Virtueller Stadtrundgang: Auf den Spuren jüdischer Geschichte in Landshut

  

1. Station Nahensteig

Foto: R. Pfeiffer 2003

Erklärung des Namens: früher Narrensteig; tatsächlich leitet sich der Name vom hebräischen Wort nahar für “Bach” ab.

 Haus Nahensteig 183  Foto: R. Pfeiffer 2003

Die jüdischen Reinigungsvorschriften führten im Übrigen dazu, dass Juden im Mittelalter hygienischer lebten als ihre Mitbürger und deshalb oft von den Seuchen und Epidemien verschont blieben. Nicht zuletzt wurden Juden immer wieder der Brunnenvergiftung angeklagt und für Seuchen wie die Pest verantwortlich gemacht. 1337 kam es so zum Deggendorfer Pogrom, 1338 zur Vertreibung der Juden aus Dingolfing, Eggenfelden, Kelheim, Massing, Velden. In Landshut waren Juden noch bis 1450, bis zum Ende der Regentschaft Heinrichs des Reichen, geduldet. Sein Sohn Ludwig der Reiche setzte dann bald nach Beginn seiner Regentschaft die Vertreibung der Juden aus Landshut durch. Vielleicht gab die in Landshut zuletzt 1444 aufgetretene Pest dafür mit den Ausschlag. In Landshut lebten die Juden als Bürger zweiter Klasse außerhalb des Stadtkerns in der Vorstadt. Das spezielle Problem in Landshut ist, dass ein „Judentor“ urkundlich verbürgt, dessen Standort aber nicht sicher bekannt ist (vgl. 3. Station). Dass die Juden in Landshut außerhalb der Stadtmauer unterhalb der Burg ihres Schutzherrn angesiedelt waren, ist dagegen unstrittig. Vielerorts waren Juden verpflichtet, sich durch einen Judenhut kenntlich zu machen. Eine Abbildung in der Urkunde des „Landshuter Judeneides“ aus dem 14. Jahrhunderts zeigt „Feifelein der Juden König“ mit Judenhut.

2. Station Dreifaltigkeitsplatz

1450 wurden bald nach dem Regierungsantritt von Ludwig dem Reichen die Juden aus Landshut vertrieben. Ihr Geld bzw. Vermögen bzw. die mit der Vertreibung einhergehende Tilgung der Geldschulden bei den Juden hat wahrscheinlich die Schatztruhen von Herzog Ludwig dem Reichen gefüllt. Mit dem eingezogenen Vermögen der Juden konnte er die Kosten für seine eigene Hochzeit begleichen, aber auch später im Jahr 1475 die Hochzeit seines Sohnes Georg mit der polnischen Köngistocher Hedwig / Jadwiga für umgerechnet fast 13 Millionen Euro ausrichten. Der Kanzler des Herzogs, Mair, der auch bei der Landshuter Hochzeit in persona dargestellt wird, war übrigens ein zum katholischen Glauben übergetretener Jude. Die jüdische Synagoge wurde 1451 in eine christliche Kirche, die Salvatorkirche umgewandelt. Der Synagogenplatz wurde aus klar erkennbaren antijüdischen Motiven in Dreifaltigkeitsplatz umbenannt. Die Synagoge bzw. Salvatorkirche wurde sodann 1810 im Zuge der Säkularisation abgerissen. Die Baulücke wurde bis heute nicht geschlossen und ist zum Hang hin noch gut sichtbar. Die Tatsache, dass ausgerechnet das Bronzedenkmal Ludwig des Reichen, der die Juden aus Landshut vertrieb, auf dem ehemaligen Synagogenplatz seinen Platz gefunden hat, mutet durchaus zynisch an.

                       Dreifaltigkeitsplatz – ehem. Synagogenplatz     Foto: R. Pfeiffer 2003



3. Station Altstadt 192 / 193


Die Lücke in den Bögen der oberen Altstadt gibt Rätsel auf. Manche vermuten hier den Standort des früheren Judentores. Durch Ausgrabungen hat sich diese Vermutung aber bisher nicht erhärten lassen.


 Altstadt 192/193 – vor Haus 193 sind die Bögen unterbrochen! Foto: R. Pfeiffer 2003


4. Station Hauptportal von St. Martin

Das Bilderfeld über dem Hauptportal von St. Martin beinhaltet eine allegorische Gegenüberstellung von Ekklesia und Synagoga. Während auf der linken Seite des durch das Kreuz geteilten Bildes ein Priester die heilige Messe feiert und damit den rechten Glauben praktiziert steht auf der rechten Seite die weißgekleidete Figur der Synagoga. Die verbundenen Augen besagen, dass sie  blind für den rechten Glauben ist. Deshalb fällt ihr die Krone vom Kopf. Hinter ihr steht der Sündenbock - in biblischer Zeit übertrug ja der Hohepriester im Tempel ein Mal im Jahr am Versöhnungstag alle Sünden des Jahres auf einen Bock, der anschließend in die Wüste gejagt wurde.  Die zerbrechende Säule mit dem Fratzen darauf mag auf das Heidentum allgemein hinweisen. Im Kern aber  handelt es sich um antijüdische Propaganda und drückt die allgemeine Stimmung im Volk zur Zeit der Judenvertreibung um 1450 aus. (Mit dem Bau der Martinskirche wurde im Jahre 1380 begonnen.) Vom Kreuz in der Mitte ausgehend finden sich vier Hände. Die Hand links ist als Segenshand ausgebildet, die Hand nach oben öffnet den Himmel, die Hand rechts vernichtet Heidentum und Judentum mit dem Schwert und die Hand unten zerschlägt mit einem Hammer das Gewölbe der Vorhölle. Die eindeutigen Parolen auf den Spruchbändern, u.a. "... Leben den Frommen", "Tod den Bösen", "...wird Frau Venus vor die Welt hinausgeworfen",  wurden anlässlich der Renovierung 2014 mit grauer Farbe übermalt und sind seither unleserlich. Leider fehlen weitergehende historische Hinweise in Form von Erklärungstafeln, sodass sich den wenigsten Betrachtern die eindeutig hetzerischen Aussagen dieses zentralen Bildes über dem Haupteingang zur Kirche erschließen.


Links „Ekklesia“ – rechts die „Synagoga“ in der Fassung vor 2014  synagoga_gross Foto: R. Pfeiffer 2007

                                                                                                                     Bildvergrößerung (Fassung bis 2014)

                                                                                                 Zum Vergleich: Bildvergrößerung in der Fassung seit 2014

 

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letzte Änderung/ last update: 13.09.2024