Informatik des Seins - Bausteine zur Theologie für das

21. Jahrhundert

These 1
These 2
These 3
These 4
These 5
These 6
These 7
These 8
These 9
These 10

(Lehrplan für das bayerische Gymnasium, Katholische Religionslehre 11. Klasse - Themenbereich:  Mensch und Welt in Kunst, Literatur und Philosophie)

Einleitung: Ca. 25% aller kreativen Einfälle ereignen sich im Kontakt mit der Natur, während kreative Workshops nur in ca. 1% der Fälle zu einem kreativen Ergebnis führen. Irgendwann im Jahre 1997 fuhr ich mit dem Rad von der Schule nach Hause und nahm den Weg entlang der Isar. Innerhalb kürzester Zeit, in nur wenigen Minuten des Denkens, füllte sich mein Gehirn mit dem, was ich unter dem Eindruck des Geschehens spontan in zehn Thesen fasste. Als ich sie - da vom Werdegang her nicht Naturwissenschaftler - meinem Kollegen Martin Dennerl zur Begutachtung vorlegte, fielen ihm sofort die Parallelen zu Frank J. Tiplers Physik der Unsterblichkeit (München, 1994) auf - doch hatte ich das Buch nie zuvor gelesen. Er brachte mir das Buch mit und auch ich entdeckte sehr viele Parallelen, ziehe jedoch zum Teil andere Schlussfolgerungen.
Jetzt im Herbst 1998 habe ich die Thesen mit Schülern und Schülerinnen der Klasse 11b des Hans-Carossa-Gymnasiums diskutiert und auf ihre Einsichtigkeit überprüft. Der Dialog erwies sich als sehr fruchtbar und bereichernd und auf Grund einer abschließenden Partnerarbeit, deren Ergebnisse ich in diese Publikation Eingang finden, kann ich belegen, dass bei allen Fragen und Zweifeln, bei aller Freiheit in der persönlichen Stellungnahme auch die SchülerInnen ein Gespür für eine unkonventionelle Sicht der Wirklichkeit entwickelt haben. Das Fragwürdige, Thesenhafte wird bleiben und im Dialog wird sich hoffentlich Manches weiter klären und verfeinern. Gedacht ist dieses Unterrichtsprojekt als grundsätzlich offenes System, das jedoch einige Strukturen des Seins sichtbar machen will in einer Weise, die nicht nur Wissenschaftlern zugänglich ist. Deshalb danke ich den katholischen Schülern und Schülerinnen der Klasse 11b des Hans-Carossa-Gymnasiums, dass sie sich auf dieses Projekt eingelassen haben, auch wenn das anfangs vorhandene Wissensgefälle zwangsläufig zunächst zu einer gewissen Lehrerzentrierung führen musste.
 

1. These:
Alles, was der Mensch denken und erfinden kann, ist in der Schöpfung als Möglichkeit grundgelegt, muss sich entsprechend den in der Schöpfung vorgegebenen Strukturen entwickeln.
Diese These beruht vor allem auf der von Rupert Sheldrake aufgestellten Theorie der "Morphogenetische Felder", so wie er diese in seinem Buch Das schöpferische Universum (München, 1983) - Originaltitel: A New Science of Life: The Hypothesis of Formative Causation (London, 1981) vorstellte. Inzwischen kann auf Grund von Experimenten seine Theorie als teilweise bewiesen gelten.
 
Schülerkommentar: Diese These will belegen, dass die Welt nicht durch Zufall entstanden ist, da Grundstrukturen im Weltall und in der Welt ähnlich sind.

Die SchülerInnen erinnerten sich an das Beispiel des Plattwurms, der, in zwei Teile zerschnitten, sich wieder zu zwei vollen Würmern zu ergänzen in der Lage ist. Woher weiß die eine Hältfte, was zum ganzen Wurm fehlt?

Weitere Beispiele: Versuche erbrachten den Beweis, dass Ratten in der Lage waren, den Weg durch ein Labyrinth schneller zu finden, nachdem Ratten in einem anderen Teil der Welt den Weg durch dasselbe Labyrinth bereits gefunden hatten.
Meisen hatten vor Jahren begonnen, die Aludeckel englischer Milchflaschen aufzupicken, um an den Rahm zu kommen. Auch Jahre, nachdem es in England die alten Milchflaschen nicht mehr gibt und die alten Meisen mit Sicherheit tot waren, kannten bei einem neuerlichen Experiment Meisen den "Trick" und gingen wiederum auf die MIlchflaschen los. Dasselbe Experiment führte auch in Holland zum Erfolg, obwohl Meisen sich maximal in einem Umkreis von 15 Kilometern bewegen und somit keine Meise die Nordsee überquert hatte.
An der Universität Nottingham lösten Studenten in einem Versuch das tags zuvor im Londoner Evening Standard erschiene Kreuzworträtsel mit um 20% besserem Erfolg, nachdem das Kreuzworträtsel in London zuvor bereits von vielen Leuten gelöst worden war.

2. These:
Die Strukturen der Schöpfung sind in den meisten Fällen viel intelligenter als alles, was der Mensch technisch schaffen kann.
 
Schülerkommentar: Alles, was der Mensch erfindet, ist eine Nachbildung der natürlichen Begebenheiten!
Es gibt die Überlegenheit der Natur gegenüber der von Menschen entwickelten Technik!

Die SchülerInnen erinnerten sich an die geradezu unglaubliche Datenmenge, die im Erbgut jeder einzelnen menschlichen Zelle gespeichert ist: In Druckform ergäbe dies 5000 Bücher mit je 200 Seiten! Aber auch das Prinzip des Fliegens wurde angeführt.

Weitere Beispiele: Das (menschliche) Auge im Vergleich zur Videokamera
                                 Das Radarsystem und der Flügel der Fledermaus

3. These:
Computertechnik ermöglicht die Errichtung einer Wirklichkeit neben der Wirklichkeit. Eine Mehrdimensionalität der Wirklichkeit erscheint somit denkbar. Die virtuelle Realität ist sogar fiktiv in der Lage,  Zeit- und Raumgrenzen zu überwinden und den Menschen beispielsweise in die Römerzeit zurückzuversetzen. (Virtual Reality mit Hilfe von Dataglove, Head-Mounted-Display mit Head-Tracking, ´Spaceball -"dreidimensionale Maus"): Im Grenzfall der Emulation entfällt der Unterschied zwischen Original und Kopie - z. B. Nachbau eines Wikingerschiffes aus
Originalholzteilen nach einer Vorlage, sodass es kein einziges Unterscheidungsmerkmal mehr gibt).
 
Schülerkommentar: Die SchülerInnen verwiesen aus eigener Erfahrung auf 3-D-Computerlandschaften, auf 3-D-Simulationen, aber auch auf die Filmvorführungen im IMAX-Kino mit seiner realitätsnahmen Illusion.
4. These:
Grundlagen der Computertechnik sind allein der elektrische Strom sowie binäre Schaltersysteme. Die Konfiguration der Schalter bestimmt die Inhalte des Programms. Das Programm kann sich zwar nicht unabhängig von der Hardware entfalten, ist aber essentiell nicht mit der Hardware identisch. Die Form der Hardware ist dabei relativ egal, sie könnte auch biochemisch sein.
 
Schülerkommentar: Die SchülerInnen erinnerten sich an das Speicherprinzip des menschlichen Gedächtnisses: Ultrakurzzeitgedächtnis und Kurzzeitgedächtnis funktionieren auf elektrischer Basis, das Langzeitgedächtnis ist jedoch ein chemischer Speicher. Leben basiert auf dem Zusammenspiel von Software (Gehirn) und Hardware (Körper).
5. These:
Raum und Zeit sind relative Größen der Physik. Schöpfung ist als riesiger Datenspeicher zu verstehen, in dem nichts aus Raum und Zeit verloren geht (vgl. das ungleichzeitige Erscheinungsbild der Sterne am Himmel - in dieser raumzeitlichen Konstellation ist dieses so nur von der Erde aus sichtbar. Nur 11 der sogenannten Fixsterne sind näher als 10 Lichtjahre entfernt!)

Bilder aus den Tiefen des Weltalls (Hubble-Teleskop)
 
Schülerkommentar: DieSchülerInnen erinnerten sich daran, dass bei entprechender Entfernung im Weltall mit Hilfe eines "Superteleskops" möglich sein müsste, Jesus noch live am Kreuz hängen zu sehen.
6. These:
Der Mensch hat eine biochemische Hardware. Ziel ist es aber, im Laufe des Lebens eine möglichst differenzierte und hochwertige "Software" zu entwickeln. Darin liegt der Sinn des Lebens und nicht primär in der Instandhaltung und Pflege der Hardware
(vgl. Beauty- und Fitnesskult).
 
Schülerkommentar: Hier formulierten die SchülerInnen noch offene Fragen:
  • Wessen Ziel ist es, eine hochwertige "Software" zu entwickeln?
  • Warum soll das der Sinn des Lebens sein?
  • Wofür stehen in diesem Zusammenhang die Begriffe "Hardware" und "Software"?
7. These:
Das, was traditionell als Seele bezeichnet wird, ist das Programm-Muster des Menschen. Dieses umfasst alles Geschehen und Erleben quer durch das gesamte Menschenalter zwischen Geburt und Tod.
 
Schülerkommentar: Auch hier standen Fragen im Vordergrund:
  • Ist Seele abspeicherbar?
  • Als Organ ist Seele nicht bekannt. Ist sie unsichtbar?
  • Was ist Seele? Geist? Innenleben? Feelings? Gedanken?
Als auffälligstes Element enthielt das von den Schülern in Partnerarbeit gestaltete Poster jedoch das in Rot dick aufgetragene Wort LOVE.
8. These:
Himmel wäre demnach ein perfektioniertes Programm-Muster, das den Plänen der hinter der Schöpfung stehenden Intelligenz entspricht.
Fegfeuer wäre ein Reparaturbetrieb für noch nicht perfekte Programm-Muster und Hölle wäre das nicht mehr reparierbare Programm, das nicht mehr abzustellen ist.
 
Schülerkommentar: Auch hier standen Fragen im Vordergrund:
  • Was bedeutet Programm-Muster?
  • Ist der Himmel wirklich perfekt? Gibt es überhaupt etwas Perfektes?
  • Warum kann man ein Programm nicht mehr abstellen?
  • Ist nur Kaputtes zu reparieren?

  •  
9. These:
Heiliger Geist wäre die Summe aller guten, gottgewollten Programme, aus denen der Mensch bewusst oder unbewusst auswählt.
Demgegenüber gibt es viele Programmstörungen in der Welt, die maßgeblich durch noch nicht perfektionierte bzw. defekte Programme verursacht werden. (traditionell: Sünde / Erbsünde)
 
Schülerkommentar: Eine der SchülerInnen, Bettina, setzte sich kreativ in Form einer Zeichnung mit dieser These auseinander. Sie malte einen Computer.

Ihre Erklärung: In der Welt geht es zu wie auf der Festplatte eines Computers: Die dort installierten guten Programme werden immer wieder von Computerviren bedroht, die diese Programme zerstören wollen.

10. These:
Langfristig werden sich die Programme der schöpferischen Intelligenz, traditionell Gott genannt, durchsetzen. Die Programme werden auch nach dem Ausfall der "irdischen Hardware" weiterexistieren. Die Evolution ist nur vorübergehend nötig. Die Bibel spricht in diesem Zusammenhang von der Schaffung eines neuen Himmels und einer neuen Erde. Dies beinhaltet die Überführung in eine neue, mit der derzeitigen nicht vergleichbare Seinsweise.

            ©PFE98
 
 
Back to top Bürgernetz Landshut Letzte Änderung  / last update: 6. Nov. 1998