Kath. Religionslehre 12/2

Nur zum privaten Gebrauch bzw. zum schulischen Gebrauch für die SchülerInnen in meinen Unterrichtsklassen am Hans-Carossa-Gymnasium, Landshut! Alle Angaben ohne Gewähr! Änderungen vorbehalten.

Wichtiger Hinweis zu allen Links auf dieser Homepage:
Mit Urteil vom 12. Mai 1998 - 312 O 85/98 - "Haftung für Links" hat das Landgericht Hamburg entschieden, dass man durch die Anbringung eines Links, die Inhalte der gelinkten Seite ggf. mit zu verantworten hat. Dies kann nur dadurch verhindert werden, dass man sich ausdrücklich von diesen Inhalten distanziert.

"Hiermit distanziere ich mich ausdrücklich von allen Inhalten aller gelinkten Seiten auf meiner Homepage und mache mir diese Inhalte nicht zu eigen. Diese Erklärung gilt für alle auf meiner Homepage angebrachten Links."

For private use and the use by members of my classes at Hans-Carossa-Gymnasium, Landshut! No guarantee is given concerning the correctness of information! Contents may be subject to alteration. 

StD Rupert Pfeiffer, Hans-Carossa-Gymnasium, Postfach 2345, 84007 Landshut >>> eMail

GK 2k1 Katholische Religionslehre 08/10 PFE - Stoffüberblick
Jahrgangsstufe 12 - 2. Kurshalbjahr - Inhaltsverzeichnis

 

3.3. Weisen der Gotteserfahrung
3.3.1. Transzendenzerfahrung

3.3.1.1. Transzendenzerfahrungen im menschlichen Leben
 (Textblatt Karlfried Graf Dürckheim "Grunderfahrungen des Überweltlichen ins
   uns*"; Textblatt B. Grom "Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder", Textblatt: "Grenzerfahrungen. Der
   Mensch und seine Krankheit")

3.3.1.2. Transzendenzerfahrung in der Bibel (Schwerpunkt NT)

3.3.2. Meditative Gotteserfahrung
 (Textblatt "Meditation"; Textblatt "Tai Chi Chuan")
3.3.3. Visionäre (mystische) Gotteserfahrung
 (Textblätter André Frossard "Gott existiert - ich bin ihm begegnet";  Theresia von
           Avila "Die mystische Vereinigung mit Gott*"; Hildegard von Bingen "Ich schaute*";
 "Memorial" des Blaise Pascal; Paulus: Apg 9, 1-6.8f.)
3.3.4. Gotteserfahrung in der Natur
   (Buch Farbe bekennen 12 S.87)

3.3.5. Gotteserfahrung und Gewissen: Georg Elser und Franz Jägerstätter
   (Textblatt; Buch Fb 12 S. 171 Konzilstext "Gewissen")

3.3.6. Erfahrung der Gottesferne: Das Anliegen der Gott-ist-tot-Theologie
 (Buch Fb 12 S. 74 Anselm Grün, "Die Abwesenheit Gottes aushalten";
 Buch S. 86 Max Horkheimer "Sehnsucht nach dem ganz Anderen")

3.3.7. Kirche als wanderndes Volk Gottes: das Kirchenverständnis des II. Vatikanischen
       Konzils

3.3.8. Gott in den anderen Kirchen und in den Weltreligionen
3.3.8.1. Das "Dekret über den Ökumenismus" des II. Vatikanischen Konzils (Textblatt)
3.3.8.2. Die "Erklärung über das Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen" des
   II. Vatikanischen Konzils (Textblatt)
             (vgl. auch Buch Fb12 S. 88 - 98)

3.4. Gotteserkenntnis
3.4.1. Zur Geschichte der "Gottesbeweise"
 (Textblatt)
3.4.1.1. Die griechische Antike
3.4.1.1.1. Platon (427-347 v. Chr.): der Evidenzbeweis
3.4.1.1.2. Aristoteles (384-322/321 v. Chr.)
      (Begriffe: "Aktualität", "Potentialität", "Syllogismus")
3.4.1.1.3. Die Stoiker (Zenon); "Zweckmäßigkeitsbeweis"
3.4.1.2. Die römische Antike
3.4.1.2.1. Marcus Tullius Cicero (106-43 v. Chr.): "Historischer bzw. ethnologischer
      Gottesbeweis"

3.4.1.2.2. Aurelius Augustinus (354-430 n. Chr.): "Noetischer Gottesbeweis"
3.4.1.3. Das Mittelalter
3.4.1.3.1. Anselm von Canterbury (1033-1109): "Ontologischer Gottesbeweis"
              (Buch Fb12, S. 77)
3.4.1.3.2. Die "quinque viae ad Deum" des Thomas von Aquin (1225-1274)
      (Buch Fb 12 S. 78 - 80)
3.4.1.4. Die Neuzeit: Immanuel Kant (1724-1804), genannt der "Allzermalmer"
   (u.a. "moralische Gotteserkenntnis") (Buch Fb 12 S. 82 - 83)
3.4.2. Zur Beurteilung der Gottesbeweise
3.4.2.1. Allgemeine Kritik
3.4.2.2. Glauben ohne Beweise?
   (Buch Fb 12 S. 80/81 Blaise Pascal "Die Wette")

4. Gottesbestreitung und Religionskritik
4.1. Ludwig Feuerbach (1804 - 1872)
       (Buch Fb 12 S. 102 - 104; Textblatt)
4.2. Der Marxismus  (Buch Fb 12 S. 104 - 106)
4.3. Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844 - 1900)
       (Buch Fb 12 S. 110 - 112)
4.4. Sigmund Freuds psychoanalytischer Atheismus
       (Buch Fb 12 S. 106 - 109)
4.5. Der französische Existenzialismus
4.5.1. Albert Camus: Atheismus als Protest gegen das Leid in der Welt
 siehe Punkt 1.3.2. der Gliederung
4.5.2. Jean-Paul Sartre: Atheismus im Namen der Freiheit!
 (Textblatt: Thesen; Buch Fb 12 S. 113 - 115; 210 - 211)
4.6. Positivismus und Neopositivismus (Textblätter)
4.7. Zum Verhältnis von Atheismus und Christentum
       (Stichworte: "Theoretischer Atheismus" - "Praktischer Atheismus" - "Struktureller Atheismus")
       (Fb 12 S. 138 - 141)

5. Das christliche Menschenbild der Gegenwart
5.1. Wie frei ist der Mensch?
5.1.1. Was ist 'Freiheit'?
5.1.2. Freiheit und Determinismus (Fb 12 S. 168 - 171)
5.1.2.1. Materialistischer Determinismus
   (Cyril D. Darlington, Karl Marx)
5.1.2.2. Psychologischer Determinismus  (Sigmund Freud)
5.1.3. Aussagen der Verhaltensforschung
  (Textblatt:Irenäus Eibl-Eibesfeldt; vgl. Fb 12 S. 212/213 von B. F. Skinner, aber
             auch Fb 12 S. 168/169 von Viktor E. Frankl)

5.1.4. Philosophische Ansichten
5.1.4.1. Friedrich Nietzsche
5.1.4.2. Karl Jaspers
            (Fb 12 S. 168)
5.1.4.3. Jean-Paul Sartre
   (vgl. Punkt 4.5.2. der Gliederung)

5.2. Christliche Ansichten zur Freiheit
5.2.1. Arten der Freiheit
5.2.2.  Ein christliches Plädoyer für die Freiheit  / Aussagen des II. Vatikanischen Konzils
          (Textblatt sowie Aussage des II. Vatikanischen Konzils)
5.2.3. Sünde und Schuld als Einschränkung von Freiheit
5.2.3.1. Sünde als persönliche Schuld (Textblatt)
5.2.3.2. Transpersonale Schuld (Textblatt)
5.2.3.3. Erlösung als Wiedergewinnung der Freiheit (Textblatt)
5.2.3.4. Biblische Modelle vom Ursprung des Bösen (Textblatt)
5.2.3.5. Gott und das  Böse: die Theodizeefrage
              (siehe Punkt 1.3.1. der Gliederung)
5.3. Das christliche Menschenbild der Gegenwart
       Stichworte:
       - Theologie bleibt immer auch auf Erkenntnisse der Humanwissenschaften (Medizin,
         Psychologie) angewiesen
       - Das Christentum sieht jeden Menschen als Person (Ebenbild Gottes!)
       - Menschenrechte haben ihre letzte Verankerung allein in Gott
       - Der Mensch ist ein "gefallenes Wesen" und bedarf deshalb der Erlösung
       - Christliche Hoffnung reicht über den Tod hinaus
       - Christen sind aufgerufen, in der Welt und in der Geschichte mitzumischen ("Salz der Erde" bzw.
            "Licht der Welt")
       - Christen orientieren sich am Modell Jesu (Nachfolge Jesu)
 

Begleitlektüre:

"Das Enneagramm. Die 9 Gesichter der Seele"

Copyright © 1996: Evangelischer Presseverband für Bayern e. V.
Bei Beschaffungsschwierigkeiten wenden Sie sich bitte an den Kursleiter.
 

Das folgende Skript wurde im Kern vom Kollegiaten Matthias Töpert vom Kurs 97/99 erstellt, vom Kursleiter auf inhaltliche Richtigkeit durchgesehen, wo nötig ergänzt und beinhaltet - im Vergleich zum aktuellen Unterrichtsgeschehen -  eine Auswahl des behandelten Stoffes! Die fortlaufende Ergänzung  der einzelnen Punkte erfolgt sofern zeitlich möglich parallel zum Unterrichtsgeschehen.
 

3.3. Weisen der Gotteserfahrung

3.3.1. Transzendenzerfahrung

3.3.1.1. Transzendenzerfahrung im menschlichen Leben

Nur unter der Voraussetzung, dass das, was wir in unserem Bewusstsein als Wirklichkeit wahrnehmen, nur ein Teil einer größeren Wirklichkeit ist, macht es Sinn von Transzendenzerfahrung zu sprechen, denn der lateinische Begriff des "transcendere" beinhaltet die Idee des Hinüberschreitens ins eine andere Wirklichkeit.

   - Transzendenzerfahrung:  Überschreitung der Grenze des Immanenten, also der Wirklichkeit,
                                                     wie sie mit unseren Sinnesorganen erfahrbar ist und
                                                     Erkenntnis dessen, was hinter dieser Wirklichkeit liegt.

Interessant erscheint in diesem Zusammenhang der Ansatz des tschechisch-amerikanischen Psychotherapeuten Stanislav Grof, der harsche Kritik am gegenwärtig in der westlichen Welt verbreiteten eindimensionalen Wirklichkeitsverständnis übt: 

"Auch wenn es nicht klar ausgesprochen wird, geht man im gegenwärtigen psychiatrischen Denken mehr oder weniger davon aus, dass zu geistiger Gesundheit Atheismus, Materialismus und das Weltbild der mechanistischen Wissenschaft dazugehören." 

(Stanislav Grof, Geburt, Tod und Transzendenz (München, 1985), S. 315)

 

"Was als geistig gesund und normal gilt oder rational gerechtfertigt wird hängt wesentlich von den jeweiligen Umständen und vom kulturellen oder historischen Rahmen ab."

(Stanislav Grof, Geburt, Tod und Transzendenz (München, 1985), S. 284)

 

"In Anbetracht dieser Tatsachen drängt sich die Vermutung auf, das ein atheistisches, mechanistisches und materialistisches Weltbild und eine entsprechende Auffassung vom Leben eine tiefe Entfremdung vom eigenen Daseinskern, einen Mangel an echtem Selbstverständnis und eine psychische Verdrängung der eigenen Psyche  wiederspiegelt. ... Eine solche, verstümmelte Einstellung zu sich selbst und zur Existenz ist letztlich mit einem Gefühl der Sinnlosigkeit des Lebens und der Entfremdung vom kosmischen Prozess behaftet."

(Stanislav Grof, Geburt, Tod und Transzendenz (München, 1985), S. 319)

 

Der amerikanische Philosoph Ken Wilber wiederum belegt die Vorstellung, dass die sinnliche, empirische und materielle Welt die einzige Welt sei mit dem Ausdruck "Flachland" ('flatland'), da diese Art der Weltbeobachtung mit einem Kartografen zuu vergleichen sei, der eine Landkarte zeichnet und dann die Landkarte, die ja nur ein Abbild der Oberfläche sein kann, für das Ganze der Wirklichkeit ausgibt.

(Ken Wilber, Eine kurze Geschichte des Kosmos (Frankfurt, 1997), S. 32 bzw. S. 124)

 

 http://de.wikipedia.org/wiki/Ken_Wilber

http://www.kenwilber.com (Lange Ladezeiten!)

 

Quelle: Hildegund Wöller, "Ich habe es so erfahren. Das Subjektive und seine Deutung als Tor zur Wirklichkeit", Radiosendung in Bayern 2 am 1.7.2001

 

 => Voraussetzung für die Transzendenzerfahrung ist also die Annahme bzw. Existenz einer "jenseitigen" Wirklichkeit. Unter dieser Annahme gibt es "Grenzerfahrungen". Eine Grenzerfahrung beinhaltet eine  extreme Seinserfahrung. In gewisser Weise hat der Extrembergsteiger Reinhold Messner diese immer wieder gesucht. Andererseits scheinen Kinder im Normalfall sich einer eindimensionalen Sicht der Wirklichkeit zu widersetzen. Sie entwickeln im Normalfall eine Ahnung von einem Ursprung der Welt, der nicht "gemacht" ist, sondern - wie Kinder gerne sagen - "sich selber gemacht hat". (vgl. Textblatt von Bernhard Grom, "Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder...") 

Text: Grom: "Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder ..."

     - Kinder sind im Alltagsleben noch nicht gesellschaftlichen Konventionen unterworfen
     => Kinder tun sich leichter, eine andere Wirklichkeit anzuerkennen

     => Kinder verarbeiten die Eindrücke noch selbst
     => schöne Erlebnisse werfen die Frage nach etwas noch Schönerem und dem Urheber von Allem auf

     - Kinder sind Meister im Wechselspiel zwischen Phantasie und Wirklichkeit
     => in späteren Jahren erfolgt zumeist ein Zurücktreten der Intuition gegenüber zweckrationalem Handeln
     => Zum vollen Menschsein ist jedoch eine Synthese aus rationalem Bewusstsein und Intuition nötig

Im Hinblick auf Grenzerfahrungen gibt es diese sowohl in extrem positiver Weise als Erfahrung von Glück wie auch in extrem negativer Weise in Form von Leid und Unglück.

Für (positive) Transzendenzerfahrung in extrem positiver Weise, in Form eines gesteigerten Glücksgefühls, hat sich in der Psychologie der Begriff "peak experience" eingebürgert. (vgl. Textblatt mit Zitat aus Christ in der Gegenwart 5/2001)

Eine andere Beschreibung liefert der amerikanische Psychologe Mihalyi Cszikszentmihalyi mit dem von ihm geprägten Begriff des "flow", wozu er in 30 Jahren über 6000 Menschen befragte. Die "Flow"-Erfahrung ist allen Menschen gemeinsam, die sich als glücklich bezeichnen:

  "Wir fanden flow bei Fließbandarbeitern, weil sie voll bei dem waren, was sie taten - bei Rennfahrern, Fallschirmspringern, selbst bei Menschen, die meditieren und sich überhaupt nicht bewegen. ... Und sie fühlen dieses totale Einssein mit dem, was sie gerade tun." 

Quelle:  Skript zur Fernsehsendung "Wieso?Weshalb?Warum?" in Südwest 3 vom 25. September 2003

 

Nun zu Beispielen negativer Transzendenzerfahrung, wie Karlfried Graf Dürckheim sie beschrieb:

(vgl. Text von Karlfried Graf Dürckheim: "Grunderfahrungen des Überweltlichen in uns")

    Beschrieben werden hier drei Fälle  von negativer Transzendenzerfahrung:
   => Extremsituationen bedingen Transzendenzerfahrung: Diese ist charakterisiert durch einen
        paradoxen Umschlag in der Erlebnisweise:
      ° Angst ist nicht beliebig steigerbar. Extreme Angst führt zur Aufgabe des Ichs und zur
         Erkenntnis einer höheren Kraft, die trägt, so dass das unmittelbar Erlebte keinen
         Einfluss mehr hat. Damit einher geht der Verlust der Angst vor der dauernden
         Vernichtung.
      ° Einsamkeit führt zur Trostlosigkeit. Auch diese ist nicht beliebig steigerbar und kann
         zur Erfahrung einer höheren Wirklichkeit und damit zu einem Gefühl des
         “Aufgefangenseins” führen.
      ° Absurdität des Daseins (z.B. schlechte Behandlung wie im KZ, Diagnose "unheilbarer Krebs", Tod
        eines geliebten und geschätzten Mitmenschen)
        führt evtl. jenseits aller Verzweiflung zur Erkenntnis einer höheren, unbegreifbaren
        Ordnung
    =>  Solche Erfahrungen vermögen die Tür  einer anderen Wirklichkeit und zu einer anderen Sicht der Dinge
          zu öffnen.

vgl. auch die Erfahrung des todkranken Theologieprofessors Heinrich Fries, meines ehemaligen Lehrers im Fach Fundamentaltheologíe an der Ludwig-Maximilians-Universität München im Text "Grenzerfahrungen. Der Mensch und seine Krankheit" (Christ in der Gegenwart Nr.50/1994):

      Beeindruckend ist vor allem der positive und bewusste Umgang mit seiner Krankheit, welche er als Durchgangsstation auf dem Weg in eine andere Wirklichkeit sieht, wobei er sich in den Händen einer höheren Macht geborgen weiß.  "Ich selbst habe in schwerer Krankheit und im Gefühl, dem Tod nahe zu sein, keine Furcht und keine Angst empfunden. Ich hatte das Gefühl: Ich gehe dem Licht entgegen."

3.3.1.2. Transzendenzerfahrung in der Bibel (Schwerpunkt NT)

Diese Formen der negativen Transzendenzerfahrung finden sich auch im Erfahrungsschatz der Bibel. So wäre der oftmals in den Paulusbriefen zitierte Satz (vgl. Röm 1,17; Gal. 3,11;Hebr. 10,38) aus dem Buch des Propheten Habakuk  "Der Gerechte lebt aus (dem) Glauben" (Hab 2,4) besser zu übersetzen mit

Der Bewährte lebt aus (dem) Trauen.

Diese Übersetzungsvariante lässt klar erkennen, worum es eigentlich geht, nämlich um eine lebensbedrohende Situation, wo ein Mensch trotz tiefster Verzweiflung die Erfahrung des Bewahrtseins machen konnte, weil er Gott vertraute. Nachdem er diese Situation überlebt hat, ist er nunmehr ein Bewährter, der in der Gewissheit , dass dieses Bewahrtsein ihn wiederum retten wird, jemand der sich traut bzw. etwas zutraut. Insgesamt ist diese Situation gar nicht so unähnlich dem aus 12/1 bekannten Rattenexperiment!

negative Transzendenzerfahrung:

In der Situation, wo Jesus am Abend vor seiner Kreuzigung im Garten Getsemane Blut schwitzt (was einem extremen Schockzustand durch extreme Weitung der Blutgefäße entspricht), ist es ein Engel, der Jesus tröstet. Bleibt man nicht am Vordergründigen haften, dann handelt es sich hier um eine Szene, welche Transzendenzerfahrung angesichts gesteigerter Angst verständlich machen will.

   

Originalfelsen in der "Kirche der Nationen" in Getsemane (Fotos: R. Pfeiffer, Feb. 2007)

positive Transzendenzerfahrung:

Biblisch spiegelt sich solche eine Erfahrung in der Verklärung Jesu auf dem Berg (Mk 9,2ff.), nach Meinung vieler Exegeten vermutlich auf dem Berg Hermon im Libanonmassiv und nicht so sehr auf dem Berg Tabor anzusiedeln. Welcher auch immer der historische Ort sein mag, so handelt es sich doch ganz klar um einen Moment, den alle Beteiligten als intensives Glück genießen, schlägt doch Petrus vor "Rabbi, es ist gut, dass wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen ..." Doch auch Jesus und seine Freunde können die Zeit nicht zum Stillstand bringen, auch sie müssen herabsteigen vom Berg der Verklärung in die Niederungen (des Alltags).

   

Das Hermon-Massiv im Dreiländereck  Libanon / Israel / Syrien  und der Berg Tabor  in Galiläa (Fotos: R. Pfeiffer, Feb. 2007)

Ausblick vom  Berg Tabor auf die Israel(Jesreel)-Ebene (Foto: R. Pfeiffer, Feb. 2007)

 

3.3.2. Meditative Gotteserfahrung

Spricht man von Meditation, so steht an zentraler Stelle das lateinische Wort "medium" = Mitte.
Das lateinische Deponens-Verb "meditari" (nachdenken, nachsinnen) bedeutet vom Ursinn her eigentlich "In die Mitte hineinnehmen. Der Gedanke der persönlichen Mitte, der Ausrichtung auf die Mitte, auch in der Körperhaltung, ist somit als absolut grundlegend zu bewerten.
Von der Idee her will das Wort "Konzentration" Ähnliches aussagen und beide, Meditation und Konzentration korrelieren miteinander, ist doch Meditation ohne Konzentration, also im Sinne einer bloßen Entspannungsübung wie etwa beim Autogenen Training, nicht denkbar.

   Meditation: => Ausstieg aus dem hektischen Gedankenwirrwarr durch:
      A ° Körperhaltungen (Ausrichtung auf die Mitte) bzw.
                ° Bewegungsabläufe
      B ° Zentrierung / Konzentration (in Stille)
      C ° Atemführung

In einer Sendung des Fernsehprogramms des Bayerischen Rundfunks wurde in der Reihe "Sprechstunde" am 15.12.2003 die heilende Wirkung von Gebet und Meditation aus medizinischer Sicht behandelt. Hier die interessanten Einsichten: 

 

"Sprechstunde" vom 15.12.2003

Da die Meditation zumindest in den östlichen Religionen (chinesische Religion, Buddhismus, Hinduismus) stärker verwurzelt ist als im westlichen Kulturkreis, zunächst ein kleiner Blick nach China:

 vgl. den zentralen Begriff des chinesischen (konfuzianischen) Weltbildes: Tao: “Die große Einheit”

   - Verbindung der Gegensätze in einem Kreis (z.B. Yin-Yang)
   => der “Gegensatz des Gegensatzes” ist im Symbol schon enthalten
   => Einheit der Gegensätze
   => Befriedung der Gegensätze wird möglich

   - zu starke Betonung des Yang in der westlichen Kultur
   => Ausdruck in der Verselbständigung des industriell-bürokratischen Systems

Eine speziell chinesische Form der Mediation beinhaltet "Tai-Chi Chuan", von den europäischen Kolonialherrn im 19. Jahrhundert verständnisloser Weise als "Schattenboxen" missdeutet. Dabei geht es bei Tai-Chi um ein Übungssystem, welches letztlich zu einer anderen Wahrnehmung der Wirklichkeit führen soll in einem Zustand, welcher dem Zustand zwischen Wachen und Schlafen ähnelt und der von Absichtslosigkeit gekennzeichnet ist. Kinder leben in ihren ersten Jahren noch intuitiv in dieser Art Zustand. Durch festgelegte Bewegungsfolgen will die Übung des Tai Chi Chuan einen Zustand absichtsloser, meditativer Stille einkehren lassen.

Ziel ist somit ein Zustand des “Nicht-Handelns”, ein Zustand vollkommener Ruhe, der nur zugelassen werden kann.

   => Möglichkeit der Versenkung: Tai Chi Chuan
       ° festgelegte Bewegungsfolgen als Zugang zur Meditation
       ° ständiges Wiederholen von Bewegungsfolgen als Hilfe zum Erreichen
        des Zustandes der meditativen Stille
 

Welche spezifische Form der Meditation auch gewählt wird, so haben sich verschiedene Mittel als Hilfe für den Meditierenden bewährt:

Dabei geht Meditation den folgenden Weg:

Die tiefere Erkenntnis der eigenen Persönlichkeit führt zur Gotteserfahrung

    => Naturalmeditation: “Persönlichkeitsfindung”
    => Glaubensmeditation: “Gotteserkenntnis” (in der christlichen Tradition auch als "Kontemplation"
                                                                                bezeichnet)

Voraussetzungen:
   => entspannte Körperhaltung                                             richtige Sitzpositionen
   => richtige Atemtechnik                                                      Wechselwirkung zwischen Atem und Seele
   => geistige Konzentration                                                   Hilfsmittel / Techniken: Meditation mit:
                                                                                                                                         ° visuellen Medien
                                                                                                                                         ° akustischen Medien
                                                                                                                                         ° verbalen Medien
                                                                                                                                         ° Gestik / Mimik

 => meditative Versenkung:

      Hier lassen sich verschiedene Phasen bzw. Tiefengrade unterscheiden:

Nicht zuletzt weil es in der unter 2. beschriebenen Stufe zum Aufsteigen von Ängsten aus dem Unterbewusstsein kommen kann, sollte echte, d.h. über autogenes Training und die Stufe 1 hinausgehende Meditation stets unter Anleitung erfahrener Meditationslehrer erfolgen, die mit solchen Zuständen umzugehen wissen.

Im Übrigen lässt sich auch die Perikope von Jesu 40-tägiger Zeit in der Wüste unter diesem Blickwinkel sehen, begegnen ihm doch zunächst dämonische Kräfte und Satan, der Jesus versucht bevor er nach Überwindung all dieser Hindernisse zur echten Gotteserfahrung kommt ("... und die Engel dienten ihm"). Vgl. Mk 1, 12f.

Judäische Wüste: Hier, in der Nähe der Oasenstadt Jericho liegt der "Berg der Versuchung"  (Foto: R. Pfeiffer, Feb. 2007)

3.3.3. Visionäre (mystische) Gotteserfahrung
 

 Text: André Frossard: "Gott existiert – ich bin ihm begegnet"

   - Atheist mit großer Skepsis gegenüber allem Religiösen
   - Wendepunkt mit Gotteserfahrung: “Welle von Wundern”
      ° Audition (Hörerlebnis)
      ° Vision (Lichterfahrung)
      ° Erfahrung einer anderen Welt
        => Wirklichkeits-, Wahrheitserfahrung
        => Beweis für die Existenz Gottes
        => Sinngebung für sein Leben
      ° Probleme des Sprechens über Gott - er schwieg lange; ging erst 34 Jahre nach dem Ereignis an die Öffentlichkeit.
 

 Text: Theresa von Avila: Die mystische Vereinigung mit Gott

  

- Seelenburgerlebnis mit leuchtenden Kristallen

- Vereinigungserlebnis mit Gott in verschiedenen Stufen: Gotteserlebnis - geistige Verlobung - mystische Vermählung

- Niederschrift der Erlebnisse nur durch Befehl der Vorgesetzten
 

Text: Hildegard von Bingen: "Ich schaute ..."

   - Visionen seit dem 5. Lebensjahr
   - Gotteserfahrung mit 42: Auftrag, das Gotteserlebnis zu beschreiben und nieder zu schreiben. 
   - Gott will durch sie zu den Menschen sprechen
   - Offenbarung des eigentlichen Sinnes religiöser Praktiken
 

 

Text: Memorial des Blaise Pascal

 

Der Mathematiker, Philosoph und Physiker Blaise Pascal, ein kühler und scharfsinniger Denker, der den Standpunkt der Vernunft vertrat, hatte in der Nacht vom 23.11.1654 ein emotional überwältigendes Erlebnis. Noch unmittelbar unter dem Eindruck dieses Ereignisses stehend, versuchte er dieses in Worte zu fassen. Das Papier bewahrte er als Erinnerungsstück (Memorial) im Saum seines Mantels auf, wo man es nach seinem Tod im Jahre 1662 fand. Das Erlebnis selbst führte ihn zum Jansenismus, einer Strömung in der katholischen Kirche, welche eine strenge Prädestinationslehre (nach dem Muster Calvins) vertrat und welche von den Jesuiten und den Päpsten heftig bekämpft und verurteilt wurde. (Das Problem des Jansenismus erledigte sich schließlich im 19. Jahrhundert quasi von selbst.)

 

Text: Paulus: Apostelgeschichte

 

   - Offenbarung Gottes in einer Vision (Licht) mit Audition "Warum verfolgst du mich?"

   => sofortiger Wandel der Lebensperspektive; 3-tägige Blindheit weist auf die große Verwirrung hin.

   (Der dritte Tag als der Tag, an dem Gott eingreift und die Not wendet) - Tatsächlich dürfte sich Paulus länger zurückgezogen haben; er selbst spricht im Galaterbrief davon:

 

 "Ich ging auch nicht sogleich nach Jerusalem hinauf zu denen, die vor mir Apostel waren, sondern zog nach Arabien und kehrte dann wieder nach Damaskus zurück." (Gal 1,17)

 

Danach wurde Paulus einer der wichtigsten Botschafter des jungen Christentums.

 

   

Paulus-Online-Spiel

der EKD


Zusammenfassung: Alle geschilderten Erlebnisse folgen ungefähr dem folgenden Muster:

                                   

Überraschend kommt es zur Begegnung mit einer höheren Macht (Gott), welche zumeist nicht bewusst angestrebt wird, ja es kann sogar sein, dass jemand, wie André Frossard, sich ausdrücklich zum Atheismus bekennt.

 

Visionen und/oder Auditionen lösen ein Schockerlebnis aus, welches als Wendepunkt, zumindest als zentraler Erlebnispunkt in der eigenen  Lebensgeschichte verstanden wird.

 

Dieses Erlebnis bedarf der manchmal jahrelangen Verarbeitung und wird geheim gehalten.

 

Erst nach Aufforderung bzw. langem Schweigen beginnen die Betroffenen, das Geschehene zu veröffentlichen.

 

Anmerkung: Es scheint, dass das Christentum in Russland 70 Jahre atheistischer Propaganda auf diese Weise überlebt hat. Die ehemalige kommunistische Jugendführerin Tatjana Goritschewa kam durch das Lesen des Vaterunsers in einem Jogalehrbuch zum Glauben, engagierte sich daraufhin in Dissidentenkreisen und erlitt Verfolgung und Verhaftung. Sie selbst berichtete vor ein paar Jahren auf einem Vortrag in Landshut davon, wie in einem russischen Lager ein 18-jähriger Kommunist zusammen mit einem Mitgefangenen in den Strafbunker gesteckt wurde. Haft im Strafbunker endete bei sibirischer Kälte regelmäßig mit dem Erfrierungstod der so Bestraften. Doch der Mitgefangene forderte den jungen Kommunisten zum Mitbeten auf. Licht- und Wärmeerlebnisse stellten sich ein und beide überlebten. Auf Grund dieses Erlebnisses wirkt der damals 18-Jährige nunmehr unter dem Namen Vater Gennadi als Priester in St. Petersburg.

Interessant dass im Russland nach Perestroika und Glasnost sich quasi wieder jeder Russe als Christ bezeichnet - selbst Kommunistenführer Sjuganow bezeichnet sich als solcher! Präsident Putin lud ca. 2000 den auf Staatsbesuch weilenden Bundeskanzler Gerhard Schröder zum gemeinsamen Besuch des Weihnachtsgottesdienstes ein ...

 

Von Karl Rahner, einem der größten Theologen des 20. Jahrhunderts, der u.a. als Konzilsberater das II. Vatikanische Konzil maßgeblich mit prägte, stammt der Satz: "In der Zukunft werden die Frommen Mystiker sein oder sie werden nicht sein."

 

Jahrhunderte lang war Glauben Sache der Gemeinschaft. Mit der zunehmenden Erosion der Glaubenspraxis in Deutschland und Westeuropa wird es aber immer schwieriger, Halt an der Gemeinschaft zu finden. Somit wird der Christ der Zukunft vielleicht Mystiker sein müssen.

Mystik bzw. Mysterium weist auf ein Geheimnis hin. Das griechische Verb 'myein' bedeutet '(sich) schließen'. Konkret sind Lippen und Augen damit gemeint. Ein Mystiker geht quasi schweigend und in blindem Vertrauen auf Gott seinen Weg. Es handelt sich gewissermaßen um eine "außer-ordentliche" Form christlicher Existenz. Viele Mystiker zogen sich in die Einsamkeit zurück, wurden Einsiedler, griechisch "Monachos", also Mönche. Weil sie ihren Glauben unabhängig von der kirchlichen Gemeinschaft lebten, sahen sich Mystiker im Laufe der Kirchengeschichte immer wieder dem Verdacht ausgesetzt, sie seien Häretiker oder Ketzer. Im Übrigen wurden in der lateinischen Kirche die Worte Mystik und Kontemplation lange Zeit synonym gebraucht und waren somit austauschbar (vgl. Punkt 3.3.2. "Meditative Gotteserfahrung").

 

Alle in den Punkten 3.3.1. bis 3.3.3. beschriebenen Erfahrungen weisen eine gewisse Ähnlichkeit und Nähe zu den in Punkt 1.3.3. des 1. Semesters    beschriebenen Nahtoderfahrungen auf (Lichterlebnisse, persönliche Betroffenheit bis hin zur "Lebenswende", Schweigen bzw. Wortlosigkeit angesichts des Erlebten).

 

3.3.4. Gotteserfahrung in der Natur

 I. Vatikanisches Konzil:

   - Offenbarung Gottes in der von ihm geschaffenen Natur
   - ebenfalls Offenbarung Gottes auf anderen Wegen (Propheten, Sohn Christus)
   => man kann Gott in der Natur erkennen, muss es aber nicht
 

   => Die zweifache Erkenntnisordnung:
 
 

Gott

Offenbarung
 Offenbarung
 NATUR
HL. SCHRIFT
 Naturgesetze
 Der Weg des Menschen zum Heil 
 Vernunft
Glaube

Mensch


Gedanken zum Sonntag (erschienen in der Landshuter Zeitung am 10. Dez. 1988)

Zum Grundbestand des katholischen Glaubens gehört ein Satz, den das I. Vatikanische Konzil 1870 in den Rang eines Dogmas erhob: „Gott, aller Dinge Grund und. Ziel, kann im natürlichen Licht der menschlichen Vernunft aus den geschaffenen Dingen mit Sicherheit (!) erkannt werden." „Kann" heißt es hier, nicht „muss". Die freie Glaubensentscheidung jedes einzelnen Men­schen bleibt somit unangetastet. Andererseits ergibt sich aus dieser Formulierung des Dogmas, dass die Kirche nicht einfach acht­los an den Erkenntnissen der modernen, Naturwissenschaften vorbeigehen kann, denn die Natur als Gegenstand naturwissenschaftlicher Forschung ist ja identisch mit dem, was der Glaube Schöpfung Gottes nennt. Können aber ausgerechnet die der Vernunft und Logik verpflichteten und traditionell eher atheistisch eingestellten Naturwissenschaftler Hinweise auf die Anwesenheit Gottes im naturwissenschaftlich beobachtbaren kosmischen Geschehen liefern? Ich meine, dass diese Frage aus folgenden Gründen bejaht werden kann:

Die wahrscheinlichste Weltentstehungshypothese geht vorn sogenannten „Urknall" aus. Erst seit diesem scheinbar katastropha­len Geschehen des Urknalls gibt es die uns vertrauten Gegebenheiten von Materie, Raum und Zeit. Zudem sagen uns Astrophy­siker, dass dieser Urknall recht genau dosiert gewesen sein muss, da es ansonsten nie zur Verdichtung der Materie zu Sternen und Sternenhaufen hätte kommen können. Nun führte der weitere Verlauf des kosmischen Geschehens nicht einfach hin zur Entstehung unserer Erde, sondern es waren dazu mindestens zwei weitere „Katastrophen" in Form explodierender Sterne (Supernovae) nötig. Nur eine erste solche Sternenexplosion konnte zur Bildung der heute auf der Erde jenseits des Kohlenstoffs vorhandenen höherwertigen chemischen Elements bis hin zum Uran führen.

Während sich dann die „Asche" des ex­plodierten Sterns gerade zu einem neuen Sonnensystem verdichtete, führte eine wei­tere Supernovaexplosion zur Bildung des uns bekannten heutigen Sonnensystems, denn nur eine derartige weitere Katastrophe kann die in unserem Sonnensystem vorhandene ungleichmäßige Verteilung der Massen auf die Planeten einschließlich der Erde einerseits und das Zentralgestirn der Sonne andererseits hinreichend erklären. Damit nicht genug. Wie wir aus der Beobachtung unserer Nachbarplaneten erkennen können, befindet sich allein die Erde in einer Entfernung von der Sonne, welche die Hervorbringung von Leben ermöglichte unter der Vorausset­zung, dass hier zusätzlich die zur Hervorbringung von Leben nötigen chemischen Bedingungen herrschten. Dieses Leben hat zeitlich gesehen einen ungeheuer rasanten Aufschwung vom Einzeller bis hin zum heutigen Menschen genommen, wobei der in den Genen gespeicherte Bauplan jedes Lebewesens zunehmend komplizierter wurde, so kompliziert, dass in jeder einzelnen (!) menschlichen Körperzelle der gesamte „Bauplan" des betreffenden Menschen gespeichert ist, ein Bauplan, der in gedruckter Form 5000 Bücher zu je 200 Seiten füllen würde.

Diese im kosmischen Geschehen verbor­gene Zielstrebigkeit ist vielen Naturwissenschaftlern inzwischen In den Blick geraten, auch wenn sie ihre Beobachtung nicht so recht zu deuten wissen. Aus der Sicht des Glaubens aber finden sich hier die Spuren einer Intelligenz, welche alle menschliche Intelligenz bei weitem übersteigt und die von Menschen der verschiedensten Religionen seit jeher als Gott verehrt und angebetet wird. Dass dieser Gott sich in Jesus vor annähernd 2000 Jahren mitten hinein in diese von ihm ins Dasein gerufene Welt begeben haben könnte, erscheint in dieser Zeit des Advents als ein fast ungeheuerlicher Gedanke! Doch wenn Gott der Urheber des Kosmos ist, dann ist auch dies gar nicht so unwahrscheinlich wie es zunächst scheinen mag.   (Rupert Pfeiffer)

 
 

3.3.5. Gotteserfahrung und Gewissen: Georg Elser und Franz Jägerstätter

Georg Elser - Hitlerattentäter 

Johann Georg Elser wurde am 4. Januar 1903 in Hermaringen, Kreis Heidenheim, geboren. Er erlernte den Beruf eines Möbelschreiners, wurde während der Weltwirtschaftskrise arbeitslos und musste sich seinen Lebensunterhalt mit Gelegenheitsarbeiten verdienen. Poltisch war er nicht übermäßig interessiert und nur  kurze Zeit war er im Rotfrontkämpferbund aktiv. Doch in seinem Innern lehnte Elser die seiner Ansicht nach arbeiterfeindliche Politik der Nationalsozialisten ab. Nach Unterzeichnung des Münchner Abkommens von 1938 dachte er, dass der „unvermeidliche Krieg" bald ausbrechen würde, und so entschloss sich Elser ganz allein ein Attentat auf Hitler vorzubereiten. Sein Ziel war es letztlich den Krieg zu verhindern.

Am 8. November 1939 hielt Hitler im Münchner Bürgerbräukeller seine alljährliche Gedenkrede zum sogenannten Hitler-Putsch von 1923.  Im Vorfeld hatte Elser sich über Wochen hinweg nachts unbemerkt im Saal einschließen lassen und in einer Säule nahe dem Rednerpult eine Bombe mit Zeitzünder eingebaut. Dringende Termine veranlassten Hitler jedoch, den Gedenkakt früher als geplant zu verlassen. Die Bombe detonierte nur ca. zehn Minuten zu spät. Acht (unschuldige) Menschen kamen bei dem Anschlag ums Leben.

Elser wurde kurz darauf gefasst und gestand die Tat. Die offizielle Propaganda verbreitete das  Märchen, wonach der der ehemalige Nationalsozialist und politische Gegner Hitlers Otto Strasser und der britische Geheimdienst den Anschlag geplant hätten. Die Darstellung als Gewissentat eines Einzelnen hätte vielleicht in der Bevölkerung den Widerspruchsgeist geweckt. In der Haft wurde Elser weitgehend geschont, da das Regime ihn nach Kriegsende in einem Schauprozess vorführen wollte. Kurz vor Kriegsende wurde Elser am 9. April 1945 im Konzentrationslager Dachau ermordet. 

Zum 100-jährigen Geburtstag gab die Deutsche Bundespost eine Gedenkmarke zur Erinnerung an Georg Elser heraus.

 

Franz Jägerstätter - Kriegsdienstverweigerer 

  - Vertiefung der Religiosität in der zweiten Ehe
  - Ablehnung des NS-Systems durch das Vorgehen gegenüber Priestern und der Religion
  => wiederholte Verweigerung der Einberufung
  => Überstellung in Wehrmachtsgefängnis
  => Todesurteil aufgrund von Wehrmachtszersetzung
  => Bibellektüre als einziger Halt

  => Gotteserfahrung durch Todessituation

   => Gewissen als Gesetz, das in der Liebe zu Gott seine Erfüllung hat

          Links:

www.dioezese-linz.at/jaegerstaetter

Franz Jägerstätter - Ökumenisches Heiligenlexikon

Der Fall Jägerstetter wurde auf dem II. Vatikanischen Konzil durch einen Bischof vorgetragen und beeinflusste maßgeblich die Ausführungen des Konzils zur Gewissensfreiheit. Danach ist das Gewissen "die verborgenste Mitte und das Heiligtum im Menschen, wo er allein ist mit Gott, dessen Stimme in diesem seinem Innersten zu hören ist." Wenig später der entscheidende Satz: "Nicht selten geschieht es jedoch, dass das Gewissen aus unüberwindlicher Unkenntnis irrt, ohne dass es dadurch seine Würde verliert!" (II. Vatikanisches Konzil, Kirche und Welt, Artikel 16 - zitiert im Buch Fb12, S. 171)

Kann die Stimme Gottes, die Stimme des Gewissens also irren? Ja, sie kann. Insofern ist auch psychologischen Bedenken Rechnung getragen. Vergleichen wir das Gewissen mit einem Kompass, so zeigt es normalerweise in Richtung des Guten, also nach Norden. Gerät der Mensch in ein "moralisches Magnetfeld", kann es Richtungsabweichungen bis zur völligen Fehlleitung geben, ohne dass der Kompass kaputt wäre oder der Mensch dies persönlich zu verantworten hätte.

Letztlich ist nur Gott in der Lage, solche Widersprüche aufzulösen. Es könnte ja sein, dass jemand in seinem Gewissen kriegerische Handlungen zugunsten der Befreiung anderer befürwortet, ja vielleicht wie Elser Bomben baut, während ein anderer Mensch vor seinem Gewissen allein gewaltloses Handeln verantworten kann und sich beide in unversöhnlicher Weise als Feinde gegenüber stehen. Nur Gott vermag  - aus menschlicher Perspektive betrachtet -  solche Widersprüche letztlich aufzulösen.

 

3.3.6. Erfahrungen der Gottesferne: Auf der Suche nach Gott

 Erfahrung der Benediktiner: Wer in den Benediktiner-Orden eintreten will, muss sich als Gottsucher verstehen! 

"Man achte genau darauf, ob der Novize wirklich Gott sucht, ob er Eifer hat für den Gottesdienst, ob er bereit ist zu gehorchen und ob er fähig ist, Widerwärtiges zu ertragen." (Aus der Regel des hl. Benedikt)

Hilfreich ist auch die Erfahrung der seligen Edith Stein. Hierzu ein Zitat aus dem Fastenhirtenbrief 2003 des Münchner Erzbischofs Friedrich Kardinal Wetter: 

"Edith Stein berichtet, dass sie sich als 15-Jährige bewusst das Beten abgewöhnt habe. Sie konnte mit Gott nichts anfangen. Aber sie war immer auf der Suche nach der Wahrheit. 15 Jahre später geht ihr die Wirklichkeit Gottes auf und sie lässt sich taufen. In der Rückschau sagte sie: "Meine Suche nach der Wahrheit war ein einziges Gebet." und: "Wer die Wahrheit sucht, sucht Gott." Edith Stein hat durch viele Jahre hindurch die Wahrheit gesucht und Gott gefunden. Auch wer auf der Suche nach Gott ist, ist Gott nahe, vielleicht näher als der, der meint, mit Gott auf Du und Du zu stehen.

Vergessen wir nicht: Suchende sind wir alle, so lange wir auf Erden leben. Auch wenn wir Gott gefunden haben, mit Jesus verbunden sind und unser Leben in der Gemeinschaft mit Jesus führen, bleiben wir vor dem unauslotbaren Geheimnis Gottes immer noch Suchende. Dieses Suchen endet erst am Ende unserer Pilgerschaft, wenn wir in der Ewigkeit  Gott unverhüllt von Angesicht zu Angesicht schauen."

Von der Erfahrung, dass Gott in unserer Welt oftmals zu schwiegen scheint, handelt der nachfolgende Text:

 Text: Anselm Grün: "Die Abwesenheit Gottes aushalten"  (Buch Fb 12 S. 74)

   - man muss die Geduld und Demut besitzen, auf die Antwort Gottes zu warten
   - das Schweigen Gottes stellt eine ständige Prüfung der eigenen Person dar,
    die man nur bestehen kann, wenn man für den wirklichen Gott offen ist und
    ihn sich nicht nur selbst aus Ungeduld vorgaukelt
   => um die Abwesenheit Gottes auszuhalten, benötigt man Geduld
   => so kann man zu einer Gotteserfahrung kommen

Auch ein oftmals scheinbar schweigender Gott sollte nicht zur Aufgabe des Glaubens führen. Dafür plädiert der atheistisch-marxistische Philosoph Max Horkheimer, der sich vor allem in den letzten drei Jahren seines Lebens stärker mit der Religion befasste.

 Text: Max Horkheimer:  Sehnsucht nach dem ganz Anderen   (Buch Fb 12 S. 86)

  - das Unrecht der Welt bedingt im Menschen eine Sehnsucht nach Gerechtigkeit
  => Religion soll diese Sehnsucht nach dem "Ganz-Anderen" (eine philosophische Umschreibung für Gott, also
  jemanden, der aus irgendwelchen Gründen Gott nicht "Gott"! nennen will) offen halten und so einen Ausweg aus
  der angesichts des Unrechts in der Welt unlösbaren Sinnfrage zumindest offen halten.

3.3.7. Kirche als wanderndes Volk Gottes: Das Kirchenverständnis des II. Vatikanischen Konzils

  Das 19. Jahrhundert war geprägt vom Integralismus, einer katholischen Form des Fundamentalismus, dem heute noch viele nachtrauern. Die Kirche war von oben nach unten hierarchisch geordnet und ein Priester und gar ein Bischof oder gar der Papst selbst standen selbstverständlich ein paar Treppchen über dem Kirchenvolk. Heute nur noch scherzhaft gebrauchte Bezeichnungen wie "Hochwürden"  zeugen davon. Ansonsten sah sich die Kirche in permanentem Abwehrkampf gegen die "böse Welt".
   Papst Johannes  XXIII. durchlöcherte diesen Ansatz, indem er sich mit seinen Rundschreiben und Verlautbarungen an "alle Menschen guten Willens" wandte.

  Das II. Vatikanische Konzil griff solche Impulse auf und definierte das Selbstverständnis der Kirche neu unter dem Bild des "wandernden bzw. pilgernden Volkes Gottes". Dies setzt voraus, dass alle auf der gleichen Ebene unterwegs sind und grundsätzlich niemand ein Treppchen über dem anderen steht. Besonders sichtbar werden diese Gedanken in der Pastoralkonstitution "Die Kirche in der Welt von heute" ("Gaudium et spes"): das pilgernde Volk Gottes befindet sich auf dem Weg durch die Zeit.
   In Art. 21 heißt es: Alle Menschen, Glaubende und Nichtglaubende müssen zum richtigen Aufbau der Welt, in der sie gemeinsam leben, zusammenarbeiten.
   In der Dogmatischen Konstitution über die Kirche ("Lumen gentium") wird die Kirche als Zeichen der Einheit der Menschheit charakterisiert.
   In Art. 9 heißt es: Dieses messianische Volk hat zum Haupte Christus.
   In Art. 10 heißt es: Gemeinsames Priestertum aller Gläubigen und Amtspriestertum sind aufeinander zugeordnet.
   In Art. 12 heißt es: "Das heilige Gottesvolk nimmt auch teil an dem prophetischen Amt Christi". Dies heißt, dass es in seiner Gesamtheit nicht im Glauben irren kann. Ein Gottesvolk wohnt in allen Völkern der Erde. Angesprochen wird auch die Kollegialität der Bischöfewobei der Papst zunächst ein Mal auch nur ein Bischof, nämlich der von Rom ist.
   In Art. 33 wird der Glaubenssinn auch der Laien betont.

Die 1968 von Papst Paul VI veröffentlichte Enzyklika "Humanae vitae" (volkstümlich einseitig "Pillenenzyklika" genannt) wirkte vor allem durch die Abkehr vom  Konsensprinzip des II. Vatikanischen Konzils so verheerend, orientierte sie sich doch gegen die Mehrheit der beratenden Theologen an einer Minderheitsmeinung, welche drei Theologen vertraten und welche sich Papst Paul VI unter Berufung auf sein Gewissen zu eigen machte, nämlich dass künstliche Empfängnisverhütung in jedem Falle ein Verstoß gegen das göttliche Naturgesetz sei und daher den Katholiken nicht erlaubt werden könne.

  Der Wiener Pastoraltheologe Paul M. Zulehner beklagt, dass die Kirche heute oft Antworten auf Fragen gibt, die keiner gestellt hat, während die wichtigsten Fragen unbeantwortet bleiben. Nach Zulehner soll Kirche der Seele Obdach bieten. Das eigene Leben bezeichnet er als "kleine heilige Schrift", aus der es anderen vorzulesen gilt.
 
 
Zusammenfassung: 

    I. Vatikanisches Konzil (1870 - 1871): - Primat das Papstes über die Bischöfe
        - Infallibilität (Unfehlbarkeit) des Papstes in Glaubens- und Sittenfragen
               => Integralismus (Kleriker stehen über den Laien)
 

   II. Vatikanisches Konzil (1962 - 1965): Kirche wendet sich nach dem Willen von Papst Johannes XXIII. der Welt zu.

     => Öffnung der Kirche für alle Menschen “guten Willens”

     => Dogmatische Konstitution über die Kirche: “lumen gentium”

         - Kirche soll Zeichen für die Einheit der Menschheit sein
         - Christus als Haupt der Kirche
         - Zuordnung von Amtspriestertum und allgemeinem Priestertum für alle Gläubigen
         - das Volk Gottes in seiner Gesamtheit kann nicht im Glauben irren
         - Kollegialität der Bischöfe (auch Papst nur Bischof)
 

 

3.3.8. Gott in den anderen Kirchen und Weltreligionen
 

 3.3.8.1. Das Dekret über den Ökumenismus des II. Vatikanischen Konzils

     Verschiedenen Glaubensrichtungen im Christentum:
          - 1054: orthodox <> katholisch
           - 1520: evangelisch <> katholisch (“Reformation”)
          - Trennung von weiteren regionalen Gemeinschaften vom Vatikan

     Ziel:  Einheit der Kirche, da die Spaltung dem Willen Christi widerspricht

    => Anerkennung der anderen christlichen Kirchen und Aufforderung zum Dialog
    => Auseinandersetzung mit anderen Glaubensinhalten führt zum Besseren Ver-
        ständnis der eigenen Religion
    => Mitarbeit der gesamten Christenheit am Werk des Ökumenismus ist unerlässlich
    => bei Arbeit an der Vereinigung muss man die Hierarchie der Wahrheiten beachten, d.h. nicht
        alles ist gleich gültig.

     Vereinigende Merkmale der verschiedenen christlichen Richtungen:
         - Taufe als vereinigendes Band
         - Leben der Gnade, des Glaubens und der Hoffnung
         - Glaube an und Empfang der Sakramente
         - Sorge um Einheit
         - Die eucharistische Einheit ist leider bis dato noch nicht vollkommen hergestellt, d.h. sie besteht einseitig
           zwischen Katholiken und Orthodoxen, d.h. jeder orthodoxe Christ darf in der katholischen Kirche die
           Sakramente empfangen, aber nicht umgekehrt. Zwischen evangelischen und katholischen Kirchen besteht
           nach wie vor keine Mahlgemeinschaft.
 

 3.3.8.2. Die “Erklärung über das Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen des
               II. Vatikanischen Konzils

     Gemeinsamkeit mit anderen Weltreligionen:

Suche nach einer Antwort auf die gleichen ungelösten Fragen des Lebens!

         - Was ist der Mensch? Was ist das Sinn und Ziel des Menschen im Leben?
         - . . . ?
         - Was ist das Geheimnis der Existenz?

     Anerkennung d. Riten u. Glaubensinhalte d. Religionen durch die kath. Kirche

     Hinduismus:
         - Befreiung von der Enge das Daseins durch Zuflucht zu Gott
         => Schaffung einer Anzahl von Mythen
         => Meditation als vorherrschender Weg zu Gott

     Buddhismus:
         - vollkommene Befreiung von der veränderlichen Welt oder
          Erlangung der höchsten Erleuchtung
         - Schweigen als vorherrschender Weg zu Gott

     Islam:
         - Anbetung des alleinigen und allmächtigen Gottes
         => sittliche Lebenshaltung als Weg zu Gott
         => Gottesverehrung vor allem durch Gebet, Almosen und Fasten

     Verwerfung aller diskriminierenden Maßnahmen eines Volkes oder
      einer Religion gegen ein anderes Volk oder eine andere Religion

Judentum > Tanach
Christentum > Bibel    WORT                       SCHWEIGEN Buddhismus
Islam > Koran

                                                 HANDELN IN LIEBE
                                                           Hinduismus

Judentum, Christentum und Islam sind als klassische Offenbarungsreligionen mit gemeinsamer Wurzel als 'abrahamitische' Religionen dem Wort verpflichtet. Tenach, Bibel und Koran haben in diesen Religionen eine fundamentale und gemeinschaftsbildende Bedeutung.
Der Buddhismus geht den Weg des Schweigens, bezog doch in der strengen und ursprünglichen Form des Buddhismus der Buddha selbst zur Gottesfrage keine Stellung. Die Frage, ob ein Gott ist oder kein Gott ist, wird nicht behandelt, was dem Buddhismus oftmals den Vorwurf einbrachte, eine letztlich atheistische Religion zu sein. In der meditativen Versenkung nähert sich der Buddhist dem Urgrund allen Seins.
Der Hinduismus besitzt trotz grundlegender Schriften wie der Veden oder der Upanischaden keine verpflichtende Lehraussage, sondern erweist sich in jeder Beziehung als äußerst tolerant. Im hinduistischen Himmel finden ca. 200 bis 300 Millionen Götter ihren Platz. Mangels einer für alle verbindlichen Lehre  kommt dem Handeln in/aus Liebe auf dem Weg zur Erlösung der entscheidende Stellenwert zu.

vgl. 1. Semester Punkt 2.2: Redeweisen von Gott

Anmerkung: Nach der Weltbischofssynode 1994 veröffentlichte Papst Johannes Paul II. 1996 ein sogenanntes nachsynodales Schreiben unter dem Titel "Vita consecrata" - über das geweihte Leben. Darin bittet Johannes Paul II. die Ordensleute, alles zu tun, damit zwischen Christen die Mauern der Trennungen niedergerissen werden. Zudem werden die Ordensgemeinschaften ausdrücklich dazu ermutigt, mit monastischen Traditionen anderer Religionen den Dialog zu pflegen. Einschlussweise bejaht der Papst also beispielsweise den Austausch zwischen christlichen und buddhistischen Mönchen.

3.4 Gotteserkenntnis

3.4.1. Zur Geschichte der Gottesbeweise

3.4.1.1. Die griechische Antike

3.4.1.1.1. Platon (427 - 347 v. Chr.): Der Evidenzbeweis

    - Grundlage ist die Ideenlehre: neben der Wirklichkeit gibt es das Reich der "idealen" Welt (Ideenwelt)
      Verdeutlichung durch Platons "Höhlengleichnis" (vgl. entsprechendes Textblatt)

      Die Seele ist im Reich der Ideen bereits präexistent, in ihrem irdischen Dasein bis auf wenige
      Erinnerungsfetzen aber erinnerungsbeschränkt. Nach dem Tod wird die Seele wieder aus dem
      Materiegefängnis des Leibes befreit und kehrt in das Reich der Ideen zurück.

    => Diese Welt ist hierarchisch geordnet und gipfelt in einer höchsten Idee: Das Gute und Schöne

    => Gott ist der Inbegriff des Guten, was einleuchtend (= evident) ist
    => Evidenzbeweis

Von seiner Ideenlehre her kommt Platon zu einer Grundidee des Guten (Was "gut" ist, kann der Mensch nur auf Grund einer (Erinnerungs-)Ahnung vom Urbild des Guten wissen!) und von daher zur Annahme der Existenz eines Wesens (= Gott), das unendlich gut und ewig ist und die Welt prägt.
 
 

3.4.1.1.2. Aristoteles (384 - 322/321 v. Chr.): Der Bewegungsbeweis

Grundlegende Begriffe: “Aktualität” – “Potentialität” – “Syllogismus”

    - Irgendwo muss aber die Kette des Werdens, der Umwandlung von Potenzialiät in Aktualität ihren Ausgang
      genommen haben. Der erste Anstoß, die erste Wirklichkeit ist ein Wesen, das unveränderlich ist und die Welt des
      Vergehens und Werdens verursacht, ohne selbst durch irgendetwas Anderes verursacht worden zu sein.

 Aristoteles führte seinen "Gottesbeweis" in strenger Form mittels des von ihm selbst entwickelten logischen  Schlussverfahrens, “Syllogismus” genannt.

Bewegungsbeweis

        ° Obersatz: empirische Beobachtung: In der Natur gibt es Bewegung, z.B. Wind bewegt Blätter
 

        ° Untersatz: “ jede Bewegung wird von etwas anderem angeregt (angestoßen), nichts kann sich
                               selbst die Bewegung geben” (>Wind)
                               Potentialität : Möglichkeit einer Bewegung durch Anstoß
                               Aktualität : tatsächliche Bewegung
                               (=> Bewegung ist der Übergang von der Potenz zum Akt)

        ° Ausschluss des "Regressus in infinitum: "Die Reihe der Bewegungen kann nicht bis ins Unendliche
                                                                                   fortgesetzt werden”

        ° Schlussfolgerung (Conclusio): => es muss einen ersten Beweger geben, der selbst unbewegt ist
                                                                        (und der transzendent ist)
                                                              => Beweis für die Existenz Gottes
 

Der Bewegungsbeweis zur Existenz Gottes geht von dem Obersatz – einer empirisch
nachprüfbaren Tatsache – aus und leitet dann über einen Untersatz – einer logischen
Annahme – unter Ausschluss des “regressus in infinitum” den Schluss her, dass es eine
transzendente Wesenheit geben muss, die selbst unverursacht, aber dennoch die Ursache von allem ist.

3.4.1.1.3. Die Stoiker (Zenon) (ca. 300 v. Chr.): Zweckmäßigkeitsbeweis

    - Kosmos als Werk einer vernunftbegabten Wesenheit, kein Werk des Zufalls
     => Bsp.: “Buch als zufälliges Zusammensetzen von Buchstaben”

   - Ordnung und Zielstrebigkeit der Welt als Hinweis auf Gott
     => Bsp.: “Mann am Hafen” (einfahrendes Schiff => Voraussetzung eines Steuermanns)
     => beim Blick in den Himmel erkennt man, dass es auch einen “Steuermann” dieses
          Systems geben muß

    - Durchsetzung unserer Welt mit dem göttlichen Weltgeist (LOGOS). Der "logos" ist quasi die Seele der Welt.
    => Zweckmäßigkeitsbeweis

Die Stoiker sehen die Welt als Werk einer vernunftbegabten Wesenheit, deren Ziel die
Erschaffung des Kosmos gewesen ist und deren Logos auch unsere Welt durchsetzt.
In der Zweckmäßigkeit und Schönheit der Welt sehen sie die Existenz Gottes begründet.
 
 

 3.4.1.2. Die römische Antike

3.4.1.2.1. Marcus Tullius Cicero (106 - 43 v. Chr.): Historischer bzw. ethnologischer Gottesbeweis

    - Cicero gilt als Vertreter der jüngeren Stoa

 Da alle Völker an Götter glauben, muss der Gottesglaube eine Veranlagung sein, die
 dem Menschen durch den göttlichen Weltgeist mitgegeben worden ist. So muss man die
 Existenz von Göttern bzw. Gott annehmen.
 

3.4.1.2.2. Aurelius Augustinus (354 - 430 n. Chr.): Noetischer Gottesbeweis

    - Gott als höchstes ewiges, unwandelbares, notwendig seiendes Wesen
    - Ursache der höchsten Wahrheiten der Religion, Ethik, Ästhetik, Logik, Mathematik ist Gott
    - Gott als höchste, ewige und in sich bestehende (unabhängige )Wahrheit

Der noetische Gottesbeweis besagt, dass alle Wahrheit, Güte und Schönheit  unserer Welt ihre Ursache in einem höheren,  Wahrheit, Güte und Schönheit  erst den Sinn und die Berechtigung gebenden, Wesen haben. Im Tierreich haben Wahrheit, Güte und Schönheit kein Vorbild, auch im menschlichen Bereich nicht. Also müssen die Begriffe von Wahrheit, Güte und Schönheit aus dem übermenschlichen Bereich stammen von einem  Wesen, das selbst zeitlich und räumlich unendlich sein muss und als Wahrheit in sich selbst bestehen kann.
 

 3.4.1.3. Das Mittelalter

3.4.1.3.1. Anselm von Canterbury (1033 - 1109): Ontologischer Gottesbeweis

      (Buch Fb12, S. 77)

    - Gott kann als Absolutes vom Vergänglichen (Kontingenten) aus nicht erreicht werden. Also versucht Anselm die
      innere Evidenz des Absoluten nachzuweisen.

  Grundvoraussetzung: Etwas Gedachtes und tatsächlich Vorhandenes ist mehr wert als etwas nur Gedachtes!
                                      Beispiel: Eine auf dem Tisch vorhandene echte Mahlzeit ist besser als eine nur gedachte!

        Glaube an die Hierarchie der Seins-Begriffe
       => Gott muss als des Daseins Fülle das Größte sein
       => Gott kann nicht nur in unserem Denken sein, denn dann wäre etwas noch Größeres
            denkbar, nämlich ein Wesen, das auch tatsächlich existiert.
       => Gott muss als das Größte also auch in der Wirklichkeit existieren

   Der ontologische Gottesbeweis versucht Gott nicht aus der Logik des Menschen heraus zu erklären, sondern aus der eigenen Existenz. Da Gott das höchste Wesen ist, kann er nicht nur in unserem Denken existieren, weil sonst durch die Beschränkungen der Kontingenz eine noch größere Wesenheit existieren könnte. Folglich existiert Gott auch in  Wirklichkeit.
 
 

3.4.1.3.2. Thomas von Aquin (1225 - 1274): Die “quinque viae ad Deum”

 (Buch Fb12, S. 78 - 80)

    - Ausgehen von der Abstraktion der Erfahrung
    => Beweise in Form des Syllogismus

    - Existenz oder Sein ist analog zu sehen – jedes Sein ist also ähnlich
    => der Begriff des Seins gilt bis zur Existenz Gottes hin

     Gottesbeweise des Thomas von Aquin:

          ° via I: ”Bewegungsbeweis” (siehe Aristoteles)

          ° via II: ”Kausalitätsbeweis”
             => Über- und Unterordnung von Wirkursachen
             => nichts in der Welt kann in sich selbst die Ursache haben,
              denn dann müßte es sich in seinem Sein vorausgehen
             => Gott als notwendige erste Wirk- und Entstehungsursache

          ° via III: ”Kontingenzbeweis”
             => Ursache der (“notwendigen) Lebewesen in sich selbst
             => keine Verfolgung dieser Kette bis ins Unendliche möglich
             => Gott als notwendig existierendes Wesen und als Ursache des Lebens

          ° via IV: ”Stufenbeweis” (siehe Platon bzw. Augustinus)

          ° via V: ”Finalitätsbeweis”   ”teleologischer Beweis”
             => jegliches Sein hat ein bestimmtes Ziel
             => Gott als notwendiger ordnender Geist (vgl. Stoiker / Zenon)

Die Grundlage des Gottesbeweises durch Thomas von Aquin bildet die Analogie des Seins-Begriffes.
So können 5 Wege zu Gott führen: Der Bewegungsbeweis sieht Gott als erste ansto-
 ßende Wesenheit an,  wobei der Kausalitätsbeweis Gott als die erste unverursachte Ur-
 sache anerkennt und der Kontingenzbeweis ihm die Eigenschaft des Schöpfers allen
 Lebens zuspricht. Der Stufenbeweis beschreibt Gott als das höchste Wesenheit und
 nach dem Finalitätsbeweis ist er der ordnende Geist hinter allem Leben.
 
 
 

3.4.1.4. Die Neuzeit: Immanuel Kant (1724 - 1804) – genannt der “Allzermalmer”

 (Buch Fb12, S. 82 - 83)

Die Biografie Immanuel Kants bietet ein Bespiel dafür, wie ein ausgesprochener Provinzler, der kaum je seine Heimatstadt Königsberg verließ, trotz der damit verbundenen Isolation allein aus der Kraft des Geistes Erkenntnisse gewinnt, welche die Anschauungsgrundlagen der Menschheit veränderten. In gewisser Weise ergeben sich hier Parallelen zwischen Kant und Einstein, deren beider Erkenntnisse zunächst ein Mal ja nur theoretischer Natur waren, die aber dennoch in der Folgezeit das Denken revolutionierten. So wie Einstein die Physik revolutionierte, so stellt das Werk Kants einen Wendepunkt in der Geschichte der Philosophie dar. Kant beschäftigte sich mit dem seit alters her als Metaphysik bezeichneten Denken und fragte nach den Bedingungen von Wirklichkeit.

Dabei erkannte er: Der menschliche Geist ist nicht in der Lage hinter die sichtbare Wirklichkeit zu blicken. Sein Erkennen ist schon deshalb nicht objektiv und neutral, weil in seinem Geist unbewusst die Vorstellungen von Raum und Zeit am Werk sind und der Mensch diese Maßstäbe auf das zu erkennende Objekt anwendet. Die Wirklichkeit zeigt sich dem Menschen also subjektiv auf Grund der besonderen Vorgegebenheiten seines Geistes. Aus dieser Erkenntnis heraus widerlegt er die früheren Gottesbeweise und nimmt ihnen die bis dahin geglaubte Beweiskraft.

           - kosmologisch: vgl. viae I, II, III des Thomas von Aquin
             => Es gelten nicht dieselben Regeln für Immanenz und Transzendenz
             => kein allgemeines Kausalitätsprinzip möglich

          - ontologisch: vgl. Canterbury
             => es können auch Dinge gedacht werden, die nicht real existieren

          - teleologisch: IV des von Aquin
             => Ordnung als Erfahrung der Immanenz; es gibt aber auch die Erfahrung von Chaos und Unordnung
             => kein Beleg für eine Ordnung der Transzendenz
 

      In seinem Denken beschäftigte sich Kant mit dem Verhältnis von Gott, Freiheit und Unsterblichkeit. Dass man im Hinblick auf diese drei Fragekomplexe zu keinen gesicherten Antworten gelangen kann, liegt im Wesen der menschlichen Vernunft begründet.

          - Einteilung der Vernunft:
             => theoretisch: Scheitern der auf der reinen Vernunft begründeten
               Gottesbeweise, da den Menschen kein zwingender
               rationaler Beweis für das Transzendente möglich ist
             => Die Vernunft  kann aber auch die Existenz Gottes nicht widerlegen
             => dem Menschen ist der Gottesgedanke “a priori” mitgegeben
             => praktisch: praktisches Handeln, bei dem man auf eine unbedingte
                  Verpflichtung stößt. Was Kant als "praktische Vernunft" bezeichnet, könnte man auch
                  Gewissen nennen.

Kant war beileibe kein gottloser Mensch. er fühlte sich gedrängt, auf seine Weise die Existenz Gottes aufzuzeigen. Sein Weg wird in der Geschichte der Philosophie als "moralischer Gottesbeweis'" bezeichnet.
 

          - Entwicklung der Postulate (Gebote der Vernunft) zum Beweis Gottes:

              => Die menschliche Erfahrung zeigt: Es gibt ein Widerstreben von Neigung und Pflicht
             => Doch ist der Mensch nur glücklich, wenn er den Gegensatz zum harmonischen Ganzen vereinen
                   kann

              => Das erste POSTULAT der praktischen Vernunft ist die Willensfreiheit:
                ° Freiheit als Muss, um Neigung und Pflicht vereinen zu können
 

                ° bei sittlichem Handeln muss der Mensch ein Lebensziel haben, auf Dauer schafft es aber
                    niemand,  Pflicht und Neigung in sich zu vereinen.
                ° es muss ein Leben über den Tod hinaus geben
              => Das zweite POSTULAT ist die Unsterblichkeit der Seele:
 

                ° Es muss nun ein Wesen geben, das Neigung und Pflicht perfekt vereint,
                ° ein Wesen, das die Unsterblichkeit garantieren kann
              => Das dritte POSTULAT der praktischen Vernunft ist die Existenz Gottes

        Darin besteht die moralische Gotteserkenntnis nach Kant. Diesen Weg nachvollziehen kann aber nur jemand, der wie Kant ein ausgeprägtes Pflichtgefühl hat wie er. Etwas chaotisch veranlagtere Gemüter mögen durchaus bezweifeln, ob das Glück des Menschen ausgerechnet darin besteht, Pflicht und Neigung zur Deckung zu bringen. Kant jedenfalls besaß das Pflichtgefühl eines preußischen Beamten, sein Leben war von Pedanterie und Pünktlichkeit geprägt. Jeden Tag stand er um fünf Uhr morgens auf. Pünktlich um zehn Uhr legte er sich schlafen. Darüber berichtet ein Zeitgenosse: "Durch vieljährige Gewohnheit hatte er eine besondere Fertigkeit erlangt, sich in die Decken einzuhüllen. Beim Schlafengehen setzte er sich erst ins Bett, schwang sich mit Leichtigkeit hinein, zog den einen Zipfel der Decke über die eine Schulter unter dem Rücken durch bis zur andern und durch eine besondere Geschicklichkeit auch and andern unter sich und dann weiter bis auf den Leib. So emballiert und gleichsam  wie in ein Kokon eingesponnen, erwartete er den Schlaf."

Zusammenfassung: Nach Kant sind alle auf der reinen Vernunft begründeten Gottesbeweise zum Scheitern verurteilt, da dem Mensch ein zwingender Beweis für die Existenz des Transzendenten nicht möglich ist, und somit der kosmologische, der ontologische wie auch der teleologische Gottesbeweis widerlegt. Er beschreitet den Weg eines moralischen Gottesbeweises, für den er Postulate formuliert, indem er von der Grundidee der Differenz von Neigung und Pflicht ausgeht. Weil der Mensch diese vereinen will, um vollständig glücklich werden zu können, muss er vollständig frei sein (WILLENSFREIHEIT). Handelt er nach sittlichen Normen, so muss es die Transzendenz geben, da diese Regeln sonst gegenstandslos wären (UNSTERBLICHKEIT DER SEELE). Dies führt aber zur Erkenntnis der EXISTENZ GOTTES, der die Transzendenz erst möglich macht.
 
 

3.4.2. Zur Beurteilung der Gottesbeweise
 

 3.4.2.1. Allgemeine Kritik

     Gott und Beweis passen nicht zusammen
       => “Jahwe” drückt die Unbegreifbarkeit Gottes aus
         (Ich werde als der da sein, als der ich da sein werde)
       => Bonhoeffer: “Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht”

     “Gottesbeweise” sind große Gedankengebäude mit dem Ziel zu zeigen,
      dass es etwas gibt, was “die Welt / im Innersten zusammenhält” (Faust)
      und ihr ein Ziel, einen Sinn und Halt gibt.

     Wenn man die Existenz Gottes nicht beweisen kann, so kann man aber
      auch seine Nichtexistenz nicht beweisen.

     Trotzdem handelt es sich bei den Gottes"beweisen" trotz verlorener Beweiskraft  um großartige Zeugnisse menschlichen Denkens. Noch immer sind sie in der Lage, Argumente für die Existenz Gottes im sinne von "Gotteserweisen" zu liefern. Auch die Pyramiden haben ihre altägyptische sakral-religiöse Bedeutung verloren, aber dennoch stehen Menschen auch heute noch staunend davor ...

3.4.2.2. Glauben ohne Beweise – Blaise Pascal: “Die Wette”
                   (Buch Fb 12 S. 80/81 Blaise Pascal "Die Wette")

     bei aller Macht der menschlichen Vernunft kann man doch keine Erkenntnis
      über die Existenz Gottes erlangen
    => man steht an einem Abgrund

     man kann an Gott glauben, muss es aber nicht
    => irgendwann wird sich herausstellen, ob er existiert oder nicht
     => der, der glaubt, hat die Gewissheit über Gott und das Wissen, im rechten Glauben
       gelebt zu haben
     =>der, der nicht glaubt, hat letztlich nur die Gewissheit, Recht behalten zu haben
    Stellt sich heraus, dass es keinen Gott gibt, ändert sich für beide eigentlich nichts. Stellt sich aber heraus, dass es
    Gott gibt, so gewinnt derjenige, der sein ganzes Leben schon an ihn geglaubt hat.

    => es geht nicht um die Gottesfrage, sondern um die Sinnfrage, die mit dieser unmittelbar
      zusammenhängt.

Auch wenn es heute keine "Beweise" für die Existenz Gottes mehr gibt, so kann der Glaube dennoch nicht ohne vernünftige Begründung auskommen:
=> Methode der Konvergenz:  Es geht um die Bündelung der Argumente / Erfahrungen
      (Modell der Hängebrücke: Der einzelne Draht vermag die Brücke nicht zu tragen, wohl aber das aus
       Drähten geflochtene Seil) - Ebenso tragen die guten Glaubensargumente den Glauben!

Rheinbrücke in Rees  / Foto: R. Pfeiffer (10.04.2007)

In diesem Sinne rechtfertigte Max Planck auf einem wissenschaftlichen Symposium 1937 seinen Gottesglauben. Für ihn, den Mitbegründer der Quantentheorie, stand fest: Materie kann ohne Geist nicht existieren (Ähnlich sagte dies Dr. Thomas Görnitz bei einem vom "Wissenswerk Landshut" in der FH Landshut veranstalteten Podiumsgespräch im November 2002). Er - so Planck- schäme sich nicht, dieses Geistwesen, diesen geheimnisvollen Schöpfer hinter der Materie so zu nennen, wie ihn alle alten Kulturvölker der Erde seit Jahrtausenden nennen, nämlich GOTT.  (siehe Buch Fb12, S. 84)

> Weitere Bekenntnisse großer Forscher zum Verhältnis von Naturwissenschaft und Gottesfrage

Zu warnen ist allerdings vor der Gefahr, aus dem Glauben eine reine Vernunftangelegenheit machen zu wollen. Dieser Versuchung hat die ganz junge Kirche im 1. Jahrhundert - Spuren dieser Auseinandersetzung finden sich selbst in neutestamentlichen Schriften wie dem Johannesevangelium - widerstanden und die gnostischen Strömungen (Gnosis = Erkenntnis; diese Lehre des 1. Jahrhunderts ging quasi von einer Selbsterlösung des Menschen durch Erkenntnis aus), welche das junge Christentum einkassieren wollten, zurück gewiesen. Glaube ist nicht an intellektuelle Erkenntnis gekoppelt, sondern Gnade, Geschenk Gottes, welches  jedem Menschen, auch dem geistig unvermögenden, zu Teil werden kann. So gesehen, tut die Katholische Kirche recht daran, dass sie Symbole und Zeichen in den Mittelpunkt des Gottesdienstes stellt, welche auch die Sinne und das Gefühl ansprechen, denn der Mensch besteht nicht nur aus Intellekt. 

Andererseits steht am Gymnasium ganz bewusst "Religionslehre" auf dem Programm. Diese ist die Vernunft und das Verstehen gekoppelt, aber keinesfalls mit "Religion" gleich zu setzen. Der Glaube eines einfachen Hinterwäldlers kann überzeugender und stärker sein als der eines Theologieprofessors, der sicherlich sehr viel mehr über den Glauben weiß. 

 

4. Gottesbestreitung und Religionskritik

4.1. Ludwig Feuerbach
 

Ludwig Feuerbach wurde 1804, im Todesjahr von Immanuel Kant, in unserer Stadt Landshut geboren. Vielleicht ist Landshut zu katholisch, jedenfalls gibt es in der Stadt keinen direkten Hinweise auf ihn - die Feuerbach-Straße ist laut Adressbuch seinem Vater, dem Rechtsgelehrten Anselm Feuerbach gewidmet, ebenso die Inschrift an Ludwig Feuerbachs Geburtshaus in der Neustadt 457, die ihn aber zumindest neben seinem Bruder Friedrich Feuerbach - beide werden als Philosophen vorgestellt - namentlich erwähnt.

Tafel am Haus Neustadt 457, Landshut    Foto: R. Pfeiffer (Jan. 2007)

      3 Phasen des Ludwig Feuerbach (im Laufe seines Studiums):

         1.) Theologiephase
         2.) Philosophiephase
         3.) Anthropologiephase

     => Theologie muss zur Anthropologie werden!!!
 

      Religion ist die Entfremdung des Menschen von sich selbst

      Gott ist ein unbewusster teil des menschlichen Selbstbewusstseins.

         - Umdrehung des Satzes der Schöpfungserzählung: :
            "Der Mensch schuf sich Gott nach seinem Bild und Gleichnis"
               => Gott als Projektion menschlichen Wesens, wobei es sich nach Feuerbach um das unbewusste
                    Selbstbewusstsein des Menschen selbst handelt.
 
 

         => THESE:       Religion ist das Verhalten des Menschen zu sich selbst
         => ANTITHESE:  Mensch – Gott
                     ° Mensch als das schlechthin Negative
                      ° Gott als das schlechthin Positive
                      => Entzweiung des Menschen mit sich selbst

                                          Gott ist  unendlich, unsterblich
                                                        allwissend, allmächtig
 

                                         Der Mensch ist endlich, sterblich, ohnmächtig

   Zu größerer Reife gelangt der Mensch, wenn er diese Illusion, d.h. die Projektion durchschaut und
   Gott die genannten Eigenschaften ab- und sich selbst zuspricht. Da der Mensch nun das höchste Wesen ist, das
   existiert stellt Feuerbach die Forderung nach einem Humanismus als angemessener Form des Umgangs zwischen
   Mensch und Mensch auf: > Homo homini deus! Der Mensch ist das höchste Wesen, nicht Gott!

 

 

      Einwände gegen Feuerbach:

Positiv an Feuerbach ist zu würdigen, dass er aufzeigt, dass das Entstehen von Gottesbildern immer der Gefahr unterliegt, dass darin unbewusste Wünsche enthalten sind bzw. die Oberhand gewinnen.  In den Punkten 3.1.2. und 3.1.3. des 1. Semesters wurde hierauf näher eingegangen. 

 

4.2. Der Marxismus

       Weiterführung von  Feuerbach: Für Marx stand fest, dass Feuerbach zur Religion fast alles
                                                          gesagt hatte,  was es zu sagen gab, nur habe er die sozialen Ursachen außer
                                                          Acht gelassen. Marx betrachtete deshalb die Religion vom
                                                          gesellschaftlichen Standpunkt her:
 
Ideologischer Überbau:    Staat, Politik, Kultur, Religion, Philosophie
Materie / wirtschaftliche Verhältnisse 

Der eigentlich alles bestimmende Faktor ist die Materie  in Form wirtschaftlicher Verhältnisse. In Abhängigkeit davon entwickelt sich je nach den Gegebenheiten der "ideologische Überbau". Marx erlebte die Zeit des Kapitalismus im 19. Jahrhundert und damit das Elend der Arbeiterschaft hautnah. Dabei stufte er die Religion folgendermaßen ein:

     => Religion spendet dem geschundenen Menschen Zuflucht und Trost

     => Religion ist eine Flucht vor der Wirklichkeit (“Opium des Volkes”)*

     => Menschen müssen die Illusion durchschauen und sich nicht von der Kirche
           abhängig machen

     => Nur durch Änderung der wirtschaftlichen Verhältnisse, d.h. durch Revolution,  können sie ihre Position
           verbessern. Geht es den Arbeitern erst ein mal gut, wird sich das Thema Religion von alleine erledigen, denn
          dann bedürfen die Arbeiter nicht mehr der Religion als Opium, d.h. als Trostmittel, das sie  im Elend auf
          ein besseres Jenseits vertröstet.



* Anmerkung: "Opium des Volkes" heißt es bei Karl Marx, denn die verelendete Arbeiterschaft benutzt die Religion als Droge, um Trost in
                           an sich trostloser Lage zu finden. Bei Lenin heißt es schließlich "Opium für das Volk". Dies unterstellt, dass die Mächtigen der
                           Unterschicht die Religion als Droge verabreichen, damit sie ihre Situation klaglos ertragen und Ruhe geben.
 

4.3. Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844 - 1900)

Sein Werk ist nicht systematisch aufgebaut, sondern in vielen Schriften finden sich zerstreut seine Gedanken.
Nietzsche besticht auch heute noch durch seine Sprachgewalt.

Religion als Illusion:   Gott ist tot! Nietzsche verkündet den Tod Gottes!

     Parallele zu / Anlehnung an Darwin: Übertragung der Evolutionstheorie auf den Menschen

       => Leben als Kampf
       => Wille zur Macht prägt das Sein
       => die Stärksten müssen nach Nietzsches Vorstellung an der Macht sein

       => Nietzsche bestreitet, dass der Mensch einen freien Willen hat. Er ist einem blinden Schicksal unterworfen. (Psychologischer                     

            Determinismus)

       => Religionskritik:  Nächstenliebe als verlogene Auslegung des Lebens durch die Schwachen
       => Deshalb strebt er nach der Abschaffung der Moral: Umwertung aller Werte

       => Entlarvung der Religion als Menschenwerk führt zum
       => Tod der Gottesidee

       => Menschen können sich durch diesen Freiraum die Moral selbst definieren
       => Menschen können ohne Gott auskommen

       => Der Übermensch ist Nachfolger des toten Gottes. Er schafft sich, unschuldig wie ein Kind, ständig seine
             Werte neu. Das Dasein ist ein ewiger Kreislauf des Werdens und Vergehens ohne Zweck und Ziel.
 

       => Der jetzige Mensch stellt die Vorstufe zum Übermenschen dar. Nietzsche vergleicht ihn mit einem über einen
            Abgrund gespannten Seil (zwischen Tier und Übermensch).

P.S.: Nietzsche ist keinesfalls der Ahnherr des Nationalsozialismus, doch bedienten sich die Nazis gerne bei ihm, da seine Ansichten sehr gut zur nationalsozialistischen Ideologie passten und sich somit verwerten ließen.
 

4.4. Sigmund Freuds psychoanalytischer Atheismus
 

     empirische Bestimmung des Menschen:
 


                     Bewusstsein
                     Unterbewusstsein

                     Das Unbewusste
 

              => aus dem Unbewussten kommen die meisten Impulse
                für das Verhalten des Menschen her
              => der Mensch ist gar nicht wirklich frei
 

                                  ICH
                                 EGO
       ES                                 ÜBER-ICH
    ID                                    SUPEREGO

      Freuds Strukturmodelle der menschlichen Psyche sind miteinander nicht kompatibel, sondern sind als grundsätzlich verschiedene Ansätze zu sehen. Vieles von dem, was Freud im 1. Strukturmodell im Unbewussten ansiedelt findet sich beim 2. Strukturmodell in den Bereichen des "Es", aber auch des "Über-Ich".

Das "Es" (engl. "Id") umfasst vor allem die vitalen Treibkräfte des Menschen, die sogenannte Libido. Das "Es" arbeitet nach dem Lustprinzip. Im Bereich des Über-Ich (engl. "Superego") finden sich auf Grund der Erziehung die aus der Umwelt übernommenen Wert- und Moralvorstellungen. Quasi dazwischen befindet sich als Steuerungsmechanismus das überwiegend dem Bewusstsein zuzuordnende "Ich" (engl. "Ego"), welches nach dem Realitätsprinzip arbeitet und versucht zwischen den Impulsen des "Es" und den Verboten des "Über-Ich" den Mittelweg zwischen Lust und Unlust zu finden oder konkret: Wie viel Lust kann ich mir leisten, ohne dass die Unlust in Form von Sanktionen und nachteilen und evtl. auch Schmerz zu groß wird.

Beispiel aus der Schulsituation: Sonnenschein, 25 Grad,  Religionsunterricht am Nachmittag von 14.00 - 14.45 Uhr - kein Schüler hat Lust in den Unterricht zu gehen, jeder hat Lust in der Sonne zu liegen, doch gibt man diesen Impulsen nach, könnte böse Worte des Lehrers oder gar Schulstrafen Unlust erzeugen. Oder der Unterricht wird wann anders nachgeholt. Also sagt das "Ich": besser in den Unterricht gehen (Realitätsprinzip).
 

          Das Leben wird als Auseinandersetzung zwischen dem "Eros" genannten Lebenstrieb und einem von
          Freud angenommenen Todestrieb, dem "Thanatos" gesehen, wobei der Thanatos letztlich den Sieg
          davon trägt.
 

         => In keinem der Modelle haben die einen freien Willen, da sie stets
              vom Unbewussten bzw. durch Es und Überich gesteuert werden.
 

     Der Ursprung der Gottesidee nach Freud:

         => Religion ist Wunschdenken und gründet auf infantilem Verhalten
         => Vergleich des religiösen Verhaltens mit infantilem Verhalten

         => Frage:  Wie kommt der Mensch auf die Gottesidee?

           - Hilflosigkeit des kleinen Kindes
           => Lebensangst und Suche nach Schutz
                           starke Wünsche des Kindes / Menschen: - Sehnsucht nach Gerechtigkeit
                                                                                                  - Frage nach der Herkunft der Welt

Beim kleinen Kind werden diese Wünsche durch den leiblichen Vater abgedeckt. Stirbt der leibliche Vater schafft sich der Mensch in seiner Hilflosigkeit und Verzweiflung für das weitere Leben einen Übervater (=GOTT). Nach Freud entsteht also der Gottesglaube an der Bahre des leiblichen Vaters.

Die Gottesidee bezeichnet Freud als  ILLUSION. Eine Illusion beinhaltet eine Wunschvorstellung, der Erfüllung zumindest sehr unwahrscheinlich ist, auch wenn ihre Nichterfüllbarkeit nicht bewiesen werden kann. Hält der Mensch nun an so einem falschen Verhältnis zur Wirklichkeit fest, so spricht man von einer Wahnidee. Dies geschieht für Freud durch die Religion, welche also letztlich eine Wahnidee beinhaltet und damit von Freud als krankhaft angesehen wird.

Bereits ein Freund Freuds, der Schweizer Pfarrer Pfister, hakte hier ein und warf Freud vor, dass er praktisch ausschließlich kranke Formen von Religiosität kennen gelernt habe. Die Religion des Erwachsenen sei anderer Natur und jedem Erwachsenen sei einsichtig, dass er seine Problem nicht durch Wunschdenken in den Griff bekommen könne.
Auch der Psychologe Carl Gustav Jung, ein Schüler Freuds, spricht von Freuds chronischer Unfähigkeit, Religion zu verstehen. Für ihn, den Begründer der Tiefenpsychologie ist sogar jedes psychische Problem jenseits der Lebensmitte grundsätzlich ein religiöses Problem.
Freuds Ansatz ist materialistisch bzw. empirisch. Von vorne herein kann es aus diesem Grund für ihn keinen Gott geben. Auch streng philosophisch befasste er sich nie mit dem Gottesbegriff und somit auch nicht mit den philosophischen Argumenten für oder gegen eine Existenz Gottes.
 

Links:
Freud-Museum, London

4.5. Der französische Existenzialismus

4.5.1. Albert Camus: Atheismus als Protest gegen das Leid in der Welt (siehe Punkt 1.3.2. der Gliederung)

4.5.2. Jean-Paul Sartre: Atheismus im Namen der Freiheit!

     Aufteilung der Vorstellungen vom Sein in:

          - être-en-soi:    “an sich sein” (Harmonie)
             => Essenz geht der Existenz voraus  (Bsp.: Handwerk - ein Handwerker entwirft sein Produkt zunächst
                   im Kopf und setzt dann den Plan um. Ergebnis ist das fertige Produkt.)

          - être-pour-soi:  “für sich sein” (charakteristisch für den Menschen, der über sich selbst nachdenken, sich
                                      selbst zum Objekt seines Verstandes machen kann.)
             => Existenz geht der Essenz voraus
             => der Mensch wird in die Welt gesetzt und weiß eigentlich gar nicht,
                   was es überhaupt bedeutet, Mensch zu sein. Der Mensch muss sich im Laufe seines Lebens
                   selbst  definieren. (Der eine definiert sich als Wissenschaftler, der andere als Revolutionär, der
                   andere definiert sich als Verbrecher, d.h. sie alle entwickeln Modelle des Menschseins.)

     Grundidee: Existenz des Menschen ist letztlich sinnlos

             => selbständige Sinngebung des Menschen
             => ständiges Suchen nach neuen Zielen
             => Grundgefühl des Ekels

     Volle Verantwortlichkeit des Menschen für sich selbst

     selbständige Wertsetzung durch den Menschen:
             => Bindung des eigenen Aktes an die Gesellschaft
             => ungeheure Verantwortung, die Gefühle der Angst, der Verlassenheit
               und der Verzweiflung hervorruft
             => Nährung des Grundgefühls des Ekels

     unbedingte Freiheit des Menschen:
             => um sich selbst definieren zu können, muss der Mensch frei sein
             => Verdammung des Menschen zur Freiheit
             => Gott kann nicht existieren, da er auf Grund göttlicher Vorhersehung die Freiheit einschränken würde;
                   göttliche Vorhersehung beinhaltet ja den Gedanken, dass der Mensch sich gar nicht anders entscheiden
                   kann, selbst wenn er wollte.

     trotziger Entschluss des “Handelns des Menschen ohne Hoffnung”. Dies verlangt Heroismus.
             => Selbstmord ist kein Ausweg
             => Sartres Ziel: Atheistischer Humanismus

     Transzendenz bedeutet bei Sartre - er verwendet dieses Wort in seinem eigenen Sinn -  "Ich-
     Überschreitung" (im Sinne einer Weiterentwicklung der Essenz)
 

4.6. Positivismus und Neopositivismus
 

      Positivismus:    Als existent gilt nur das Mess- oder Zählbare.
                                Das Transzendente wird somit völlig ausgeblendet.

      Neopositivismus:  Wiederaufleben des Positivismus im 20. Jh.

         => Erklärung der Welt durch die Wissenschaften
           (Mathematik, Physik, Biologie, Chemie, Logik als einzig wahre Wissenschaften)

         => neopositivistische Grundeinstellung bei sehr vielen Menschen unseres Kulturkreises; in gewisser Hinsicht
               kann man den Neopositivismus als die unbewusste Religion unseres Zeitalters charakterisieren.
               ('Religion' kommt von lateinisch 'religo' = Bindung; 'religari' heißt 'sich binden')

         => Einteilung der Menschen in 5 Kategorien: “Das Menschenbild des Positivismus”

               1.) Forscher / Erfinder
               2.) Ingenieur
               3.) Nutzbringer / Funktionär / Erzeuger
               4.) Verbraucher / Konsument
               5.) “Die Überflüssigen” (Arme, Kranke, Alte, Arbeitslose, Behinderte)

         =>  Gefährdung der menschlichen Existenz:

               ° Verdrängung des Emotionalen (Gefühllosigkeit / “Maschinenmensch”)
               ° Verdrängung des Ethischen (Verlust des Verantwortungsbewusstseins)
               ° Verdrängung der Religion (Kompensation oder Sinnlehre)

               ° Inhumanität des Wirtschaftslebens
               ° Zerstörung des Menschlichen Lebensraumes

               ° Qualität als höchstes Maß (Monetarismus)
               ° Spezialisierung (Verlust an Allgemeinbildung)
               ° Leistung (Egoismus und Rücksichtslosigkeit)
               ° Utilitarismus ("Gut ist, was nützt") und Ökonomismus ""Gut ist, was sich rechnet") sind die
                  wesentlichen Maßstäbe (Opferung von Mensch, Tier, Natur für das Voranschreiten von Technik und
                  Wirtschaft)

4.7. Zum Verhältnis von Atheismus und Christentum

       (Stichworte: "Theoretischer Atheismus" - "Praktischer Atheismus" - "Struktureller Atheismus")
       (vgl. Fb 12 S. 138 - 141)

Der Leitartikel in Christ in der Gegenwart vom 23. Januar 2000 spricht vom Atheismus als der "viertgrößten Weltreligion" mit einer Anhängerschaft von ca. 750 Millionen. Zu Beginn der statistischen Erfassung der Religionszugehörigkeit wurden weltweit nur 3 Millionen als religionslos eingestuft. Der Atheismus als Lebensform hat also in den letzten ca. einhundert Jahren einen gewaltigen Aufschwung genommen.

Zu unterscheiden sind

 

5. Das christliche Menschenbild der Gegenwart


5.1. Wie frei ist der Mensch?


5.1.1. Was ist 'Freiheit'?

Freiheit ist kein Zustand, sondern ein Prozess; Freiheit ist immer nur momentan erlebbar. Wie das Sauerstoffradikal <O> hat Freiheit die Tendenz, sich immer an etwas zu binden:

Freiheit von ... > Freiheit zu ...


5.1.2. Freiheit und Determinismus (Fb 12 S. 168 - 171)


5.1.2.1. Materialistischer Determinismus
   (Cyril D. Darlington, Karl Marx)

Der englische Botaniker Cyril D(ean) Darlington, geb. 1903, früher Professor in Oxford,  studierte u.a. den Zusammenhang zwischen Vererbung, Entwicklung und Infektion; seine Aussagen zur Freiheit sind als Grenzüberschreitung seitens eines Naturwissenschaftlers einzustufen, doch lässt sich daran der Gedanke des Determinismus, der die Existenz von Freiheit total leugnet, sehr schön aufzeigen.

Geist ist für Darlington das Gehirn in Tätigkeit und dieses ist ein Produkt der Evolution. Es produziert Erinnerungen an Vergangenes und erzeugt Erwartungen bzgl. der Zukunft. Unser Bewusstsein redet uns ein, dass wir frei wählen und uns ein Ziel setzen können. 

Der Glaube an die menschliche Freiheit ist jedoch ein Irrglaube, ist Illusion, denn die Experimente der Genetik und Psychologie zeigen nach Darlingtons Meinung, dass Entschlüsse zuverlässig vorausgesagt werden können.

Darlington geht von zwei geschlossenen deterministischen Systemen aus, dem Genotyp (dem durch dei Gene bestimmten Wesen des Menschen) und der Umwelt des Menschen mit ihren Einflüssen als zweitem deterministischem System. Allein die Wechselwirkung zwischen beiden Systemen gaukelt dem Menschen Willensfreiheit vor, die es real nicht gibt. 

Nach Darlingtons Prognose wird alles menschliche Verhalten dereinst deterministisch bestimmbar und voraussagbar sein.

 

Bei Karl Marx gibt es im Spiel der Materie, wie es sich in der Abfolge von Geschichtsepochen (Histomat) und in Form der Materie mit ihren dialektischen Entwicklungssprüngen (Diamat) zeigt, ebenfalls keinerlei Freiheitsräume, sondern durch die Materie selbst ist alles in Form einer Ursache-Wirkungs-Kette bedingt.

5.1.2.2. Psychologischer Determinismus  (Sigmund Freud)

Freud leugnet die Existenz menschlicher Freiheit und sieht ähnlich wie Karl Marx den Menschen als einen Teil der Materie. 

Geht man vom 1. Modell der menschlichen Psyche aus, dann reißt für das Bewusstsein die Ursache-Wirkungskette der Motive dort ab, wo Freud den "Zensor"  vermutet. Diese Ursache-Wirkungskette setzt sich aber im Unbewussten fort.

Geht man vom 2. Modell der menschlichen Psyche aus, dann enden die Ursache-Wirkungs-Ketten im Es bzw. im Überich. Je nach dem, welche Kraft stärker ist, ergibt sich automatisch ein gewisses Verhalten. In späterer Zeit gestand Freud dem Menschen für den Fall, dass die Kräfte des Es und Überich gleich stark wären, eine freie Entscheidung zwischen beiden Möglichkeiten zu. Mit diesem Alternativismus erschöpfte sich für ihn der Freiraum des Menschen aber auch schon.

Anmerkung: Psychoanalyse setzt auf Verhaltensänderung des Menschen durch Einsichtnahme in das eigene Verhalten mit Hilfe des Therapeuten... Würde der Psychoanalytiker den in der Freudschen Lehre angelegten Determinismus ernst nehmen, dann liefen alle seine therapeutischen Bemühungen ins Leere und wären letztlich sinnlos!


5.1.3. Aussagen der Verhaltensforschung
  (Textblatt: Irenäus Eibl-Eibesfeldt; vgl. Fb 12 S. 212/213 von B. F. Skinner, aber
             auch Fb 12 S. 168/169 von Viktor E. Frankl)

Irenäus Eibl-Eibesfeldt ist ein Schüler von Konrad Lorenz, des legendären Begründers der Verhaltensforschung (Ethologie), einer Grenzwissenschaft zwischen Biologie und Psychologie.

Liest man seine Texte, dann gelten für menschliches Verhalten ähnliche Programmierungen wie im Tierreich. Nur der Verhaltensforscher blickt hier durch und erkennt die "Blinddärme" menschlichen Verhaltens: Nur er ist also in der Lage, die Programmierungen des Menschen frei zu ändern, sodass z.B. die Menschheit von der drohenden Selbstzerstörung bewahrt bleibt. 

Ähnliche Gedanken äußert der Begründer des Behaviorismus, der amerikanische Psychologe Burrhus Frederic Skinner.

Demgegenüber setzt der Psychologe Viktor E. Frankl einen Kontrapunkt, wenn er darlegt, dass insbesondere seine Erfahrungen im Konzentrationslager und der damit verbundene Verlust der äußeren Freiheit, für ihn zum Erweis der inneren Freiheit mancher Menschen wurde, die beispielsweise selbstlos ihren letzten Bissen Brot einem noch elenderen und schwächeren Mithäftling schenkten.

Links:

Irenäus Eibl-Eibesfeldt in Wikipedia

 

5.1.4. Philosophische Ansichten


5.1.4.1. Friedrich Nietzsche

Er gilt als klassischer Vertreter des philosophischen Determinismus. Grundsätzlich leugnet er die Freiheit, ja sieht in der Behauptung derselben nur einen üblen "Theologentrick", welchen diese gebrauchen, um die eigentlich Durchsetzungsfähigen zu Gunsten der Schwachen "auszubremsen". Die Entwicklung der Menschheit geschieht ohne Sinn und Ziel nach den Gesetzen des Weltverlaufs.


5.1.4.2. Karl Jaspers
            (Fb 12 S. 168)

Für Jaspers liegt die Freiheit implizit allem menschlichen Verhalten zu Grunde. Einem Angeklagten vor Gericht, der sich auf den Determinismus stützt um sein Verhalten zu rechtfertigen, stellt er den Richter entgegen, der nun seinerseits nicht anders kann, als  Richter zu sein und ein Urteil zu fällen, welches die Freiheitsräume des Angeklagten zum Zeitpunkt der Tat berücksichtigt.

Für Jaspers sind Gott-Glaube und Freiheit kein Widerspruch, sondern je freier ein Mensch ist, desto gewisser ist ihm Gott. Gott sieht Jaspers geradezu als Hüter der Freiheit.


5.1.4.3. Jean-Paul Sartre
   (vgl. Punkt 4.5.2. der Gliederung)

Für Sartre kann und darf es keinen Gott geben, da ansonsten auf Grund der göttlichen Vorsehung die Freiheit des Menschen nicht absolut wäre, so wie Sartre dies behauptet: Der Mensch ist zur Freiheit verdammt!

Zusammenfassung der Punkte 5.1.4.1 bis 5.1.4.3.: Offensichtlich wird, dass selbst große Denker völlig konträre Meinungen zum Thema Freiheit vertreten. Warum aber lässt sich über Freiheit bzw. ihr Fehlen überhaupt streiten?  Einen denkerischen Lösungsansatz beinhalten die Ausführungen des Philosophie- und Theologieprofessors Albert Keller bei einem Vortrag in der Fachhochschule Landshut am 25. Oktober 2004 im Rahmen einer Veranstaltung des Wissenswerkes Landshut: Der Gedanken der Freiheit ist so eng an das Erleben derf eigenen Person als "Ich" gekoppelt, dass er möglicher Weise gar nicht mehr wahrgenommen wird. Wenn der Mensch sich als "Ich" wahrnimmt, so deshalb, weil er sich als Urheber und Subjekt seiner Akte und Handlungen erlebt. "Dieses Vermögen, mein Verhalten zumindest mit zu steuern, also nicht gänzlich fremd bestimmt zu sein, das wir "Freiheit" nennen, gehört also anscheinend unaufgebbar zum "Ich" ..." Dies führt paradoxer Weise dazu, dass der Mensch, der Freiheit bestreitet, frei sein muss um überhaupt die Existenz der Freiheit bestreiten zu können! 

 

5.2. Christliche Ansichten zur Freiheit


5.2.1. Arten der Freiheit

                    Freiheit ist nicht gleich Freiheit, sondern sie bewährt sich auf verschiedenen Feldern:

                    Handlungsfreiheit

                    Freiheit vom sozialen Zwang des "man"

                    Freiheit gegenüber Triebbedürfnissen

Anmerkung zur "Freiheit vom sozialen Zwang des 'man'":                                                                                                                                             

Schon in den 50er-Jahren führte der Sozialpsychologe Salomon Asch ein Experiment durch, wobei die Länge von drei Strecken mit einer Musterlinie verglichen werden sollte. Die Testpersonen wurden dabei unauffällig zwischen lauter in das Experiment eingeweihten Personen platziert. Gaben diese einheitlich eine falsche Meinung vor, dann widersprachen nur 2 von 10 Kandidaten/Innen und blieben ihrer eigenen Meinung treu. Weitere 2 Kandidaten/Innen waren in der Lage, sich auf Nachfrage zu korrigieren, während 6 von 10 Personen der (falschen) Mehrheitsmeinung treu blieben.

Nach Erkenntnissen der Meinungsforscher werden politische Wahlen oftmals durch die 10 - 15 % der Wähler entschieden, welche allein darauf hoffen, auf der Gewinnerseite zu stehen und entsprechend ihre Kreuzchen jenseits aller Argumente dort machen, wo sie den Wahlsieger vermuten.

 

Auch lässt sich Handlungsfreiheit in ihren Spielarten hierarchisch ordnen:

                    kreative Freiheit  Beispiel: Flucht mit "selbstgestricktem" Heißluftballon aus der DDR

                        sittliche Freiheit  Beispiel: Hilfe für Verfolgte / Juden im 3. Reich trotz Verbotes bzw. Lebensgefahr

                            moralische Freiheit  (Gegen)Beispiel: Verbot im Islam Schweinefleisch zu essen oder Alkohol zu trinken

                                psychologische Freiheit  (Gegen)Beispiel: Kleptomanie

                                    körperliche Freiheit (Gegen)Beispiel: Inhaftierung



5.2.2.  Ein christliches Plädoyer für die Freiheit  /  Aussagen des II. Vatikanischen Konzils
          (Textblatt sowie Aussage des II. Vatikanischen Konzils)

Die Freiheit des Menschen gehört nicht zu den klassischen Themenfeldern katholischer Theologie. Noch im 19. jahrhundert wetterten Päpste gegen neuzeitlicht Übel wie Pressefreiheit, Religionsfreiheit, Gewissensfreiheit. Um so bemerkenswerter ist die Aussagen des II. Vatikanischen Konzils (Pastoralkonstitution "Gaudium et Spes" über die Kirche in der Welt von heute, Artikel 17), wo es heißt:

Die Würde des Menschen verlangt daher, dass er in bewusster und freier Wahl handle, das heißt personal, von innen her bewegt und geführt und nicht unter blindem inneren Drang oder unter bloßem äußeren Zwang.

5.2.3. Sünde und Schuld als Einschränkung von Freiheit
5.2.3.1. Sünde als persönliche Schuld (Textblatt)
5.2.3.2. Transpersonale Schuld (Textblatt)
5.2.3.3. Erlösung als Wiedergewinnung der Freiheit (Textblatt)
5.2.3.4. Biblische Modelle vom Ursprung des Bösen (Textblatt)

5.2.3.5. Gott und das  Böse: die Theodizeefrage (siehe Punkt 1.3.1. der Gliederung)

5.3. Das christliche Menschenbild der Gegenwart
       Stichworte:
       - Theologie bleibt immer auch auf Erkenntnisse der Humanwissenschaften (Medizin,
         Psychologie) angewiesen
       - Das Christentum sieht jeden Menschen als Person (Ebenbild Gottes!)
       - Menschenrechte haben ihre letzte Verankerung allein in Gott
       - Der Mensch ist ein "gefallenes Wesen" und bedarf deshalb der Erlösung
       - Christliche Hoffnung reicht über den Tod hinaus
       - Christen sind aufgerufen, in der Welt und in der Geschichte mitzumischen ("Salz der Erde" bzw.
            "Licht der Welt")
       - Christen orientieren sich am Modell Jesu (Nachfolge Jesu)


Begleitlektüre: Das Enneagramm. Die 9 Gesichter der Seele
 
 
 
Back to top
Bürgernetz Landshut
letzte Änderung/ last update: 07.07.2009