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Rastafarianismus aus emanzipatorischer Sicht
oder: Warum coole Kids keinen Reggae hören!
 
Reggae: ein Hype? Ein Way of life? Eine Modeerscheinung? Wie auch immer, er erscheint populärer denn je, nicht zuletzt durch die starke Kommerzialisierung der Dancehall-Szene in den letzten paar Jahren. Dreads, ’n Joint und ab und an ein grenzdebiles „Jah!“ oder „Burn down Babylon!“ – doch welche Ideologie steckt denn eigentlich hinter dem Ganzen? Was genau ist Rastafarianismus und weshalb kann und muss dieser, zumindest in Teilen, aus linker, emanzipatorischer Perspektive durchaus kritisiert werden? Genau darum und um den geschichtlichen Background soll es in diesem Artikel gehen.
Entstanden ist der Rastafarianismus in den 1930ern auf Jamaika, dessen Geschichte durch Kolonialismus und Sklaverei geprägt ist. Nachdem die Ureinwohner, die Arawak, schnell durch die spanischen Kolonialisten versklavt und bereits nach wenigen Jahrzehnten ausgerottet waren, begannen die Spanier ab 1517 afrikanische Arbeitssklaven zu „importieren“, welche auch schnell die Mehrheit der Einwohner darstellten. 1670 wurde Jamaika dann, nach 20-jährigem Krieg, an Großbritannien übergeben, welches den Sklavenhandel weiter forcierte.
Doch mit ihrer Verschleppung begann auch der Widerstand: entflohene Sklaven (sog. ‚Maroons’) bildeten Rebellen-Kommunen und es folgte eine Reihe von Sklavenaufständen, welche den Maroons ab 1739 sogar zu Unabhängigkeit und Freiheit verhalfen. Dem Fortbestehen der Aufstände tat dies jedoch keinen Abbruch und so führte das letzte große Aufbegehren zur Abschaffung des Sklavenhandels im Jahr 1831. Die folgenden Jahrzehnte waren geprägt von weiterer wirtschaftlicher und politischer Abhängigkeit, schlechten Arbeitsbedingungen, Wirtschaftskrisen und sozialen Aufständen.
Dazu kam, dass sich die schwarze Bevölkerung Jamaikas trotz der Abschaffung von physischer Sklaverei weiterhin in einer Art „geistigen Sklaverei“ wähnte, was primär mit der kolonialen Dekulturation und den sprachlichen Differenzen durch die Verschleppung aus unterschiedlichsten Regionen Afrikas in Zusammenhang stand. Dieses Problem führte dann zur Entstehung des jamaikanischen Creole-Englisch, welches von den Weißen nicht mehr verstanden wurde und in Kombination mit den wenigen erhaltenen kulturellen Elementen ein neues „schwarzes“ Bewusstsein kreierte. Dieses Bewusstsein wurde seit Anfang des 20. Jahrhunderts durch den schwarzen Jamaikaner Marcus Garvey verstärkt, welcher erstmals einen schwarzen Nationalismus predigte. Er propagierte die Ebenbürtigkeit von Schwarz und Weiß und forderte die Schwarzen dazu auf zu ihren Wurzeln zurückzufinden, die westliche Kultur abzulegen und nach Zion in Afrika zurückzukehren, welches er in Äthiopien wähnte. Jamaika war für ihn das Land der weißen Ausbeuter – Babylon. Garvey wurde fortan als Nationalheld gefeiert und prägte mit einem seiner wichtigsten Sätze eine ganze Bewegung: „Schaut nach Afrika, wenn ein schwarzer König gekrönt werden wird, dann ist der Tag der Erlösung nahe!“
Diesen „schwarzen König“ sahen die Anhänger Garvey’s im Äthiopier Ras Tafari Makonnen, welcher am 07. Oktober 1928 zum König (auf dem Weg dorthin exekutierte er mehrere Rivalen!) und im November 1930 zum Kaiser seines Landes gekrönt wurde und sich fortan „seine kaiserliche Majestät Haile Selassie I“ nannte. Haile Selassie wurde in Jamaika als Gott angesehen und es bildete sich eine religiöse Gemeinschaft welche sich nach eben jenem Gott (= Jah) benannte: die „Rastafarians“.
Der Glaube an sich basiert auf der Bibel, wurde jedoch zu Gunsten der Rastas entsprechend interpretiert: die ersten von Jah geschaffenen Menschen, sowie Jah selbst waren / sind schwarz. Erst danach kamen Adam und Eva. Die Rastafarians sind das „heilige Volk“, Zion das Königreich Gottes auf Erden. Jah ist gut, voll Friede, Gleichheit und Gerechtigkeit, der Gott der Christen jedoch geprägt von Hass, Blut, Unterdrückung und Krieg. Als Babylon (welches sich aus seiner eigenen Logik heraus selbst vernichten wird!) wird das westliche System, Kapitalismus, Korruption, aber auch die Polizei, welches dieses System schützt gesehen. Jeder Rasta muss zu aller erst das Babylon in sich selbst bekämpfen, am Ende steht das Armageddeon, welches als der Endkampf zwischen Gut und Böse gesehen werden kann.
Die ersten Glaubensgrundsätze wurden nach dem äthiopischen, von Selassie geführten „Niyabingi“-Orden festgelegt und zeigen deutlich den rassistischen und nationalistischen Charakter des Rastafarianismus, welcher sich natürlich aufgrund jahrhundertelanger Verschleppung und Unterdrückung durch die weißen Kolonialisten derartig manifestieren konnte und sich auch dementsprechend erklären lässt:

  1. Die Schwarzen sind Reinkarnation der alten Israeliten und wurden wegen ihrer Übertretungen nach Westindien exiliert.
  2. Haile Selassie ist der lebendige Gott und Kaiser der Welt.
  3. Äthiopien ist der Himmel. Die Situation auf Jamaika ist hoffnungslos die Hölle.
  4. Schwarze sind den Weißen überlegen. Sie werden bald die Welt regieren.
  5. Bald werden die Schwarzen sich an den Weißen rächen.
  6. Ihr Gott und Kaiser wird bald die Rückkehr in ihr Heimatland Äthiopien arrangieren.
Das Bedürfnis nach Afrika zurückzukehren war also nach wie vor vorhanden. Selassie jedoch dachte nicht daran die normalen, kiffenden Rastas Jamaikas aufzunehmen, stattdessen war er an Ärzten, Ingenieuren usw. (also potentiellen Steuerzahlern) interessiert, welche es jedoch überwiegend vorzogen weiterhin in Jamaika zu bleiben.
Selassie selbst versuchte oberflächlich den Eindruck entstehen zu lassen die Politik und Gesellschaft Äthiopien’s zu verbessern - so führte er z.B. ein Wahlrecht und die Gleichheit vor dem Gesetz ein. Sich selbst jedoch sah er weiterhin als „heilig“ und seine Macht und Würde als „unbestreitbar und unverletzlich“. Selassie war ein egoistischer Feudalherrscher, ein Despot, der selbst in Luxus und Prunk schwelgte während die Bevölkerung massenhaft verhungerte. Die Unzufriedenheit wuchs, ein von Selassie’s Sohn geführter Umsturzversuch wurde blutig niedergeschlagen und Befreiungskämpfe militärisch (mit US-Amerikanischer Unterstützung) unterdrückt. Selassie starb 1975, doch für die jamaikanischen Rastas war er nicht tot, ja konnte er aufgrund seiner Göttlichkeit gar nicht sterben und trotz seiner Grausamkeiten und seines Versagens als Herrscher Äthiopiens wurde er weiter als „Jah Rastafari“ gefeiert.
Bereits hier ist es aus emanzipatorischer Sicht erforderlich Kritik zu üben. Obwohl im Rastafarianismus die Gleichheitsgrundsätze auf eine hohe Ebene gestellt werden, wird ein egoistischer Despot als Gott verehrt. Dass der angebliche Erlöser seine ihm unterstellte Bevölkerung brutal unterdrückt und beherrscht hat, sowie sie sozial verelenden ließ wird dabei aufgrund offensichtlicher religiöser Ignoranz völlig verdrängt. Irreflektiv wird ein Herrscher zum Gott stilisiert, während seine Untaten, der äthiopischen Bevölkerung gegenüber, durch derartiges Verhalten völlig relativiert und bagatellisiert werden. Auch die aus-geübte Herrschaft Selassie’s an sich steht dem grundsätzlich herrschaftskritischen Anspruch der Rastafarians gegenüber und lässt so klar wunde Punkte innerhalb der Ideologie erkennen.
Insbesondere müssen jedoch die Bereiche Sexismus, Rassismus, Patriarchat und Homophobie, welche auch gerade Reggae-Bands hierzulande zuhauf propagieren, kritisch betrachtet werden. So wird z.B. Homosexualität bei den Rastas strikt abgelehnt, da sie aus biblischer Sicht verwerflich ist und sogar den Tode nach sich zu ziehen hat. Im musikalischen Bereich hat das zur Folge, dass zwischen Reggae-Bands sogar Wettbewerbe gestartet werden, die den besten Anti-„Chi Chi Man“ (Bezeichnung für Schwule) Song prämieren, in denen zumindest textlich die Schwulen auch schon mal verbrannt werden. In Jamaika selbst weht ein noch rauerer Wind: hier sind Homosexuelle einer ständigen Bedrohung ausgesetzt. Angriffe mit Messern und Macheten, sowie sonstige Grausamkeiten stehen hier auf der Tagesordnung. Diskriminierung, Anfeindung, Entrechtung und Verfolgung homosexueller Menschen finden in nahezu sämtlichen Bereichen des täglichen Lebens auf Jamaika statt. Dass westliche Bands und Anhänger diesen Fakt meist versuchen zu verharmlosen („Ach, solche Texte gehören beim Reggae nun mal dazu. Die sind doch gar nicht soo ernst gemeint!“) sagt schon ziemlich viel über die Ignoranz und Gleichgültigkeit innerhalb großer Teile der hiesigen Reggaeszene aus.
Ähnlich verhält es sich im Umgang mit Frauen. Trotz des Prinzips der Gleichheit verfolgt der Rastafarianismus keine Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau – im Gegenteil: Rasta-Frauen wurden gerade in den Anfängen der Glaubensgemeinschaft eher als „Frau eines Rasta-Mannes“ gesehen. Nur durch ihn können sie Rastafari erfahren und in die Gemeinschaft gelangen. Der Mann ist das Haupt der Familie, die Frau hat ihn dabei zu unterstützen und die Erziehung der Kinder zu übernehmen. Polygamie ist gestattet, jedoch - wie sollte es auch anders sein - nur für Männer. Während der Menstruation wird die Frau als unrein gesehen und von der Gemeinschaft für sieben Tage ferngehalten. Auch in der Kleiderordnung wird mit unterschiedlichem Maß gemessen: während Männer alles anziehen dürfen, ist es Frauen bspw. verboten Hosen zu tragen. Im Gegenzug dazu müssen sie während des Gebetes ihren Kopf bedecken. Traditionelle Rollenbilder werden gepflegt und akribisch aufrechterhalten, die Unterdrückung der Frau konsequent gehandhabt und propagiert. Frauen werden aus verschiedensten Bereichen des gesellschaftlichen bzw. religiösen Lebens ausgeschlossen, dürfen nicht kiffen und auch nicht trommeln, obwohl das essentielle Bestandteile des Rastafarianismus sind.
Unverständlich weshalb aus der Befreiung aus der Sklaverei eine Ideologie entwachsen ist welche selbst Unterdrückungsmechanismen in dieser Form bedient und aktiv eine Ungleichbehandlung vollführt. Gerade im westlichen Reggae-Bereich kommt noch eine starke Objektivierung der Frauen hinzu, der eine aggressive Männlichkeit gegenüber gestellt wird: Frauen werden als stets willige, dem Mann unterstellte Sexobjekte präsentiert - der Mann soll möglichst viele flach legen und somit seine Männlichkeit unter Beweis stellen. Ansonsten dürfen Frauen den Backgroundgesang übernehmen und v.a. hübsch aussehen.
Dass all diese Bereiche von einer fortschrittlichen, linken Bewegung scharf kritisiert und angesprochen werden müssen sollte selbstverständlich sein. Stattdessen findet jedoch ein großes, mir unbegreifliches Schweigen statt, welches immer mehr in kritiklose Akzeptanz übergeht. Rassismus, Sexismus, Homophobie, Behindertenfeindlichkeit (Behinderungen werden im Rastafarianismus als „göttliche Strafe“ angesehen – dementsprechend werden Menschen mit Behinderung auch behandelt!), Nationalismus – all das sind Aspekte die aus emanzipatorischer Sicht abzulehnen sind, jedoch immer noch das Fundament der Ideologie bilden, die hinter dem ach so sonnigen Reggae steht. Dementsprechend ist es seit Langem überfällig sich mit dieser Thematik auseinander zu setzen.
Dass es auch andere Strömungen innerhalb der Reggae- und Rastafari-Szene gibt ist klar. Gerade Frauen und fortschrittlichere Rasta-Gruppen auf Jamaika versuchen immer mehr Gleichberechtigung zu erkämpfen und auch im musikalischen Bereich gibt es Bands, die kritisch zu derartig diskriminierenden Tendenzen stehen. Doch gerade diese finden leider immer noch zu wenig Gehör und Öffentlichkeit, obwohl sie Ausreden wie „Sowas gehört halt dazu!“ durch ihre eigene Praxis demontieren und wirkungslos machen könnten. Solange nicht endlich eine breite Sensibilität für das Problem geschaffen wird, sollte Reggae und seine Szene auch weiterhin kritisch beäugt und wo nötig auch strikt abgelehnt werden.
Dieser Artikel will keinesfalls propagieren, dass sich hinter jedem/r Reggae-Hörer/in ein Mensch mit derartigen Prinzipien versteckt, im Gegenteil: viele Leute, gerade jüngere Kids, sind sich gar nicht über Inhalte, Folgen und Realitäten dieser Ideologie im Klaren oder bekommen höchstens die, definitiv ebenfalls vorhandenen positiven Seiten des Rastafarianismus mit. Dementsprechend soll dieser Text vielmehr als konstruktive Kritik und Diskussionsgrundlage dienen und v.a. die Reggae-Fans wenigstens ein bisschen zum Nachdenken animieren. Es ist nicht alles Gold was glänzt!
Für einen reflektiven Umgang mit Unterdrückungsmechanismen im Reggae und Rastafarianismus! Gegen Gleichgültigkeit, Sexismus, Rassismus und Homophobie! Haille Selassie, up your ass!!!