der ganzen
Schrift achtet, unter Berücksichtigung der lebendigen
Überlieferung der Gesamtkirche und der Analogie des Glaubens.
Aufgabe der Exegeten ist es, nach diesen Regeln auf eine tiefere
Erfassung und Auslegung des Sinnes der Heiligen Schrift
hinzuarbeiten, damit so gleichsam auf Grund wissenschaftlicher
Vorarbeit das Urteil der Kirche reift. Alles, was die Art der
Schrifterklärung betrifft, untersteht letztlich dem Urteil der
Kirche, deren gottergebener Auftrag und Dienst es ist, das Wort
Gottes zu bewahren und auszulegen.
Damit ist die historisch-kritische
Methode auch in der katholischen Kirche angekommen und gilt
als legitime Methode im Umgang mit den biblischen Schriften. Um
die biblischen Schriften richtig zu verstehen, muss man auch die
geschichtlichen und kulturellen Hintergründe mit einbeziehen, so
wie dies im Punkt 3.2. ansatzweise versucht
wurde. Ansonsten besteht die Gefahr in den biblischen Texten eine
Art "Drehbuch" sehen, was eine sehr oberflächliche Betrachtung
beinhaltet.
Dabei finden sich in der Bibel viele
unterschiedliche Textformen:
In fundamentalistisch geprägten
Christengruppen, wie sie vor allem in den USA zu finden sind,
spielen die Erkenntnisse der historisch-kritischen Forschung keine
Rolle, sondern es gilt nach wie vor die Idee der Verbalinspiration
in Verbindung mit einer rein subjektiven Interpretation der
Heiligen Schrift - oftmals mit erschreckenden Konsequenzen. So
glaubt inzwischen annähernd ein Drittel der US-Amerikaner -
Stichwort "Kreationismus"
- daran, dass die Evolutionstheorie Darwins falsch sei und
die wörtlich verstandene Weltentstehungsgeschichte der Bibel die
richtige Version liefere!
aus G/Geschichte Religion. Die Bibel, Kapitel Nr.1 bis Nr. 5, Nr. 7 bis Nr.11, S. 8-23 im Hinblick auf die wesentlichen Fakten!
3.4. Die Bibel als Spiegel von Gottes Wirken in der Geschichte
3.4.1. Überblick über die
geschichtliche Entwicklung des Gottesbildes im Alten Testament
aus G/Geschichte Religion. Die Bibel, Kapitel
Nr.13 bis Nr. 15, S. 24-29 sowie Kap. 17, S. 32/33 im Hinblick auf
die wesentlichen Fakten!
Zum Gottesbild und seiner Entwicklung
bzw. seinem Wandel:
aus G/Geschichte Religion. Die Bibel, Kapitel
Nr.18 bis Nr. 27, S. 36-49 im Hinblick auf die wesentlichen
Fakten!
3.4.2. Das
Gottesbild
des NT
aus G/Geschichte Religion. Die Bibel, Kapitel Nr. 31 bis Nr.32, S. 56/57 und Kapitel 36 bis 47, S. 61-73 im Hinblick auf die wesentlichen Fakten!
3.4.2.1. Die grundsätzliche Übereinstimmung
mit dem Gottesbild des AT
In der theologischen Forschung der letzten Jahrzehnte hat man sich vielfach mit der Person Jesu in seiner jüdischen Umgebung beschäftigt. Vor allem die Schriftfunde vom Qumran am Toten Meer lassen erkennen, dass das Judentum zur Zeit Jesu keinesfalls als geschlossene Größe zu verstehen ist, sondern dass an die 70 verschiedene religiöse Strömungen im Judentum miteinander konkurrierten. Folgende Punkte lassen das Jüdische an Jesus erkennen:
3.4.2.2. Das erste radikal Neue gegenüber dem
Gottesbild des AT: Jesus - Christus - Gottes Sohn - Gott
Das, was hier Gottesbild des AT genannt wird, entspricht mit anderen Worten natürlich dem Gottesbild im Judentum. Es stellt sich also die Frage, inwieweit die Person Jesu das Christentum vom Judentum trennt. Aus jüdischer Sicht handelt es sich bei Jesus um den Rabbi Jeschuah, der zur "Zeitenwende" in Palästina lebte, predigte und schließlich als Aufrührer von den Römern gekreuzigt wurde. Aus christlicher Sicht fällt eine solche Beschreibung Jesu natürlich zu kurz. Wie in der Überschrift bereits angedeutet sind wir es gewohnt, zwischen Jesus, Christus, Gottes Sohn und Gott jederzeit ein Ist-gleich-Zeichen zu setzen, ohne groß darüber nachzudenken. Im Folgenden soll jedoch gezeigt werden, dass hinter dieser Gleichung sich ein historischer Prozess verbirgt.
Schon für die Zeitgenossen Jesu war vorösterlich die Ausgangsfrage "Wer ist doch dieser?", so wie auch der Täufer Johannes aus dem Gefängnis heraus Erkundigungen über Jesus anstellen ließ (Mt 11,2-6). Auch Jesus fragte seine Freunde, was sich die Leute über ihn so erzählen (Mt 16, 13f.). Demnach galt Jesus seinen Zeitgenossen als Lehrer (Rabbi) und als Prophet, evtl. auch als Wiederverkörperung eines der früheren Propheten. Auf Grund seiner Abstammung aus dem Hause des Königs David galt er vielen auch als Sohn Davids. Über die genannten Titel hinaus bleibt fraglich, ob Jesus zu Lebzeiten schon andere Titel zuerkannt und zugeordnet wurden, beispielsweise der Titel Menschensohn, den Jesus in den Evangelien zur Selbstcharakterisierung im Munde führt. Der Titel "Menschensohn" ist durchaus doppeldeutig, indem er sich ein Mal auf den "Menschensohn in Niedrigkeit", d.h. auf den bei Deutero-Jesaja genannten Gottesknecht und die vier Gottesknechtlieder beziehen kann, wo ein vollkommen Unschuldiger ganz fürchterlich unter die Räder kommt. Andererseits könnte sich "Menschensohn" auf die im Buch Daniel genannte hoheitlich-richterliche Gestalt beziehen, welche auf den Wolken kommt, um über die Menschheit Gericht zu halten. Völlig unwahrscheinlich ist jedoch der offene Gebrauch des Titels "Messias", welcher den von Gott selbst gesandten Gesalbten bezeichnet, war dieser Titel für die Römer doch ein Reizwort, weil praktisch jeder Aufstand gegen die römische Herrschaft im Namen irgend eines Messias erfolgte. Sicher richteten sich die Messiashoffnungen vieler Zeitgenossen auf Jesus - nicht zuletzt belegt dies der enthusiastische Empfang Jesu in Jerusalem am "Palmsonntag" - aber der offene Gebrauch dieses Titels ist auszuschließen und Jesus selbst gibt an den entscheidenden Stellen ein Schweigegebot aus!
Gerade nach den tragischen
Geschehnissen des Karfreitag und der Auferweckung Jesu ging das
Rätselraten um Jesus weiter und viele fragten sich nachösterlich
"Wer war doch dieser?". Die Anhänger und Freunde Jesu
propagierten nun öffentlich, dass der Gekreuzigte der Messias,
griechisch der "Christos", gewesen war. Dies begründete im
Judentum "den Neuen Weg" - so der erste Gruppenname der
Jesusanhänger. Die Bezeichnung "Christen" wurde erst Jahre
später in Verfolgungszeiten in Antiochia, der damals
drittgrößten Stadt des Römerreiches, erfunden. Während des
Nachdenkprozesses über Jesus wurde nun auch der Titel
"Menschensohn" ohne Scheu auf Jesus übertragen. Johannes sah in
Jesus den Logos, die Verkörperung der antiken Weltseele. Später
sahen manche in Jesus eine Verkörperung des alttestamentlichen
Gottes selbst und so wurde Jesus als "Kyrios", als eigentlicher
"Weltenherrscher" bezeichnet. Andere betrachteten Jesus als den
wahren Hohepriester. Schließlich erkannte man in Jesus den Sohn
Gottes (ursprünglich war das ganze Volk der Juden Sohn Gottes;
ganz speziell waren die Könige Israels Söhne Gottes, so lange es
in Israel ein Königtum gab. Jeder Jude konnte sich also als Sohn
Gottes fühlen). Zu allerletzt wurde zwischen Jesus und Gott das
Ist-gleich-Zeichen gesetzt, in dogmatischer Form auf dem Konzil
von Chalkedon im Jahre 451 und damit war der Prozess des
dreihundertjährigen Nachdenkens über Jesus zumindest den
Lehraussagen nach zu einem Abschluss gekommen.
3.4.2.3. Das zweite radikal Neue gegenüber dem Gottesbild des AT: der Heilige Geist als dritte göttliche Person
vgl. Buch Leben gestalten 11 S. 114/115
Überblick: Biblische Deutungen des Hl. Geistes - Dogmatisierung
des Hl. Geistes
(Konzil von Konstantinopel 381) - Der dreieinige Gott
Im Alten Testament, speziell in den
Schöpfungserzählungen, ist von der "Geistin Gottes", der "Ruach"
die Rede. Nie jedoch erscheint diese Ruach als eine von Gott
getrennte Gestalt. Dass Gottes Geist weiblich ist, findet sich -
einmalig in Süddeutschland - in einem Deckengemälde der Kirche
von Urschalling im Chiemseegebiet.
Dreifaltigkeitsmotiv - Gottes Geist als
Hl. Geistin - Deckenfresko in der Kirche von
Urschalling Foto: R.
Pfeiffer, 01.05.2003
In den ältesten Schichten des NT
findet sich der Geist Gottes in den Paulusschriften, wobei
dieser Geist hier dem zum Himmel aufgefahrenen Jesus zuzuordnen
und gleichzusetzen ist. Im Johannesevangelium steht der Geist
mit dem "Parakleten", dem Fürsprecher und Tröster in
Verbindung, welchen der erhöhte und von der Erde genommene Jesus
seinen Freunden zukommen lassen will.
Erst in einem weiteren Prozess des Nachdenkens wird in der frühen Kirche der Geist Gottes als eine von "Vater" und "Sohn" getrennte Wesenheit wahrgenommen, welche 381 auf dem Konzil von Konstantinopel lehrmäßig als dritte göttliche Person definiert wird: Gott ist auch Heiliger Geist, welcher als "Kyrios" und Lebensspender bezeichnet wird und welcher "vom Vater ausgeht und mit ihm zusammen angebetet und verherrlicht wird.". Solche Ehre kommt natürlich allein Gott zu.
In der philosophischen Ausdrucksweise der Spätantike formuliert, bietet das Trinitätsdogma die Schwierigkeit, dass bei oberflächlichem Verständnis aus dem Trinitätsdogma fälschlicher Weise eine Drei-Götter-Lehre abgeleitet wird, so wie dies dem Christentum auch immer wieder seitens des Judentums und des Islam vorgeworfen wird. Es handelt sich aber um ein göttliches Wesen in drei Personen.
Was soll also gesagt werden?
In der Antike bezeichnet "persona"
unter Anderem die Maske eines Schauspielers, der durch sie
hindurch spricht.
So gesehen könnte ein einziger
Schauspieler im Rahmen eines entsprechen inszenierten Stückes
durchaus drei verschiedene Rollen spielen: ein lebendiger Mensch
in drei verschiedenen Erscheinungen. In diesem Sinne ist Person
auch im Zusammenhang mit Gott zu sehen. Man könnte sagen, dass
Das Geheimnis der göttlichen Dreifaltigkeit will also letztlich den Monotheismus in unüberbietbarer Weise darstellen und ihn keineswegs in Frage stellen. Etwas völlig Anderes ist, wie letztlich Kunst und Volkskunst mit dem Gedanken der Dreifaltigkeit Gottes umgegangen sind, sodass allzu naive Vorstellungen natürlich den Vorwurf der Drei-Götter-Lehre provozieren, wie das Bild zeigt:
Gnadenstuhl in der Kirche von Berghofen bei
Landshut Foto: R.Pfeiffer, Mai 2000
3.5. Die Stellung des Koran im Islam
"Islam" bedeutet
"Unterwerfung" unter Allah und seinen Willen. Demnach gibt es
einen gebührenden Abstand zwischen Gott und dem Mann, der wiederum
so wie Allah über der Frau steht. Ein persönliches
Gottesverhältnis auf "du und du" wie im Christentum - Jesus
empfahl seinen Schülern, Gott mit 'Abba' (= Papa) anzureden, wäre
aus islamischer Sicht Gotteslästerung. In Malaysia wurde
vermutlich aus deshalb den Christen der Gebrauch der Anrede
"Allah" für ihren Gott per Gesetz verboten.
zur Bedeutung des Koran: siehe
Handout
Kurzzusammenfassung:
Muslime sehen im Koran einen heiligen und unveränderlichen Text,
obwohl erst 20 Jahre nach dem Tod des Propheten Mohammad eine
endgültige und verbindliche Fassung des Koran entstand. Er ist das
erste Buch in klassischem Arabisch und in allen Moscheen der Welt
wird der Koran in Arabisch vorgetragen, da Arabisch als die
Sprache Gottes gilt. Im Sinne der Verbalinspiration gilt jeder der
6226 Verse, die sich auf 114 Suren (Kapitel) aufteilen, als
"Zeichen Gottes". Das persönliche Bemühen um das religiöse Wissen
wird als "dschihad" ("Bemühen") bezeichnet. Der "heilige Krieg"
ist somit keine geeignete Übersetzung, sondern allenfalls eine
eher seltene und fanatische Form des "Bemühens" um die Sache
Gottes. Aus Angst vor anarchischen Zuständen wurde im 11.
Jahrhundert n. Chr. das "Tor des dschihad" geschlossen, d.h. eine
persönliche Auslegung der Lehre ist zumindest für Sunniten,
Anhänger der Mehrheitsrichtung im Islam, nicht mehr erlaubt. Gibt
es in der Welt unserer Tage neue Sachverhalte, so muss man zuerst
den Koran konsultieren, sodann die Sunna, die Überlieferungen des
Propheten Mohammad, sodann nach Qiyas (=Ähnlichkeiten) suchen. Als
vierte Quelle der Erkenntnis kommt der Konsens der Gemeinschaft
(Idschma) hinzu. Somit ist klar, dass der Islam viele
Erscheinungen der modernen Welt ablehnt. Andererseits gibt es
Reformkräfte, welche die Wiedereröffnung des Tores des dschihad"
fordern, um die nötigen Anpassungen an die moderne Welt vornehmen
zu können.
Im Gegensatz zu den Sunniten hat sich für die Schiiten das "Tor
des dschihad" nie geschlossen und die Mullahs legen den Koran nach
ihrer Sicht zeitgemäß aus. Die schiitische Variante des Islam hat
ihren geographischen Schwerpunkt in der "Islamischen Republik
Iran". Eine relative Mehrheit haben die Schiiten auch im Irak, was
zu erbitterten Konflikten mit der Gruppe der Sunniten führt, die
unter Saddam Hussein wiederum als herrschende Klasse die Schiiten
unterdrückt hatten.
Aktualisierung: Da in der
Zeit nach dem Abzug der Amerikaner aus dem Irak die Schiiten
wiederum die Sunniten unterdrückten, schlossen sich viele
irakische Sunniten dem Terrorregime des "Islamischen Staates" an,
wobei dessen extreme Auslegung des Koran wiederum gemäßigtere
Sunniten abstößt. Auch der Bürgerkrieg in Syrien verläuft entlang
der Trennlinie zwischen Sunniten und Schiiten, wobei sich
Saudi-Arabien als Schutzmacht der Sunniten und der Iran als
Schutzmacht der Schiiten sieht. Beide Staaten unterstützen
nachhaltig die mit ihnen liiierten Rebellengruppen. Der
"Islamische Staat" kann wiederum mit dem Geld und Unterstützung
von Sympathisanten aus den Golfstaaten rechnen. Zwischen allen
Fronten befinden sich die im Irak und in Syrien lebenden
christlichen und anderen Minderheiten wie die Jesiden.
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letzte Änderung/ last update: 06.10.2026 |