Kath. Religionslehre 11/1

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Katholische Religionslehre 17/19 PFE - Stoffüberblick

Jahrgangsstufe 11 - 1. Kurshalbjahr - Inhaltsverzeichnis  

A. Religion in der offenen Gesellschaft: Tausend Möglichkeiten, doch nur ein Leben!

0. Einführung ins Thema

1.  Religion als Phänomen in der heutigen Gesellschaft
1.1. Beobachtungsfeld Werbung vor dem Hintergrund der 
Grundfragen des Menschen nach Immanuel Kant
1.2. Beobachtungsfeld Popmusik
1.3. Beobachtungsfeld Kunst
1.4. Definition von "Religion"
1.5. Religion und das menschliche Grundbedürfnis nach Sinn ( > Ansatz der Logotherapie nach V. E. Frankl)

2. Die Vielfalt religiöser Strömungen in unserer Zeit ("Jahrmarkt der Möglichkeiten")
2.1. Überblick über das Verhältnis von Glauben und Atheismus
2.2. Das Erbe der Säkularisation
2.2.1.
Die Verweltlichung des Naturrechts und die Gesellschaftsvertragslehre
2.2.2. John Locke (1632 - 1704)
2.2.3. Die Säkularisation von 1803 in Bayern
2.2.4. Kirche und Staat in der Bundesrepublik Deutschland
2.2.5. Moderne Dogmen: Materialismus, Empirismus, Atheismus
2.2.6.  Die Seelenfangmethoden der Sekten, "Gesundheitssekten" und Psychogruppierungen als Gegenpol zur Religionsfreiheit / Konterkarierung der Religionsfreiheit
2.3. Wahrheit und Toleranz: Die Position der Katholischen Kirche
2.3.1. Ökumene / Ökumenismusdekret
2.3.2. Erklärung des II. Vatikanischen Konzils zu den nichtchristlichen Religionen ("Nostra aetate")
2.3.3. Einblicke in das Sinnsystem des Glaubens
2.3.3.1. Symbol
2.3.3.2.
Die Messe als sinnstiftendes, heiliges Schauspiel (> "Sprache, Bilder, Symbole")  
2.4. Die Grenzen des Erkennens
2.4.1. Was ist Wirklichkeit?
2.4.2. Die Wette des Blaise Pascal
2.4.3. Nahtoderfahrung / Todesforschung (Dr. Schröter-Kunhardt) und moderne Hirnforschung
2.5.Entscheidungskriterien

B. Wege zu Gott: die Bibel als Zeugnis der Gotteserfahrung

3. Die Bibel als Glaubensurkunde
3.1. Der Stellenwert der Bibel heute
3.2. Historisch-kritische Auslegung am Beispiel der Weihnachtsgeschichten
3.2.1. Historischer Hintergrund
3.2.2. Gottesbild
3.2.3. Protest
3.2.4. Römische Besatzung und Kaiserkult
3.2.5. Die Weihnachtserzählung nach Matthäus
3.2.6. Die Weihnachtserzählung nach Lukas
3.3. Gotteswort im Menschenwort
3.4. Die Bibel als Spiegel von Gottes Wirken in der Geschichte
3.4.1. Überblick über die geschichtliche Entwicklung des Gottesbildes im Alten Testament
3.4.2. Das Gottesbild des NT
3.4.2.1. Die grundsätzliche Übereinstimmung mit dem Gottesbild des AT
3.4.2.2. Das erste radikal Neue gegenüber dem Gottesbild des AT: Jesus - Christus - Gottes Sohn - Gott
3.4.2.3. Das zweite radikal Neue gegenüber dem Gottesbild des AT: der Heilige Geist als dritte göttliche Person
3.5. Die Stellung des Koran im Islam


A. Religion in der offenen Gesellschaft: Tausend Möglichkeiten, doch nur ein Leben!

0. Einführung

Cartoon - Sprach das eine Känguruh zum anderen: "Die Kernfrage ist: "Woher kommen wir, wohin gehen wir?" Antwort: "Ist doch klar: von da nach dort".

Der Cartoon spielt mit zwei Ebenen: der konkreten physischen des Auf-dem-Weg-seins" und der metaphysisch-philosophischen, wo es um die Sinnfrage geht. Darauf haben Menschen seit Urzeiten sehr verschiedenen Antworten gefunden - religiöse wie philosophische oder weltanschauliche - oder auch nicht gefunden, was sich in Hoffnungslosigkeit bis hin zum Suizid äußern kann. Insofern lässt sich sagen, dass die persönliche Antwort auf die Sinnfrage für das eigene Leben von höchster Wichtigkeit ist.

altheim_erdwerk

Bild: Ärchäologische Forschung an der Altheimer Grabenanlage aus der Zeit vor ca. 5500 Jahren (Foto: R. Pfeiffer, Sept. 2013)



1. Religion als Phänomen in der heutigen Gesellschaft

1.1. Beobachtungsfeld Werbung vor dem Hintergrund der Grundfragen des Menschen nach Immanuel Kant
     

Werbung will die Menschen unbewusst bei ihren Grundbedürfnissen ansprechen - deshalb werden in mehr oder weniger offensichtlicher Weise letztlich religiöse Botschaften vermittelt. Der Begriff "religiöse Botschaften" ist hier in einem sehr allgemeinen Sinn zu verstehen, also im Sinne existenzieller Grundfragen, wie sie bereits der Philosoph Immanuel Kant vor mehr als 300 Jahren formulierte: Was kann ich wissen? Was darf ich hoffen? Was soll ich tun?

Beispiele für religiöse Werbebotschaften bzw. für den Gebrauch religiöser Symbole in der Werbung finden sich unter folgendem Link:

"Glauben und Kaufen" - Eine Sammlung von Werbeanzeigen mit religiösem Inhalt!

Textblatt "Führe uns in Versuchung - Religion in der kommerziellen Werbung"

                Hauptthese: In der (amerikanischen) Werbung werden zunehmend mehr spirituelle Themen verwandt, um dem Sinnbedürfnis der Menschen mittleren Alters entgegen zu kommen.

Textblatt: Auszug aus: Neil Postman, Das Verschwinden der Kindheit (Frankfurt, 1983) S. 126 - 130

Gedicht "Reklame" von Ingeborg Bachmann >
Buch Leben gestalten 11 S. 11
 

1.2. Beobachtungsfeld Popmusik

Textanalyse des Liedes "Land unter" von Herbert Grönemeyer - die abstrakten Sinnfetzen lassen sich auf höherer Ebene zu einer Art "Gottespuzzle" zusammensetzen, da im Lied dem Eindruck nach vielfach übermenschliche Mächte angesprochen werden.

Textanalyse des Liedes "Applaus, Applaus" von den Sportfreunden Stiller - die hier genannten Eigenschaften und Wirkungen erfordern eine geradezu übermenschliche Macht. Hinzu kommt der Wunsch nach ewiger Dauer!

Textanalyse des Liedes: "In diesem Moment"  (2011) von des 2016 verstorbenen Pop- und Jazzmusikers Roger Cicero. Auffällig: Der starke Kontrast zwischen Gottesferne und Gottesnähe sowie die Einbeziehung von Elementen der Nahtoderfahrung.
 
Immer wieder kommen in der Popmusik existenzielle Grundbedürfnisse zur Sprache und vielfach ist das angesprochene "du" eine Nummer zu groß, um als Mensch durchzugehen - denkt man bei "du" an Gott so ergibt sich bisweilen sogar ein tieferer Sinn!


1.3. Beobachtungsfeld Kunst

Buch Leben gestalten S. 14: Betrachtung des Bildes von Joseph Beuys letztem Kunstwerk, der "Capri-Batterie". Es geht um die Fiktion, dass die saure Zitrone die Glühbirne zum Leuchten bringt und tatsächlich ließe sich aus einem Zink- und Kupfer-Stecker in der sauren Umgebung etwas Strom erzeugen. Grundsätzlicher dürfte der Gedanke sein, dass Energie in Raum und Zeit nicht verloren geht. Insofern war auch Joseph Beuys von einem irgendwie gearteten Weiterleben nach seinem Tod überzeugt. Joseph Beuys gilt als einer der größten Künstler des 20. Jahrhunderts, der sich selbst oft als modernen Schamanen bezeichnete. Kennzeichen des Schamanen ist  ja seine Mittlerrolle zwischen Diesseits und Jenseits. Der Künstler Andy Warhol griff diesen Gedanken nach dessen Tod 1986 auf, indem er ein Beuys-Portrait mit einem Camouflage-Vordergrund übermalte. Camouflage dient ja der Tarnung. Die Botschaft dahinter lautet wohl: Beuys ist nach seinem Tod nicht mehr zu sehen, aber unsichtbar ist er noch immer da.

Auch in modernen Filmen finden sich immer wieder religiöse Themen. Nach Meinung des "Kinopfarrers" Eckart Bruchner (machte am HCG sein Abitur) geht es in der Bibel wie auch im Film um die "Message". Diese hat oftmals Einfluss auf die Lebensgestaltung, indem sie Antworten auf die menschlichen Grundfragen (vgl. Punkt 1.1.) bietet. Filme bieten den Vorteil, dass man nicht alles selbst erleben muss, um Einsichten zu gewinnen.


Zusammenfassung: Unsere Welt mag sich "säkular" geben und die Kirchen verlieren in großer Zahl ihre Gläubigen. Trotzdem ist es keinesfalls so, dass Religion (vgl. Definition unter 1.4.) keine Rolle mehr spielt (siehe Punkte 1.1 bis 1.3.) Weitere Beispiele ließen sich finden, z. B. im Bereich des Fußballs bzw. des Sports allgemein, im Kult um die Apple-Produkte, die bei einer nicht geringen Zahl von Leuten fast zur Ersatzreligion aufgestiegen sind oder auch in der "Themomix"-Gemeinde, die keine Kritik an ihrem heiligen (und teuren) Gerät duldet.

Friedhofseröffnung für die Fans von Schalke 04
Begräbnis-Angebot für den wahren Schalke-Fan



1.4. Definition von "Religion"

Interessanter Weise scheinen die gängigen, auch in Religionsbüchern gehandelten Wortableitungen des Wortes "Religion" falschen Fährten zu folgen. So wird gesagt, das Wort ‚religio’ sei von lat. re­ligare (binden) abzuleiten. Daneben wird auch die Möglichkeit vorgestellt, dass "Religion" eine Ableitung von re­ligere = 'wieder und wieder lesen' sei. Die plausibelste Erklärung fand ich zufällig in einem Leserbriefbeitrag in Christ in der Gegenwart 27 aus dem Jahr 2004:


Das Wort religio kommt von einer ... lateinischen Wurzel mit der Lautung [leg] die ein sorgfältiges Sich-Kümmern, Hingabe, Ehrfurcht be­deutet. Diese Wurzel liegt auch in den Verben intelligere = einsehen, neglegere = vernachlässigen sowie diligere = wertschätzen vor. Wenn man also schon etymologische Be­obachtungen zur Deutung des Wortes Religion heranzieht, dann sollte Religion mit Hingabe, Sorgfalt, Ehrfurcht und Achtsamkeit umschrieben werden.

Dazu für den sprachkundigen oder sprachinteres­sierten Leser die notwendigen Begründungen:
Die Ableitung von religare = zurückbinden verbietet sich, da das Wort dann korrekterweise nur religatio Iau­ten könnte. Dass religio und seine Stammverwandten in­telligere, neglegere und diligere nicht der Wurzel ‚leg’, also dem Verbum legere = lesen zuzuordnen ist, zeigt der Un­terschied in der Perfektbildung: legere = lesen bildet das Dehnungsperfekt legi, die drei anderen genannten Verben bilden ein s Perfekt, also intellexi etc. Ein Verbum ‚religere’ mit der Bedeutung wieder und wieder lesen kann ich in den mir vorliegenden lateinischen Wörterbüchern nicht finden.

Quelle:
Christ in der Gegenwart 27/04: Beitrag von Reinhard Deichgräber, Bad Malente (Aus den Leserbriefen)


Geht man davon aus, dass es im Leben jedes Menschen irgendetwas gibt, auf das er besonders achtet, das er mit Hingabe und Sorgfalt verfolgt, so kann es nach dieser Definition keinen religionslosen Menschen geben.

mindmap_religion


Eine solche Definition geht natürlich über das hinaus, was gemeinhin unter "Religion" verstanden wird, nämlich die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft. Aber auch die Katholische Kirche fasste den Religionsbegriff in der Erklärung des II. Vatikanischen Konzils über die nichtchristlichen Religionen ("Nostra aetate") vom Oktober 1965 sehr weit, wenn es hier heißt:

"Die Menschen erwarten von den verschiedenen Religionen Antwort auf die ungelösten Rätsel des menschlichen Daseins, die heute wie von je die Herzen der Menschen im Tiefsten bewegen: Was ist der Mensch? Was ist Sinn und Ziel unseres Lebens? Was ist das Gute, was die Sünde? Woher kommt das Leid, und welchen Sinn hat es? Was ist der Weg zum wahren Glück? Was ist der Tod, das Gericht und die Vergeltung nach dem Tode? Und schließlich: Was ist jenes letzte und unsagbare Geheimnis unserer Existenz, aus dem wir kommen und wohin wir gehen?"



1.5. Religion und das menschliche Grundbedürfnis nach Sinn ( > Ansatz der Logotherapie nach V. E. Frankl)

vgl. Buch Leben gestalten 11 S. 136/137/149

Derzeit gibt es an die 250 verschiedene psychologische Richtungen. Im Hinblick auf ein menschliches Grundbedürfnis nach Religion scheint die sinnorientierte Logotherapie (durchaus mit "Sinntherapie" oder "Therapie durch Sinngebung" übersetzbar) das grundsätzliche Sinnbedürfnis des Menschen am besten zu beschreiben, zudem ihr jüdischer Urheber, Viktor Emil Frankl die von ihm entwickelte Logotherapie unter KZ-Bedingungen und somit unter den härtesten vorstellbaren Bedingungen überhaupt testete.

Viktor Emil Frankl begründete mit seiner
Logotherapie die dritte Wiener Schule der Psychotherapie nach Siegmund Freuds Psychoanalyse und Alfred Adlers Individualpsychologie.

In starker Vereinfachung lässt sich sagen, dass Sigmund Freud den Menschen vor allem durch den Willen zur Lust getrieben sieht, während  nach Alfred Adler der Wille zur Macht das vorherrschende Merkmal im Menschen ist. Die Frage nach dem Sinn des Lebens rückt bei Freud in die Nähe einer psychischen Störung: "Im Moment, da man nach dem Sinn des Lebens fragt, ist man krank. Man hat nur eingestanden, dass man einen Vorrat an unbefriedigter Libido hat."
Viktor Frankl distanzierte sich von seinem Lehrmeister Freud und unterstellte dem Menschen einen Willen zum Sinn: "Kein Tier hat jemals nach dem Sinn des Lebens gefragt, nur den Menschen quält diese Frage und er ist dazu aufgerufen sie zu beantworten."

Im Gegensatz zur Freudschen Psychoanalyse, welche sich vor allem mit der Vergangenheit eines Menschen beschäftigt, geht es in Frankls Logotherapie vor allem darum, einen Sinn für die Zukunft zu entdecken.

Im Hinblick auf die Sinnfrage sieht er drei Hauptstraßen: Jeder Mensch will in seinem Leben eine Spur hinterlassen und mit seiner Kreativität etwas schaffen. Diese Schaffenswerte brauchen jedoch ein Gegengewicht in Erlebniswerten, wo ein Mensch Sinn erlebt durch die Begegnung mit jemand oder etwas Einmaligem. Es geht also um ein Gleichgewicht zwischen aktivem Handeln und eher passivem Genießen. Das dritte System der Einstellungswerte kommt dort zum Tragen, wo der Mensch mit einem unabänderlichen Schicksal konfrontiert wird. Diese genießen Superiorität, sind also gegenüber den anderen beiden Wertekategorien höherwertig, denn hier geht es darum, dass ein Mensch sich seinem Schicksal stellt und so Zeugnis davon gibt, was Menschsein unter erschwerten Bedingungen bedeutet.

 Anmerkungen: Vor diesem Hintergrund erscheint Jugendarbeitslosigkeit als ein Quasi-Verbrechen an Jugendlichen, denn im Grunde wird ihnen gesagt, dass sie zu nichts zu gebrauchen sind! Dies schädigt ihr Sinnbedürfnis auf Dauer, erzeugt existenzielle Frustration. Andererseits gibt es Workkaholiker, die sich nie eine Pause oder einen Urlaub gönnen um letztlich nicht über den Sinn des Lebens nachdenken zu müssen. Im Japanischen gibt es mit "karoshi" sogar ein eigenes Wort für "Tod durch Überarbeitung". Auch dies frustriert den Willen zum Sinn. Der dritte Bereich wird präsent durch die Paralympics, die Olympiade der behinderten Sportler.  In gewisser Weise erbringen sie eine größere  Leistung als die gesunden Sportler bei der Olympiade, stellen sie sich doch mit großem Einsatz ihrer eigenen Behinderung und zeigen, was Menschsein unter erschwerten Bedingungen bedeuten kann.

vgl. Texte "Was heißt glücklich sein?" / "Meister des Glücks" / "Sinn des Lebens ist nicht auf Rezept zu haben" - In letzterem Text wird das Beispiel einer jüdischen Frau zitiert, die nach dem 2. Weltkrieg in Israel mit einem Schmuckkettchen aus Milchzähnen ihrer 9 Kinder, die sie allesamt in den KZs verloren hatte, leben konnte, weil sie einen neuen Lebensssinn als Leiterin eines Waisenhauses gefunden hatte. Sie hatte so unglaubliche Selbstheilungskräfte mobilisieren können.

Auch Viktor Frankl war Naziopfer und hat die von ihm entwickelten Theorien quasi am eigenen Leib getestet, indem er die Konzentrationslager der Nazizeit überlebte. In den Konzentrationslagern konnte er als Psychologe wider Willen studieren, worauf der Überlebenswille eines Menschen gründet: "Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie!" Überlebt haben vor allem die Menschen, die das Ziel hatten - aus welchem Grund auch immer - die Zeit im Konzentrationslager zu überleben.

Die von Viktor Frankl entwickelte Logotherapie beruht auf folgender Grundannahme:

Wird der Wille, dem Leben einen Sinn zu geben,
für längere Zeit enttäuscht, indem der Mensch keine Antwort auf diese Frage findet, so gerät er ins existenzielle Vakuum. Verweilt er länger in diesem Vakuum, so kommt es zur von Frankl so bezeichneten “Noogenen Neurose”, einer seelischen Erkrankung, die durch einen Mangel an Sinn verursacht wird. Damit einher geht eine zunehmende Verschlechterung der allgemeinen Stimmungslage: der Mensch gerät in die Depression. Erfährt er in diesem Zustand keine Hilfe, so droht schließlich sogar der Suizid.

In der leichtesten Form äußert sich die Sinnleere in der sogenannten "Sonntagsneurose". Die folgende Aufstellung zeigt den Trend hin zu immer größerer Sinnleere, auch wenn leider aktuelle Zahlen fehlen:

grafik_sonntagsneurose

   Aufgrund eigener Untersuchungen schätzt Frankl, dass ca. 20% aller Neurosen allein noogen, d.h. durch geistigen Leerlauf in Bezug auf die Sinnfrage, bedingt sind, d.h. die Menschen sind geistig und körperlich gesund, finden aber keine Antwort auf die Frage nach dem Sinn ihres Lebens. Ihnen will die Logotherapie mit den von Frankl entwickelten eigenen Methoden der Existenzanalyse, der paradoxen Intention und der Dereflexion helfen.

   Anders als der Mensch hat das Tier kein Sinnproblem, da es überwiegend von Instinkten gesteuert wird. Der Mensch hat einen guten Teil seiner Instinkte eingebüßt und sich deshalb (früher) die Tradition als "Ersatzinstinkt" geschaffen. In der modernen Welt sind aber diese Traditionen nicht mehr bindend, ja von vielen werden sie als Einschränkung erfahren. In dieser Welt ohne Bindung und Orientierung suchen Menschen oftmals Sinn, indem sie sich an dem orientieren, was andere tun (> Konformismus bis hin zum Totalitarismus - Frankl erklärt so das Phänomen des Nationalsozialismus) oder sie flüchten in irgendwelche Süchte. Such-t kann als falsche Antwort auf die Sinnfrage bzw. als Sinnmangelzustand gedeutet werden.


Anmerkung zum Thema Traditionsverlust oder wie die Einführung der Zentralheizung in Finnland zu einer erhöhten Suizidrate führte (Quelle: Vortrag der Frankl-Schülerin Dr. Elisabeth Lukas):
Vor Einführung der Zentralheizung musste im Sommer Holz für den Winter gesammelt werden. Traditionell begab sich die Großfamilie am Sonntagnachmittag auf einen Spaziergang in die Wälder und jeder nahm so viel Holz unter den Arm, wie er tragen konnte. Nach Einführung der Zentralheizung bestand keine Notwendigkeit mehr, Holz zu sammeln und so unterblieben die Spaziergänge. Wichtiger als Sapzierengehen und Holzsammeln waren jedoch die Gespräche gewesen, die unterwegs geführt wurden. Dabei konnten sich die Familienmitglieder viele Probleme von der Seele reden. Indem die Spaziergänge unterblieben, fielen auch die Gesrpäche aus mit der Folge, dass die Menschen mit ihren Problemen alleine blieben und in der Folge sich die Depressionen ausbreiten konnten, die letztlich zu vermehrten Suiziden führten.


   

   Nach der Überzeugung Frankls kann Sinn nicht erzeugt oder gemacht werden, sondern er wird gefunden. Mögliche Sinnantworten erwachsen aus dem Leben selbst. Skeptisch äußert sich Frankl gegenüber der von anderen psychologischen Schulen vertretenen “Selbstverwirklichung”. Sinn wird seiner Meinung nicht gemacht, sondern gefunden und zwar transzendent, was bei ihm so viel bedeutet wie “außerhalb der eigenen Person”. Sinnfindung erfolgt allein auf Grund der Zuwendung zu einer Sache, Aufgabe oder Person außerhalb des Menschen selbst. Eine Neuorientierung des Lebens ist nach Meinung der Logotherapie grundsätzlich in jedem Stadium des Erwachsenenalters noch möglich. Im Rahmen seines logotherapeutischen Ansatzes entwickelte Viktor Frankl die therapeutischen Instrumente der Existenzanalyse, der paradoxe Intention und der Dereflexion. Bei der Existenzanalyse wird die Biographie zusammen mit dem Therapeuten im Hinblick auf mögliche Sinnansätze untersucht, bei der paradoxen Intention rät der Therapeut dazu, genau das zu tun, wovor man sich fürchtet und bei der Dereflexion versucht der Therapeut nicht zuletzt mit der Kraft des Humors die Fixierung des Patienten auf real nicht existierende Ängste und Bedrohungen aufzulösen.


frankl_logotherapie

  
Süddeutsches Institut für Logotherapie GmbH

Österreichisches Ausbildungsinstitut für Logotherapie und Existenzanalyse

Professor Viktor Emil Frankl verstarb hochbetagt am 2.9.1997.

Anmerkung: Das "existenzelle Vakuum" im Spiegel des Suchtverhaltens: 

(Quelle: Vortrag der Psychagogin Christa Meves, Salzstadel -  Landshut 2.7.1999)

Noch in den 40er-Jahren konnte man von Einzelfällen sprechen, heute hat sich das Suchtverhalten epidemisch verbreitet! Das sogenannte "Koma-Saufen" von Kindern an der Schwelle zum Jugendalter ist der letzte Hinweis auf die epidemische Ausbreitung von Suchtkrankheiten.

Fazit:

In der Bundesrepublik Deutschland gibt es derzeit 8 Millionen bekannte, da registrierte Süchtige!

Jeder Süchtige belastet mit seiner Sucht durchschnittlich 2 Angehörige!

Das Leben von 24 Millionen der insgesamt 86 Millionen Bundesbürger wird durch Sucht geprägt bzw. beeinträchtigt!


2. Die Vielfalt religiöser Strömungen in unserer Zeit ("Jahrmarkt der Möglichkeiten")

2.1. Überblick über das Verhältnis von Glauben und Atheismus

atheismus_gottesglauben_quadrant

2.2. Das Erbe der Säkularisation
2.2.1.
Die Verweltlichung des Naturrechts und die Gesellschaftsvertragslehre

Renaissance, Humanismus und Aufklärung führten zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert zu einer Säkularisierung, (d.h. Verweltlichung ohne weitergehende göttliche Begründung) des Naturrechts. Es wurde somit entchristlicht und enttheologisiert und nunmehr wiederum, wie schon zu Zeiten der Stoa, allein aus der Vernunft begründet. So behauptete der holländische Rechtsgelehrte Hugo de Groot (nach Renaissance-Mode latinisiert: Hugo Grotius), dass das durch die Vernunft gefundene Naturrecht auch dann gelten würde, wenn es keinen Gott gäbe. Der Mensch müsse die Freiheit haben, sein Leben und seine Umwelt gemäß der Vernunft zu gestalten. Neben diese Forderung nach innerer Freiheit als der Freiheit, vernunftgemäß zu denken und sich von den Fesseln unvernünftiger Leidenschaften zu befreien, trat alsbald die Forderung nach äußerer Freiheit als der Freiheit von unvernünftigen sozialen und politischen Fesseln.
Mit diesem vernunftbegründeten Naturrecht eng verbunden ist die rationalistische Staatsvertragslehre. Danach wurde ohne Anspruch auf historische Richtigkeit behauptet, dass das ursprünglich freie Volk einen Vertrag mit dem Herrscher abgeschlossen habe, in dem es sich selbst zu Gehorsam verpflichtete, sofern der Herrscher Sicherheit, Ordnung und bestimmte Rechte gewährleiste. Als Zweck dieses Vertrages wird vor allem der Schutz von Leben, Freiheit und Eigentum der Bürger gesehen. Verletzt der Herrscher diese Rechte, so sei Widerstand von Seiten der Untertanen zulässig.  Zweifelsohne kollidierten diese Vorstellungen mit dem Bild von einem Königtum von Gottes Gnaden.

In einer Passage aus einem "Kalenderblatt" des Hörfunkprogramms Bayern 2 Radio vom 6. September 2004 wird deutlich, was in Zeiten des Absolutismus ein Menschenleben wert war und wie weit man von Menschenrechten damals entfernt war:

Ludwig der XIV. hat sich indes von seinem Vorgänger Franz auch die Liebe zur Jagd abgeschaut. Franz hatte den Wald rund um Chambord mit einer 32 Kilometer langen Mauer einzäunen lassen und inszenierte darin seine Parforce-Jagden auf Sauen und Hirsche. Wie Franz ließ auch Ludwig die Tiere grausam zu Tode hetzen, wobei Reiter und Hunde den Bauern die Felder zertrampelten und die Landleute als Treiber nicht selten den Tod fanden. In einem landwirtschaftlichen Buch des 17. Jahrhunderts steht zu lesen, "daß offt arme bloße unbekleidete Leute im harten kalten Winter mit hinaus auff die Jagd müssen, und draußen für dem Netze so erfrieren, daß man ihnen darnach die Schenckel ablösen muß, oder daß man sie todt oder erfroren hinter den Bäumen findet."

Die Menschenrechte waren damals eben noch nicht erfunden, und das Gewissen war der höfischen Gesellschaft abhanden gekommen. So eine Jagd ist doch auch eine zu lustige Sache! Wer sollte da an Untertanen denken?!


2.2.2. John Locke (1632 - 1704)

Den historisch betrachtet gewichtigsten Niederschlag fanden diese Theorien bei John Locke, dem klassischen Vertreter der Idee der Menschenrechte und Begründer des modernen Liberalismus. In seinem Hauptwerk Two Treatises on Government (1690) geht Locke von der unzweifelhaft vorausgesetzten Rationalität des Menschen aus. Er konstruiert einen idealen Naturzustand, in dem es noch keinen Staat gibt und die Menschen vollkommen frei und gleich sind. Ihre Vernunft zeige den Menschen, dass es Rechtsgrundsätze gibt, die sie beachten müssen: das Recht jedes Menschen auf Leben, auf Freiheit, auf Eigentum. Diese Rechtsgrundsätze sind für Locke ewiges und unabänderliches Naturrecht.
Anmerkung: Das Recht auf Leben ist eigentlich nie bestritten worden. Freiheit heißt, nach der Vernunft leben zu dürfen. Das Recht auf Eigentum erwirbt sich der Mensch durch seine Arbeit an Naturgütern. Nach Locke leben die Menschen in diesem idealen Urzustand in erträglichen Verhältnissen. Schwierigkeiten gibt es allein bei der Verfolgung von Rechtsbrechern, da es keine Organisation gibt, die für Recht und Sicherheit sorgt. Hier muss sich jeder selber helfen und es regiert das Faustrecht. Die Vernunft gebietet nun den Menschen, sich zusammenzutun um gemeinsam für den Schutz von Leben, Freiheit und Eigentum zu sorgen. So schließen sie freiwillig einen ersten Vertrag, in dem der Einzelne auf Selbsthilfe gegen Rechtsbrecher verzichtet. Damit ist durch freiwillige Vereinbarung die Gesellschaft entstanden.

Es fehlt aber nun noch eine Institution, deren Aufgabe es ist, für die Sicherung der Rechte der Bürger zu sorgen: es gibt noch keinen Staat. Deshalb überträgt in einem zweiten Vertrag die Gesellschaft durch Zustimmung der Mehrheit ihrer Mitglieder einer Person oder einer Gruppe von Personen diese Aufgabe. Der Staat entsteht.

Immanuel Kant (1724 - 1804) hat Recht, wenn er im Gesellschaftsvertrag keine historische Tatsache sieht,
sondern eine “regulative Idee”. Die Wirkung der Locke`schen Theorie beruht zuvorderst auf der Annahme, dass der Mensch noch vor dem Staat Rechte besitzt, die zu wahren der Staat überhaupt erst eingerichtet wird. Damit wies Locke den Staat in die Grenzen, die ihm der Liberalismus als politische Idee hinfort setzte: Der Staat ist allein dazu da, Leben, Freiheit und Eigentum seiner Bürger zu schützen. Ansonsten hat er sich um nichts zu kümmern (“Nachtwächterstaat”).


Die Wirkungsgeschichte der Locke`schen Idee lässt sich an Hand folgender Dokumente verfolgen:


2.2.3. Die Säkularisation von 1803 in Bayern

           „Aufklärung“: Glaube an die befreite menschliche Vernunft > die alte Religion gilt als widervernünftiger Aberglaube            1789: Beginn der Französischen Revolution: „Freiheit, Gleichheit, Eigentum(!)“*

            *Die  Französische Revolution stand unter dem Motto "Freiheit, Gleichheit, Eigentum". Erst mehr als 50 Jahre  später unter Kaiser Napoleon III. wurde  die Parole  "Liberté, Egalité, Fraternité" zur offiziellen Devise der französischen Republik erkoren. 
            (Quelle: "Brüderlichkeit 1"  in  Krämer W., Trenkler G., Das Beste aus dem Lexikon der populären Irrtümer (München, 2002), S. 53)


           Österreich und Preußen versuchen nebst anderen Staaten die Revolution zu bekämpfen, unterliegen jedoch letztlich und im Basler Frieden von 1795 verzichtet Preußen auf alle linksrheinischen Besitzungen, welche an Frankreich fallen.

           1803: Reichsdeputationshauptschluss auf dem Immerwährenden Reichstag in Regensburg: Entschädigung der Fürsten durch Aufhebung kirchlicher Herrschaften und Klöster rechts des Rheins.
 
Im Heiligen Römischen Reich erhielten diejenigen weltlichen Fürsten, die ihr linksrheinisches Territorium an Frankreich hatten abtreten müssen, durch den Reichsdeputationshauptschluss von 1803 rechtsrheinische geistliche Gebiete zur Entschädigung. Im Zuge dieser Umwandlung von geistlichem in weltliches Territorium wurden vier Erzbistümer, 18 Bistümer und etwa 300 Stifte, Klöster und Abteien säkularisiert. Von dieser bis dahin größten Säkularisationswelle profitierten vor allem die Landesherren und das aufstrebende Bürgertum, da Kaufleute und Manufakturbesitzer zu günstigen Preisen wertvollen Kirchenbesitz erwarben.

                                                                                                                                                                   ("Säkularisation."Microsoft® Encarta® Enzyklopädie 2001. © 1993-2000 Microsoft)

        

              
Im Deutschen Reich wurden u.a. 17 Fürstbistümer und 44 Reichsabteien aufgehoben.
             Für Bayern bedeutete dies die Aufhebung von 183 Klöstern!
         

          Folgen der Säkularisation: > Not für Handwerker und Gewerbetreibende, da die Klöster als
Auftraggeber wegfielen.

                                                            > Ende des sozialen und seelsorgerischen Wirkens der Klöster
                                                            > Priestermangel nach dem Tod der Mönche
                                                            > Ende des sozialen und seelsorgerischen Wirkens der Klöster
                                                            > Not für die Bauern,  da sie statt Natural- und Sachleistungen nun  Geldleistungen an die neuen staatlichen Herren zu erbringen hatten.


          Napoleon machte 1806 Bayern zum Königreich. 

          1816 (nach dem Wiener Kongress) gab es für Bayern territoriale Zugewinne, auch wenn das bis 1780 bayerische Innviertel sowie das Salzburger Land endgültig an Österrreich fielen.

          5.6.1817: Konkordat zwischen Papst Pius VII. und König Max Joseph von Baiern:

          Folgen der Säkularisation in Landshut

hl_blut   (Foto: R. Pfeiffer, Feb. 2006)

Dieser Grabstein in Landshut / Hl. Blut zeigt, dass es auch in der Kirche Priester gab, die versuchten sich den modernen, vernunftorientierten Ideen anzuschließen: ("altmodische") christliche Symbolik fehlt hier völlig!



2.2.4.
Das Verhältnis von Kirche und Staat in der Bundesrepublik Deutschland
           (im Vergleich zu einigen ausgewählten Ländern)

 siehe Arbeitsblatt "Ohne die christlichen Wurzeln geht es nicht" (LAZ v. 15. Okt. 2009)


In der Präambel zum Grundgesetz wird ausdrücklich Gott genannt:


Präambel

1Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, von dem Willen beseelt, als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen, hat sich das Deutsche Volk kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz gegeben.

...


Artikel 1 des Grundgesetzes weist eine große Nähe zur biblischen Schöpfungserzählung in Gen 1,27 ("Gott schuf den Menschen nach seinem Bild") auf :


Artikel 1

(1)1Die Würde des Menschen ist unantastbar.
2Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. 

...


Die Artikel 3 und 4 des Grundgesetzes garantieren die Religionsfreiheit:

Artikel 3

(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.

(2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.

(3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

Artikel 4

(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.

(2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.

(3) Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden. Das Nähere regelt ein Bundesgesetz.

Die in diesen Artikeln niedergelegte Neutralität gegenüber den Religionsgemeinschaften darf nicht verwechselt werden mit einer grundsätzlich verordneten Gleichgültigkeit wie z.B. in den USA, wo das Weihnachtsfest nicht mehr als christlicher Feiertag definiert ist! (Stattdessen gibt es "Seasons Greetings" aus dem Weißen Haus). Washington Cathedral ist ein Ort religiöser Neutralität und steht grundsätzlich jeder Glaubengemeinschaft offen. dennoch bedeutet dies nicht,  dass der deutsche Staat seine im Grundgesetz festgelegte religiöse Neutralität verletzt: noch immer gehören die meisten Bürger dieses Landes nominell einer der beiden großen Religionsgemeinschaften in Form der Katholischen und der Evangelischen Kirche an, die somit allein auf Grund ihrer Größe ein, wenn auch tendenziell abnehmendes (vgl. Kruzifixurteil*) politisches Gewicht und damit auch einen entsprechenden Einfluss besitzen. Durch die deutsche Wiedervereinigung 1990 ergibt sich ein deutliches West-Ost-Gefälle, was die Zugehörigkeit zu einer Kirche betrifft: Sind im Westen noch ca. 80% der Menschen gottgläubig, so sind es im Osten gerade mal 20%. Da es sich bei Staatsbürgern und Gläubigen ja nicht um verschiedene Menschen handelt, haben sich nach dem Zweiten Weltkrieg bewährte Formen der Kooperation zwischen Kirche und Staat entwickelt. Von Diskriminierung anderer zu reden macht keinen Sinn, denn auf Antrag kann jede Religionsgemeinschaft die selben Rechte wahrnehmen wie die beiden großen Kirchen. So gibt es an bayerischen Schulen derzeit altkatholischen, orthodoxen und israelitischen Religionsunterricht. Im Lernmittelverzeichnis stehen für den neuapostolischen Religionsunterricht lernmittelfrei zugelassene Schulbücher. Der Einzug der Kirchensteuer durch die staatlichen Finanzämter stellt eine Serviceleistung des Staates dar, welche im Übrigen von den Kirchen mit 3% der Einnahmen bezahlt wird. Auch die in Deutschland lebenden Juden zahlen auf diese Weise den von ihrer Religionsgemeinschaft festgesetzten Beitrag.

Ein Blick auf das Nachbarland Österreich, das ebenfalls die Kirchensteuer kennt und wo die Kirchen unabhängig vom Staat eigene Kirchensteuerämter betreiben müssen, zeigt, dass hier viel mehr Geld in Form von Verwaltungskosten für die eigentliche Kirchenfinanzierung verloren geht.

Kirchensteuermodelle

Die Rechtslage aller Religionsgemeinschaften ist also grundsätzlich gleich, nicht aber ihr durch die Zahl (Katholische Kirche / Evangelische Kirche) oder die Geschichte (Juden - Zentralrat der Juden) bedingtes politisches Gewicht und damit die Notwendigkeit des Staates, mit ihnen zu kooperieren. Die beiden großen Kirchen haben in der BRD den Status einer Körperschaft des Öffentlichen Rechts, d.h. sie können ihre internen Angelegenheiten selbst regeln. So müssen MitarbeiterInnen in katholischen oder evangelischen Einrichtungen in der Regel der eigenen Konfession angehören. Auf katholischer Seite macht der Umgang mit geschiedenen Wiederverheirateten immer wieder Schwierigkeiten und produziert bisweilen Schlagzeilen, besteht die Kirche doch bei ihren MitarbeiterInnen auf der Übereinstimmung der Lebenführung mit den von ihr vertretenen Grundprinzipien. Gewerkschaften stören sich an den in den Kirchen gültigen Arbeitsregelungen des "Dritten Weges", die ein Streikrecht ebensowenig vorsehen wie die Übernahme gewerkschaftlich ausgehandelter Tarifvereinbarungen / Tarifverträge.

Der Einfluss der Kirchen wird zukünftig wohl abnehmen, denn der Anteil der Kirchenmitglieder in der BRD liegt derzeit bei ungefähr 60% bei abnehmender Tendenz. Ca. 2025 wird die Mehrheit der Bürger vermutlich keiner Kirche mehr angehören.

Im Falle der in Deutschland lebenden Muslime besteht die Schwierigkeit, dass geschätzte - es gibt keine offizielle Statistik! - 3½ Millionen der in der BRD lebenden Muslime ihre Religion nicht praktizieren. Der Religionswissenschaftliche Medien- und Informationsdienst e.V. nennt diese Zahl von 3½ Millionen ebenfalls, wobei maximal 367.000 in Moscheevereinen organisiert sind. Die praktizierenden Muslime haben eine starke Bindung an ihr Herkunftsland, wobei die Sprache des Herkunftslandes eine große Rolle spielt. Kooperationen und Zusammenschlüsse erfolgen eher auf lokaler Ebene. Im Ergebnis führt dies zu einer großen Zersplitterung, die kaum Ansprechpartner bietet. Der Zentralrat der Muslime hat zwar 19 Mitgliedsverbände, die aber nur ca. 12.000 Muslime in Deutschland repräsentieren! Das Fehlen von Ansprechpartnern und verantwortlichen Gremien auf muslimischer Seite hat bis dato auch die Einrichtung muslimischen Religionsunterrichts an den Schulen erschwert, da niemand da ist, der für muslimische Lerninhalte auf breiter Ebene Garantien übernehmen könnte.


* Das Kruzifixurteil des Bundesverfassungsgerichte
s vom Sommer 1995 belegt, dass der gesellschaftliche Einfluss der Kirchen im politischen Leben abgenommen hat. Die Tendenz zur fortschreitenden Säkularisierung der Gesellschaft findet hier ihren Ausdruck in einer höchstrichterlichen Entscheidung. Religionsfreiheit wird nach diesem Urteil vor allem als Schutz von Minderheiten, also negativ, verstanden. Doch hat der auf das “Kruzifix-Urteil” folgende Massenprotest deutlich gemacht, dass zumindest in Bayern, die Kirche nach wie vor eine bedeutende gesellschaftliche Kraft darstellt.


2.2.5. Moderne Dogmen: Materialismus, Empirismus, Atheismus

Als  Begründer der bis heute gültigen Methodik in den modernen Naturwissenschaften gilt Galileo Galilei (1564 - 1642)  

Allerdings beschäftigte man sich
auch schon vor Galilei, z.B. in der Antike mit naturwissenschaftlichen Fragen. Der Frageansatz aber lautete stets "warum?".
 
Beispiel:
Warum fallen Körper zu Boden?

In der Antike hätte man dies so erklärt: Alle Körper sind schwer und suchen ihre natürliche Lage im Mittelpunkt des Kosmos, den man sich selbstverständlich in der Erdmitte dachte. Warum ist dies so? Weil die Götter dies so eingerichtet haben. Also endete die Fragekette stets mit der Gottesfrage.

Der in Pisa, der Stadt des weltbekannten "schiefen Turms" geborene Galileo Galilei führte nun folgenden Dreischritt in die Naturwissenschaften ein:

         1.) Beobachtung / Experiment
         2.) mathematische Formel / “Naturgesetz”
         3.) Verifizierung / Experiment

Nachdem er den "schiefen Turm" in seine Fallexperimente einbezog, lässt sich das so beschreiben:
Galilei maß die Fallhöhe und die Zeit des Falls eines Körpers bis zum Aufschlag. Seine Messwerte ging in seine berühmte mathematische Formulierung der Fallgesetze ein:
g = 9,81 m/sec2

Von Galilei ist der Ausspruch überliefert, dass die Mathematik die Sprache sei, mit der die Rätsel des Universums entschlüsselt werden!

Bis heute wurden Galileis Fallversuche x-mal reproduziert und verifiziert. Im Vergleich zur antiken Naturwissenschaft beinhaltet dieses Vorgehen jedoch eine Veränderung der Fragestellung, beschreibt doch Galileis Versuchsanordnung allenfalls wie Körper zu Boden fallen, während die Frage nach dem Warum unbeantwortet bleibt. Immerhin war die Naturwissenschaft mit dieser neuen Methodik den historischen Ballast der Gottesfrage los und konnte sich nunmehr ganz der Erforschung der Natur widmen. Die weitere Entwicklung hin zur atheistischen Naturwissenschaft ist allerdings nicht Galilei anzulasten, der selbst ein gottgläubiger Mensch war.

Im Laufe der Zeit und parallel zum Erfolg der Naturwissenschaften, die immer mehr Phänomene erklären konnten, veränderte sich das Welt- und Gottesbild vieler Wissenschaftler, sodass im 19. Jahrhundert viele Naturwissenschaftler, die in der Mehrzahl nun bekennende Atheisten waren, erklärten, bald alle Naturphänomene erklären zu können. Diese Phase, in der die Allmacht der Naturwissenschaften betont und ein Alleinvertretungsanspruch im Hinblick auf die Erklärung der Welt vertreten wurde, beschreibt der Begriff "Szientismus". Bis heute prägt der dogmatische Dreisatz der Szientisten weite Kreise der Naturwissenschaften:

1. Alles ist Materie.
2. Es existiert nur, was im Sinne des Empirismus messbar und zählbar, also letztlich mit den Sinnen fassbar ist, unter Zugrundelegung des Kausalprinzips.
3. Da Gott nicht empirisch nachgewiesen werden kann, existiert er nicht. Der wahre Wissenschaftler bekennt sich also zum Atheismus.

Auch wenn dieses Grunddogma weiterhin großen Einfluss auf die Sicht unserer Welt hat, so erhebt sich dagegen doch zunehmend Protest. Der amerikanische Philosoph Ken Wilber empfindet diese naturwissenschaftlich geprägte Sichtweise der Welt und des Menschen und nennt sie "flatland": Hier werde die zweidimensionale Oberfläche einer Landkarte als die Wirklichkeit an sich ausgegeben. Leben sei jedoch von seiner Deimension her viel tiefer strukturiert. Eine ähnliche Sicht vertritt der tschechischstämmige amerikanische Philosoph und Psychiater Stanislav Grof, der die Fähigkeit des menschlichen Geistes in kosmisch-religiöse Sphären auszugreifen ganz und gar nicht als krankhaft, sondern als ganz und gar zum Menschen gehörig einstuft. Im Gegensatz zu den meisten Ansätzen der Psychologie und Psychiatrie sieht er das Festhalten am naturwissenschaftlichen Dogma (Materialismus, Empirismus, Atheismus) als Verkümmerung des menschlichen Wesens, als Verarmung des Geistes.

(Anmerkung: Grof ist kein Christ, sondern Anhänger fernöstlicher Religionen - hier aber geht es allein um die Bewertung religiöser Erfahrungen unabhängig von der Glaubensrichtung!)

Die großen Versprechungen der Naturwissenschaften haben sich nicht erfüllt: Durch die Quantenphysik wurde dem Szientismus quasi der Boden entzogen, denn Materie ist hier nur eine Form von Energie, keinesfalls eine feste Konstante. Der seit 1970 eingeführte Begriff der Dekohärenz beschreibt die Wirklichkeit als Wechselwirkung von Quanten. Demnach werden alle Phänomene der "klassischen Physik" durch permanente Wechselwirkung von Teilchen auf der Quantenebene erzeugt. Auch entziehen sich quantenmechanische Prozesse der Messbarkeit durch "klassische" Messinstrumente, weil unter dem Einfluss dieser Messinstrumente Wechselwirkungen ausgelöst werden, welche die Messvoraussetzungen verändern. Folgt man also dem Prinzip der Dekohärenz, so sind Wirklichkeit und Materie keine fixen Größen, sondern sie werden permanent durch die Wechselwirkungen von  subatomaren Teilchen auf der Quantenebene erzeugt. Die Chaostheorie zeigt ebenfalls die Grenzen der klassischen Physik nach der von Galileo Galilei eingeführten Vorgehensweise auf: neben geordneten Bereichen, in denen Kausalitäten gelten und Voraussagen im Sinne der "Naturgesetze" möglich sind, existieren demnach chaotische Bereiche, in denen eben keinerlei exakte Voraussagen möglich sind, sondern nur Wahrscheinlichkeiten gelten.

Dr. Thomas Görnitz, einer von Deutschlands besten Physikern, erklärte auf die Frage, ob, sofern er sich entscheiden müsse, die Natur eher als Materie oder als Geist zu beschreiben sei, wohl das Letztere zuträfe. So bei einem vom "Wissenswerk Landshut" in der FH Landshut veranstalteten Podiumsgespräch im November 2002.

Dem strengen Weltbild des Marxismus-Leninismus folgend, welches in der Materie monokausal die einzige Ursache des Daseins sieht, hätte die Sowjetunion niemals Atombomben bauen können, denn diese setzten ja die Wandlung von Materie in Energie voraus, was der materialistischen Grundthese von der Ewigkeit der Materie total widerspricht.

Auch wenn wir unseren Wohlstand zu großen Teilen naturwissenschaftlichen Erfolgen verdanken, so haben die Naturwissenschaften uns eben auch die Atombombe beschert und die Mittel zur globalen Zerstörung in die Hand gegeben. Die Umweltkrise wurde mit durch den Fortschritt der Naturwissenschaften ausgelöst und verstärkt das Unbehagen, abgesehen davon, dass Naturwissenschaften keine Sinnantwort für das menschliche Leben liefern können.

Viele Menschen stellen heute die Errungenschaften der Schulmedizin, die der Theorie nach streng kausal-wissenschaftlich vorgeht, in Frage und wenden sich lieber den "sanften Naturheilverfahren" zu. Verdeutlichen lässt sich dies am Beispiel Penicillin. Während im Ersten Weltkrieg noch die meisten Soldaten an Infektionen infolge oftmals gar nicht so großer Verletzungen starben, spielte diese Todesursache nach Entdeckung der Penicilline durch Alexander Fleming im Jahr 1928 im Zweiten Weltkrieg fast keine Rolle mehr. In einer ZDF-History-Sendung wurde mitgeteilt, dass ohne Penicilline jeder dritte Zuschauer jetzt nicht vor dem Fernseher säße.
Vor allem akademisch gebildete junge Eltern misstrauen oftmals der Schulmedizin und halten Penicilline für potenziell schädlich. Deshalb verringern Sie bei ihren Kindern eigenmächtig die vom Arzt verschriebene  Penicillin-Dosis in der Meinung, ihren Kindern damit Gutes zu tun. Tatsächlich aber besteht die Gefahr, dass Sie Ihren Kindern eine Penicllin-Resistenz bescheren, da die Bakterien nur teilweise abgetötet werden und sich letztlich penicillin-resistente Bakterienstämme entwickeln.

Vor diesem Hintergrund und natürlich auch der abnehmenden integrativen Kraft der als altmodisch und rückständig empfundenen Kirchen entstand und entsteht auf einer anderen Ebene ein religiöses Vakuum, in welches heutzutage viele Gruppen vorstoßen. Esoterik und alternative Heilslehren boomen. Sie alle versprechen den nach Sinn Suchenden Sinngebung, aber um welchen Preis? Wer sich ein Bild machen will, braucht sich nur das entsprechende Ecke mit spirituell-esoterischer Literatur in einer Buchhandlung anzusehen.

2.2.6.  Die Seelenfangmethoden der Sekten, "Gesundheitssekten" und Psychogruppierungen als Gegenpol zur Religionsfreiheit

Aktueller Hintergrund: Das Kruzifixurteil des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte vom 3. November 2009 - Das Aufhängen von Kruzifixen in italienischen Klassenzimmern (und somit auch in bayerischen) wurde als "Menschenrechtsverstoß" bewertet! Eine andere Kammer des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte relativierte im März 2011 dieses Urteil: Ein an der Wand angebrachtes Kruzifix wurde als "passives Symbol" bewertet, das nicht notwendiger Weise zu einer Indoktrinierung anderer Menschen führe. 

vgl. Wikipedia "Kruzifixbeschluss"

Wurde hier viel Aufhebens wegen eines Kreuzes gemacht, so verstoßen
andererseits viele religiöse Sondergruppierungen permanent gegen Menschenrechte, ohne dass man sie dafür zur Rechenschaft ziehen könnte, denn der Tatbestand der "geistigen Körperverletzung" findet sich nicht im Strafgesetzbuch. In diesen Fällen ist vielfach von Indoktrination auszugehen!  

Exemplarisches Beispiel für eine Sekte: Zeugen Jehovas


Auszug aus einem Interviewskript mit Dr. Behnk, Sektenbeauftragter der Evangelischen Kirche in Bayern

Zwei Hauptschienen der Mitgliederwerbung durch Sekten:  A > "Du passt wunderbar zu uns! Dich können wir super gebrauchen!"    B  >  "Du hast ein Problem? Wir haben die Lösung!"

Daneben gibt es weitere Gründe, warum Menschen in einer Sekte zu Hause sind bzw. dort landen:

Durch die straffe Führungsstruktur innerhalb der Sekte kann es sogar dazu kommen, dass Mitglieder das vom Führer propagierte Rettungsboot in Form angeordneten Suizids besteigen. Als krassestes Ereignis dieser Art gilt der von Jim Jones angeordnete Massensuizid von 900 Anhängern seines People's Temple im Urwald von Guayana.

Die oft vertretene Meinung, dass man ja mal etwas ausprobieren könne und sich jederzeit frei entscheiden könne, übersieht, dass die Sekten bzw. Gruppen die sogenannte "kognitive Dissonanz" ausnutzen, die uns bei abweichenden Realitätseindrücken davor bewahrt, den Verstand zu verlieren. Jeder Mensch sieht zumeist einen Unterschied zwischen dem, der er ist und dem, der er gern sein möchte. Werde ich neuen, evtl. sogar extremen Eindrücken ausgesetzt, zieht das "Ich" sozusagen nach und so wird die Sektenlehre im Kopf verankert. Früher wurde dies oft mit dem Begriff "Gehirnwäsche" bezeichnet.

Meiner Meinung nach erfolgt die Radikalisierung von Terroristen im Islamischen Staat genau diesem "Sektenmuster": Junge Leute bzw. Muslime, oft solche, die sich als benachteiligt erleben, werden plötzlich dringend gebraucht. Auch wird ihnen ein für sie nachvollziehbares Sinn- und Ordnungssystem und eine für sie nachvollziehbare Welterklärung an die Hand gegeben. Im Kampf gegen den Unglauben finden sie Sinn und im Falle des Märtyrertodes werden ihnen himmlische Freuden versprochen. Das befähigt sie, mitleidlos und mit extremer Brutalität gegen andere Menschen vorzugehen. Im Grunde nichts Neues, denn auch die SS wurde von Heinrich Himmler als "Schwarzer Orden" im Sinne einer Religionskriegertruppe gegründet und geführt. Auch die SS ist bis heute für ihre Gräueltaten bekannt.
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Vorsicht vor unbewiesenen bzw. unbeweisbaren Behauptungen, denn aus psychologischer Sicht wohnt ihnen die zweitgrößte Überzeugungskraft inne!

Vorsicht vor Wissensvermittlung, wie sie in esoterischen Kreisen (Esoterik lässt sich als "Wissenschaft des inneren Zirkels" beschreiben) üblich ist: Wissen gibt es nur scheibchenweise für "Eingeweihte". Oftmals müssen (teure) Kurse belegt werden, um in den inneren Zirkel aufzusteigen! Kurssysteme sind für die jeweiligen Veranstalter im Allgemeinen sehr lukrativ!

In neuerer Zeit geht es nicht mehr allein um Religion, sondern vielfach um Gesundheit. Man könnte von Gesundheitssekten sprechen, deren Motto lautet: Wer richtig denkt, wird nicht krank, wer krank ist, denkt falsch und muss mit Hilfe der Gruppe sein Denken ändern um gesund zu werden! 

Als Beispiel für so eine Gruppe sei der Bruno-Gröning-Freundeskreis (dessen Trägerverein nennt sich: Kreis für natürliche Lebenshilfe e.V.. Dieser wiederum spaltete sich ab vom "Verein zur Förderung seelsich-geistiger und natürlicher Lebensgrundlagen", einer Gründung Bruno Grönings)
angeführt, weil dieser auch im Raum Landshut aktiv ist. 
          [Info dazu bei www.relinfo.ch] oder / und 
[Info dazu bei Wikipedia]

Die wohl beste, da umfassendste und informativste Übersicht über Kirchen, Religionen, Sondergruppen, Sekten findet sich unter www.relinfo.ch

                                                                            


Ein bezeichnendes Licht auf das Gebaren von Sekten und Esoterikgruppen wirft auch ein Vergleich mit sogenannten "Cargokulten", wobei die
Ähnlichkeiten hoffentlich frappierende Einsichten ermöglichen!



2.3. Wahrheit und Toleranz: Die Position der Katholischen Kirche

2.3.1. Ökumene / Das Ökumenismusdekret des II. Vatikanischen Konzils

2.3.2. Erklärung des II. Vatikanischen Konzils zu den nichtchristlichen Religionen (Text von > "Nostra aetate")

     weltreligionen_verhaeltnis

vgl. Buch Leben gestalten 11, S. 29

2.3.3. Einblicke in das Sinnsystem des Glaubens 

2.3.3.1. Symbol

Das Wort "Symbol" (vgl. Erklärung bei Wikipedia) stammt aus dem Griechischen: sym-ballein bedeutet soviel wie "zusammenfügen". Handelte es sich ursprünglich z.B. um Tonscherben, die als eine Art Ausweis zur Wiedererkennung eingesetzt wurden, so wird heute zumeist ein Zeichen mit Wissen verbunden. Fehlt das Wissen, bleiben die Zeichen rätselhaft.

Dies gilt auch für die Europafahne: Woher kommen die 12 Sterne auf blauem HIntergrund?

Grundsätzlich neigen Symbole zur Vieldeutigkeit, sind also nicht immer auf eine Bedeutung "festzunageln". Den Prozess der durchaus vieldeutigen Interpretation spiegelt der Artikel zur Europaflagge in Wikipedia wider! Demnach ist die religiöse Interpretation wie auch die Urheberschaft von Paul M.G. Lévy nur eine von mehreren Möglichkeiten gemäß dem Motto: Ganz genau weiß man es nicht! Aber egal, welcher Interpretation man folgt: Ganz sicher haben die zwölf Sterne überhaupt nichts mit der Zahl der Gründerstaaten zu tun! Darin sind sich alle Deutungen einig!


2.3.3.2. Die Messe als sinnstiftendes, heiliges Schauspiel (> "Sprache, Bilder, Symbole") 

Eine Zusammenstellung des Hintergrundwissens, das zur Entschlüsselung und zum Verständnis der in der Messfeier gebräuchlichen Symbolik beitragen kann, findet sich unter dem folgenden Link: "Messe"

Jerusalem, Schauplatz der Ereignisse um Jesus Christus, bildet den Ausgangspunkt der Messfeier mit ihren zwei Hauptteilen Wortgottesdienst und Mahlfeier (Eucharistie). Auch in der Messfeier erfolgt ein Ortswechsel durch den Priester am Übergang vom Wortgottesdienst zur Mahlfeier, wenn er sich vom Priestersitz (Sedile) an den Altar begibt:

jerusalem
                                                                                                                                                            

2.4. Die Grenzen des Erkennens

2.4.1. Was ist Wirklichkeit?

Mit Hilfe einer Zweifarbenbrille bekommen spezielle Fotografien bei der Betrachtung eine dritte Dimension. Obwohl in der Fotografie angelegt, entsteht das räumliche Bild erst im Gehirn des Betrachters. Auch beruhen sogenannte "optische Täuschungen" auf einer fehlgeleiteten Wahrnehmung, d.h. die Täuschung entsteht ebenfalls im Gehirn des Betrachters.

Im Internet finden sich diverse Sites, die sich mit optischen Täuschungen beschäftigen:

 
http://www.panoptikum.net/optischetaeuschungen/

http://paedpsych.jk.uni-linz.ac.at/INTERNET/ARBEITSBLAETTERORD/TAEUSCHUNGENORD/Illusions.html

http://library.thinkquest.org/27338/opticillue.htm
Die totale Illusion - Mystery Spots Explained (in English)

 - Wirklichkeit ist somit ein Produkt des Geistes eines Menschen und somit primär subjektiv! 

Dass Wirklichkeit ein Produkt des Geistes ist, belegen Wahrnehmungsstörungen, wie sie bei Patienten in psychiatrischen Anstalten auftreten. Dort gibt es tatsächlich Menschen, die sich beispielsweise für Napoleon halten. Aus ihrer subjektiven Perspektive ist das die Wirklichkeit - alle anderen Menschen verkennen sie und sind nach Meinung des kranken im Irrtum befangen. Manche Menschen entwickeln auch eine sogenannte "multiple" Persönlichkeit, d.h. in ein und der selben Person existieren scheinbar mehrere Personen nebeneinander und leben dabei jeweils in ihrer eigenen Wirklichkeit.

Auch alte Menschen in Pflegeheimen leben teilweise in einer anderen Wirklichkeit. So beklagte sich beispielsweise eine 90-Jährige bei ihrem Gesprächspartner, dass ihre Mutter sie am Morgen beim Ankleiden überhaupt nicht beachtet habe. Die Aussage, dass die Mutter ja schon tot sei und das so nicht stimmen könne, hilft dieser Person jedoch nicht weiter!  

Der folgende Witz spielt mit der subjektiven Wahrnehmung von Wirklichkeit:
In einer psychiatrischen Anstalt zieht einer der Patienten an einem Bändchen seine Zahnbürste hinter sich her. Das Pflegepersonal kennt dies bereits und so wird der Patient gefragt, ob er wieder ein Mal seinen Hund Gassi führe.
"Ja sehen Sie denn nicht, dass das eine Zahnbürste ist?" entgegnet der Kranke leicht entrüstet. Nachdem das Pflegepersonal außer Sichtweite ist, dreht er sich um und sagt: "Geh, Fiffi, den hamma sche ausgeschmiert!"

Neue Gefahren für die Wahrnehmung der Wirklichkeit bzw. neue Möglichkeiten des Wirklichkeitsverlustes wurden durch die neuen computergestützten Medien geschaffen: Hier schildern Eltern, wie sie ihren Sohn an die Computerwirklichkeit verloren haben:

 rollenspielsucht


Auch aus der Perspektive der Naturwissenschaft wird klar, dass es Wirklichkeit an sich nicht geben kann: Das was wir als Wirklichkeit im Sinne der klassischen Physik wahrnehmen beruht auf den scheinbar ungeordneten Vorgängen der Quantenphysik, wo sich weder Orte noch Geschwindigkeiten bestimmen lassen, ja wo Teilchen sich teilen und an verschiedenen Orten "gleichzeitig" auftreten können. Jeder Messvorgang greift in das Verhalten der Quantenteilchen ein und verändert es. Prof. Harald Lesch sieht in den biologischen Gesetzen einschließlich des Alters den Preis dafür, dass Lebewesen über längere Zeit in der Welt stabil existieren können.

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Ein Blick in die deutsche Sprachgeschichte zeigt, dass hinter dem Wort "wirklich" zwei Bedeutungen stehen.

     ° W1 : diese erste Bedeutung ist bereits für das 13. Jahrhundert belegt, wobei "wirklich" damals im Sinne von "wirksam" verwendet wurde. Wirksamkeit beinhaltet eine subjektive, psychologische Komponente.
     ° W2 : die zweite und heute dominante Bedeutung im Sinne von "tatsächlich existierend" ist erst für das 15. Jahrhundert belegt. Hierbei geht es darum, ob etwas objektiv existiert.

Derzeit erleben wir die wirtschaftlich unsichersten Zeiten seit Jahrzehnten! Welchen "wirklichen Bedrohungen die Weltwirtschaft ausgesetzt sein wird, ist auch eine psychologische Frage! Wenn viele Menschen aus Angst vor der Krise beginnen ihr Geld von den Banken zurückzufordern und es abheben, verschärft dies unweigerlich die Krise! Wie sehr diese Krise die Weltwirtschaft wirklich (im Sinne von W2 = tatsächlich) bedroht, vermag derzeit niemand zu sagen. Dies wird sich erst in der Zukunft herausstellen.

Diese beiden Bedeutungen von "wirklich" gilt es auch für den Bereich des Glaubens oder auch für die Existenz Gottes im Auge zu behalten. Denn ob ein Mensch an Gott glaubt oder nicht, das vorhandene bzw. das nicht vorhandene Gottesbild erzeugt in jedem Falle Wirkungen, die sich auf die Lebensweise bzw. das Leben auswirken. Diese Wirkungen im Sinne von W1 sind psychologisch nachweisbar.

Die Frage, ob Gott im Sinne von W2 wirklich existiert, lässt sich nicht durch Beweis oder Gegenbeweis entscheiden, sodass sich die Existenz bzw. Nicht-Existenz Gottes erst in der Zukunft herausstellen wird.


2.4.2.
Blaise Pascal: “Die Wette”                       

   Blaise Pascal, der französische Mathematiker und Philosoph, stellt die Gottesfrage in Form einer Wette vor. Grundsätzlich steht die Vernunft vor einem unüberbrückbaren Abgrund was die objektive Erkenntnis der Existenz Gottes betrifft. Deshalb bedenkt er die Konsequenzen von Glauben und Nicht-Glauben. Der Ungläubige kann nur verlieren: Entweder ist mit dem Tod wie erwartet eh alles aus oder er hat sich geirrt und wird bestraft. Wenn hingegen der Glaubende sich irrt und mit dem Tod alles aus ist, so ist es eben so, aber es geschieht ihm nichts. Sollte es Gott aber geben, wird er belohnt werden. So gesehen ist die Position des Glaubens letztlich die bessere Option, was die Wahrscheinlichkeiten betrifft. (siehe Buch Leben gestalten 11, S. 110/111)

pascal_wette  

2.4.3. Nahtoderfahrung / Todesforschung (Dr. Kunhardt-Schröter) und moderne Hirnforschung

Textblatt: Interview mit Elisabeth Kübler-Ross

Interessant erscheint in diesem Zusammenhang die Homepage von Dr. Raymond Moody, der in den 70er-Jahren in seinem Buch Leben nach dem Tod (Reinbek, 1977) die  Erfahrungen klinisch Toter beschrieb und damit die Diskussion eröffnete. Vielfach ist inzwischen das Phänomen dokumentiert, dass das vom Körper getrennte Bewusstsein über Wahrnehmungskanäle verfügt, die sich auf herkömmliche Weise nicht erklären lassen. Dr. Kübler-Ross berichtet sogar von Blindgeborenen, welche nach Rückkehr aus dem Zustand des klinischen Todes sagten: Jetzt weiß ich, was Farben sind! In o.a. Interview bezieht sich Elisabeth Kübler-Ross auf das Bild des Schmetterlings, der vom Raupenstadium über den scheinbar toten Zustand der Puppe als Schmetterling eine neue Gestalt gewinnt. 

Dieser Vorgang ist auch rein mathematisch-physikalisch betrachtet ein Dimensionswechsel: Die an Oberflächen (x2) klebende und sich in der Fläche bewegende Raupe wird zu einem Lebewesen, das den Luftraum und damit die 3. Dimension (x3) beherrscht. Ähnlich kann der Tod des Menschen physikalisch betrachtet als Wechsel aus der Zeit (x4) in eine höhere Dimension verstanden werden. 

Nicht nur Elisabeth Kübler-Ross, sondern auch die christliche Tradition kennt das Bild vom Schmetterling. So wurde in Regensburg ein Schmetterlingskreuz aus dem Mittelalter als Grabbeigabe gefunden, das auf die Jahre zwischen 1310  und 1320 datiert werden kann:

 

Schmetterlingskreuz aus dem Jahre 1310/1320 / Fundort: Regensburg

Auch in  Landshut wurden auf dem Grundstück des ehemaligen Kapuzinerklosters beim Bau des City-Centers Gräber aus früherer Zeit mit Skeletten der Mönche freigelegt. Diesen war ebenfalls ein Schmetterlingskreuz mit ins Grab gegeben worden.

schmetterlingskreuz

Replik eines Schmetterlingskreuzes. Derartige Schmetterlingskreuze wurden dem Vernehmen nach Anfang der 90er-Jahre auf dem Gelände des City-Centers Landshut, dem ehemaligen Gelände des Landshuter Kapuzinerklosters gefunden. (Foto R. Pfeiffer)

Einen aktuelle Übersicht über den Stand der Sterbeforschung bietet die Deutsche Sterbeforschungs-Homepage von Bernard Jakoby. Besonders eindrucksvoll ist der Fall Pam Reynolds, die ein Nahtoderlebnis hatte, obwohl wegen einer riskanten Gehirnoperation alle körperlichen Funktionen künstlich herabgesetzt waren.  Offensichtlich hinderte dies ihren Geist nicht an der exakten Wahrnehmung der Vorgänge im Operationssaal - trotzt lückenloser medizinischer Überwachung durch Messgeräte. 

Am 11. November 2008 hielt der Arzt, Neurologe und Psychiater Dr. Schröter-Kunhardt, einer der führenden Experten in der Nahtodforschung in Deutschland, im Bürgersaal in Ergolding einen Vortrag zum Thema "Nahtoderfahrungen - ein neurobiologisches Programm des Gehirns zur Vorbereitung auf ein Leben nach dem Tod". 

In seiner knappen Freizeit (ohne jegliche staatliche Förderung oder DFG-Unterstützung) forscht Dr. Schröter-Kunhardt seit vielen Jahren auf dem Gebiet der Thanatologie und meint, dass NDE-Erlebnisse auf ein mögliches Leben nach dem Tod hindeuten. Seine persönliche Fallsammlung umfasst derzeit ca. 300 Fälle. Schröter-Kunhardt vergleicht dabei unser Gehirn mit einem Computer, in dem ein vorinstalliertes Programm integriert ist. In Todesnähe wird im Gehirn ein Programm abgerufen, das den Zweck verfolgt, uns auf ein Leben nach dem Tod vorzubereiten: "Diese Software muss irgendeinen Sinn haben. Und der Sinn kann nur der sein – das ist die einzige logische Folgerung –, dass das Leben mit dem Tod nicht zu Ende ist. Ansonsten wäre die Software sinnlos."

Als besonders beeindruckend, da durch Fakten belegbar, stellte Dr. Schröter-Kunhardt den Fall der Berlinerin Sabine Uhlig vor, welche die Geburt ihres dritten Kindes im Zustand des klinischen Todes miterlebte.

Im Grunde hat jeder Mensch, der geboren wird, schon einen Dimensionswechsel hinter sich. Die Lunge muss - wie ein Fallschirm -schlagartig funktionieren - ansonsten wäre Leben außerhalb des Mutterleibes nicht möglich!
Durchaus aufschlussreich ist das fiktive Gespräch zweier Zwillinge im Bauch der Mutter über die Frage, ob es ein Leben nach der Geburt gibt.
 

Biblische Aspekte:

Zur Zeit Jesu war im Judentum die Frage nach dem persönlichen Weiterleben Verstorbener nicht unumstritten. Die religiösen Führer aus der Hohepriesterpartei der Sadduzäer lehnten diese Lehre ab,  ja bekämpften sie sogar, da sie ihrer Meinung nach ja keine Grundlage in den von ihnen allein als Wort Gottes anerkannten fünf Mosebüchern, der Torah, hatten. Die Hoffnung auf ein persönliches Weiterleben nach dem Tod speiste isch allein aus den Prophetenschriften, in denen allerdings die Pharisäer wie auch Jesus ebenfalls Gottes Wort erblickten. In diese Diskussion der Schriftgelehrten wird Jesus hineingezogen als die Sadduzäer zu ihm kommen um seine Meinung zu erkunden (vgl. Mk 12, 18 - 27). Das absurde Beispiel der Sadduzäer von den sieben Brüdern, die nacheinander eine Frau heirateten, um den jeweils zuvor verstorbenen Brüdern posthum zu Nachkommen zu verhelfen (Nach Sadduzäermeinung lebte man vor allem in den Nachkommen weiter!) und den im Jenseits zu erwartenden Rivalitäten unter den Ex-Ehemännern weist Jesus unter Hinweis auf die völlige Andersartigkeit des Daseins im Jenseits ("sie werden sein wie die Engel im Himmel") zurück. Deutlich bekundet er unter Rückgriff auf die Torah (Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs spricht zu Moses am brennenden Dornbusch, wobei er von den Verstorbenen im Präsens spricht!)  seine unumstößliche Überzeugung, dass die Toten im Jenseits lleben: "Er ist doch nicht ein Gott von Toten, sondern von Lebenden. Ihr irrt euch sehr." (Mk 12, 27)

Im Hinblick auf die richtige Einordnung von "Botschaften aus den Jenseits" gibt sich Jesus skeptisch, wenn man der Erzählung vom armen Lazarus folgt. Der Reiche bittet Abraham, den Lazarus zu seinen Brüdern zu senden, um diese vor dem Weg in die Hölle zu bewahren. Am Ende der Erzählung in Lk 16, 31 heißt es: "Wenn sie auf Mose (=die Torah! PFE)  und die Propheten nicht hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht."

(In Deutschland leben nach Studien ca. drei Millionen Menschen, die ein Nahtoderlebnis hatten. Allerdings bleibt dies praktisch ohne größere Auswirkung auf das religiöse Leben in Deutschland.)

2.5. Entscheidungskriterien

        > "Die Ungleichzeitigkeit des Sternenhimmels"                     

           Bei der Betrachtung des Sternenhimmels bietet sich ein Bild der Ungleichzeitigkeit: Nur 11 Sterne sind näher als 10 Lichtjahre an der Erde!!! Viele Sterne, deren Licht wir sehen, mögen schon gar nicht mehr existieren. 
           Dennoch erzählt ihr Licht den Astronomen ihre Lebensgeschichte! Nur von der Erde aus gesehen präsentiert sich der Sternenhimmel genau so und nicht anders! Somit ergibt sich wiederum die Frage, was unter "Wirklichkeit" zu verstehen ist.


 Weltraumbilder: 
"Hubble" space-telescope
Wagenrad-Galaxie / Cartwheel Galaxy
500 Millionen Lichtjahre
Star Journey

       

       > "Rattenexperiment"
          
Wie stark die im Kopf gespeicherte subjektive Wirklichkeit das Leben beeinflusst,  wurde mir auf einem logotherapeutischen Vortrag deutlich. Frau Dr. Elisabeth Lukas vom Süddeutschen Institut für Logotherapie schilderte ein Experiment mit Ratten. So wurde eine Ratte in 
            einen mit Wasser gefüllten Kessel mit steilen Wänden geworfen. Nach 15 Minuten war die Ratte - Ratten sind eigentlich gute Schwimmer - angesichts der Aussichtslosigkeit ihrer Lage ertrunken. Einer anderen Ratte wurde nach 10 Minuten ein Stöckchen gereicht, an dem sie
            sich aus dem Wasser hangeln konnte. Als man die Ratte zurück in den Kessel warf, schwamm sie mehr als 35 Stunden lang. Die ein Mal erlebte Rettung ließ die Ratte hoffen, dass sich diese Rettung noch ein Mal ereignen könnte.


           Auch die Wahrnehmung von Wirklichkeit durch Menschen dürfte auf ähnlichen Prozessen beruhen. Ein recht verstandener Gottesglaube will ja gerade den Geist des Menschen darauf lenken, dass hinter der subjektiv erlebten Wirklichkeit die Wirklichkeit Gottes als Grund
           einer Hoffnung bis über den Tod hinaus steht. Wer es schafft, sein Vertrauen auf Gott zu setzen, lebt in jedem Falle anders und dies selbst dann, wenn Gott im Sinne von W2 gar nicht existieren würde. (Natürlich setzt der Glaubende auf die Existenz Gottes!
           - vgl. die Wette des Blaise Pascal!)
 


       > evtl. Gleichnis vom Hochseilartisten mit der Schubkarre ("Glauben Sie?" - "Dann steigen Sie ein!")

       > Konvergenz / Bündelung der Argemente ("Drahtsseil der Hängebrücke)

          Auch wenn es keine "Beweise" für die Existenz Gottes gibt, so kann der Glaube dennoch nicht ohne vernünftige Begründung auskommen:
           Es geht um die Bündelung der Argumente / Erfahrungen
          (Modell der Hängebrücke: Der einzelne Draht vermag die Brücke nicht zu tragen, wohl aber das aus
          Drähten geflochtene Seil) - Ebenso tragen die guten Glaubensargumente den Glauben!

Rheinbrücke in Rees  / Foto: R. Pfeiffer (10.04.2007)

     
      > Eine andere Methode wäre die japanische Vorgehensweise des "Ishikawa-Diagramms", wo in einem "Fischgrätmodell" die Argumente für und gegen etwas im Sinne einer transparenten Problemlösung einander optisch
         gegenübergestellt werden.


B. Wege zu Gott: die Bibel als Zeugnis der Gotteserfahrung

3. Die Bibel als Glaubensurkunde

3.1. Der Stellenwert der Bibel heute

      Auch wenn die Bibel noch immer zu den meistverbreiteten und meistverkauften Büchner gehört, so ist ihr Stellenwert doch umstritten. Für manche gehört sie zu einem gut bestückten Bücherregal, für andere ist die Lebensbegleiter.
2004 wurde Renate Schmidt, die damalige Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefragt, ob sie gern in der Bibel lese. Ihre Antwort lautete: "Ja - und ich habe sie auch manchmal dabei. Als ich einmal mit der Bibel in der Hand in ein Flugzeug eingestiegen bin, haben mich die Leute angesesehen, als ob ich etwas Anrüchiges dabei hätte."

Für den Altkommunisten, Atheisten und späteren Sozialdemokraten Herbert Wehner wurde die Bibel bzw. die Bergpredigt nach eigenem Bekenntnis zum Lebensretter. (Quelle: Christ in der Gegenwart, Nr.?/1990)

Der 2009 verstorbene Bildhauer, Maler und Grafiker Alfred Hrdlicka, der sich immer wieder als Kommunist und Atheist bezeichnete, bezeichnete die Bibel als das "spannendste Buch aller Zeiten".


3.2. Historisch-kritische Auslegung am Beispiel der Weihnachtsgeschichten (vgl. G/Geschichte Religion. Die Bibel,  Kapitel Nr.34 und Nr.33, S. 58-60)

3.2.1. Historischer Hintergrund

    Seitens der Tempelpriesterschaft wurde bestritten, dass nach dem Tod der letzten Propheten ca. 300 v. Chr. Gott den Menschen überhaupt noch etwas Neues zu sagen hätte. Sie beanspruchten also das Vermittlungsmonopol zwischen Gott und den Menschen.
 

3.2.2. Gottesbild

     Dazu passte ein Gottesbild, in dem die Gottesferne betont wurde. Gott galt als so heilig, dass selbst im Gottesdienst sein Name (Jhwh) nicht ausgesprochen werden durfte, sondern statt dessen die Ersatzform (adonai = Herr) gebraucht werden musste. Im Alltag wiederum umschrieb man Gott mit Ausdrücken wie "der Hocherhabene", "der Allmächtige", "die Himmel".

Zur Gottesbegegnung durch Begegnung mit "Engel(n)": vgl. Artikel "Engel im alten Testament" des Wissenschaftlichen Bibellexikons im Internet!   

3.2.3. Protest

     Gegen diese Verengung des Gottesbildes erhob sich Protest. Schon im 2. Jh. vor Chr. bildete sich, vermutlich unter Mitgliedern der Tempelpriesterschaft, eine Protestbewegung, die Essener. Sie glaubten an die Präsenz Gottes und damit an neue Offenbarungen. Unter ihrem Führer, dem "Lehrer der Gerechtigkeit" lebten sie in Qumran am Toten Meer und erwarteten dort das Kommen zweier von Gott gesandter Messiasse, eines Priestermessias und eines Königmessias. Sie wandten sich mit ihrer Lehre gegen "die Frevelpriester" in Jerusalem. Sie sahen sich selbst als "Söhne des Lichts", alle anderen außerhalb ihrer Gruppe aber als "Söhne der Finsternis" an.
        Johannes der Täufer ist nicht eindeutig den Essenern zuzuordnen, auch wenn er in Sichtweite von Qumran lehrte und taufte. Als gilt als von Gott berufener Prophet und bestreitet somit ebenfalls das Monopol der Tempelpriesterschaft.

Ruinen von Qumran - Im Hintergrund in der Senke das Tote Meer (Foto: R. Pfeiffer, Februar 2007)

    Echte religiöse Erfahrung und die damit verbundene Betroffenheit ließen sich nicht ausschalten. Andererseits hätte die Aussage, Gott selbst begegnet zu sein, als todeswürdige Gotteslästerung aufgefasst werden können. So wurde die Unmittelbarkeit echter religiöser Erfahrung damit umschrieben, dass man dem Engel Gottes begegnet sei. Gerade die Weihnachtserzählungen enthalten viele solcher Engelbegegnungen.
 

3.2.4. Römische Besatzung und Kaiserkult

   Seit 63 v. Chr. war Palästina Teil des römischen Reiches. Bis 4. v. Chr. versteckte sich die römische Besatzungmacht hinter einem von ihr abhängigen König (Herodes d. Gr.). Nach dessen Tod wurde das Königreich unter den Söhnen des Herodes aufgeteilt. Der das Judäa  genannte Gebiet um Jerusalem sowie Samaria regierende Herodes Archelaos wurde 6 n. Chr. von den Römern wegen Misswirtschaft abgesetzt. An seiner Stelle regierte nun ein römischer Statthalter von der Hafenstadt Cäsarea aus die Provinz, während die anderen Landesteile im Besitz der anderen Herodessöhne Herodes Antipas (Galiläa und Peräa) bzw. Herodes Philippus (Gebiete des heutigen Syrien) blieben. Vom Kaiserkult wurden die Juden zunächst ausgenommen: Es gab eigene Münzen ohne Kaiserbildnis, um nicht gegen das jüdische Bilderverbot zu verstoßen. Erst nach der Zerstörung des Tempels 70 n. Chr. änderte sich dies. Da die Kindheitserzählungen erst nach diesem Ereignis entstanden, sind entsprechende Hinweise auf den Kaiserkult zu beachten. Dazu gehörten Erzählungen wie auch die folgende über Kaiser Augustus: Ein Komet zeigte seine Geburt als göttliches Kind an. Sein Stammbaum wird auf Gottvater zurückgeführt. Da man  das Kind bereits als zukünftigen Herrscher pries, wurden von den Regierenden alle Knaben der Umgebung getötet, das Kind jedoch entkam. Mit zwölf Jahren trat er dann erstmals öffentlich auf. Schon zu Lebzeiten wurde er als Gott verehrt und praktizierte Nächstenliebe. Nach seinem Tod fuhr er zum Himmel auf! Kaisertitel: Kyrios (Herr), Soter (Retter)

herodianum
Der künstliche Festungskegel des Herodiums überragt Bethlehem (Foto: R. Pfeiffer, Februar 2007)

3.2.5. Die Weihnachtserzählung nach Matthäus

   Matthäus schrieb sein Evangelium für Judenchristen. Deshalb führt er den Stammbaum Jesu bis auf Abraham zurück. Er stellt Jesus (Jeschuah = "(Gott) Jahwe rettet") als neuen Moses und damit als neuen Gesetzgeber dar!
Was bedeutet es, dass

3.2.6. Die Weihnachtserzählung nach Lukas

   Lukas schrieb sein Evangelium für Heidenchristen. Deshalb führt er den Stammbaum Jesu  auf Adam und Eva zurück: In Jesus nimmt ein neues Menschengeschlecht seinen Anfang.
Was bedeutet es, dass

 lobgesang_des_zacharias   en_karem
En-Karem [Quelle im Weinberg] - der Wohnort von Elisabeth und Zacharias. Links Tafeln, die an den Lobgesang des Zacharias erinnern, rechts die orthodoxe Kapelle an der Stelle, wo Elisabeth und Maria sich der Überlieferung nach begegneten.  
(Fotos: R. Pfeiffer, Februar 2007)

geburtsstern  krippe
Bethlehem: Links die Stelle der Geburt Jesu, rechts die Krippe (mit Tüchern ausgekleidet)
(Fotos: R. Pfeiffer, Februar 2007)

hirtenfelder
Kapelle auf den Hirtenfeldern unterhalb von Bethlehem
(Fotos: R. Pfeiffer, Februar 2007)

3.3. Gotteswort im Menschenwort

Die Piusbruderschaft St. Pius X. spaltete sich nach dem II. Vatikanischen Konzil von der Katholischen Kirche ab. Immer wieder lautet der Vorwurf, das II. Vatikanische Konzil habe den wahren katholischen Glauben verraten. Darunter versteht die Piusbruderschaft auch die Abkehr von der Verbalinspiration, die bis dahin galt und welche durch das Konzilsdokument "Dei verbum" revidiert bzw. differenziert wurde, heißt es doch dort in Artikel 12:

12. Da Gott in der Heiligen Schrift durch Menschen nach Menschenart gesprochen hat, muss der Schrifterklärer, um zu erfassen, was Gott uns mitteilen wollte, sorgfältig erforschen, was die heiligen Schriftsteller wirklich zu sagen beabsichtigten und was Gott mit ihren Worten kundtun wollte. Um die Aussageabsicht der Hagiographen zu ermitteln, ist neben anderem auf die literarischen Gattungen zu achten. Denn die Wahrheit wird je anders dargelegt und ausgedrückt in Texten von in verschiedenem Sinn geschichtlicher, prophetischer oder dichterischer Art, oder in anderen Redegattungen. Weiterhin hat der Erklärer nach dem Sinn zu forschen, wie ihn aus einer gegebenen Situation heraus der Hagiograph den Bedingungen seiner Zeit und Kultur entsprechend - mit Hilfe der damals üblichen literarischen Gattungen - hat ausdrücken wollen und wirklich zum Ausdruck gebracht hat. Will man richtig verstehen, was der heilige Verfasser in seiner Schrift aussagen wollte, so muss man schließlich genau auf die vorgegebenen umweltbedingten Denk-, Sprach- und Erzählformen achten, die zur Zeit des Verfassers herrschten, wie auf die Formen, die damals im menschlichen Alltagsverkehr üblich waren. Da die Heilige Schrift in dem Geist gelesen und ausgelegt werden muss, in dem sie geschrieben wurde, erfordert die rechte Ermittlung des Sinnes der heiligen Texte, dass man mit nicht geringerer Sorgfalt auf den Inhalt und die Einheit der ganzen Schrift achtet, unter Berücksichtigung der lebendigen Überlieferung der Gesamtkirche und der Analogie des Glaubens. Aufgabe der Exegeten ist es, nach diesen Regeln auf eine tiefere Erfassung und Auslegung des Sinnes der Heiligen Schrift hinzuarbeiten, damit so gleichsam auf Grund wissenschaftlicher Vorarbeit das Urteil der Kirche reift. Alles, was die Art der Schrifterklärung betrifft, untersteht letztlich dem Urteil der Kirche, deren gottergebener Auftrag und Dienst es ist, das Wort Gottes zu bewahren und auszulegen.

Damit ist die historisch-kritische Methode auch in der katholischen Kirche angekommen und gilt als legitime Methode im Umgang mit den biblischen Schriften. Um die biblischen Schriften richtig zu verstehen, muss man auch die geschichtlichen und kulturellen Hintergründe mit einbeziehen, so wie dies im Punkt 3.2. ansatzweise versucht wurde. Ansonsten besteht die Gefahr in den biblischen Texten eine Art "Drehbuch" sehen, was eine sehr oberflächliche Betrachtung beinhaltet.

Dabei finden sich in der Bibel viele unterschiedliche Textformen:

Übersicht über die historisch-kritische Methode > Überblick von StD Claus Schredl im Materialfundus des Religionspädagogischen Zentrums in Bayern

In fundamentalistisch geprägten Christengruppen, wie sie vor allem in den USA zu finden sind, spielen die Erkenntnisse der historisch-kritischen Forschung keine Rolle, sondern es gilt nach wie vor die Idee der Verbalinspiration in Verbindung mit einer rein subjektiven Interpretation der Heiligen Schrift - oftmals mit erschreckenden Konsequenzen. So glaubt inzwischen annähernd ein Drittel der US-Amerikaner - Stichwort "Kreationismus" -  daran, dass die Evolutionstheorie Darwins falsch sei und die wörtlich verstandene Weltentstehungsgeschichte der Bibel die richtige Version liefere!

aus G/Geschichte Religion. Die Bibel,  Kapitel Nr.1 bis Nr. 5, Nr. 7 bis Nr.11, S. 8-23 im Hinblick auf die wesentlichen Fakten!

3.4. Die Bibel als Spiegel von Gottes Wirken in der Geschichte

3.4.1. Überblick über die geschichtliche Entwicklung des Gottesbildes im Alten Testament

aus G/Geschichte Religion. Die Bibel,  Kapitel Nr.13 bis Nr. 15, S. 24-29 sowie Kap. 17, S. 32/33 im Hinblick auf die wesentlichen Fakten!

Zum Gottesbild und seiner Entwicklung bzw. seinem Wandel:

aus G/Geschichte Religion. Die Bibel,  Kapitel Nr.18 bis Nr. 27, S. 36-49 im Hinblick auf die wesentlichen Fakten!

3.4.2. Das Gottesbild des NT

aus G/Geschichte Religion. Die Bibel,  Kapitel Nr. 31 bis Nr.32, S. 56/57 und Kapitel 36 bis 47, S. 61-73 im Hinblick auf die wesentlichen Fakten!

3.4.2.1. Die grundsätzliche Übereinstimmung mit dem Gottesbild des AT

In der theologischen Forschung der letzten Jahrzehnte hat man sich vielfach mit der Person Jesu in seiner jüdischen Umgebung beschäftigt. Vor allem die Schriftfunde vom Qumran am Toten Meer lassen erkennen, dass das Judentum zur Zeit Jesu keinesfalls als geschlossene Größe zu verstehen ist, sondern dass an die 70 verschiedene religiöse Strömungen im Judentum miteinander konkurrierten. Folgende Punkte lassen das Jüdische an Jesus erkennen:

Mit die größte Abweichung zum allgemeinen jüdischen Glaubensverständnis seiner Zeit mit dem Bild vom fernen Gott (vgl. Punkt 2.4.2)  ergibt sich aus seiner Botschaft vom nahen Gottesreich. Seine Botschaft lautet: Gott ist den Menschen so nahe, dass sie ihn nicht nur Vater, sondern "Papa" = "Abba" nennen sollen. In der Muttersprache Jesu, dem Aramäischen, das heute noch von einer Minderheit gesprochen wird, lautet der Anfang des "Vaterunsers" demnach "Awun", was allein vom Klang her ein vertrauensvolles Sich-Fallen-Lassen suggeriert.
 

3.4.2.2. Das erste radikal Neue gegenüber dem Gottesbild des AT: Jesus - Christus - Gottes Sohn - Gott

Das, was hier Gottesbild des AT genannt wird, entspricht mit anderen Worten natürlich dem Gottesbild im Judentum. Es stellt sich also die Frage, inwieweit die Person Jesu  das Christentum vom Judentum trennt. Aus jüdischer Sicht handelt es sich bei Jesus um den Rabbi Jeschuah, der zur "Zeitenwende" in Palästina lebte, predigte und schließlich als Aufrührer von den Römern gekreuzigt wurde. Aus christlicher Sicht fällt eine solche Beschreibung Jesu natürlich zu kurz. Wie in der Überschrift bereits angedeutet sind wir es gewohnt, zwischen Jesus, Christus, Gottes Sohn und Gott jederzeit ein Ist-gleich-Zeichen zu setzen, ohne groß darüber nachzudenken. Im Folgenden soll jedoch gezeigt werden, dass hinter dieser Gleichung sich ein historischer Prozess verbirgt.

Schon für die Zeitgenossen Jesu war vorösterlich die Ausgangsfrage "Wer ist doch dieser?", so wie auch der Täufer Johannes aus dem Gefängnis heraus Erkundigungen über Jesus anstellen ließ (Mt 11,2-6). Auch Jesus fragte seine Freunde, was sich die Leute über ihn so erzählen (Mt 16, 13f.). Demnach galt Jesus seinen Zeitgenossen als Lehrer (Rabbi) und als Prophet, evtl. auch als Wiederverkörperung eines der früheren Propheten. Auf Grund seiner Abstammung aus dem Hause des Königs David galt er vielen auch als Sohn Davids. Über die genannten Titel hinaus bleibt fraglich, ob Jesus zu Lebzeiten schon andere Titel zuerkannt und zugeordnet wurden, beispielsweise der Titel Menschensohn, den Jesus in den Evangelien zur Selbstcharakterisierung im Munde führt. Der Titel "Menschensohn" ist durchaus doppeldeutig, indem er sich ein Mal auf den "Menschensohn in Niedrigkeit", d.h. auf den bei Deutero-Jesaja genannten Gottesknecht und die vier Gottesknechtlieder beziehen kann, wo ein vollkommen Unschuldiger ganz fürchterlich unter die Räder kommt. Andererseits könnte sich "Menschensohn" auf die im Buch Daniel genannte hoheitlich-richterliche Gestalt beziehen, welche auf den Wolken kommt, um über die Menschheit Gericht zu halten. Völlig unwahrscheinlich ist jedoch der offene Gebrauch des Titels "Messias", welcher den von Gott selbst gesandten Gesalbten bezeichnet, war dieser Titel für die Römer doch ein Reizwort, weil praktisch jeder Aufstand gegen die römische Herrschaft im Namen irgend eines Messias erfolgte. Sicher richteten sich die Messiashoffnungen vieler Zeitgenossen auf Jesus - nicht zuletzt belegt dies der enthusiastische Empfang Jesu in Jerusalem am "Palmsonntag" -  aber der offene Gebrauch dieses Titels ist auszuschließen und Jesus selbst gibt an den entscheidenden Stellen ein Schweigegebot aus!

Gerade nach den tragischen Geschehnissen des Karfreitag und der Auferweckung Jesu ging das Rätselraten um Jesus weiter und viele fragten sich nachösterlich "Wer war doch dieser?". Die Anhänger und Freunde Jesu propagierten nun öffentlich, dass der Gekreuzigte der Messias, griechisch der "Christos", gewesen war. Dies begründete im Judentum "den Neuen Weg" - so der erste Gruppenname der Jesusanhänger. Die Bezeichnung "Christen" wurde erst Jahre später in Verfolgungszeiten in Antiochia, der damals drittgrößten Stadt des Römerreiches, erfunden. Während des Nachdenkprozesses über Jesus wurde nun auch der Titel "Menschensohn" ohne Scheu auf Jesus übertragen. Johannes sah in Jesus den Logos, die Verkörperung der antiken Weltseele. Später sahen manche in Jesus eine Verkörperung des alttestamentlichen Gottes selbst und so wurde Jesus als "Kyrios", als eigentlicher "Weltenherrscher" bezeichnet. Andere betrachteten Jesus als den wahren Hohepriester. Schließlich erkannte man in Jesus den Sohn Gottes (ursprünglich war das ganze Volk der Juden Sohn Gottes; ganz speziell waren die Könige Israels Söhne Gottes, so lange es in Israel ein Königtum gab. Jeder Jude konnte sich also als Sohn Gottes fühlen). Zu allerletzt wurde zwischen Jesus und Gott das Ist-gleich-Zeichen gesetzt, in dogmatischer Form auf dem Konzil von Chalkedon im Jahre 451 und damit war der Prozess des dreihundertjährigen Nachdenkens über Jesus zumindest den Lehraussagen nach zu einem Abschluss gekommen.
 

3.4.2.3. Das zweite radikal Neue gegenüber dem Gottesbild des AT: der Heilige Geist als dritte göttliche Person 

vgl. Buch Leben gestalten 11 S. 114/115
         
Überblick: Biblische Deutungen des Hl. Geistes - Dogmatisierung des Hl.
Geistes  (Konzil von Konstantinopel 381) - Der dreieinige Gott

Im Alten Testament, speziell in den Schöpfungserzählungen, ist von der "Geistin Gottes", der "Ruach" die Rede. Nie jedoch erscheint diese Ruach als eine von Gott getrennte Gestalt. Dass Gottes Geist weiblich ist, findet sich - einmalig in Süddeutschland - in einem Deckengemälde der Kirche von Urschalling im Chiemseegebiet.

Dreifaltigkeitsmotiv - Gottes Geist als Hl. Geistin - Deckenfresko in der Kirche von Urschalling   urschalling   Foto: R. Pfeiffer, 01.05.2003

 

In den ältesten Schichten des NT findet sich der Geist Gottes in den Paulusschriften, wobei dieser Geist hier dem zum Himmel aufgefahrenen Jesus zuzuordnen und gleichzusetzen ist. Im Johannesevangelium steht der Geist mit dem "Parakleten", dem Fürsprecher und Tröster in  Verbindung, welchen der erhöhte und von der Erde genommene Jesus seinen Freunden zukommen lassen will.

Erst in einem weiteren Prozess des Nachdenkens wird in der frühen Kirche der Geist Gottes als eine von "Vater" und "Sohn" getrennte Wesenheit wahrgenommen, welche 381 auf dem Konzil von Konstantinopel lehrmäßig als dritte göttliche Person definiert wird: Gott ist auch Heiliger Geist, welcher als "Kyrios" und Lebensspender bezeichnet wird und welcher "vom Vater ausgeht und mit ihm zusammen angebetet und verherrlicht wird.". Solche Ehre kommt natürlich allein Gott zu.

In der philosophischen Ausdrucksweise der Spätantike formuliert, bietet das Trinitätsdogma die Schwierigkeit, dass bei oberflächlichem Verständnis aus dem Trinitätsdogma fälschlicher Weise eine Drei-Götter-Lehre abgeleitet wird, so wie dies dem Christentum auch immer wieder seitens des Judentums und des Islam vorgeworfen wird. Es handelt sich aber um ein göttliches Wesen in drei Personen.

Was soll also gesagt werden?
In der Antike bezeichnet "persona" unter Anderem die Maske eines Schauspielers, der durch sie hindurch spricht.
So gesehen könnte ein einziger Schauspieler im Rahmen eines entsprechen inszenierten Stückes durchaus drei verschiedene Rollen spielen: ein lebendiger Mensch in drei verschiedenen Erscheinungen. In diesem Sinne ist Person auch im Zusammenhang mit Gott zu sehen. Man könnte sagen, dass

Die verschiedenen Aspekte Gottes lassen sich vielleicht auch analog mit einem Liter Wasser verdeutlichen: ein und derselbe Liter Wasser kann bei jeweils völlig anderen physikalischen Gegebenheiten in Form von vorliegen.

Das Geheimnis der göttlichen Dreifaltigkeit will also letztlich den Monotheismus in unüberbietbarer Weise darstellen und ihn keineswegs in Frage stellen. Etwas völlig Anderes ist, wie letztlich Kunst und Volkskunst mit dem Gedanken der Dreifaltigkeit Gottes umgegangen sind, sodass allzu naive Vorstellungen natürlich den Vorwurf der Drei-Götter-Lehre provozieren, wie das Bild zeigt:

Gnadenstuhl in der Kirche von Berghofen bei Landshut  Foto: R.Pfeiffer, Mai 2000

Besser ist es, den Gedanken der Dreifaltigkeit oder lateinisch "Tri-Unitas" mit dem alttestamentlichen Gottesnamen zusammen zu denken, heißt doch Jahwe "Ich werde als der da sein, als der ich da sein werde!". Wie beim Dreifaltigkeitsgeheimnis soll damit ja vor allem die Unverfügbarkeit des einen Gottes heraus gestellt werden.

3.5. Die Stellung des Koran im Islam

"Islam" bedeutet "Unterwerfung" unter Allah und seinen Willen. Demnach gibt es einen gebührenden Abstand zwischen Gott und dem Mann, der wiederum so wie Allah über der Frau steht. Ein persönliches Gottesverhältnis auf "du und du" wie im Christentum - Jesus empfahl seinen Schülern, Gott mit 'Abba' (= Papa) anzureden, wäre aus islamischer Sicht Gotteslästerung. In Malaysia wurde vermutlich aus deshalb den Christen der Gebrauch der Anrede "Allah" für ihren Gott per Gesetz verboten.

zur Bedeutung des Koran: siehe Handout

Kurzzusammenfassung: Muslime sehen im Koran einen heiligen und unveränderlichen Text, obwohl erst 20 Jahre nach dem Tod des Propheten Mohammad eine endgültige und verbindliche Fassung des Koran entstand. Er ist das erste Buch in klassischem Arabisch und in allen Moscheen der Welt wird der Koran in Arabisch vorgetragen, da Arabisch als die Sprache Gottes gilt. Im Sinne der Verbalinspiration gilt jeder der 6226 Verse, die sich auf 114 Suren (Kapitel) aufteilen, als "Zeichen Gottes". Das persönliche Bemühen um das religiöse Wissen wird als "dschihad" ("Bemühen") bezeichnet. Der "heilige Krieg" ist somit keine geeignete Übersetzung, sondern allenfalls eine eher seltene und fanatische Form des "Bemühens" um die Sache Gottes. Aus Angst vor anarchischen Zuständen wurde im 11. Jahrhundert n. Chr. das "Tor des dschihad" geschlossen, d.h. eine persönliche Auslegung der Lehre ist zumindest für Sunniten, Anhänger der Mehrheitsrichtung im Islam, nicht mehr erlaubt. Gibt es in der Welt unserer Tage neue Sachverhalte, so muss man zuerst den Koran konsultieren, sodann die Sunna, die Überlieferungen des Propheten Mohammad, sodann nach Qiyas (=Ähnlichkeiten) suchen. Als vierte Quelle der Erkenntnis kommt der Konsens der Gemeinschaft (Idschma) hinzu. Somit ist klar, dass der Islam viele Erscheinungen der modernen Welt ablehnt. Andererseits gibt es Reformkräfte, welche die Wiedereröffnung des Tores des dschihad" fordern, um die nötigen Anpassungen an die moderne Welt vornehmen zu können.

Im Gegensatz zu den Sunniten hat sich für die Schiiten das "Tor des dschihad" nie geschlossen und die Mullahs legen den Koran nach ihrer Sicht zeitgemäß aus. Die schiitische Variante des Islam hat ihren geographischen Schwerpunkt in der "Islamischen Republik Iran". Eine relative Mehrheit haben die Schiiten auch im Irak, was zu erbitterten Konflikten mit der Gruppe der Sunniten führt, die unter Saddam Hussein wiederum als herrschende Klasse die Schiiten unterdrückt hatten.

Aktualisierung: Da in der Zeit nach dem Abzug der Amerikaner aus dem Irak die Schiiten wiederum die Sunniten unterdrückten, schlossen sich viele irakische Sunniten dem Terrorregime des "Islamischen Staates" an, wobei dessen extreme Auslegung des Koran wiederum gemäßigtere Sunniten abstößt. Auch der Bürgerkrieg in Syrien verläuft entlang der Trennlinie zwischen Sunniten und Schiiten, wobei sich Saudi-Arabien als Schutzmacht der Sunniten und der Iran als Schutzmacht der Schiiten sieht. Beide Staaten unterstützen nachhaltig die mit ihnen liiierten Rebellengruppen. Der "Islamische Staat" kann wiederum mit dem Geld und Unterstützung von Sympathisanten aus den Golfstaaten rechnen. Zwischen allen Fronten befinden sich die im Irak und in Syrien lebenden christlichen und anderen Minderheiten wie die Jesiden.


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 letzte Änderung/ last update: 06.10.2026