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GK 2k1 Katholische Religionslehre
08/10
PFE - Stoffüberblick
Jahrgangsstufe 12 - 2. Kurshalbjahr
- Inhaltsverzeichnis
3.3.
Weisen
der Gotteserfahrung
3.3.1. Transzendenzerfahrung
3.3.1.1.
Transzendenzerfahrungen im menschlichen Leben
(Textblatt Karlfried Graf
Dürckheim
"Grunderfahrungen des Überweltlichen ins
uns*"; Textblatt B. Grom
"Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder", Textblatt: "Grenzerfahrungen.
Der
Mensch und seine Krankheit")
3.3.1.2. Transzendenzerfahrung in der Bibel (Schwerpunkt NT)
3.3.2.
Meditative
Gotteserfahrung
(Textblatt "Meditation"; Textblatt
"Tai Chi Chuan")
3.3.3. Visionäre
(mystische) Gotteserfahrung
(Textblätter André
Frossard
"Gott existiert - ich bin ihm begegnet"; Theresia von
Avila "Die mystische Vereinigung mit Gott*"; Hildegard von Bingen "Ich
schaute*";
"Memorial" des Blaise Pascal;
Paulus:
Apg 9, 1-6.8f.)
3.3.4. Gotteserfahrung
in der Natur
(Buch Farbe bekennen 12
S.87)
3.3.5.
Gotteserfahrung
und Gewissen: Georg Elser und Franz Jägerstätter
(Textblatt; Buch Fb 12 S.
171 Konzilstext "Gewissen")
3.3.6.
Erfahrung
der Gottesferne: Das Anliegen der Gott-ist-tot-Theologie
(Buch Fb 12 S. 74 Anselm Grün,
"Die Abwesenheit Gottes aushalten";
Buch S. 86 Max Horkheimer "Sehnsucht
nach dem ganz Anderen")
3.3.7.
Kirche als wanderndes
Volk Gottes: das Kirchenverständnis des II. Vatikanischen
Konzils
3.3.8.
Gott
in den anderen Kirchen und in den Weltreligionen
3.3.8.1. Das "Dekret über den
Ökumenismus"
des II. Vatikanischen Konzils (Textblatt)
3.3.8.2. Die "Erklärung über
das Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen" des
II. Vatikanischen Konzils
(Textblatt)
(vgl. auch Buch Fb12 S. 88 - 98)
3.4. Gotteserkenntnis
3.4.1. Zur Geschichte der "Gottesbeweise"
(Textblatt)
3.4.1.1. Die griechische Antike
3.4.1.1.1. Platon
(427-347
v. Chr.): der Evidenzbeweis
3.4.1.1.2. Aristoteles
(384-322/321 v. Chr.)
(Begriffe:
"Aktualität", "Potentialität", "Syllogismus")
3.4.1.1.3. Die Stoiker
(Zenon); "Zweckmäßigkeitsbeweis"
3.4.1.2. Die römische Antike
3.4.1.2.1. Marcus
Tullius
Cicero (106-43 v. Chr.): "Historischer bzw. ethnologischer
Gottesbeweis"
3.4.1.2.2. Aurelius
Augustinus (354-430 n. Chr.): "Noetischer Gottesbeweis"
3.4.1.3. Das Mittelalter
3.4.1.3.1. Anselm von
Canterbury (1033-1109): "Ontologischer Gottesbeweis"
(Buch Fb12, S. 77)
3.4.1.3.2. Die "quinque
viae ad Deum" des Thomas von Aquin (1225-1274)
(Buch Fb
12 S. 78 - 80)
3.4.1.4. Die Neuzeit:
Immanuel Kant (1724-1804), genannt der "Allzermalmer"
(u.a. "moralische
Gotteserkenntnis")
(Buch Fb 12 S. 82 - 83)
3.4.2. Zur Beurteilung der Gottesbeweise
3.4.2.1. Allgemeine Kritik
3.4.2.2. Glauben ohne Beweise?
(Buch Fb 12 S. 80/81 Blaise
Pascal "Die Wette")
4. Gottesbestreitung und Religionskritik
4.1. Ludwig
Feuerbach
(1804 - 1872)
(Buch
Fb 12 S. 102 - 104; Textblatt)
4.2. Der Marxismus
(Buch Fb 12 S. 104 - 106)
4.3. Friedrich
Wilhelm
Nietzsche (1844 - 1900)
(Buch
Fb 12 S. 110 - 112)
4.4. Sigmund Freuds
psychoanalytischer
Atheismus
(Buch
Fb 12 S. 106 - 109)
4.5. Der französische Existenzialismus
4.5.1. Albert Camus:
Atheismus als Protest gegen das Leid in der Welt
siehe Punkt 1.3.2. der Gliederung
4.5.2. Jean-Paul
Sartre:
Atheismus im Namen der Freiheit!
(Textblatt: Thesen; Buch Fb 12
S. 113 - 115; 210 - 211)
4.6. Positivismus
und Neopositivismus (Textblätter)
4.7. Zum
Verhältnis
von Atheismus und Christentum
(Stichworte:
"Theoretischer Atheismus" - "Praktischer Atheismus" - "Struktureller
Atheismus")
(Fb
12 S. 138 - 141)
5. Das christliche Menschenbild der
Gegenwart
5.1. Wie frei ist der Mensch?
5.1.1. Was ist
'Freiheit'?
5.1.2. Freiheit und Determinismus (Fb
12 S. 168 - 171)
5.1.2.1.
Materialistischer Determinismus
(Cyril D. Darlington, Karl
Marx)
5.1.2.2.
Psychologischer Determinismus
(Sigmund Freud)
5.1.3.
Aussagen der Verhaltensforschung
(Textblatt:Irenäus
Eibl-Eibesfeldt;
vgl. Fb 12 S. 212/213 von B. F. Skinner, aber
auch Fb 12 S. 168/169 von Viktor E. Frankl)
5.1.4. Philosophische
Ansichten
5.1.4.1. Friedrich
Nietzsche
5.1.4.2. Karl Jaspers
(Fb 12 S. 168)
5.1.4.3. Jean-Paul
Sartre
(vgl. Punkt 4.5.2. der
Gliederung)
5.2.
Christliche Ansichten zur Freiheit
5.2.1. Arten
der Freiheit
5.2.2. Ein
christliches Plädoyer
für die Freiheit / Aussagen des II. Vatikanischen
Konzils
(Textblatt sowie Aussage des II. Vatikanischen Konzils)
5.2.3.
Sünde und Schuld als Einschränkung
von Freiheit
5.2.3.1.
Sünde als persönliche
Schuld (Textblatt)
5.2.3.2.
Transpersonale Schuld
(Textblatt)
5.2.3.3.
Erlösung als Wiedergewinnung
der Freiheit (Textblatt)
5.2.3.4. Biblische
Modelle vom Ursprung
des Bösen (Textblatt)
5.2.3.5. Gott und das
Böse:
die Theodizeefrage
(siehe Punkt 1.3.1. der Gliederung)
5.3. Das christliche Menschenbild der
Gegenwart
Stichworte:
-
Theologie bleibt immer auch auf Erkenntnisse der Humanwissenschaften
(Medizin,
Psychologie) angewiesen
-
Das Christentum sieht jeden Menschen als Person (Ebenbild Gottes!)
-
Menschenrechte haben ihre letzte Verankerung allein in Gott
-
Der Mensch ist ein "gefallenes Wesen" und bedarf deshalb der
Erlösung
-
Christliche Hoffnung reicht über den Tod hinaus
-
Christen sind aufgerufen, in der Welt und in der Geschichte
mitzumischen
("Salz der Erde" bzw.
"Licht der Welt")
-
Christen orientieren sich am Modell Jesu (Nachfolge Jesu)
Begleitlektüre:
"Das Enneagramm. Die 9 Gesichter der Seele"
Copyright © 1996:
Evangelischer
Presseverband für Bayern e. V.
Bei
Beschaffungsschwierigkeiten
wenden Sie sich bitte an den Kursleiter.
3.3. Weisen der Gotteserfahrung
3.3.1.1. Transzendenzerfahrung im menschlichen Leben
Nur unter der Voraussetzung, dass das, was wir in unserem Bewusstsein als Wirklichkeit wahrnehmen, nur ein Teil einer größeren Wirklichkeit ist, macht es Sinn von Transzendenzerfahrung zu sprechen, denn der lateinische Begriff des "transcendere" beinhaltet die Idee des Hinüberschreitens ins eine andere Wirklichkeit.
- Transzendenzerfahrung:
Überschreitung der Grenze des Immanenten, also der
Wirklichkeit,
wie sie mit unseren Sinnesorganen erfahrbar ist und
Erkenntnis dessen, was hinter dieser Wirklichkeit liegt.
Interessant erscheint in diesem Zusammenhang der Ansatz des tschechisch-amerikanischen Psychotherapeuten Stanislav Grof, der harsche Kritik am gegenwärtig in der westlichen Welt verbreiteten eindimensionalen Wirklichkeitsverständnis übt:
"Auch wenn es nicht klar ausgesprochen wird, geht man im gegenwärtigen psychiatrischen Denken mehr oder weniger davon aus, dass zu geistiger Gesundheit Atheismus, Materialismus und das Weltbild der mechanistischen Wissenschaft dazugehören."
(Stanislav Grof, Geburt, Tod und Transzendenz (München, 1985), S. 315)
"Was als geistig gesund und normal gilt oder rational gerechtfertigt wird hängt wesentlich von den jeweiligen Umständen und vom kulturellen oder historischen Rahmen ab."
(Stanislav Grof, Geburt, Tod und Transzendenz (München, 1985), S. 284)
"In Anbetracht dieser Tatsachen drängt sich die Vermutung auf, das ein atheistisches, mechanistisches und materialistisches Weltbild und eine entsprechende Auffassung vom Leben eine tiefe Entfremdung vom eigenen Daseinskern, einen Mangel an echtem Selbstverständnis und eine psychische Verdrängung der eigenen Psyche wiederspiegelt. ... Eine solche, verstümmelte Einstellung zu sich selbst und zur Existenz ist letztlich mit einem Gefühl der Sinnlosigkeit des Lebens und der Entfremdung vom kosmischen Prozess behaftet."
(Stanislav Grof, Geburt, Tod und Transzendenz (München, 1985), S. 319)
Der amerikanische Philosoph Ken Wilber wiederum belegt die Vorstellung, dass die sinnliche, empirische und materielle Welt die einzige Welt sei mit dem Ausdruck "Flachland" ('flatland'), da diese Art der Weltbeobachtung mit einem Kartografen zuu vergleichen sei, der eine Landkarte zeichnet und dann die Landkarte, die ja nur ein Abbild der Oberfläche sein kann, für das Ganze der Wirklichkeit ausgibt.
(Ken Wilber, Eine kurze Geschichte des Kosmos (Frankfurt, 1997), S. 32 bzw. S. 124)
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http://www.kenwilber.com (Lange Ladezeiten!) |
Quelle: Hildegund Wöller, "Ich habe es so erfahren. Das Subjektive und seine Deutung als Tor zur Wirklichkeit", Radiosendung in Bayern 2 am 1.7.2001
=> Voraussetzung für die Transzendenzerfahrung ist also die Annahme bzw. Existenz einer "jenseitigen" Wirklichkeit. Unter dieser Annahme gibt es "Grenzerfahrungen". Eine Grenzerfahrung beinhaltet eine extreme Seinserfahrung. In gewisser Weise hat der Extrembergsteiger Reinhold Messner diese immer wieder gesucht. Andererseits scheinen Kinder im Normalfall sich einer eindimensionalen Sicht der Wirklichkeit zu widersetzen. Sie entwickeln im Normalfall eine Ahnung von einem Ursprung der Welt, der nicht "gemacht" ist, sondern - wie Kinder gerne sagen - "sich selber gemacht hat". (vgl. Textblatt von Bernhard Grom, "Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder...")
Text: Grom: "Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder ..."
- Kinder sind
im Alltagsleben noch nicht gesellschaftlichen Konventionen unterworfen
=> Kinder tun
sich leichter, eine andere Wirklichkeit anzuerkennen
=> Kinder
verarbeiten
die Eindrücke noch selbst
=> schöne
Erlebnisse werfen die Frage nach etwas noch Schönerem und dem
Urheber
von Allem auf
- Kinder sind
Meister im Wechselspiel zwischen Phantasie und Wirklichkeit
=> in
späteren
Jahren erfolgt zumeist ein Zurücktreten der Intuition
gegenüber
zweckrationalem Handeln
=> Zum vollen
Menschsein ist jedoch eine Synthese aus rationalem Bewusstsein und
Intuition
nötig
Im Hinblick auf Grenzerfahrungen gibt es diese sowohl in extrem positiver Weise als Erfahrung von Glück wie auch in extrem negativer Weise in Form von Leid und Unglück.
Für (positive) Transzendenzerfahrung in extrem positiver Weise, in Form eines gesteigerten Glücksgefühls, hat sich in der Psychologie der Begriff "peak experience" eingebürgert. (vgl. Textblatt mit Zitat aus Christ in der Gegenwart 5/2001)
Eine andere Beschreibung liefert der amerikanische Psychologe Mihalyi Cszikszentmihalyi mit dem von ihm geprägten Begriff des "flow", wozu er in 30 Jahren über 6000 Menschen befragte. Die "Flow"-Erfahrung ist allen Menschen gemeinsam, die sich als glücklich bezeichnen:
"Wir fanden flow bei Fließbandarbeitern, weil sie voll bei dem waren, was sie taten - bei Rennfahrern, Fallschirmspringern, selbst bei Menschen, die meditieren und sich überhaupt nicht bewegen. ... Und sie fühlen dieses totale Einssein mit dem, was sie gerade tun."
Quelle: Skript zur Fernsehsendung "Wieso?Weshalb?Warum?" in Südwest 3 vom 25. September 2003
Nun zu Beispielen negativer Transzendenzerfahrung, wie Karlfried Graf Dürckheim sie beschrieb:
(vgl. Text von Karlfried Graf Dürckheim: "Grunderfahrungen des Überweltlichen in uns")
Beschrieben werden
hier
drei Fälle von negativer Transzendenzerfahrung:
=> Extremsituationen
bedingen
Transzendenzerfahrung: Diese ist charakterisiert durch einen
paradoxen Umschlag in der Erlebnisweise:
° Angst
ist nicht beliebig steigerbar. Extreme Angst führt zur Aufgabe des
Ichs und zur
Erkenntnis einer höheren Kraft, die trägt, so dass das
unmittelbar
Erlebte keinen
Einfluss mehr hat. Damit einher geht der Verlust der Angst vor der
dauernden
Vernichtung.
°
Einsamkeit
führt zur Trostlosigkeit. Auch diese ist nicht beliebig steigerbar
und kann
zur Erfahrung einer höheren Wirklichkeit und damit zu einem
Gefühl
des
“Aufgefangenseins” führen.
°
Absurdität
des Daseins (z.B. schlechte Behandlung wie im KZ, Diagnose "unheilbarer
Krebs", Tod
eines geliebten und geschätzten Mitmenschen)
führt evtl. jenseits aller Verzweiflung zur Erkenntnis einer
höheren,
unbegreifbaren
Ordnung
=> Solche
Erfahrungen
vermögen die Tür einer anderen Wirklichkeit und zu
einer
anderen Sicht der Dinge
zu öffnen.
vgl. auch die Erfahrung des todkranken Theologieprofessors Heinrich Fries, meines ehemaligen Lehrers im Fach Fundamentaltheologíe an der Ludwig-Maximilians-Universität München im Text "Grenzerfahrungen. Der Mensch und seine Krankheit" (Christ in der Gegenwart Nr.50/1994):
Beeindruckend ist vor allem der positive und bewusste Umgang mit seiner Krankheit, welche er als Durchgangsstation auf dem Weg in eine andere Wirklichkeit sieht, wobei er sich in den Händen einer höheren Macht geborgen weiß. "Ich selbst habe in schwerer Krankheit und im Gefühl, dem Tod nahe zu sein, keine Furcht und keine Angst empfunden. Ich hatte das Gefühl: Ich gehe dem Licht entgegen."
3.3.1.2. Transzendenzerfahrung in der Bibel (Schwerpunkt NT)
Diese Formen der negativen Transzendenzerfahrung finden sich auch im Erfahrungsschatz der Bibel. So wäre der oftmals in den Paulusbriefen zitierte Satz (vgl. Röm 1,17; Gal. 3,11;Hebr. 10,38) aus dem Buch des Propheten Habakuk "Der Gerechte lebt aus (dem) Glauben" (Hab 2,4) besser zu übersetzen mit
Der Bewährte lebt aus (dem) Trauen.
Diese Übersetzungsvariante lässt klar erkennen, worum es eigentlich geht, nämlich um eine lebensbedrohende Situation, wo ein Mensch trotz tiefster Verzweiflung die Erfahrung des Bewahrtseins machen konnte, weil er Gott vertraute. Nachdem er diese Situation überlebt hat, ist er nunmehr ein Bewährter, der in der Gewissheit , dass dieses Bewahrtsein ihn wiederum retten wird, jemand der sich traut bzw. etwas zutraut. Insgesamt ist diese Situation gar nicht so unähnlich dem aus 12/1 bekannten Rattenexperiment!
negative Transzendenzerfahrung:
In der Situation, wo Jesus am Abend vor seiner Kreuzigung im Garten Getsemane Blut schwitzt (was einem extremen Schockzustand durch extreme Weitung der Blutgefäße entspricht), ist es ein Engel, der Jesus tröstet. Bleibt man nicht am Vordergründigen haften, dann handelt es sich hier um eine Szene, welche Transzendenzerfahrung angesichts gesteigerter Angst verständlich machen will.
Originalfelsen in der "Kirche der Nationen" in Getsemane (Fotos: R. Pfeiffer, Feb. 2007)
positive Transzendenzerfahrung:
Biblisch spiegelt sich solche eine Erfahrung in der Verklärung Jesu auf dem Berg (Mk 9,2ff.), nach Meinung vieler Exegeten vermutlich auf dem Berg Hermon im Libanonmassiv und nicht so sehr auf dem Berg Tabor anzusiedeln. Welcher auch immer der historische Ort sein mag, so handelt es sich doch ganz klar um einen Moment, den alle Beteiligten als intensives Glück genießen, schlägt doch Petrus vor "Rabbi, es ist gut, dass wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen ..." Doch auch Jesus und seine Freunde können die Zeit nicht zum Stillstand bringen, auch sie müssen herabsteigen vom Berg der Verklärung in die Niederungen (des Alltags).
Das Hermon-Massiv im Dreiländereck Libanon / Israel / Syrien und der Berg Tabor in Galiläa (Fotos: R. Pfeiffer, Feb. 2007)
Ausblick vom Berg Tabor auf die Israel(Jesreel)-Ebene (Foto: R. Pfeiffer, Feb. 2007)
3.3.2. Meditative Gotteserfahrung
Spricht man von Meditation, so steht an
zentraler Stelle das lateinische Wort "medium" = Mitte.
Das lateinische Deponens-Verb "meditari"
(nachdenken, nachsinnen) bedeutet vom Ursinn her eigentlich "In die
Mitte
hineinnehmen. Der Gedanke der persönlichen Mitte, der Ausrichtung
auf die Mitte, auch in der Körperhaltung, ist somit als absolut
grundlegend
zu bewerten.
Von der Idee her will das Wort
"Konzentration"
Ähnliches aussagen und beide, Meditation und Konzentration
korrelieren
miteinander, ist doch Meditation ohne Konzentration, also im Sinne
einer
bloßen Entspannungsübung wie etwa beim Autogenen Training,
nicht
denkbar.
Meditation: => Ausstieg
aus dem
hektischen Gedankenwirrwarr durch:
A
° Körperhaltungen (Ausrichtung auf die Mitte) bzw.
° Bewegungsabläufe
B
° Zentrierung / Konzentration (in Stille)
C
° Atemführung
In einer Sendung des Fernsehprogramms des Bayerischen Rundfunks wurde in der Reihe "Sprechstunde" am 15.12.2003 die heilende Wirkung von Gebet und Meditation aus medizinischer Sicht behandelt. Hier die interessanten Einsichten:
Da die Meditation zumindest in den östlichen Religionen (chinesische Religion, Buddhismus, Hinduismus) stärker verwurzelt ist als im westlichen Kulturkreis, zunächst ein kleiner Blick nach China:
vgl. den zentralen Begriff des chinesischen (konfuzianischen) Weltbildes: Tao: “Die große Einheit”

- Verbindung der
Gegensätze
in einem Kreis (z.B. Yin-Yang)
=> der “Gegensatz des
Gegensatzes”
ist im Symbol schon enthalten
=> Einheit der
Gegensätze
=> Befriedung der
Gegensätze
wird möglich
- zu starke Betonung des
Yang
in der westlichen Kultur
=> Ausdruck in der
Verselbständigung
des industriell-bürokratischen Systems
Eine speziell chinesische Form der Mediation beinhaltet "Tai-Chi Chuan", von den europäischen Kolonialherrn im 19. Jahrhundert verständnisloser Weise als "Schattenboxen" missdeutet. Dabei geht es bei Tai-Chi um ein Übungssystem, welches letztlich zu einer anderen Wahrnehmung der Wirklichkeit führen soll in einem Zustand, welcher dem Zustand zwischen Wachen und Schlafen ähnelt und der von Absichtslosigkeit gekennzeichnet ist. Kinder leben in ihren ersten Jahren noch intuitiv in dieser Art Zustand. Durch festgelegte Bewegungsfolgen will die Übung des Tai Chi Chuan einen Zustand absichtsloser, meditativer Stille einkehren lassen.
Ziel ist somit ein Zustand des “Nicht-Handelns”, ein Zustand vollkommener Ruhe, der nur zugelassen werden kann.
=> Möglichkeit der
Versenkung:
Tai Chi Chuan
°
festgelegte Bewegungsfolgen als Zugang zur Meditation
°
ständiges Wiederholen von Bewegungsfolgen als Hilfe zum Erreichen
des Zustandes der meditativen Stille
Welche spezifische Form der Meditation auch gewählt wird, so haben sich verschiedene Mittel als Hilfe für den Meditierenden bewährt:
Dabei geht Meditation den folgenden Weg:
Die tiefere Erkenntnis der eigenen Persönlichkeit führt zur Gotteserfahrung
=>
Naturalmeditation:
“Persönlichkeitsfindung”
=>
Glaubensmeditation:
“Gotteserkenntnis” (in der christlichen Tradition auch als
"Kontemplation"
bezeichnet)
Voraussetzungen:
=> entspannte
Körperhaltung
richtige Sitzpositionen
=> richtige
Atemtechnik
Wechselwirkung zwischen Atem und Seele
=> geistige
Konzentration
Hilfsmittel / Techniken: Meditation mit:
° visuellen Medien
° akustischen Medien
° verbalen Medien
° Gestik / Mimik
=> meditative Versenkung:
Hier lassen sich verschiedene Phasen bzw. Tiefengrade unterscheiden:

Nicht zuletzt weil es in der unter 2. beschriebenen Stufe zum Aufsteigen von Ängsten aus dem Unterbewusstsein kommen kann, sollte echte, d.h. über autogenes Training und die Stufe 1 hinausgehende Meditation stets unter Anleitung erfahrener Meditationslehrer erfolgen, die mit solchen Zuständen umzugehen wissen.
Im Übrigen lässt sich auch die Perikope von Jesu 40-tägiger Zeit in der Wüste unter diesem Blickwinkel sehen, begegnen ihm doch zunächst dämonische Kräfte und Satan, der Jesus versucht bevor er nach Überwindung all dieser Hindernisse zur echten Gotteserfahrung kommt ("... und die Engel dienten ihm"). Vgl. Mk 1, 12f.
Judäische Wüste: Hier, in der Nähe der Oasenstadt Jericho liegt der "Berg der Versuchung" (Foto: R. Pfeiffer, Feb. 2007)
3.3.3.
Visionäre
(mystische) Gotteserfahrung
Text: André Frossard: "Gott existiert – ich bin ihm begegnet"
- Atheist mit großer
Skepsis gegenüber allem Religiösen
- Wendepunkt mit
Gotteserfahrung:
“Welle von Wundern”
°
Audition
(Hörerlebnis)
°
Vision
(Lichterfahrung)
°
Erfahrung
einer anderen Welt
=> Wirklichkeits-, Wahrheitserfahrung
=> Beweis für die Existenz Gottes
=> Sinngebung für sein Leben
°
Probleme
des Sprechens über Gott - er schwieg lange; ging erst 34 Jahre
nach dem
Ereignis an die Öffentlichkeit.
Text: Theresa von Avila: Die mystische Vereinigung mit Gott
- Seelenburgerlebnis mit leuchtenden Kristallen
- Vereinigungserlebnis mit Gott in verschiedenen Stufen: Gotteserlebnis - geistige Verlobung - mystische Vermählung
-
Niederschrift der Erlebnisse
nur durch Befehl der Vorgesetzten
Text: Hildegard von Bingen: "Ich schaute ..."
- Visionen seit dem 5.
Lebensjahr
- Gotteserfahrung mit 42:
Auftrag,
das Gotteserlebnis zu beschreiben und nieder zu schreiben.
- Gott will durch sie zu
den Menschen sprechen
- Offenbarung des
eigentlichen
Sinnes religiöser Praktiken
Text: Memorial des Blaise Pascal
Der Mathematiker, Philosoph und Physiker Blaise Pascal, ein kühler und scharfsinniger Denker, der den Standpunkt der Vernunft vertrat, hatte in der Nacht vom 23.11.1654 ein emotional überwältigendes Erlebnis. Noch unmittelbar unter dem Eindruck dieses Ereignisses stehend, versuchte er dieses in Worte zu fassen. Das Papier bewahrte er als Erinnerungsstück (Memorial) im Saum seines Mantels auf, wo man es nach seinem Tod im Jahre 1662 fand. Das Erlebnis selbst führte ihn zum Jansenismus, einer Strömung in der katholischen Kirche, welche eine strenge Prädestinationslehre (nach dem Muster Calvins) vertrat und welche von den Jesuiten und den Päpsten heftig bekämpft und verurteilt wurde. (Das Problem des Jansenismus erledigte sich schließlich im 19. Jahrhundert quasi von selbst.)
Text: Paulus: Apostelgeschichte
- Offenbarung Gottes in einer Vision (Licht) mit Audition "Warum verfolgst du mich?"
=> sofortiger Wandel der Lebensperspektive; 3-tägige Blindheit weist auf die große Verwirrung hin.
(Der dritte Tag als der Tag, an dem Gott eingreift und die Not wendet) - Tatsächlich dürfte sich Paulus länger zurückgezogen haben; er selbst spricht im Galaterbrief davon:
"Ich ging auch nicht sogleich nach Jerusalem hinauf zu denen, die vor mir Apostel waren, sondern zog nach Arabien und kehrte dann wieder nach Damaskus zurück." (Gal 1,17)
Danach wurde Paulus einer der wichtigsten Botschafter des jungen Christentums.
|
der EKD |
Zusammenfassung: Alle geschilderten Erlebnisse folgen
ungefähr dem
folgenden Muster:
Überraschend kommt es zur Begegnung mit einer höheren Macht (Gott), welche zumeist nicht bewusst angestrebt wird, ja es kann sogar sein, dass jemand, wie André Frossard, sich ausdrücklich zum Atheismus bekennt.
Visionen und/oder Auditionen lösen ein Schockerlebnis aus, welches als Wendepunkt, zumindest als zentraler Erlebnispunkt in der eigenen Lebensgeschichte verstanden wird.
Dieses Erlebnis bedarf der manchmal jahrelangen Verarbeitung und wird geheim gehalten.
Erst nach Aufforderung bzw. langem Schweigen beginnen die Betroffenen, das Geschehene zu veröffentlichen.
Anmerkung: Es scheint, dass das Christentum in Russland 70 Jahre atheistischer Propaganda auf diese Weise überlebt hat. Die ehemalige kommunistische Jugendführerin Tatjana Goritschewa kam durch das Lesen des Vaterunsers in einem Jogalehrbuch zum Glauben, engagierte sich daraufhin in Dissidentenkreisen und erlitt Verfolgung und Verhaftung. Sie selbst berichtete vor ein paar Jahren auf einem Vortrag in Landshut davon, wie in einem russischen Lager ein 18-jähriger Kommunist zusammen mit einem Mitgefangenen in den Strafbunker gesteckt wurde. Haft im Strafbunker endete bei sibirischer Kälte regelmäßig mit dem Erfrierungstod der so Bestraften. Doch der Mitgefangene forderte den jungen Kommunisten zum Mitbeten auf. Licht- und Wärmeerlebnisse stellten sich ein und beide überlebten. Auf Grund dieses Erlebnisses wirkt der damals 18-Jährige nunmehr unter dem Namen Vater Gennadi als Priester in St. Petersburg.
Interessant dass im Russland nach Perestroika und Glasnost sich quasi wieder jeder Russe als Christ bezeichnet - selbst Kommunistenführer Sjuganow bezeichnet sich als solcher! Präsident Putin lud ca. 2000 den auf Staatsbesuch weilenden Bundeskanzler Gerhard Schröder zum gemeinsamen Besuch des Weihnachtsgottesdienstes ein ...
Von Karl Rahner, einem der größten Theologen des 20. Jahrhunderts, der u.a. als Konzilsberater das II. Vatikanische Konzil maßgeblich mit prägte, stammt der Satz: "In der Zukunft werden die Frommen Mystiker sein oder sie werden nicht sein."
Jahrhunderte lang war Glauben Sache der Gemeinschaft. Mit der zunehmenden Erosion der Glaubenspraxis in Deutschland und Westeuropa wird es aber immer schwieriger, Halt an der Gemeinschaft zu finden. Somit wird der Christ der Zukunft vielleicht Mystiker sein müssen.
Mystik bzw. Mysterium weist auf ein Geheimnis hin. Das griechische Verb 'myein' bedeutet '(sich) schließen'. Konkret sind Lippen und Augen damit gemeint. Ein Mystiker geht quasi schweigend und in blindem Vertrauen auf Gott seinen Weg. Es handelt sich gewissermaßen um eine "außer-ordentliche" Form christlicher Existenz. Viele Mystiker zogen sich in die Einsamkeit zurück, wurden Einsiedler, griechisch "Monachos", also Mönche. Weil sie ihren Glauben unabhängig von der kirchlichen Gemeinschaft lebten, sahen sich Mystiker im Laufe der Kirchengeschichte immer wieder dem Verdacht ausgesetzt, sie seien Häretiker oder Ketzer. Im Übrigen wurden in der lateinischen Kirche die Worte Mystik und Kontemplation lange Zeit synonym gebraucht und waren somit austauschbar (vgl. Punkt 3.3.2. "Meditative Gotteserfahrung").
Alle in den Punkten 3.3.1. bis 3.3.3. beschriebenen Erfahrungen weisen eine gewisse Ähnlichkeit und Nähe zu den in Punkt 1.3.3. des 1. Semesters beschriebenen Nahtoderfahrungen auf (Lichterlebnisse, persönliche Betroffenheit bis hin zur "Lebenswende", Schweigen bzw. Wortlosigkeit angesichts des Erlebten).
3.3.4. Gotteserfahrung in der Natur
I. Vatikanisches Konzil:
- Offenbarung Gottes in
der
von ihm geschaffenen Natur
- ebenfalls Offenbarung
Gottes
auf anderen Wegen (Propheten, Sohn Christus)
=> man kann Gott in der
Natur
erkennen, muss es aber nicht
=> Die zweifache
Erkenntnisordnung:
|
|
||
| Offenbarung |
Offenbarung
|
|
| NATUR |
HL. SCHRIFT
|
|
| Naturgesetze |
Der Weg des
Menschen
zum Heil
|
|
| Vernunft |
Glaube
|
|
|
|
|
Gedanken zum
Sonntag (erschienen in der Landshuter
Zeitung am 10. Dez. 1988) Zum Grundbestand des katholischen Glaubens gehört ein Satz, den das I. Vatikanische Konzil 1870 in den Rang eines Dogmas erhob: „Gott, aller Dinge Grund und. Ziel, kann im natürlichen Licht der menschlichen Vernunft aus den geschaffenen Dingen mit Sicherheit (!) erkannt werden." „Kann" heißt es hier, nicht „muss". Die freie Glaubensentscheidung jedes einzelnen Menschen bleibt somit unangetastet. Andererseits ergibt sich aus dieser Formulierung des Dogmas, dass die Kirche nicht einfach achtlos an den Erkenntnissen der modernen, Naturwissenschaften vorbeigehen kann, denn die Natur als Gegenstand naturwissenschaftlicher Forschung ist ja identisch mit dem, was der Glaube Schöpfung Gottes nennt. Können aber ausgerechnet die der Vernunft und Logik verpflichteten und traditionell eher atheistisch eingestellten Naturwissenschaftler Hinweise auf die Anwesenheit Gottes im naturwissenschaftlich beobachtbaren kosmischen Geschehen liefern? Ich meine, dass diese Frage aus folgenden Gründen bejaht werden kann: Die wahrscheinlichste Weltentstehungshypothese geht vorn sogenannten „Urknall" aus. Erst seit diesem scheinbar katastrophalen Geschehen des Urknalls gibt es die uns vertrauten Gegebenheiten von Materie, Raum und Zeit. Zudem sagen uns Astrophysiker, dass dieser Urknall recht genau dosiert gewesen sein muss, da es ansonsten nie zur Verdichtung der Materie zu Sternen und Sternenhaufen hätte kommen können. Nun führte der weitere Verlauf des kosmischen Geschehens nicht einfach hin zur Entstehung unserer Erde, sondern es waren dazu mindestens zwei weitere „Katastrophen" in Form explodierender Sterne (Supernovae) nötig. Nur eine erste solche Sternenexplosion konnte zur Bildung der heute auf der Erde jenseits des Kohlenstoffs vorhandenen höherwertigen chemischen Elements bis hin zum Uran führen. Während sich dann die „Asche" des explodierten
Sterns gerade zu einem neuen Sonnensystem verdichtete, führte eine
weitere Supernovaexplosion zur Bildung des uns bekannten heutigen
Sonnensystems, denn nur eine derartige weitere Katastrophe kann die in
unserem Sonnensystem vorhandene ungleichmäßige Verteilung
der Massen auf die Planeten einschließlich der Erde einerseits
und das Zentralgestirn der Sonne andererseits hinreichend
erklären. Damit nicht genug. Wie wir aus der Beobachtung unserer
Nachbarplaneten erkennen können, befindet sich allein die Erde in
einer Entfernung von der Sonne, welche die Hervorbringung von Leben
ermöglichte unter der Voraussetzung, dass hier
zusätzlich die zur Hervorbringung von Leben nötigen
chemischen Bedingungen herrschten. Dieses Leben hat zeitlich gesehen
einen ungeheuer rasanten Aufschwung vom Einzeller bis hin zum heutigen
Menschen genommen, wobei der in den Genen gespeicherte Bauplan jedes
Lebewesens zunehmend komplizierter wurde, so kompliziert, dass in jeder
einzelnen (!) menschlichen Körperzelle der gesamte „Bauplan" des
betreffenden Menschen gespeichert ist, ein Bauplan, der in gedruckter
Form 5000 Bücher zu je 200 Seiten füllen würde. Diese im kosmischen Geschehen verborgene Zielstrebigkeit ist vielen Naturwissenschaftlern inzwischen In den Blick geraten, auch wenn sie ihre Beobachtung nicht so recht zu deuten wissen. Aus der Sicht des Glaubens aber finden sich hier die Spuren einer Intelligenz, welche alle menschliche Intelligenz bei weitem übersteigt und die von Menschen der verschiedensten Religionen seit jeher als Gott verehrt und angebetet wird. Dass dieser Gott sich in Jesus vor annähernd 2000 Jahren mitten hinein in diese von ihm ins Dasein gerufene Welt begeben haben könnte, erscheint in dieser Zeit des Advents als ein fast ungeheuerlicher Gedanke! Doch wenn Gott der Urheber des Kosmos ist, dann ist auch dies gar nicht so unwahrscheinlich wie es zunächst scheinen mag. (Rupert Pfeiffer) |
3.3.5. Gotteserfahrung und Gewissen: Georg Elser und Franz Jägerstätter
Georg Elser - Hitlerattentäter
Johann Georg Elser wurde am 4. Januar 1903 in Hermaringen, Kreis Heidenheim, geboren. Er erlernte den Beruf eines Möbelschreiners, wurde während der Weltwirtschaftskrise arbeitslos und musste sich seinen Lebensunterhalt mit Gelegenheitsarbeiten verdienen. Poltisch war er nicht übermäßig interessiert und nur kurze Zeit war er im Rotfrontkämpferbund aktiv. Doch in seinem Innern lehnte Elser die seiner Ansicht nach arbeiterfeindliche Politik der Nationalsozialisten ab. Nach Unterzeichnung des Münchner Abkommens von 1938 dachte er, dass der „unvermeidliche Krieg" bald ausbrechen würde, und so entschloss sich Elser ganz allein ein Attentat auf Hitler vorzubereiten. Sein Ziel war es letztlich den Krieg zu verhindern.
Am 8. November 1939 hielt Hitler im Münchner Bürgerbräukeller seine alljährliche Gedenkrede zum sogenannten Hitler-Putsch von 1923. Im Vorfeld hatte Elser sich über Wochen hinweg nachts unbemerkt im Saal einschließen lassen und in einer Säule nahe dem Rednerpult eine Bombe mit Zeitzünder eingebaut. Dringende Termine veranlassten Hitler jedoch, den Gedenkakt früher als geplant zu verlassen. Die Bombe detonierte nur ca. zehn Minuten zu spät. Acht (unschuldige) Menschen kamen bei dem Anschlag ums Leben.
Elser wurde kurz darauf gefasst und gestand die Tat. Die offizielle Propaganda verbreitete das Märchen, wonach der der ehemalige Nationalsozialist und politische Gegner Hitlers Otto Strasser und der britische Geheimdienst den Anschlag geplant hätten. Die Darstellung als Gewissentat eines Einzelnen hätte vielleicht in der Bevölkerung den Widerspruchsgeist geweckt. In der Haft wurde Elser weitgehend geschont, da das Regime ihn nach Kriegsende in einem Schauprozess vorführen wollte. Kurz vor Kriegsende wurde Elser am 9. April 1945 im Konzentrationslager Dachau ermordet.
Zum 100-jährigen Geburtstag gab die Deutsche Bundespost eine Gedenkmarke zur Erinnerung an Georg Elser heraus.
Franz Jägerstätter - Kriegsdienstverweigerer
- Vertiefung der
Religiosität
in der zweiten Ehe
- Ablehnung des NS-Systems durch
das Vorgehen gegenüber Priestern und der Religion
=> wiederholte Verweigerung der
Einberufung
=> Überstellung in
Wehrmachtsgefängnis
=> Todesurteil aufgrund von
Wehrmachtszersetzung
=> Bibellektüre als
einziger
Halt
=> Gotteserfahrung durch Todessituation
=> Gewissen als Gesetz, das in der Liebe zu Gott seine Erfüllung hat
Links:
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Der Fall Jägerstetter wurde auf dem II. Vatikanischen Konzil durch einen Bischof vorgetragen und beeinflusste maßgeblich die Ausführungen des Konzils zur Gewissensfreiheit. Danach ist das Gewissen "die verborgenste Mitte und das Heiligtum im Menschen, wo er allein ist mit Gott, dessen Stimme in diesem seinem Innersten zu hören ist." Wenig später der entscheidende Satz: "Nicht selten geschieht es jedoch, dass das Gewissen aus unüberwindlicher Unkenntnis irrt, ohne dass es dadurch seine Würde verliert!" (II. Vatikanisches Konzil, Kirche und Welt, Artikel 16 - zitiert im Buch Fb12, S. 171)
Kann die Stimme Gottes, die Stimme des Gewissens also irren? Ja, sie kann. Insofern ist auch psychologischen Bedenken Rechnung getragen. Vergleichen wir das Gewissen mit einem Kompass, so zeigt es normalerweise in Richtung des Guten, also nach Norden. Gerät der Mensch in ein "moralisches Magnetfeld", kann es Richtungsabweichungen bis zur völligen Fehlleitung geben, ohne dass der Kompass kaputt wäre oder der Mensch dies persönlich zu verantworten hätte.
Letztlich ist nur Gott in der Lage, solche Widersprüche aufzulösen. Es könnte ja sein, dass jemand in seinem Gewissen kriegerische Handlungen zugunsten der Befreiung anderer befürwortet, ja vielleicht wie Elser Bomben baut, während ein anderer Mensch vor seinem Gewissen allein gewaltloses Handeln verantworten kann und sich beide in unversöhnlicher Weise als Feinde gegenüber stehen. Nur Gott vermag - aus menschlicher Perspektive betrachtet - solche Widersprüche letztlich aufzulösen.
3.3.6. Erfahrungen der Gottesferne: Auf der Suche nach Gott
Erfahrung der Benediktiner: Wer in den Benediktiner-Orden eintreten will, muss sich als Gottsucher verstehen!
"Man achte genau darauf, ob der Novize wirklich Gott sucht, ob er Eifer hat für den Gottesdienst, ob er bereit ist zu gehorchen und ob er fähig ist, Widerwärtiges zu ertragen." (Aus der Regel des hl. Benedikt)
Hilfreich ist auch die Erfahrung der seligen Edith Stein. Hierzu ein Zitat aus dem Fastenhirtenbrief 2003 des Münchner Erzbischofs Friedrich Kardinal Wetter:
"Edith Stein berichtet, dass sie sich als 15-Jährige bewusst das Beten abgewöhnt habe. Sie konnte mit Gott nichts anfangen. Aber sie war immer auf der Suche nach der Wahrheit. 15 Jahre später geht ihr die Wirklichkeit Gottes auf und sie lässt sich taufen. In der Rückschau sagte sie: "Meine Suche nach der Wahrheit war ein einziges Gebet." und: "Wer die Wahrheit sucht, sucht Gott." Edith Stein hat durch viele Jahre hindurch die Wahrheit gesucht und Gott gefunden. Auch wer auf der Suche nach Gott ist, ist Gott nahe, vielleicht näher als der, der meint, mit Gott auf Du und Du zu stehen.
Vergessen wir nicht: Suchende sind wir alle, so lange wir auf Erden leben. Auch wenn wir Gott gefunden haben, mit Jesus verbunden sind und unser Leben in der Gemeinschaft mit Jesus führen, bleiben wir vor dem unauslotbaren Geheimnis Gottes immer noch Suchende. Dieses Suchen endet erst am Ende unserer Pilgerschaft, wenn wir in der Ewigkeit Gott unverhüllt von Angesicht zu Angesicht schauen."
Von der Erfahrung, dass Gott in unserer Welt oftmals zu schwiegen scheint, handelt der nachfolgende Text:
Text: Anselm Grün: "Die Abwesenheit Gottes aushalten" (Buch Fb 12 S. 74)
- man muss die Geduld und
Demut besitzen, auf die Antwort Gottes zu warten
- das Schweigen Gottes stellt
eine ständige Prüfung der eigenen Person dar,
die man nur bestehen
kann, wenn man für den wirklichen Gott offen ist und
ihn sich nicht nur
selbst aus Ungeduld vorgaukelt
=> um die Abwesenheit
Gottes
auszuhalten, benötigt man Geduld
=> so kann man zu einer
Gotteserfahrung
kommen
Auch ein oftmals scheinbar schweigender Gott sollte nicht zur Aufgabe des Glaubens führen. Dafür plädiert der atheistisch-marxistische Philosoph Max Horkheimer, der sich vor allem in den letzten drei Jahren seines Lebens stärker mit der Religion befasste.
Text: Max Horkheimer: Sehnsucht nach dem ganz Anderen (Buch Fb 12 S. 86)
- das Unrecht der Welt bedingt
im
Menschen eine Sehnsucht nach Gerechtigkeit
=> Religion soll diese Sehnsucht
nach dem "Ganz-Anderen" (eine philosophische Umschreibung für
Gott,
also
jemanden, der aus irgendwelchen
Gründen Gott nicht "Gott"! nennen will) offen halten und so einen
Ausweg aus
der angesichts des Unrechts in
der Welt unlösbaren Sinnfrage zumindest offen halten.
3.3.7. Kirche als wanderndes Volk Gottes: Das Kirchenverständnis des II. Vatikanischen Konzils
Das 19. Jahrhundert war
geprägt
vom Integralismus, einer katholischen Form des Fundamentalismus, dem
heute
noch viele nachtrauern. Die Kirche war von oben nach unten hierarchisch
geordnet und ein Priester und gar ein Bischof oder gar der Papst selbst
standen selbstverständlich ein paar Treppchen über dem
Kirchenvolk.
Heute nur noch scherzhaft gebrauchte Bezeichnungen wie
"Hochwürden"
zeugen davon. Ansonsten sah sich die Kirche in permanentem Abwehrkampf
gegen die "böse Welt".
Papst Johannes XXIII.
durchlöcherte diesen Ansatz, indem er sich mit seinen
Rundschreiben
und Verlautbarungen an "alle Menschen guten Willens" wandte.
Das II. Vatikanische Konzil
griff
solche Impulse auf und definierte das Selbstverständnis der Kirche
neu unter dem Bild des "wandernden bzw. pilgernden Volkes Gottes". Dies
setzt voraus, dass alle auf der gleichen Ebene unterwegs sind und
grundsätzlich
niemand ein Treppchen über dem anderen steht. Besonders sichtbar
werden
diese Gedanken in der Pastoralkonstitution "Die Kirche in der Welt von
heute" ("Gaudium et spes"): das pilgernde Volk Gottes befindet sich auf
dem Weg durch die Zeit.
In Art. 21 heißt es:
Alle Menschen, Glaubende und Nichtglaubende müssen zum richtigen
Aufbau
der Welt, in der sie gemeinsam leben, zusammenarbeiten.
In der Dogmatischen
Konstitution
über die Kirche ("Lumen gentium") wird die Kirche als Zeichen der
Einheit der Menschheit charakterisiert.
In Art. 9 heißt es:
Dieses messianische Volk hat zum Haupte Christus.
In Art. 10 heißt es:
Gemeinsames Priestertum aller Gläubigen und Amtspriestertum sind
aufeinander
zugeordnet.
In Art. 12 heißt es:
"Das heilige Gottesvolk nimmt auch teil an dem prophetischen Amt
Christi".
Dies heißt, dass es in seiner Gesamtheit nicht im Glauben irren
kann.
Ein Gottesvolk wohnt in allen Völkern der Erde. Angesprochen wird
auch die Kollegialität der Bischöfewobei der Papst
zunächst
ein Mal auch nur ein Bischof, nämlich der von Rom ist.
In Art. 33 wird der
Glaubenssinn
auch der Laien betont.
Die 1968 von Papst Paul VI veröffentlichte Enzyklika "Humanae vitae" (volkstümlich einseitig "Pillenenzyklika" genannt) wirkte vor allem durch die Abkehr vom Konsensprinzip des II. Vatikanischen Konzils so verheerend, orientierte sie sich doch gegen die Mehrheit der beratenden Theologen an einer Minderheitsmeinung, welche drei Theologen vertraten und welche sich Papst Paul VI unter Berufung auf sein Gewissen zu eigen machte, nämlich dass künstliche Empfängnisverhütung in jedem Falle ein Verstoß gegen das göttliche Naturgesetz sei und daher den Katholiken nicht erlaubt werden könne.
Der Wiener Pastoraltheologe Paul
M. Zulehner beklagt, dass die Kirche heute oft Antworten auf Fragen
gibt,
die keiner gestellt hat, während die wichtigsten Fragen
unbeantwortet
bleiben. Nach Zulehner soll Kirche der Seele Obdach bieten. Das eigene
Leben bezeichnet er als "kleine heilige Schrift", aus der es anderen
vorzulesen
gilt.
| Zusammenfassung:
I.
Vatikanisches Konzil
(1870 - 1871): - Primat das Papstes über die Bischöfe
II. Vatikanisches Konzil (1962 - 1965): Kirche wendet sich nach dem Willen von Papst Johannes XXIII. der Welt zu. => Öffnung der Kirche für alle Menschen “guten Willens” => Dogmatische Konstitution über die Kirche: “lumen gentium”
- Kirche soll Zeichen für die Einheit der Menschheit sein
|
3.3.8.
Gott in den anderen Kirchen und Weltreligionen
3.3.8.1. Das Dekret über den Ökumenismus des II. Vatikanischen Konzils
Verschiedenen
Glaubensrichtungen im Christentum:
- 1054: orthodox <> katholisch
- 1520: evangelisch <> katholisch (“Reformation”)
- Trennung von weiteren regionalen Gemeinschaften vom Vatikan
Ziel: Einheit der Kirche, da die Spaltung dem Willen Christi widerspricht
=> Anerkennung
der anderen
christlichen Kirchen und Aufforderung zum Dialog
=>
Auseinandersetzung
mit anderen Glaubensinhalten führt zum Besseren Ver-
ständnis der eigenen Religion
=> Mitarbeit der
gesamten
Christenheit am Werk des Ökumenismus ist unerlässlich
=> bei Arbeit an der
Vereinigung muss man die Hierarchie der Wahrheiten beachten, d.h. nicht
alles ist gleich gültig.
Vereinigende
Merkmale
der verschiedenen christlichen Richtungen:
- Taufe als vereinigendes Band
- Leben der Gnade, des Glaubens und der Hoffnung
- Glaube an und Empfang der Sakramente
- Sorge um Einheit
- Die eucharistische Einheit ist leider bis dato noch nicht vollkommen
hergestellt, d.h. sie besteht einseitig
zwischen Katholiken und Orthodoxen, d.h. jeder orthodoxe Christ darf in
der katholischen Kirche die
Sakramente empfangen, aber nicht umgekehrt. Zwischen evangelischen und
katholischen Kirchen besteht
nach wie vor keine Mahlgemeinschaft.
3.3.8.2. Die “Erklärung
über
das Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen des
II. Vatikanischen Konzils
Gemeinsamkeit mit anderen Weltreligionen:
Suche nach einer Antwort auf die gleichen ungelösten Fragen des Lebens!
- Was ist der Mensch? Was ist das Sinn und Ziel des Menschen im Leben?
- . . . ?
- Was ist das Geheimnis der Existenz?
Anerkennung d. Riten u. Glaubensinhalte d. Religionen durch die kath. Kirche
Hinduismus:
- Befreiung von der Enge das Daseins durch Zuflucht zu Gott
=> Schaffung einer Anzahl von Mythen
=> Meditation als vorherrschender Weg zu Gott
Buddhismus:
- vollkommene Befreiung von der veränderlichen Welt oder
Erlangung der höchsten Erleuchtung
- Schweigen als vorherrschender Weg zu Gott
Islam:
- Anbetung des alleinigen und allmächtigen Gottes
=> sittliche Lebenshaltung als Weg zu Gott
=> Gottesverehrung vor allem durch Gebet, Almosen und Fasten
Verwerfung
aller
diskriminierenden Maßnahmen eines Volkes oder
einer
Religion
gegen ein anderes Volk oder eine andere Religion
Judentum
> Tanach
Christentum
> Bibel WORT
SCHWEIGEN
Buddhismus
Islam
> Koran
HANDELN IN LIEBE
Hinduismus
Judentum,
Christentum
und
Islam
sind
als klassische Offenbarungsreligionen mit gemeinsamer Wurzel als
'abrahamitische'
Religionen dem Wort verpflichtet. Tenach,
Bibel und Koran haben in diesen Religionen eine fundamentale und
gemeinschaftsbildende
Bedeutung.
Der Buddhismus geht
den Weg des Schweigens, bezog doch
in der strengen und ursprünglichen Form des Buddhismus der Buddha
selbst zur Gottesfrage keine Stellung. Die Frage, ob ein Gott ist oder
kein Gott ist, wird nicht behandelt, was dem Buddhismus oftmals den
Vorwurf
einbrachte, eine letztlich atheistische Religion zu sein. In der
meditativen
Versenkung nähert sich der Buddhist dem Urgrund allen Seins.
Der Hinduismus besitzt
trotz grundlegender Schriften wie der Veden oder der Upanischaden keine
verpflichtende Lehraussage, sondern erweist sich in jeder Beziehung als
äußerst tolerant. Im hinduistischen Himmel finden ca. 200
bis
300 Millionen Götter ihren Platz. Mangels einer für alle
verbindlichen
Lehre kommt dem Handeln in/aus Liebe
auf dem Weg zur Erlösung der entscheidende Stellenwert zu.
vgl. 1. Semester Punkt 2.2: Redeweisen von Gott
Anmerkung: Nach der Weltbischofssynode 1994 veröffentlichte Papst Johannes Paul II. 1996 ein sogenanntes nachsynodales Schreiben unter dem Titel "Vita consecrata" - über das geweihte Leben. Darin bittet Johannes Paul II. die Ordensleute, alles zu tun, damit zwischen Christen die Mauern der Trennungen niedergerissen werden. Zudem werden die Ordensgemeinschaften ausdrücklich dazu ermutigt, mit monastischen Traditionen anderer Religionen den Dialog zu pflegen. Einschlussweise bejaht der Papst also beispielsweise den Austausch zwischen christlichen und buddhistischen Mönchen.
3.4.1. Zur Geschichte der Gottesbeweise
3.4.1.1. Die griechische Antike
3.4.1.1.1. Platon (427 - 347 v. Chr.): Der Evidenzbeweis
- Grundlage ist die
Ideenlehre: neben der Wirklichkeit gibt es das Reich der "idealen" Welt
(Ideenwelt)
Verdeutlichung
durch Platons "Höhlengleichnis" (vgl.
entsprechendes Textblatt)
Die
Seele
ist im Reich der Ideen bereits präexistent, in ihrem irdischen
Dasein
bis auf wenige
Erinnerungsfetzen
aber erinnerungsbeschränkt. Nach dem Tod wird die Seele wieder aus
dem
Materiegefängnis
des Leibes befreit und kehrt in das Reich der Ideen zurück.
=> Diese Welt ist hierarchisch geordnet und gipfelt in einer höchsten Idee: Das Gute und Schöne
=> Gott ist der
Inbegriff
des Guten, was einleuchtend (= evident) ist
=> Evidenzbeweis
Von seiner Ideenlehre her kommt Platon
zu einer Grundidee des Guten (Was "gut" ist, kann der Mensch nur auf
Grund
einer (Erinnerungs-)Ahnung vom Urbild des Guten wissen!) und von daher
zur Annahme der Existenz eines Wesens (= Gott), das unendlich gut und
ewig
ist und die Welt prägt.
3.4.1.1.2. Aristoteles (384 - 322/321 v. Chr.): Der Bewegungsbeweis
Grundlegende Begriffe: “Aktualität” – “Potentialität” – “Syllogismus”
Zur Verdeutlichung: Der Ungebildete wird zum Gebildeten durch den Gebildeten.
- Irgendwo muss
aber die Kette des Werdens, der Umwandlung von Potenzialiät in
Aktualität
ihren Ausgang
genommen
haben. Der erste Anstoß, die erste Wirklichkeit ist ein Wesen,
das
unveränderlich ist und die Welt des
Vergehens
und Werdens verursacht, ohne selbst durch irgendetwas Anderes
verursacht
worden zu sein.
Aristoteles führte seinen "Gottesbeweis" in strenger Form mittels des von ihm selbst entwickelten logischen Schlussverfahrens, “Syllogismus” genannt.
Bewegungsbeweis
° Obersatz: empirische Beobachtung: In der Natur gibt es Bewegung,
z.B. Wind bewegt Blätter
° Untersatz: “ jede Bewegung wird von etwas anderem angeregt
(angestoßen),
nichts kann sich
selbst die Bewegung geben” (>Wind)
Potentialität : Möglichkeit einer Bewegung durch Anstoß
Aktualität : tatsächliche Bewegung
(=> Bewegung ist der Übergang von der Potenz zum Akt)
° Ausschluss des "Regressus in infinitum: "Die Reihe der Bewegungen
kann nicht bis ins Unendliche
fortgesetzt werden”
° Schlussfolgerung (Conclusio): => es muss einen ersten Beweger
geben,
der selbst unbewegt ist
(und der transzendent ist)
=> Beweis für die Existenz Gottes
Der Bewegungsbeweis zur Existenz Gottes
geht von dem Obersatz – einer empirisch
nachprüfbaren Tatsache – aus und
leitet dann über einen Untersatz – einer logischen
Annahme – unter Ausschluss des “regressus
in infinitum” den Schluss her, dass es eine
transzendente Wesenheit geben muss, die
selbst unverursacht, aber dennoch die Ursache von allem ist.
3.4.1.1.3. Die Stoiker (Zenon) (ca. 300 v. Chr.): Zweckmäßigkeitsbeweis
- Kosmos als Werk
einer
vernunftbegabten Wesenheit, kein Werk des Zufalls
=> Bsp.: “Buch
als zufälliges Zusammensetzen von Buchstaben”
- Ordnung und
Zielstrebigkeit
der Welt als Hinweis auf Gott
=> Bsp.: “Mann
am Hafen” (einfahrendes Schiff => Voraussetzung eines Steuermanns)
=> beim Blick
in den Himmel erkennt man, dass es auch einen “Steuermann” dieses
Systems geben muß
- Durchsetzung
unserer
Welt mit dem göttlichen Weltgeist (LOGOS). Der "logos" ist quasi
die
Seele der Welt.
=>
Zweckmäßigkeitsbeweis
Die Stoiker sehen die Welt als Werk
einer
vernunftbegabten Wesenheit, deren Ziel die
Erschaffung des Kosmos gewesen ist und
deren Logos auch unsere Welt durchsetzt.
In der Zweckmäßigkeit und
Schönheit
der Welt sehen sie die Existenz Gottes begründet.
3.4.1.2. Die römische Antike
3.4.1.2.1. Marcus Tullius Cicero (106 - 43 v. Chr.): Historischer bzw. ethnologischer Gottesbeweis
- Cicero gilt als Vertreter der jüngeren Stoa
Da alle Völker an
Götter
glauben, muss der Gottesglaube eine Veranlagung sein, die
dem Menschen durch den
göttlichen
Weltgeist mitgegeben worden ist. So muss man die
Existenz von Göttern bzw. Gott
annehmen.
3.4.1.2.2. Aurelius Augustinus (354 - 430 n. Chr.): Noetischer Gottesbeweis
- Gott als
höchstes
ewiges, unwandelbares, notwendig seiendes Wesen
- Ursache der
höchsten
Wahrheiten der Religion, Ethik, Ästhetik, Logik, Mathematik ist
Gott
- Gott als
höchste,
ewige und in sich bestehende (unabhängige )Wahrheit
Der noetische Gottesbeweis besagt,
dass alle Wahrheit, Güte und Schönheit unserer Welt
ihre
Ursache in einem
höheren, Wahrheit,
Güte und Schönheit erst den Sinn und die Berechtigung
gebenden,
Wesen haben. Im Tierreich haben
Wahrheit,
Güte und Schönheit kein Vorbild, auch im menschlichen Bereich
nicht. Also müssen die Begriffe von Wahrheit, Güte und
Schönheit
aus dem übermenschlichen Bereich stammen von einem Wesen,
das
selbst zeitlich und räumlich unendlich sein muss und als Wahrheit
in sich selbst bestehen kann.
3.4.1.3. Das Mittelalter
3.4.1.3.1. Anselm von Canterbury (1033 - 1109): Ontologischer Gottesbeweis
(Buch Fb12, S. 77)
- Gott kann als
Absolutes
vom Vergänglichen (Kontingenten) aus nicht erreicht werden. Also
versucht
Anselm die
innere
Evidenz des Absoluten nachzuweisen.
Grundvoraussetzung: Etwas
Gedachtes
und tatsächlich Vorhandenes ist mehr wert als etwas nur Gedachtes!
Beispiel: Eine auf dem Tisch vorhandene echte Mahlzeit ist besser als
eine
nur gedachte!
Glaube an die Hierarchie der Seins-Begriffe
=>
Gott muss als des Daseins Fülle das Größte sein
=>
Gott kann nicht nur in unserem Denken sein, denn dann wäre etwas
noch Größeres
denkbar, nämlich ein Wesen, das auch tatsächlich existiert.
=>
Gott muss als das Größte also auch in der Wirklichkeit
existieren
Der ontologische
Gottesbeweis
versucht Gott nicht aus der Logik des Menschen heraus zu erklären,
sondern aus der eigenen Existenz. Da Gott das höchste Wesen ist,
kann
er nicht nur in unserem Denken existieren, weil sonst durch die
Beschränkungen
der Kontingenz eine noch größere Wesenheit existieren
könnte.
Folglich existiert Gott auch in Wirklichkeit.
3.4.1.3.2. Thomas von Aquin (1225 - 1274): Die “quinque viae ad Deum”
(Buch Fb12, S. 78 - 80)
- Ausgehen von der
Abstraktion
der Erfahrung
=> Beweise in Form
des Syllogismus
- Existenz oder Sein
ist analog zu sehen – jedes Sein ist also ähnlich
=> der Begriff des
Seins gilt bis zur Existenz Gottes hin
Gottesbeweise des Thomas von Aquin:
° via I: ”Bewegungsbeweis” (siehe Aristoteles)
° via II: ”Kausalitätsbeweis”
=> Über- und Unterordnung von Wirkursachen
=> nichts in der Welt kann in sich selbst die Ursache haben,
denn dann müßte es sich in seinem Sein vorausgehen
=> Gott als notwendige erste Wirk- und Entstehungsursache
° via III: ”Kontingenzbeweis”
=> Ursache der (“notwendigen) Lebewesen in sich selbst
=> keine Verfolgung dieser Kette bis ins Unendliche möglich
=> Gott als notwendig existierendes Wesen und als Ursache des Lebens
° via IV: ”Stufenbeweis” (siehe Platon bzw. Augustinus)
° via V: ”Finalitätsbeweis” ”teleologischer Beweis”
=> jegliches Sein hat ein bestimmtes Ziel
=> Gott als notwendiger ordnender Geist (vgl. Stoiker
/
Zenon)
Die Grundlage des Gottesbeweises durch
Thomas von Aquin bildet die Analogie des Seins-Begriffes.
So können 5 Wege zu Gott führen:
Der Bewegungsbeweis sieht Gott als erste ansto-
ßende Wesenheit an,
wobei der Kausalitätsbeweis Gott als die erste unverursachte Ur-
sache anerkennt und der
Kontingenzbeweis
ihm die Eigenschaft des Schöpfers allen
Lebens zuspricht. Der Stufenbeweis
beschreibt Gott als das höchste Wesenheit und
nach dem Finalitätsbeweis ist
er der ordnende Geist hinter allem Leben.
3.4.1.4. Die Neuzeit: Immanuel Kant (1724 - 1804) – genannt der “Allzermalmer”
(Buch Fb12, S. 82 - 83)
Die Biografie Immanuel Kants bietet ein Bespiel dafür, wie ein ausgesprochener Provinzler, der kaum je seine Heimatstadt Königsberg verließ, trotz der damit verbundenen Isolation allein aus der Kraft des Geistes Erkenntnisse gewinnt, welche die Anschauungsgrundlagen der Menschheit veränderten. In gewisser Weise ergeben sich hier Parallelen zwischen Kant und Einstein, deren beider Erkenntnisse zunächst ein Mal ja nur theoretischer Natur waren, die aber dennoch in der Folgezeit das Denken revolutionierten. So wie Einstein die Physik revolutionierte, so stellt das Werk Kants einen Wendepunkt in der Geschichte der Philosophie dar. Kant beschäftigte sich mit dem seit alters her als Metaphysik bezeichneten Denken und fragte nach den Bedingungen von Wirklichkeit.
Dabei erkannte er: Der menschliche Geist ist nicht in der Lage hinter die sichtbare Wirklichkeit zu blicken. Sein Erkennen ist schon deshalb nicht objektiv und neutral, weil in seinem Geist unbewusst die Vorstellungen von Raum und Zeit am Werk sind und der Mensch diese Maßstäbe auf das zu erkennende Objekt anwendet. Die Wirklichkeit zeigt sich dem Menschen also subjektiv auf Grund der besonderen Vorgegebenheiten seines Geistes. Aus dieser Erkenntnis heraus widerlegt er die früheren Gottesbeweise und nimmt ihnen die bis dahin geglaubte Beweiskraft.
- kosmologisch: vgl. viae I, II, III des Thomas von
Aquin
=> Es gelten nicht dieselben Regeln für Immanenz und
Transzendenz
=> kein allgemeines Kausalitätsprinzip möglich
- ontologisch: vgl. Canterbury
=> es können auch Dinge gedacht werden, die nicht real
existieren
- teleologisch: IV des von Aquin
=> Ordnung als Erfahrung der Immanenz; es gibt aber auch die
Erfahrung
von Chaos und Unordnung
=> kein Beleg für eine Ordnung der Transzendenz
In seinem Denken beschäftigte sich Kant mit dem Verhältnis von Gott, Freiheit und Unsterblichkeit. Dass man im Hinblick auf diese drei Fragekomplexe zu keinen gesicherten Antworten gelangen kann, liegt im Wesen der menschlichen Vernunft begründet.
- Einteilung der Vernunft:
=> theoretisch: Scheitern der auf der reinen Vernunft
begründeten
Gottesbeweise, da den Menschen kein zwingender
rationaler Beweis für das Transzendente möglich ist
=> Die Vernunft kann aber auch die Existenz Gottes nicht
widerlegen
=> dem Menschen ist der Gottesgedanke “a priori” mitgegeben
=> praktisch: praktisches Handeln, bei dem man auf eine unbedingte
Verpflichtung stößt. Was Kant als "praktische Vernunft"
bezeichnet,
könnte man auch
Gewissen nennen.
Kant war beileibe kein gottloser
Mensch.
er fühlte sich gedrängt, auf seine Weise die Existenz Gottes
aufzuzeigen. Sein Weg wird in der Geschichte der Philosophie als
"moralischer
Gottesbeweis'" bezeichnet.
- Entwicklung der Postulate (Gebote der Vernunft) zum Beweis Gottes:
=> Die menschliche Erfahrung zeigt: Es gibt ein Widerstreben von
Neigung
und Pflicht
=> Doch ist der Mensch nur glücklich, wenn er den Gegensatz zum
harmonischen
Ganzen vereinen
kann
=> Das erste POSTULAT der praktischen Vernunft ist die
Willensfreiheit:
° Freiheit als Muss, um Neigung und Pflicht vereinen zu können
° bei sittlichem Handeln muss der Mensch ein Lebensziel haben, auf
Dauer schafft es aber
niemand, Pflicht und Neigung in sich zu vereinen.
° es muss ein Leben über den Tod hinaus geben
=> Das zweite POSTULAT ist die Unsterblichkeit der Seele:
° Es muss nun ein Wesen geben, das Neigung und Pflicht perfekt
vereint,
° ein Wesen, das die Unsterblichkeit garantieren kann
=> Das dritte POSTULAT der praktischen Vernunft ist die Existenz
Gottes
Darin besteht die moralische Gotteserkenntnis nach Kant. Diesen Weg nachvollziehen kann aber nur jemand, der wie Kant ein ausgeprägtes Pflichtgefühl hat wie er. Etwas chaotisch veranlagtere Gemüter mögen durchaus bezweifeln, ob das Glück des Menschen ausgerechnet darin besteht, Pflicht und Neigung zur Deckung zu bringen. Kant jedenfalls besaß das Pflichtgefühl eines preußischen Beamten, sein Leben war von Pedanterie und Pünktlichkeit geprägt. Jeden Tag stand er um fünf Uhr morgens auf. Pünktlich um zehn Uhr legte er sich schlafen. Darüber berichtet ein Zeitgenosse: "Durch vieljährige Gewohnheit hatte er eine besondere Fertigkeit erlangt, sich in die Decken einzuhüllen. Beim Schlafengehen setzte er sich erst ins Bett, schwang sich mit Leichtigkeit hinein, zog den einen Zipfel der Decke über die eine Schulter unter dem Rücken durch bis zur andern und durch eine besondere Geschicklichkeit auch and andern unter sich und dann weiter bis auf den Leib. So emballiert und gleichsam wie in ein Kokon eingesponnen, erwartete er den Schlaf."
Zusammenfassung: Nach Kant sind alle
auf
der reinen Vernunft begründeten Gottesbeweise zum Scheitern
verurteilt,
da dem Mensch ein zwingender Beweis für die Existenz des
Transzendenten
nicht möglich ist, und somit
der kosmologische, der
ontologische wie auch der teleologische Gottesbeweis widerlegt. Er
beschreitet
den Weg eines moralischen Gottesbeweises, für den er Postulate
formuliert,
indem er von der Grundidee der Differenz von Neigung und Pflicht
ausgeht.
Weil der Mensch diese vereinen will, um vollständig glücklich
werden zu können, muss er vollständig frei sein
(WILLENSFREIHEIT).
Handelt er nach sittlichen Normen, so muss es die Transzendenz geben,
da
diese Regeln sonst gegenstandslos wären (UNSTERBLICHKEIT DER
SEELE).
Dies führt aber zur
Erkenntnis der EXISTENZ
GOTTES, der die Transzendenz erst möglich macht.
3.4.2. Zur Beurteilung der
Gottesbeweise
3.4.2.1. Allgemeine Kritik
Gott und
Beweis
passen nicht zusammen
=>
“Jahwe” drückt die Unbegreifbarkeit Gottes aus
(Ich werde als der da sein, als der ich da sein werde)
=>
Bonhoeffer: “Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht”
“Gottesbeweise”
sind große Gedankengebäude mit dem Ziel zu zeigen,
dass
es etwas gibt, was “die Welt / im Innersten zusammenhält” (Faust)
und ihr
ein Ziel, einen Sinn und Halt gibt.
Wenn man die
Existenz
Gottes nicht beweisen kann, so kann man aber
auch seine
Nichtexistenz nicht beweisen.
Trotzdem handelt es sich bei den Gottes"beweisen" trotz verlorener Beweiskraft um großartige Zeugnisse menschlichen Denkens. Noch immer sind sie in der Lage, Argumente für die Existenz Gottes im sinne von "Gotteserweisen" zu liefern. Auch die Pyramiden haben ihre altägyptische sakral-religiöse Bedeutung verloren, aber dennoch stehen Menschen auch heute noch staunend davor ...
3.4.2.2.
Glauben ohne Beweise –
Blaise
Pascal: “Die Wette”
(Buch Fb 12 S. 80/81 Blaise Pascal "Die Wette")
bei aller
Macht
der menschlichen Vernunft kann man doch keine Erkenntnis
über
die Existenz Gottes erlangen
=> man steht an
einem
Abgrund
man kann an
Gott
glauben, muss es aber nicht
=> irgendwann wird
sich herausstellen, ob er existiert oder nicht
=> der, der
glaubt,
hat die Gewissheit über Gott und das Wissen, im rechten Glauben
gelebt
zu haben
=>der, der
nicht
glaubt, hat letztlich nur die Gewissheit, Recht behalten zu haben
Stellt sich heraus,
dass es keinen Gott gibt, ändert sich für beide eigentlich
nichts.
Stellt sich aber heraus, dass es
Gott gibt, so gewinnt
derjenige, der sein ganzes Leben schon an ihn geglaubt hat.
=> es geht nicht
um
die Gottesfrage, sondern um die Sinnfrage, die mit dieser unmittelbar
zusammenhängt.
Auch wenn es heute keine "Beweise"
für
die Existenz Gottes mehr gibt, so kann der Glaube dennoch nicht ohne
vernünftige
Begründung auskommen:
=> Methode der Konvergenz: Es
geht
um die Bündelung der Argumente / Erfahrungen
(Modell
der Hängebrücke: Der einzelne Draht vermag die Brücke
nicht
zu tragen, wohl aber das aus
Drähten
geflochtene Seil) - Ebenso tragen die guten Glaubensargumente
den Glauben!
Rheinbrücke in Rees / Foto: R. Pfeiffer (10.04.2007)
In diesem Sinne rechtfertigte Max Planck auf einem wissenschaftlichen Symposium 1937 seinen Gottesglauben. Für ihn, den Mitbegründer der Quantentheorie, stand fest: Materie kann ohne Geist nicht existieren (Ähnlich sagte dies Dr. Thomas Görnitz bei einem vom "Wissenswerk Landshut" in der FH Landshut veranstalteten Podiumsgespräch im November 2002). Er - so Planck- schäme sich nicht, dieses Geistwesen, diesen geheimnisvollen Schöpfer hinter der Materie so zu nennen, wie ihn alle alten Kulturvölker der Erde seit Jahrtausenden nennen, nämlich GOTT. (siehe Buch Fb12, S. 84)
> Weitere Bekenntnisse großer Forscher zum Verhältnis von Naturwissenschaft und Gottesfrage
Zu warnen ist allerdings vor der Gefahr, aus dem Glauben eine reine Vernunftangelegenheit machen zu wollen. Dieser Versuchung hat die ganz junge Kirche im 1. Jahrhundert - Spuren dieser Auseinandersetzung finden sich selbst in neutestamentlichen Schriften wie dem Johannesevangelium - widerstanden und die gnostischen Strömungen (Gnosis = Erkenntnis; diese Lehre des 1. Jahrhunderts ging quasi von einer Selbsterlösung des Menschen durch Erkenntnis aus), welche das junge Christentum einkassieren wollten, zurück gewiesen. Glaube ist nicht an intellektuelle Erkenntnis gekoppelt, sondern Gnade, Geschenk Gottes, welches jedem Menschen, auch dem geistig unvermögenden, zu Teil werden kann. So gesehen, tut die Katholische Kirche recht daran, dass sie Symbole und Zeichen in den Mittelpunkt des Gottesdienstes stellt, welche auch die Sinne und das Gefühl ansprechen, denn der Mensch besteht nicht nur aus Intellekt.
Andererseits steht am Gymnasium ganz bewusst "Religionslehre" auf dem Programm. Diese ist die Vernunft und das Verstehen gekoppelt, aber keinesfalls mit "Religion" gleich zu setzen. Der Glaube eines einfachen Hinterwäldlers kann überzeugender und stärker sein als der eines Theologieprofessors, der sicherlich sehr viel mehr über den Glauben weiß.
4. Gottesbestreitung und Religionskritik
4.1.
Ludwig
Feuerbach
Ludwig Feuerbach wurde 1804, im Todesjahr von Immanuel Kant, in unserer Stadt Landshut geboren. Vielleicht ist Landshut zu katholisch, jedenfalls gibt es in der Stadt keinen direkten Hinweise auf ihn - die Feuerbach-Straße ist laut Adressbuch seinem Vater, dem Rechtsgelehrten Anselm Feuerbach gewidmet, ebenso die Inschrift an Ludwig Feuerbachs Geburtshaus in der Neustadt 457, die ihn aber zumindest neben seinem Bruder Friedrich Feuerbach - beide werden als Philosophen vorgestellt - namentlich erwähnt.
Tafel am Haus Neustadt 457, Landshut
Foto: R. Pfeiffer (Jan. 2007)
3 Phasen des Ludwig Feuerbach (im Laufe seines Studiums):
1.) Theologiephase
2.) Philosophiephase
3.) Anthropologiephase
=>
Theologie muss
zur Anthropologie werden!!!
Religion ist die Entfremdung des Menschen von sich selbst
Gott ist ein unbewusster teil des menschlichen Selbstbewusstseins.
- Umdrehung des Satzes der Schöpfungserzählung: :
"Der Mensch schuf sich Gott nach seinem Bild und Gleichnis"
=> Gott als Projektion menschlichen Wesens, wobei es sich
nach Feuerbach
um das unbewusste
Selbstbewusstsein des Menschen selbst handelt.
=> THESE: Religion ist das
Verhalten
des Menschen zu sich selbst
=> ANTITHESE: Mensch – Gott
° Mensch als das schlechthin Negative
° Gott als das schlechthin Positive
=> Entzweiung des Menschen mit sich selbst
Gott ist unendlich, unsterblich
allwissend, allmächtig
Der Mensch ist endlich, sterblich, ohnmächtig
Zu größerer
Reife
gelangt der Mensch, wenn er diese Illusion, d.h. die Projektion
durchschaut
und
Gott die genannten
Eigenschaften
ab- und sich selbst zuspricht. Da der Mensch nun das höchste Wesen
ist, das
existiert stellt Feuerbach
die Forderung nach einem Humanismus als angemessener Form des Umgangs
zwischen
Mensch und Mensch auf: >
Homo homini deus! Der Mensch ist das höchste Wesen, nicht Gott!

Einwände gegen Feuerbach:
Religion und Gottesvorstellung sind nicht das selbe, wie das Beispiel des (strengen, ursprünglichen) Buddhismus belegt, der ganz ohne Gottesvorstellung auskommt.
Positiv an Feuerbach ist zu würdigen, dass er aufzeigt, dass das Entstehen von Gottesbildern immer der Gefahr unterliegt, dass darin unbewusste Wünsche enthalten sind bzw. die Oberhand gewinnen. In den Punkten 3.1.2. und 3.1.3. des 1. Semesters wurde hierauf näher eingegangen.
Weiterführung
von Feuerbach: Für Marx stand fest, dass Feuerbach zur
Religion
fast alles
gesagt hatte, was es zu sagen gab, nur habe er die sozialen
Ursachen
außer
Acht gelassen. Marx betrachtete deshalb die Religion vom
gesellschaftlichen Standpunkt her:
|
|
|
|
Der eigentlich alles bestimmende Faktor ist die Materie in Form wirtschaftlicher Verhältnisse. In Abhängigkeit davon entwickelt sich je nach den Gegebenheiten der "ideologische Überbau". Marx erlebte die Zeit des Kapitalismus im 19. Jahrhundert und damit das Elend der Arbeiterschaft hautnah. Dabei stufte er die Religion folgendermaßen ein:
=> Religion spendet dem geschundenen Menschen Zuflucht und Trost
=> Religion ist eine Flucht vor der Wirklichkeit (“Opium des Volkes”)*
=> Menschen
müssen
die Illusion durchschauen und sich nicht von der Kirche
abhängig machen
=> Nur
durch Änderung
der wirtschaftlichen Verhältnisse, d.h. durch Revolution,
können
sie ihre Position
verbessern. Geht es den Arbeitern erst ein mal gut, wird sich das Thema
Religion von alleine erledigen, denn
dann bedürfen die Arbeiter nicht mehr der Religion als Opium, d.h.
als Trostmittel, das sie im Elend auf
ein besseres Jenseits vertröstet.
4.3. Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844 - 1900)
Sein Werk ist nicht systematisch
aufgebaut,
sondern in vielen Schriften finden sich zerstreut seine Gedanken.
Nietzsche besticht auch heute noch durch
seine Sprachgewalt.
Religion als Illusion: Gott ist tot! Nietzsche verkündet den Tod Gottes!
Parallele zu / Anlehnung an Darwin: Übertragung der Evolutionstheorie auf den Menschen
=>
Leben als Kampf
=>
Wille zur Macht prägt das Sein
=>
die Stärksten müssen nach Nietzsches Vorstellung an der Macht
sein
=> Nietzsche bestreitet, dass der Mensch einen freien Willen hat. Er ist einem blinden Schicksal unterworfen. (Psychologischer
Determinismus)
=>
Religionskritik: Nächstenliebe als verlogene Auslegung des
Lebens
durch die Schwachen
=>
Deshalb strebt er nach der Abschaffung der Moral: Umwertung aller Werte
=>
Entlarvung der Religion als Menschenwerk führt zum
=>
Tod der Gottesidee
=>
Menschen können sich durch diesen Freiraum die Moral selbst
definieren
=>
Menschen können ohne Gott auskommen
=>
Der Übermensch ist Nachfolger des toten Gottes. Er schafft sich,
unschuldig
wie ein Kind, ständig seine
Werte neu. Das Dasein ist ein ewiger Kreislauf des Werdens und
Vergehens
ohne Zweck und Ziel.
=>
Der jetzige Mensch stellt die Vorstufe zum Übermenschen dar.
Nietzsche
vergleicht ihn mit einem über einen
Abgrund gespannten Seil (zwischen Tier und Übermensch).
P.S.: Nietzsche ist keinesfalls der Ahnherr des Nationalsozialismus,
doch bedienten sich die Nazis gerne bei ihm, da seine Ansichten sehr
gut
zur nationalsozialistischen Ideologie passten und sich somit verwerten
ließen.
4.4.
Sigmund Freuds
psychoanalytischer Atheismus
empirische
Bestimmung
des Menschen:
Bewusstsein
Unterbewusstsein
Das Unbewusste
=> aus dem Unbewussten kommen die meisten Impulse
für das Verhalten des Menschen her
=> der Mensch ist gar nicht wirklich frei
Freuds Strukturmodelle der menschlichen Psyche sind miteinander nicht kompatibel, sondern sind als grundsätzlich verschiedene Ansätze zu sehen. Vieles von dem, was Freud im 1. Strukturmodell im Unbewussten ansiedelt findet sich beim 2. Strukturmodell in den Bereichen des "Es", aber auch des "Über-Ich".
Das "Es" (engl. "Id") umfasst vor allem die vitalen Treibkräfte des Menschen, die sogenannte Libido. Das "Es" arbeitet nach dem Lustprinzip. Im Bereich des Über-Ich (engl. "Superego") finden sich auf Grund der Erziehung die aus der Umwelt übernommenen Wert- und Moralvorstellungen. Quasi dazwischen befindet sich als Steuerungsmechanismus das überwiegend dem Bewusstsein zuzuordnende "Ich" (engl. "Ego"), welches nach dem Realitätsprinzip arbeitet und versucht zwischen den Impulsen des "Es" und den Verboten des "Über-Ich" den Mittelweg zwischen Lust und Unlust zu finden oder konkret: Wie viel Lust kann ich mir leisten, ohne dass die Unlust in Form von Sanktionen und nachteilen und evtl. auch Schmerz zu groß wird.
Beispiel aus der Schulsituation:
Sonnenschein,
25 Grad, Religionsunterricht am Nachmittag von 14.00 - 14.45 Uhr
- kein Schüler hat Lust in den Unterricht zu gehen, jeder hat Lust
in der Sonne zu liegen, doch gibt man diesen Impulsen nach, könnte
böse Worte des Lehrers oder gar Schulstrafen Unlust erzeugen. Oder
der Unterricht wird wann anders nachgeholt. Also sagt das "Ich": besser
in den Unterricht gehen (Realitätsprinzip).
=> In keinem der Modelle haben die einen freien Willen, da sie stets
vom Unbewussten bzw. durch Es und Überich gesteuert werden.
Der Ursprung der Gottesidee nach Freud:
=> Religion ist Wunschdenken und gründet auf infantilem
Verhalten
=> Vergleich des religiösen Verhaltens mit infantilem Verhalten
=> Frage: Wie kommt der Mensch auf die Gottesidee?
- Hilflosigkeit des kleinen Kindes
=> Lebensangst und Suche nach Schutz
starke Wünsche des Kindes / Menschen: - Sehnsucht nach
Gerechtigkeit
- Frage nach der Herkunft der Welt
Beim kleinen Kind werden diese Wünsche durch den leiblichen Vater abgedeckt. Stirbt der leibliche Vater schafft sich der Mensch in seiner Hilflosigkeit und Verzweiflung für das weitere Leben einen Übervater (=GOTT). Nach Freud entsteht also der Gottesglaube an der Bahre des leiblichen Vaters.
Die Gottesidee bezeichnet Freud als ILLUSION. Eine Illusion beinhaltet eine Wunschvorstellung, der Erfüllung zumindest sehr unwahrscheinlich ist, auch wenn ihre Nichterfüllbarkeit nicht bewiesen werden kann. Hält der Mensch nun an so einem falschen Verhältnis zur Wirklichkeit fest, so spricht man von einer Wahnidee. Dies geschieht für Freud durch die Religion, welche also letztlich eine Wahnidee beinhaltet und damit von Freud als krankhaft angesehen wird.
Bereits ein Freund Freuds, der
Schweizer
Pfarrer Pfister, hakte hier ein und warf Freud vor, dass er praktisch
ausschließlich
kranke Formen von Religiosität kennen gelernt habe. Die Religion
des
Erwachsenen sei anderer Natur und jedem Erwachsenen sei einsichtig,
dass
er seine Problem nicht durch Wunschdenken in den Griff bekommen
könne.
Auch der Psychologe Carl Gustav Jung,
ein Schüler Freuds, spricht von Freuds chronischer
Unfähigkeit,
Religion zu verstehen. Für ihn, den Begründer der
Tiefenpsychologie
ist sogar jedes psychische Problem jenseits der Lebensmitte
grundsätzlich
ein religiöses Problem.
Freuds Ansatz ist materialistisch bzw.
empirisch. Von vorne herein kann es aus diesem Grund für ihn
keinen
Gott geben. Auch streng philosophisch befasste er sich nie mit dem
Gottesbegriff
und somit auch nicht mit den philosophischen Argumenten für oder
gegen
eine Existenz Gottes.
Links:
|
|
4.5. Der französische Existenzialismus
4.5.1. Albert Camus: Atheismus als Protest gegen das Leid in der Welt (siehe Punkt 1.3.2. der Gliederung)
4.5.2. Jean-Paul Sartre: Atheismus im Namen der Freiheit!
Aufteilung der Vorstellungen vom Sein in:
- être-en-soi: “an sich sein” (Harmonie)
=> Essenz geht der Existenz voraus (Bsp.: Handwerk - ein
Handwerker
entwirft sein Produkt zunächst
im Kopf und setzt dann den Plan um. Ergebnis ist das fertige Produkt.)
- être-pour-soi: “für sich sein” (charakteristisch
für
den Menschen, der über sich selbst nachdenken, sich
selbst zum Objekt seines Verstandes machen kann.)
=> Existenz geht der Essenz voraus
=> der Mensch wird in die Welt gesetzt und weiß eigentlich gar
nicht,
was es überhaupt bedeutet, Mensch zu sein. Der Mensch muss sich im
Laufe seines Lebens
selbst definieren. (Der eine definiert sich als Wissenschaftler,
der andere als Revolutionär, der
andere definiert sich als Verbrecher, d.h. sie alle entwickeln Modelle
des Menschseins.)
Grundidee: Existenz des Menschen ist letztlich sinnlos
=> selbständige Sinngebung des Menschen
=> ständiges Suchen nach neuen Zielen
=> Grundgefühl des Ekels
Volle Verantwortlichkeit des Menschen für sich selbst
selbständige
Wertsetzung durch den Menschen:
=> Bindung des eigenen Aktes an die Gesellschaft
=> ungeheure Verantwortung, die Gefühle der Angst, der
Verlassenheit
und der Verzweiflung hervorruft
=> Nährung des Grundgefühls des Ekels
unbedingte
Freiheit
des Menschen:
=> um sich selbst definieren zu können, muss der Mensch frei
sein
=> Verdammung des Menschen zur Freiheit
=> Gott kann nicht existieren, da er auf Grund göttlicher
Vorhersehung
die Freiheit einschränken würde;
göttliche Vorhersehung beinhaltet ja den Gedanken, dass der Mensch
sich gar nicht anders entscheiden
kann, selbst wenn er wollte.
trotziger
Entschluss
des “Handelns des Menschen ohne Hoffnung”. Dies verlangt Heroismus.
=> Selbstmord ist kein Ausweg
=> Sartres Ziel: Atheistischer Humanismus
Transzendenz
bedeutet
bei Sartre - er verwendet dieses Wort in seinem eigenen Sinn -
"Ich-
Überschreitung"
(im Sinne einer Weiterentwicklung der Essenz)
4.6.
Positivismus
und Neopositivismus
Positivismus:
Als existent gilt nur das Mess- oder Zählbare.
Das Transzendente wird somit völlig ausgeblendet.
Neopositivismus: Wiederaufleben des Positivismus im 20. Jh.
=> Erklärung der Welt durch die Wissenschaften
(Mathematik, Physik, Biologie, Chemie, Logik als einzig wahre
Wissenschaften)
=> neopositivistische Grundeinstellung bei sehr vielen Menschen
unseres
Kulturkreises; in gewisser Hinsicht
kann man den Neopositivismus als die unbewusste Religion unseres
Zeitalters
charakterisieren.
('Religion' kommt von lateinisch 'religo' = Bindung; 'religari'
heißt
'sich binden')
=> Einteilung der Menschen in 5 Kategorien: “Das Menschenbild des Positivismus”
1.) Forscher / Erfinder
2.) Ingenieur
3.) Nutzbringer / Funktionär / Erzeuger
4.) Verbraucher / Konsument
5.) “Die Überflüssigen” (Arme, Kranke, Alte, Arbeitslose,
Behinderte)
=> Gefährdung der menschlichen Existenz:
° Verdrängung des Emotionalen (Gefühllosigkeit /
“Maschinenmensch”)
° Verdrängung des Ethischen (Verlust des
Verantwortungsbewusstseins)
° Verdrängung der Religion (Kompensation oder Sinnlehre)
° Inhumanität des Wirtschaftslebens
° Zerstörung des Menschlichen Lebensraumes
° Qualität als höchstes Maß (Monetarismus)
° Spezialisierung (Verlust an Allgemeinbildung)
° Leistung (Egoismus und Rücksichtslosigkeit)
° Utilitarismus ("Gut ist, was nützt") und Ökonomismus
""Gut
ist, was sich rechnet") sind die
wesentlichen Maßstäbe (Opferung von Mensch, Tier, Natur
für
das Voranschreiten von Technik und
Wirtschaft)
4.7. Zum Verhältnis von Atheismus und Christentum
(Stichworte:
"Theoretischer Atheismus" - "Praktischer Atheismus" - "Struktureller
Atheismus")
(vgl.
Fb
12 S. 138 - 141)
Der Leitartikel in Christ in der Gegenwart vom 23. Januar 2000 spricht vom Atheismus als der "viertgrößten Weltreligion" mit einer Anhängerschaft von ca. 750 Millionen. Zu Beginn der statistischen Erfassung der Religionszugehörigkeit wurden weltweit nur 3 Millionen als religionslos eingestuft. Der Atheismus als Lebensform hat also in den letzten ca. einhundert Jahren einen gewaltigen Aufschwung genommen.
Zu unterscheiden sind
5. Das christliche Menschenbild der Gegenwart
5.1. Wie frei ist der Mensch?
Freiheit ist kein Zustand, sondern ein Prozess; Freiheit ist immer nur momentan erlebbar. Wie das Sauerstoffradikal <O> hat Freiheit die Tendenz, sich immer an etwas zu binden:
Freiheit von ... > Freiheit zu ...
5.1.2. Freiheit und Determinismus (Fb
12 S. 168 - 171)
5.1.2.1.
Materialistischer Determinismus
(Cyril D. Darlington,
Karl
Marx)
Der englische Botaniker Cyril D(ean) Darlington, geb. 1903, früher Professor in Oxford, studierte u.a. den Zusammenhang zwischen Vererbung, Entwicklung und Infektion; seine Aussagen zur Freiheit sind als Grenzüberschreitung seitens eines Naturwissenschaftlers einzustufen, doch lässt sich daran der Gedanke des Determinismus, der die Existenz von Freiheit total leugnet, sehr schön aufzeigen.
Geist ist für Darlington das Gehirn in Tätigkeit und dieses ist ein Produkt der Evolution. Es produziert Erinnerungen an Vergangenes und erzeugt Erwartungen bzgl. der Zukunft. Unser Bewusstsein redet uns ein, dass wir frei wählen und uns ein Ziel setzen können.
Der Glaube an die menschliche Freiheit ist jedoch ein Irrglaube, ist Illusion, denn die Experimente der Genetik und Psychologie zeigen nach Darlingtons Meinung, dass Entschlüsse zuverlässig vorausgesagt werden können.
Darlington geht von zwei geschlossenen deterministischen Systemen aus, dem Genotyp (dem durch dei Gene bestimmten Wesen des Menschen) und der Umwelt des Menschen mit ihren Einflüssen als zweitem deterministischem System. Allein die Wechselwirkung zwischen beiden Systemen gaukelt dem Menschen Willensfreiheit vor, die es real nicht gibt.
Nach Darlingtons Prognose wird alles menschliche Verhalten dereinst deterministisch bestimmbar und voraussagbar sein.
Bei Karl Marx gibt es im Spiel der Materie, wie es sich in der Abfolge von Geschichtsepochen (Histomat) und in Form der Materie mit ihren dialektischen Entwicklungssprüngen (Diamat) zeigt, ebenfalls keinerlei Freiheitsräume, sondern durch die Materie selbst ist alles in Form einer Ursache-Wirkungs-Kette bedingt.
5.1.2.2. Psychologischer Determinismus (Sigmund Freud)
Freud leugnet die Existenz menschlicher Freiheit und sieht ähnlich wie Karl Marx den Menschen als einen Teil der Materie.
Geht man vom 1. Modell der menschlichen Psyche aus, dann reißt für das Bewusstsein die Ursache-Wirkungskette der Motive dort ab, wo Freud den "Zensor" vermutet. Diese Ursache-Wirkungskette setzt sich aber im Unbewussten fort.
Geht man vom 2. Modell der menschlichen Psyche aus, dann enden die Ursache-Wirkungs-Ketten im Es bzw. im Überich. Je nach dem, welche Kraft stärker ist, ergibt sich automatisch ein gewisses Verhalten. In späterer Zeit gestand Freud dem Menschen für den Fall, dass die Kräfte des Es und Überich gleich stark wären, eine freie Entscheidung zwischen beiden Möglichkeiten zu. Mit diesem Alternativismus erschöpfte sich für ihn der Freiraum des Menschen aber auch schon.
Anmerkung: Psychoanalyse setzt auf Verhaltensänderung des Menschen durch Einsichtnahme in das eigene Verhalten mit Hilfe des Therapeuten... Würde der Psychoanalytiker den in der Freudschen Lehre angelegten Determinismus ernst nehmen, dann liefen alle seine therapeutischen Bemühungen ins Leere und wären letztlich sinnlos!
5.1.3. Aussagen
der Verhaltensforschung
(Textblatt: Irenäus
Eibl-Eibesfeldt;
vgl. Fb 12 S. 212/213 von B. F. Skinner, aber
auch Fb 12 S. 168/169 von Viktor E. Frankl)
Irenäus Eibl-Eibesfeldt ist ein Schüler von Konrad Lorenz, des legendären Begründers der Verhaltensforschung (Ethologie), einer Grenzwissenschaft zwischen Biologie und Psychologie.
Liest man seine Texte, dann gelten für menschliches Verhalten ähnliche Programmierungen wie im Tierreich. Nur der Verhaltensforscher blickt hier durch und erkennt die "Blinddärme" menschlichen Verhaltens: Nur er ist also in der Lage, die Programmierungen des Menschen frei zu ändern, sodass z.B. die Menschheit von der drohenden Selbstzerstörung bewahrt bleibt.
Ähnliche Gedanken äußert der Begründer des Behaviorismus, der amerikanische Psychologe Burrhus Frederic Skinner.
Demgegenüber setzt der Psychologe Viktor E. Frankl einen Kontrapunkt, wenn er darlegt, dass insbesondere seine Erfahrungen im Konzentrationslager und der damit verbundene Verlust der äußeren Freiheit, für ihn zum Erweis der inneren Freiheit mancher Menschen wurde, die beispielsweise selbstlos ihren letzten Bissen Brot einem noch elenderen und schwächeren Mithäftling schenkten.
Links:
5.1.4. Philosophische Ansichten
Er gilt als klassischer Vertreter des philosophischen Determinismus. Grundsätzlich leugnet er die Freiheit, ja sieht in der Behauptung derselben nur einen üblen "Theologentrick", welchen diese gebrauchen, um die eigentlich Durchsetzungsfähigen zu Gunsten der Schwachen "auszubremsen". Die Entwicklung der Menschheit geschieht ohne Sinn und Ziel nach den Gesetzen des Weltverlaufs.
5.1.4.2. Karl
Jaspers
(Fb 12 S. 168)
Für Jaspers liegt die Freiheit implizit allem menschlichen Verhalten zu Grunde. Einem Angeklagten vor Gericht, der sich auf den Determinismus stützt um sein Verhalten zu rechtfertigen, stellt er den Richter entgegen, der nun seinerseits nicht anders kann, als Richter zu sein und ein Urteil zu fällen, welches die Freiheitsräume des Angeklagten zum Zeitpunkt der Tat berücksichtigt.
Für Jaspers sind Gott-Glaube und Freiheit kein Widerspruch, sondern je freier ein Mensch ist, desto gewisser ist ihm Gott. Gott sieht Jaspers geradezu als Hüter der Freiheit.
5.1.4.3.
Jean-Paul Sartre
(vgl.
Punkt 4.5.2. der
Gliederung)
Für Sartre kann und darf es keinen Gott geben, da ansonsten auf Grund der göttlichen Vorsehung die Freiheit des Menschen nicht absolut wäre, so wie Sartre dies behauptet: Der Mensch ist zur Freiheit verdammt!
Zusammenfassung der Punkte 5.1.4.1 bis 5.1.4.3.: Offensichtlich wird, dass selbst große Denker völlig konträre Meinungen zum Thema Freiheit vertreten. Warum aber lässt sich über Freiheit bzw. ihr Fehlen überhaupt streiten? Einen denkerischen Lösungsansatz beinhalten die Ausführungen des Philosophie- und Theologieprofessors Albert Keller bei einem Vortrag in der Fachhochschule Landshut am 25. Oktober 2004 im Rahmen einer Veranstaltung des Wissenswerkes Landshut: Der Gedanken der Freiheit ist so eng an das Erleben derf eigenen Person als "Ich" gekoppelt, dass er möglicher Weise gar nicht mehr wahrgenommen wird. Wenn der Mensch sich als "Ich" wahrnimmt, so deshalb, weil er sich als Urheber und Subjekt seiner Akte und Handlungen erlebt. "Dieses Vermögen, mein Verhalten zumindest mit zu steuern, also nicht gänzlich fremd bestimmt zu sein, das wir "Freiheit" nennen, gehört also anscheinend unaufgebbar zum "Ich" ..." Dies führt paradoxer Weise dazu, dass der Mensch, der Freiheit bestreitet, frei sein muss um überhaupt die Existenz der Freiheit bestreiten zu können!
5.2. Christliche Ansichten zur Freiheit
Freiheit ist nicht gleich Freiheit, sondern sie bewährt sich auf verschiedenen Feldern:
Handlungsfreiheit
Freiheit vom sozialen Zwang des "man"
Freiheit gegenüber Triebbedürfnissen
Anmerkung zur "Freiheit vom sozialen Zwang des 'man'":
Schon in den 50er-Jahren führte der Sozialpsychologe Salomon Asch ein Experiment durch, wobei die Länge von drei Strecken mit einer Musterlinie verglichen werden sollte. Die Testpersonen wurden dabei unauffällig zwischen lauter in das Experiment eingeweihten Personen platziert. Gaben diese einheitlich eine falsche Meinung vor, dann widersprachen nur 2 von 10 Kandidaten/Innen und blieben ihrer eigenen Meinung treu. Weitere 2 Kandidaten/Innen waren in der Lage, sich auf Nachfrage zu korrigieren, während 6 von 10 Personen der (falschen) Mehrheitsmeinung treu blieben.
Nach Erkenntnissen der Meinungsforscher werden politische Wahlen oftmals durch die 10 - 15 % der Wähler entschieden, welche allein darauf hoffen, auf der Gewinnerseite zu stehen und entsprechend ihre Kreuzchen jenseits aller Argumente dort machen, wo sie den Wahlsieger vermuten.
Auch lässt sich Handlungsfreiheit in ihren Spielarten hierarchisch ordnen:
kreative Freiheit Beispiel: Flucht mit "selbstgestricktem" Heißluftballon aus der DDR
sittliche Freiheit Beispiel: Hilfe für Verfolgte / Juden im 3. Reich trotz Verbotes bzw. Lebensgefahr
moralische Freiheit (Gegen)Beispiel: Verbot im Islam Schweinefleisch zu essen oder Alkohol zu trinken
psychologische Freiheit (Gegen)Beispiel: Kleptomanie
körperliche Freiheit
(Gegen)Beispiel: Inhaftierung

5.2.2.
Ein christliches Plädoyer
für die Freiheit / Aussagen des II. Vatikanischen
Konzils
(Textblatt sowie Aussage des II. Vatikanischen Konzils)
Die Freiheit des Menschen gehört nicht zu den klassischen Themenfeldern katholischer Theologie. Noch im 19. jahrhundert wetterten Päpste gegen neuzeitlicht Übel wie Pressefreiheit, Religionsfreiheit, Gewissensfreiheit. Um so bemerkenswerter ist die Aussagen des II. Vatikanischen Konzils (Pastoralkonstitution "Gaudium et Spes" über die Kirche in der Welt von heute, Artikel 17), wo es heißt:
Die Würde des Menschen verlangt daher, dass er in bewusster und freier Wahl handle, das heißt personal, von innen her bewegt und geführt und nicht unter blindem inneren Drang oder unter bloßem äußeren Zwang.
5.2.3.
Sünde und Schuld als Einschränkung
von Freiheit
5.2.3.1.
Sünde als persönliche
Schuld (Textblatt)
5.2.3.2.
Transpersonale Schuld (Textblatt)
5.2.3.3. Erlösung
als Wiedergewinnung
der Freiheit (Textblatt)
5.2.3.4. Biblische
Modelle vom Ursprung
des Bösen (Textblatt)
5.2.3.5. Gott und das Böse: die Theodizeefrage (siehe Punkt 1.3.1. der Gliederung)
5.3. Das christliche Menschenbild der
Gegenwart
Stichworte:
-
Theologie bleibt immer auch auf Erkenntnisse der Humanwissenschaften
(Medizin,
Psychologie) angewiesen
-
Das Christentum sieht jeden
Menschen
als Person (Ebenbild Gottes!)
-
Menschenrechte haben ihre
letzte
Verankerung allein in Gott
-
Der Mensch ist ein "gefallenes Wesen" und bedarf deshalb der
Erlösung
-
Christliche
Hoffnung reicht über den Tod hinaus
-
Christen sind aufgerufen, in der Welt und in der Geschichte
mitzumischen
("Salz der Erde" bzw.
"Licht der Welt")
-
Christen orientieren sich am Modell Jesu (Nachfolge Jesu)
Begleitlektüre: Das
Enneagramm. Die 9 Gesichter der Seele
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